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„Es geht uns oft darum, Situationen oder einen Moment zu beschreiben“ – SCHNEIDA im mica-Interview

Begonnen hat die Band SCHNEIDA im Jahr 2013 mit Übertragungen von Liedern des amerikanischen Singer-Songwriters TODD SNIDER: Seine Stücke haben JOHANNES GIRMINDL, OTHMAR LOSCHY und DYLAN WHITING ins Wienerische übersetzt. Bald sind eigene Lieder entstanden und vor Kurzem wurde mit ANDY ABRAHAM – er war früher bei der HALLUCINATION COMPANY – das Album „Anglahnt“ produziert. Jürgen Plank hat mit SCHNEIDA darüber gesprochen und versucht, herauszufinden, welche musikalischen Anknüpfungspunkte die Band selbst für sich sieht.

Sie haben mit übertragenen Liedern von Todd Snider begonnen. Wie war der Schritt zu den eigenen Liedern?

Johannes Girmindl: Das hat sich ganz natürlich ergeben. Wenn man das herunterbricht: Zuerst beginnt man, Gitarre zu spielen, und spielt irgendetwas nach und dann probierst man, selbst etwas zu entwickeln und zu spielen. Wenn es Todd Snider nicht gäbe, würde es uns als Band wahrscheinlich nicht geben, denn dann hätten wir nicht zusammengefunden. Der nächste logische Schritt war, selbst etwas zu schreiben.

Dylan Whiting: Genau, so sind die ersten eigenen Lieder entstanden und dann haben wir gedacht: „Okay, wir haben genügend Lieder für eine CD.“

Was hat noch dafürgesprochen, etwas Eigenes zu machen?

Johannes Girmindl: Ich möchte es nicht negativ sagen, aber Snider ist musikalisch limitiert und schränkt ein. Man hat sein Lied als Vorgabe, man macht dann schon etwas Eigenes daraus, aber das, was in dir ist, kannst du nicht immer durchkommen lassen.

Othmar Loschy: Man kann auch nicht alle Lieder von Todd Snider übertragen. Bei einigen, die uns gefallen hätten, haben wir das probiert, aber die konnte man nicht so leicht ins Wienerische übertragen. Und so ist mal Dylan mit einem Lied zur Probe gekommen und Johannes mit sieben Liedern.

Wie viele eigene Lieder gibt es bereits?

Othmar Loschy: Zwanzig werden es inzwischen schon sein. Die müssen wir nun noch live spielen und proben.

Dylan Whiting: Und es kommen immer wieder neue dazu. Die nächste CD ist eigentlich auch schon fertig.

„Ich kann es grundsätzlich nur jeder Band empfehlen, auch wenn die Kohle knapp ist, mit einer Produzentin oder einem Produzenten zu arbeiten.“

Wie war die Arbeit am Album „Anglahnt“ und mit wem haben Sie zusammengearbeitet?

Dylan Whiting: Andy Abraham war so nett, mit uns zu arbeiten. Er hat gemeint, dass er die erste CD super gefunden hat. Mein Zugang war, dass wir uns beim neuen Album steigern, was die Produktion angeht. Ich kann es grundsätzlich nur jeder Band empfehlen, auch wenn die Kohle knapp ist, mit einer Produzentin oder einem Produzenten zu arbeiten. Es ist ein Paar Ohren mehr dabei, es gibt andere Zugänge. Das war gerade bei Andy Abraham der Fall, der ein begnadeter Rock- und Bluesgitarrist ist. So hat er enorm viel Input geliefert, was wir noch machen könnten, und hat so manchmal genau das getroffen, was wir zwar im Kopf hatten, aber nicht wirklich umsetzen konnten.

Welche Vorteile haben sich aus dieser Zusammenarbeit für Sie noch ergeben?

Dylan Whiting: Durch die Freiheit, die man durch einen Produzenten hat, beginnt man selbst zu überlegen: „Was könnten wir noch herausholen? Wie können wir die Harmonien zum Teil anders spielen? Welche Backing Vocals könnte man noch einsetzen?“ Und so war die Zusammenarbeit hervorragend.

Sie, Johannes Girmindl, haben bereits mehrere Soloalben veröffentlicht. Was war für Sie der Unterschied zwischen der Solo- und der Bandarbeit?

Johannes Girmindl: Der wesentliche Unterschied war der, dass ich ein fauler Hund bin und Andi Abraham gesagt hat: „Noch einmal.“ Zuerst war ich total skeptisch, denn ich bin ein bisschen ein Kontrollfreak, aber die Zusammenarbeit hat gut gepasst.

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„Wenn man ein Lied schreibt, bestimmt das Lied selbst, was es wird“

Als Stichwörter habe ich mir zu Ihrer Musik Blues und Austropop notiert. Was sagen Sie dazu?

Othmar Loschy: Austropop würde ich nicht sagen.

Johannes Girmindl: Was auch immer das ist.

Othmar Loschy: Genau, das war vielleicht mal die Abteilung Ambros und Danzer. Aber auch nur zu einer gewissen Zeit, in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren. Auch nicht Blues. Wir sind überhaupt nicht eingeschränkt, es ist auch viel Country dabei. Es sind klassische Singer-Songwriter-Nummern, die wir mit unseren Mitteln, sprich mit zwei Gitarren und mit einer Mundharmonika, umsetzen. Unsere Musik hat mehr von Folk als von Country.

Johannes Girmindl: Ich muss dazu sagen: Wenn man ein Lied schreibt, bestimmt das Lied selbst, was es wird.

Dylan Whiting: Sehr esoterisch.

Johannes Girmindl: Man nimmt das dann auf und ist mittendrin und dann hört man zum Beispiel einen Chor wie beim Lied „Zeitung“ und dann wird das Lied genau das, was es eigentlich sein will. Esoterisch stimmt, aber das Lied bestimmt.

Othmar Loschy: „Zeitung“ ist zum Beispiel eher eine Ska-Nummer. Meine beiden neuen Lieder sind sehr countrylastig.

Johannes Girmindl: Ich höre dabei eher Ostbahn-Kurti.

Deswegen habe ich mir eben Austropop als Stichwort aufgeschrieben. Auch wenn das vielleicht musikalisch nicht immer zutrifft, ist das für mich textlich schon gegeben. Da sehe ich schon Anknüpfungspunkte, an denen sich Songwriterinnen und Songwriter in Österreich abgearbeitet haben.

Johannes Girmindl: Wenn du Musiker bist und du hörst Musik von Zappa bis Miles Davis, dann kannst du sagen: „Das ist ja nicht Austropop, was ich da mache, denn ich höre da etwas anderes heraus.“ Aber im Schubladendenken ist das schon richtig. Unsere Lieder kriegen das, was sie verdienen, und dann sind wir wieder beim Blues und bei Country und das sind alles Einflüsse, die dazukommen.

Dann habe ich mit Blues doch auch recht gehabt.

Johannes Girmindl: Natürlich, ich fühle den Blues total. Wir sind uns nicht einig.

Othmar Loschy: Akustische Rockmusik mit Dialekttexten könnte man auch zu unserer Musik sagen. Aber das ist es auch nicht immer richtig. 

Worum geht es in Ihren Texten?

Johannes Girmindl: Mir geht es um die Menschen selbst. Es geht gar nicht um die Geschichte, die ihnen passiert ist, sondern darum, wie es ihnen dann damit geht. 

Beschreiben Sie in Ihren Texten eher Idyllen oder Abgründe?

Johannes Girmindl: Idyllen beschreiben wir eher nicht in den Texten. Es sind manchmal Klischees dabei, weil man damit spielen kann. Die Leute sollen die Lieder ja verstehen, deshalb hält man sie etwas einfacher.

„Was manche als Idylle sehen, ist für andere ein Abgrund.“

In einem Lied kommt der Plattensee vor, das ist für mich eher ein Abgrund.

Johannes Girmindl: Wobei das manche wieder als Idylle sehen würden. Ja: Was manche als Idylle sehen, ist für andere ein Abgrund.

Dylan Whiting: Es ist nicht immer alles schön und es ist nicht immer alles grauslich. Es geht uns oft darum, Situationen oder Momente aus der Sicht eines Menschen, den man vielleicht nicht kennt, zu beschreiben. Unsere Nummern sind aber selten wertend, außer wir singen über gewisse ÖVP-Politiker.

Welches Bild kann man sich von Kollege Lopatka machen?

Johannes Girmindl: „Lopatka“ ist eine plakative Protestnummer, das ist klar, und der muss das auch aushalten. Die Geschichten, die in unseren Liedern vorkommen, die gibt es auf der ganzen Welt. Ein Deutscher, der sich die Lieder anhört, könnte auch sagen: „Das kenne ich von drei Straßen weiter.“ 

Machen Sie sich über einzelne Charaktere lustig?

Johannes Girmindl: Über die Menschen mache ich mich nie lustig. Außer ich singe in der ersten Person, denn dann bin ich es selbst, um den es geht. Es geht nicht darum, jemanden anzugreifen, wir erzeugen einfach Bilder.

Dylan Whiting: Auch die Nummer „Gfrast“ ist eine eindeutige Nummer: Er war in der Schule schon ein Trottel, jetzt sitzt er im mittleren Management. Wir kennen alle diese Leute. Aber es gibt verschiedene Menschen und nicht alle sind so. „Gfraster“ gibt es halt, das ist eine Realität, so ist das Leben.

Johannes Girmindl: Es geht auch darum, was ich mit mir machen lasse. Mich ins mittlere Management bringen zu lassen und dann so werden wie alle anderen. Es wäre doch schön, wenn jemand das hören und sich fragen würde: „Was ist aus mir geworden?“

Was haben Sie nun vor, wie geht es mit Schneida weiter?

Othmar Loschy: Im Herbst werden wir einige Konzerte spielen und wir arbeiten weiter an den neuen Nummern. Die werden wir live ausprobieren und ins Programm einbauen.

Sie waren auch bereits in Österreich unterwegs auf Tour, ist das wieder geplant?

Dylan Whiting: Wenn man uns nach den nächsten Zielen fragt: Wir haben uns nicht ausgemalt, dass wir in zwei Jahren größer als Seiler und Speer sind. Das nicht. Ein Ziel ist aber auf jeden Fall, mehr aus Wien hinauszukommen, ein bisschen mehr in den Bundesländern zu spielen. In Wien wird es immer schwieriger, Konzerte zu spielen. Es gibt immer weniger Locations, wo man spielen kann. Die wenigen Locations, die es gibt, denken sich, dass sie kein Risiko mehr auf sich nehmen, und dann wird dieses Pay-to-play wieder aufgewärmt. Es wird schwierig und gleichzeitig hat man in Wien ein permanentes Überangebot, egal für welche Musik man sich interessiert. Insofern finde ich es für uns klug, aus der Stadt hinauszugehen und vor komplett anderen Leuten zu spielen, egal ob im Waldviertel oder in Salzburg.

Danke für das Gespräch.

Jürgen Plank

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