Der von Michel Attia organisierte Musikstammtisch ist längst zu einem bedeutenden Treffpunkt der österreichischen Musikbranche geworden. Er ist ein Ort des Austauschs, der Vernetzung und der Anbahnung von Projekten. Er bietet – vor allem dem musikalischen Nachwuchs – die Möglichkeit, sich mit den etablierten Größen der Szene bekannt zu machen und in deren Blickfeld zu geraten. Die nächste Ausgabe am 26. September ist die 50., ein rundes Jubiläum also. Im Interview mit Michael Ternai spricht Michel Attia darüber, wie sehr der Zulauf zum Musikstammtisch in den letzten Jahren zugenommen hat, welche Bedeutung er für die heimische Musikbranche hat und wie viel zusätzliche Arbeit die Organisation mittlerweile erfordert.
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass wir 2020 schon einmal hier im Restaurant Epos im siebenten Bezirk zusammengesessen sind und uns unterhalten haben. Anlass damals war die 25. Ausgabe des Musikstammtischs. Du hattest vor am nächsten Tag nach Thailand auf Urlaub zu fliegen, woraus aber nichts wurde, weil es zu dem Zeitpunkt eigentlich klar war, dass es einen Lockdown aufgrund von Corona geben und Reisen für eine Zeit quasi unmöglich sein wird. Jetzt sitzen wir wieder hier. Und wieder ist der Anlass ein Jubiläum. Am 26. September 2024 findet Michels Musikstammtisch zum 50. Mal statt. Kannst du vielleicht kurz umreißen, was sich zwischen der Ausgabe 25 und 50 getan hat?
Michel Attia: Ja, die Coronazeit war schon etwas Besonderes. Der Musikstammtisch lief weiter, allerdings nur online via Zoom, aber immerhin. Und das in einem überraschend großen Ausmaß. Es nahmen teilweise 50 bis 60 Leute gleichzeitig teil, darunter auch Menschen aus den USA, aus Thailand oder Sri Lanka – das war ziemlich witzig und schön. Nachdem der Corona-Lockdown dann vorbei war, ging es so richtig los. Beim ersten Musikstammtisch nach der Pandemie – ich glaube, der war Anfang Juli 2020 – waren plötzlich knapp 400 Leute da, die Stimmung war wirklich einzigartig und alle waren glücklich sich endlich wiederzusehen. Den speziellen Vibe damals werde ich nie vergessen. Seitdem ist alles kontinuierlich gewachsen. Das war nicht unbedingt geplant, aber es hat sich einfach so ergeben. Der Musikstammtisch hat eine neue Ebene erreicht und an Bedeutung gewonnen.
Seit unserem letzten Gespräch hat sich die Zahl der Gäste, die zum Stammtisch kommen, etwa verdoppelt, was einen richtigen Schwung mit sich gebracht hat. Und dieser Schwung wirkt sich natürlich auf verschiedene Weisen aus. Ich habe das Gefühl, dass vor allem der Zusammenhalt, das gemeinsame Arbeiten und die kooperative Atmosphäre noch stärker geworden sind. Mittlerweile würde ich sogar behaupten, dass der Musikstammtisch mit ein Grund dafür ist, dass es der österreichischen alternativen Musiklandschaft so gut geht. Das mag vielleicht etwas vermessen klingen, aber wenn ich nach Deutschland schaue, merkt man, dass die Leute dort sehr auf uns blicken. Man kann definitiv sagen, dass heimische Acts heute viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als noch vor 15 Jahren. Ich glaube, der Musikstammtisch hat dazu sicher etwas beigetragen – zumindest bekomme ich dieses Feedback von vielen Besucher:innen.
Beim Musikstammtisch finden sich Bands und Gruppierungen, Menschen musizieren miteinander, und es werden Geschäfte gemacht – im kleinen, mittleren und großen Stil. Zudem ist hinzugekommen, dass mich mittlerweile vermehrt Leute aus Deutschland im Voraus anschreiben und fragen, wann denn die nächsten Musikstammtische stattfinden, damit sie, wenn sie in Wien sind, sei es privat oder beruflich, zum Netzwerken einen Besuch beim Musikstammtisch einplanen können. Sie wissen mittlerweile, dass ich sie in den jeweiligen Gruppen hoste, auch mit Namen und dem ihrer Firmen, was für sie sehr hilfreich ist. Ein Besuch macht für sie also total Sinn, genauso wie auch für mich. Das befruchtet sich gegenseitig. Ich kann internationale Gäste anbieten, was einen Mehrwert für den Musikstammtisch wie auch für die Musiker:innen hat.

Ich nehme an, dass sich mit der durchaus positiven Entwicklung des Musikstammtischs der Aufwand vergrößert hat.
Michel Attia: Ja, die Arbeit für mich ist definitiv mehr geworden. Aktuell wird an einer Homepage gearbeitet, es wird bald einen Newsletter geben, weil sehr viele Leute danach fragen, Facebook und Instagram müssen weiterhin betreut werden, ich will jetzt auch mit LinkedIn starten. Ich versuche die Wünsche meiner Gäste – soweit es meine zeitlichen und finanziellen Ressourcen zulassen – so gut wie möglich zu berücksichtigen. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich das alles ohne die Unterstützung der Wirtschaftsagentur Wien, die den Musikstammtisch sponsort, wahrscheinlich nicht mehr machen würde.
In den ersten Jahren habe ich noch aus meiner eigenen Tasche reingezahlt, das würde ich heute nicht mehr machen, zumal es wirklich deutlich mehr Arbeit geworden ist. So gesehen, verdiene ich mit dem Musikstammtisch zwar nicht wirklich etwas, aber ich zahle auch nicht mehr drauf. Es geht sich halbwegs aus, dass ich für den Musikstammtisch eine einfache Webseite machen lasse und für die Domain zahle, oder etwa eine Grafikerin beauftrage.
Auch hat es sich ergeben, dass ich jetzt bei jedem Musikstammtisch eine Partnerin oder einen Partner habe, die die Freigetränke sponsern. Das würde sich mit dem Geld der Wirtschaftsagentur nicht ausgehen.
Und du machst das alles quasi neben deinem Hauptberuf.
Michel Attia: Genau, wobei es anfangs ja eigentlich gar nicht so aufwändig war. Ich habe die Einladungen verschickt, die Grafiken mitentwickelt und andere Kleinigkeiten erledigt. Bei den ersten Stammtischen hat das auch gut funktioniert. Damals waren es noch etwa 100 Leute, die gekommen sind. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass es für mich viel mehr Aufwand ist, das Ganze am Laufen zu halten, generell das Niveau zu halten über all die Jahre.
Es ist viel Detailarbeit: Vor jedem Stammtisch rufe ich fünf bis sechs Personen an, von denen ich denke, dass sie weitere Leute mitbringen könnten. Hier geht es ums Mobilisieren. Außerdem muss ich mich mit den deutschen Gästen abstimmen oder mich um die Sponsor:innen der jeweiligen Ausgabe kümmern, die Getränke oder Ähnliches bereitstellen. Keiner dieser Aufgabenpunkte ist einzeln betrachtet ein großer Aufwand, aber in der Summe investiere ich schon einiges an Zeit.
Inwieweit ist der Musikstammtisch für dich mittlerweile Routine geworden?
Michel Attia: Im Großen und Ganzen ist vieles tatsächlich schon zu einer Art Routine geworden. Ich habe mit dem WUK einen passenden Ort gefunden, und mit dem Ludwig & Adele eine coole Ausweichlocation zum Popfest. Die Deals sind alle fixiert, man wiederholt sie mehr oder weniger und damit sind alle zufrieden.
Natürlich müsste ich nicht jedes Mal gratis Getränke anbieten, aber ich möchte es, weil das vor allem bei den jungen Menschen gut ankommt. Klar könnte sich der Chef von Universal sein Bier selbst leisten, aber ich merke, dass grad bei den Jungen viel Dankbarkeit und mittlerweile auch eine gewisse Erwartungshaltung da ist. Das bedeutet, ich muss für den Musikstammtisch immer wieder eine Sponsoring-Partnerin oder einen -Partner finden, was manchmal leider nicht so einfach ist. Doch auch hier haben sich die Abläufe mehr oder weniger eingespielt, und die jeweiligen Partner:innen scheinen mit dem Output zufrieden zu sein. Zumindest wurde ich von einigen wie Fanklub, Ticketladen oder Ticketmaster bereits mehrmals unterstützt, was ja ein gutes Zeichen ist. Das Gleiche gilt auch für die Wirtschaftsagentur. Ich denke, auch sie ist ganz zufrieden damit, wie es läuft.
Aber für selbstverständlich darf man diese Dinge dennoch nie nehmen. Man muss immer dranbleiben, berichten, Feedback geben usw.
Stichwort WUK. Das ist ja irgendwie die Heimat des Musikstammtischs geworden. Ich nehme an, das wird auch so bleiben.
Michel Attia: Ja. Die Zeit während der Renovierung war zwar nicht ganz unkompliziert und hat auch länger gedauert als geplant. Aber ich denke, das ist bei Renovierungen in dem Umfang normal. An sich möchte ich schon dort bleiben. Der Hof ist wunderschön und ich komme mit den Leuten von WUK Beisl einfach gut aus. Die Zusammenarbeit ist sehr unkompliziert.

In unserem letzten Interview sprachen wir darüber, dass die Szene lange aus vielen kleinen Gruppen bestand, zwischen denen auch kaum ein Austausch stattfand. Das hat sich in den letzten Jahren doch stark gewandelt…
Michel Attia: Ja, auf jeden Fall. Das sehe ich auch so. Es ist alles viel breiter und offener geworden, finde ich. Das merkt man auch beim Musikstammtisch stark, der anfangs schon eher poplastig war. Mittlerweile kommen Musiker:innen auch aus anderen Bereichen, wie etwa aus dem Jazz oder der Klassik.
Etwas, das sich seit unserem letzten Gespräch auch stark verändert hat, ist, dass das Publikum deutlich jünger geworden ist. Der Musikstammtisch war eigentlich schon immer sehr divers, und auch der Frauenanteil unter den Gästen stieg kontinuierlich merklich an, was großartig ist. Aber was ich in den letzten Jahren auch noch beobachtet habe, ist, dass wirklich deutlich mehr junge Leute kommen. Das kann ich mir nur so erklären, dass viel über Mundpropaganda läuft. Denn ehrlich gesagt, ist das eine Generation von Musiker:innen, die ich eigentlich nicht mehr wirklich direkt erreiche. Das finde ich sehr super.
Wie bist du eigentlich damals auf die Idee gekommen, einen Musikstammtisch zu organisieren?
Michel Attia: Wie fast immer bei mir, ist die Idee geklaut. In diesem Fall von diversen Netzwerk-Treffen in Deutschland und ein bisschen von Walter Gröbchen und der monkey.lounge. Diese war damals eine wichtige Inspiration für mich, weil die monkey.lounge ein guter Ort zum Netzwerken war. Dort haben auch immer ein oder zwei Bands gespielt, was ich jedoch nicht übernommen habe, da ich das Gefühl habe, dass die Gäste das nicht unbedingt wollen – absurd, aber wahr. Die Gäste des Musikstammtischs möchten vor Ort nicht viel Musik hören, sondern reden und sich austauschen. Deshalb gibt es beim Musikstammtisch weder Konzerte noch Auftritte, obwohl ich regelmäßig Anfragen von Bands erhalte.
Du hast den Musikstammtisch gegründet und hast mittlerweile viele Hände geschüttelt und viele wichtige Leute kennengelernt. Dennoch hat man bei dir das Gefühl, dass du schon jemand bist, der eher im Hintergrund agiert und anderen die Bühne überlässt.
Michel Attia: Naja, prinzipiell sehe ich mich schon eindeutig als Dienstleister. Und so blöd es klingt, ich halte mich immer noch an die Grundprinzipien von früher. Das bedeutet, man bleibt höflich gegenüber den Personen, die man kennenlernt, und antwortet auf E-Mails usw. An diese Dinge versuche ich mich so gut wie möglich zu halten. Natürlich gibt es jetzt viel mehr E-Mails als früher, und manchmal komme ich mit dem Beantworten nicht mehr hinterher, weil die To-do-Liste einfach zu lang ist. Aber ich gebe mein Bestes. Was mir jedoch wichtig ist, ist, dass ich auch die kleineren bzw. noch nicht so prominenten Leute in der Musikbranche unterstütze. Ich versuche, ihnen pro-aktiv weiterzuhelfen und sie mit anderen zu vernetzen.
Wenn ich zurückblicke und sehe, was aus manchen meiner ersten Gäste geworden ist, welchen Weg sie gemacht haben, dann freut mich das einfach. Ich denke, dass einige von den Begegnungen beim Musikstammtisch durchaus profitiert haben.
Es geht mir schon sehr um den Nachwuchs. Das ist mir wichtig. Ich bin immer noch musikbegeistert, was mich manchmal wundert, dass ich es immer noch bin. Das merke ich oft bei Konzerten, bei denen ich Gänsehaut bekomme. Und das passiert überraschend oft. Das ist für mich letztendlich der Gradmesser. Eigentlich müsste ich nach all den Jahren viel abgebrühter sein, aber irgendwie bin ich es nicht. Die Musik genießt bei mir immer noch einen hohen Stellenwert, ebenso wie das Netzwerken, das mir schon immer wichtig war.
Herzlichen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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Informationen über Michels Musikstammtisch findet man in der gleichnamigen Facebookgruppe. Der nächste Musikstammtisch findet am 26. September 2024 ab 18.00 Uhr im WUK (Währinger Str. 59, 1090 Wien) statt.
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Links:
Michels Musikstammtisch (Facebook)
Michels Musikstammtisch (Instagram)
Michel Attia (Instagram)
