Vor zwölf Jahren hat CONCHITA WURST überraschend den EUROVISION SONG CONTEST (ESC) für Österreich gewonnen. Vier Personen aus dem engsten Team haben Stefan Niederwieser erzählt, wie der Auftritt vorbereitet wurde, der bald zum Triumph europäischer Toleranz hochstilisiert wurde: Ö3-Moderator Andi Knoll, Musikmanager René Berto, Song-Contest-Korrespondent Marco Schreuder und Song-Writer Robert Grubert. Darüber hinaus ordnet Katharina Wiedlack den Sieg als Kulturwissenschaftlerin historisch ein.
Andi Knoll (Ö3-Moderator): Ich war an einigen markanten Punkten der Karriere von Conchita Wurst auch oft zufällig da. Ich war zum Beispiel bei der ORF-Show „Die großen Chance“ Moderator, wo die Figur Conchita Wurst ja erfunden wurde, wo den Leuten das Kinnladerl runtergefallen ist: „Mein Gott, singt diese Person gut! Aber eine Frau mit Bart, das geht ja gar nicht!“ Ich habe den ersten Vorentscheid 2012 moderiert und dann den Song Contest. Aber eingetütet habe ich für Conchita nichts.
René Berto (Musikmanager): Ich war für Sony Music und den ORF tätig, um erfolgreiche Leute unter meine Fittiche zu nehmen; unter anderem Tom Neuwirth alias Conchita Wurst. Nach „Die große Chance“ kam die Idee für den Eurovision Song Contest auf – und Conchita Wurst hat sich vom „Mädchen vom Oktoberfest“ zur „Eurovision Dame“ entwickelt. Wir sind mit dem Song „That’s What I Am” sehr, sehr knapp an den Trackshittas gescheitert. Ich habe dann 2013 für den ORF das Konzept „Von der Castingshow zum Weltstar“ geschrieben. Ich habe die Vorzüge von Conchita Wurst erklärt, die in keine Ausscheidung gehen, sondern direkt entsandt werden sollte. Im September 2013 war klar: Wir dürfen ohne Vorentscheid zum Song Contest fahren.
Andi Knoll: Kathrin Zechner hat wirklich fest daran geglaubt und gesagt: „Das machen wir!“ Ich glaube, sie wollte den Menschen etwas vorsetzen, das sie zum Nachdenken bewegt. Wie groß der Widerstand innerhalb des ORF wirklich war, kann ich nicht beurteilen. Hinterher waren es aber nur mehr ganz wenige, die dagegen waren.
„Tom Neuwirth hat ein gutes Gespür gehabt, diese Botschaft zum Song Contest zu tragen.“
Marco Schreuder (Song-Contest-Korrespondent): René Berto und ich kannten uns gut. Er hat mich gefragt, ob ich ihm helfen kann. Wir haben uns am Naschmarkt getroffen und ich habe ihm TV-Show-Formate in Europa aufgezählt, die für Conchita gut passen könnten. Wir haben ein bisschen die Strategie besprochen; und ich habe immer gesagt, dass es sehr schön wäre, wenn Conchita eine Botschaft jenseits von nationaler Befindlichkeit überbringt, jenseits von Rot-Weiß-Rot oder auch Regenbogenfahne. Sondern wenn sie als Botschafterin der Menschenwürde über dem drübersteht.
Andi Knoll: Es gab Petitionen, es gab Facebook-Seiten, es gab Aufruhr, es gab auch das Gegenteil.
René Berto: Tom hat aufgehört zu rauchen und hat Stimmtraining bei Monika Ballwein genommen. Wir sind auf eigene Kosten tausende Kilometer zu den verschiedenen Eurovision-Partys geflogen, wir waren bei der Pride Parade in Stockholm, waren am ersten Dezember – dem Welt-Aids-Tag – in Tallinn, wir waren in Amsterdam und natürlich in London, um das in der Gay-Community zu promoten.
Marco Schreuder: Tom Neuwirth war eine dankbare Kunstfigur, er hat viel Intelligenz und ein gutes Gespür gehabt, um diese Botschaft der Menschenwürde zum Song Contest zu tragen.
Robin Grubert (Songwriter): Er ist einfach ein Menschenfänger, ein totaler Sympathieträger, ein schlauer Mensch, der einfühlsam die richtigen Dinge gesagt hat. Er hat großen Anteil am Momentum, das sich aufgebaut hat.
René Berto: Wir hatten nur noch keinen Song! Über Plattenfirmen und Verlage hatten wir an die hundert Songs zur Auswahl und das Duo Echopilot hat für uns gearbeitet. Im Dezember waren Conchita und ich bei einem Empfang beim Bundespräsidenten in der Hofburg für Licht ins Dunkel. Kathrin Zechner war auch da; und am Parkplatz sagt sie mir: „Du, diese Songs, das passt noch nicht, da müssen wir weitersuchen.“ Gut, wir suchen weiter. Es war schon sehr spät, da bekomme ich im Februar 2014 einen Tipp aus dem Verlag von Universal, dass sie noch einen Song hätten, der seit vier Jahren in einer Schublade liegt.
Robin Grubert: Ali Zuckowski und ich haben uns 2000, 2001 beim Kontaktstudiengang Popularmusik in Hamburg kennengelernt, gemeinsam in einer WG in Hamburg gelebt, Trips in die USA gemacht und in New York Charlie Mason kennengelernt. Er hat uns im Jahr 2010 von einem Projekt eines britischen Labels erzählt. Das Briefing war kurz, es sollte Shirley-Bassey-esque klingen und anmuten. Ali und ich sind in den James-Bond-Klangkosmos eingetaucht, wir haben die Akkordfolgen und die Melodie geschrieben, ich habe ein Streicher-Intro komponiert. Charlie Mason hat dann auf die bestehende Nanana-Melodie den Text geschrieben. Julian Maas und Christoph Kaiser haben in Hamburg das Streicherarrangement aufgepustet. Aus dem Projekt ist aber nichts geworden.
Robin Grubert: Ali Zuckowski war in dem Moment visionär, als er die Ausschreibung für den ESC gesehen hat und meinte, das könnten wir probieren.
René Berto: Der Song war sehr soulig, mit einer schwarzen Stimme unterlegt und ganz anders produziert.
Marco Schreuder: Als ich den Song gehört habe – das weiß ich noch ganz genau –, habe ich René Berto angerufen und gesagt: „That’s it! Das ist der Song!“
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René Berto: Ich habe das Tom geschickt; und es hat keine halbe Stunde gedauert und er hat gesagt: „Das ist er.“ Tom und ich sind zum Produzenten David Bronner gefahren, Sebastian Arman war schon da, wir haben Dorothee Badent – zuständig für die Instrumentierung – dazugeholt und alle waren begeistert. Nach einem kurzen Austausch ging die Arbeit los. Das war in den Semesterferien; und die Präsentation des Songs bei der EBU [European Broadcasting Union, Anm.] war Anfang März.
Marco Schreuder: Wir mussten den Song auf drei Minuten kürzen. Am Text wurden Kleinigkeiten verändert; aus „who could this creature be“ wurde „person“. Alle fanden diesen Song am besten – außer die Radio-Leute, weil es natürlich überhaupt kein Radiosong ist.
René Berto: Conchita Wurst war bei Sony unter Vertrag. Zwei, drei Nummern hatten davor aber nicht so performt, deshalb dachten sie dort, das wird nichts mehr. Sony war dabei aber immer korrekt. Von einer anderen Plattenfirma kam die Absage: „Es hat schon einmal ein Österreicher mit Bart versucht, die Welt zu erobern.“ Wir hatten also keinen Vertrag, deshalb wurde der Song letztlich durch die ORF Enterprise veröffentlicht.
Katharina Wiedlack (Kulturwissenschaftlerin): Kopenhagen war als Austragungsort relevant, weil Dänemark bis heute als Vorzeigeland queerer Inklusion gilt. Die Ehe für alle wurde dort sehr früh eingeführt. Der Song Contest war gleichzeitig ein attraktives Format für schwule, lesbische und Transgender-Personen, weil er opulente Inszenierungen angeboten hat und sich im Lauf der Jahrzehnte als queeres Ersatzmodell für europäische Zugehörigkeit und European Citizenship herauskristallisiert hat.
„Für Conchita wurde ein Paparazzi-Schutz inszeniert, das war ein Spiel, das den Medien auch getaugt hat.“
Marco Schreuder: Die erste Ausgabe von 1956 gibt schon auf vielen Ebenen vor, was bis heute Thema ist. Sieben Länder haben jeweils zwei Beiträge geschickt. Dany Dauberson aus Frankreich wurde zur tragischen Geschichte, weil sie elf Jahre später einen Autounfall verursacht hat, der ihrer Lebensgefährtin das Leben gekostet hat. Die Startnummer Eins war Jettie Paerl aus den Niederlanden, eine Moderatorin im Widerstandsradio gegen Nazi-Deutschland. Sie singt über die Vögel von Holland, also über nationale Repräsentation und ein bisschen Tourismuswerbung ist auch dabei. Ein Songtexter für Deutschland, Lotar Olias, hat Todesmärsche für die SA geschrieben, während der andere deutsche Beitrag von Walter Andreas Schwarz gesungen wurde, einem Juden und Überlebenden eines Konzentrationslagers. Beim ersten Song Contest gibt es also schon die gesamte Bandbreite. In der queeren Geschichte des Bewerbs ist auch der Gewinner-Song von 1961 „Nous Les Amoureux” wichtig. Dort besingt Jean-Claude Pascal eine Liebe, die sich verstecken muss, weil sie von der Gesellschaft abgelehnt wird. Der Sänger hat in Frankreich bereits relativ offen schwul gelebt. 1986 wurde Queerness erstmals offen gezeigt, als die Great Garlic Girls – mit einem übrigens überhaupt nicht queeren Song – für Norwegen im Hintergrund getanzt haben. Der Isländer Paul Oscar betritt 1997 die Bühne und sagt erstmals offen: „Ja, ich bin schwul.”
Andi Knoll: Der Sieg von Dana International 1998 war ein Statement. Dass eine Trans-Person den Song Contest gewinnt, war in Israel eine große Diskussion, ein Skandal. Es war gleichzeitig ein starkes Zeichen, dass Diversität beim Song Contest stattfindet.
René Berto: Ich war schon 2003 mit Alf Poier beim ESC, deshalb wusste ich, dass wir den Song Contest nicht gewinnen werden, wenn wir zu all den Partys in den unterschiedlichen Länderpavillons gehen. Du musst ausgeschlafen sein. Deshalb haben wir Tom im Hotel abgeschottet. Vor Ort in der Halle sind wir als Team immer direkt in den Backstage-Bereich rein gegangen, haben zugesperrt und das war’s. Wir sind nur zum Training raus. Das war wie ein Ritual.
Marco Schreuder: Für Conchita wurde ein Paparazzi-Schutz inszeniert, das war ein Spiel, das den Medien auch getaugt hat.
Andi Knoll: Vor Ort merkst du schnell, wer wichtig ist – die Big Five sind wichtig, Schweden ist immer wichtig. Und Österreich war lange nicht so wichtig. 2014 komme ich nach Kopenhagen und ich merke: Das Interesse für Österreich ist ein ganz anderes. Das hat mich überrascht.
Marco Schreuder: Conchita war nicht Favoritin. Sie lag in den Wettquoten ungefähr auf Platz 15.
René Berto: Ich hatte mit all der Arbeit einfach keine Zeit, auf Sieg zu wetten. Ein befreundeter Musikmanager hat sich mit 500 Euro die Pension aufgebessert.

Marco Schreuder: Und das hat sich schlagartig bei der ersten Probe geändert. Conchita tritt auf und es ist ein Riesenjubel im Pressezentrum. Diese Erscheinung mit den Flammen hat einfach fantastisch ausgesehen. Und Conchita ist zum Geheimfavorit und bald Mitfavoritin geworden.
Robin Grubert: Ali Zuckowski und ich dachten uns, ui, da ist ganz schön was los. Conchita hat dann im Halbfinale eine Wahnsinns-Performance hingelegt, da haben wir angefangen, uns leise Hoffnungen zu machen.
René Berto: Beim Halbfinale hatte ich bereits meine Siegesrede geschrieben. Ich habe visualisiert, dass das kommen wird und wie das sein wird. Ich hatte die Rede immer auf einem Zettel dabei und habe damit bei den Leuten im Foyer und bei Pressekonferenzen angestreift.
Katharina Wiedlack: In vielen Medien gab es Berichterstattung über homophobe Äußerungen gegen Conchita Wurst. Und in denselben Medien gab es auch Berichterstattung, die den Kulturkampf zwischen Russland und der Europäischen Union in den Blick genommen haben. Dort wurde Conchita Wurst zur Repräsentantin eines toleranten Europa stilisiert, die sich gegen Russland ins Feld stellt, um europäische Werte zu verteidigen.
René Berto: Unser Motto war: „Be who you are.“ Es ist egal, wer du bist, wie du aussiehst und welche Religion du hast. Vom ersten Vorentscheid bis zum Song Contest ist diese Figur Conchita Wurst mit all ihren Messages fertig geformt worden.
Katharina Wiedlack: Tom Neuwirth hat sich auch dagegen gewehrt, in dieser Ost-West-Debatte vereinnahmt zu werden. Aber diese Figur wurde glücklicher oder unglücklicherweise zu einer Projektionsfläche, an der vieles sichtbar geworden ist. Das hatte auch stark mit der Annexion der Krim zu tun und einem Gesetz gegen nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen, das in Russland ein Jahr zuvor beschlossen wurde. Der russische Beitrag hat gleichzeitig Bezüge zur russischen Geschichte. Zwei sehr blonde Zwillingsschwestern haben nicht nur ein sehr traditionelles Frauenbild transportiert, sie sollten gleichzeitig mit ihren Stäben aus Licht für das Gute kämpfen. Das hat an Bilder des Zweiten Weltkriegs angeschlossen, als die Sowjetunion dem Kontinent Frieden gebracht hat; aber auch an die Idee von Mutter Russland.
Marco Schreuder: In Europa hat ein kalter Kulturkrieg begonnen. Nicht Ost gegen West – wie das so oft inszeniert wurde –, sondern progressive und liberale Kräfte gegen nationalstaatliche Kräfte. Und dieser Krieg wurde heiß. Und wir haben das alle vor Ort gespürt.
René Berto: Auf unserem Tisch im Green Room stand eine Regenbogenfahne. Ich habe gesagt: „Macht die weg, wir sind für alle da.“ Ich wollte mich nicht nur auf die Gay-Community verlassen, sondern wollte, dass alle vom Kind bis zur Oma Conchita Wurst wählen, weil diese Frau mit Bart ein Phänomen war.
„Jetzt hat uns die den Schaas gewonnen.“
Andi Knoll: Wir wussten vorab, dass ein Betreuer in unsere Kabine kommt, wenn unser Land gewinnt, der dich für das erste Siegerinterview hinter die Bühne führt. Und im letzten Drittel der Punkteverleihung kommt er rein, ich habe Kopfhörer auf und rede mit der Nation und ich denke mir: „Jetzt kommt er halt.“ Und dann ist er aber nicht mehr gegangen. Und er nimmt das Handy und beginnt mich zu filmen. Und ich denke mir: „Das kann jetzt nicht wirklich sein. Das wird jetzt wohl nicht wirklich so sein.“
Robin Grubert: Das ist ja das Infizierende am ESC, dass die Schlussstrecke so spannend ist. Ich habe 3.000 Kalorien verbrannt auf meinem Sofa aus Freude und Aufregung. Und natürlich war es gleichzeitig ein bisschen einsam, weil ich in Los Angeles war und nicht Teil der Party.
René Berto: Wir sitzen im Green Room und du siehst, Ah, Conchita in the lead. Und nach 32 oder 34 Ländern fährt die Konfetti-Kanone vor deine Augen. Und du weißt, mit dem nächsten Voting wird es halt dann schon sein.
Marco Schreuder: Das Arge ist, ich habe da einen Blur. Ich kann mich nicht mehr an diesen Moment erinnern. Ich weiß nur, dass es so ein Taumel war und das war so merkwürdig, weil Österreich einfach als das Land galt, das nie wieder gewinnen wird.
Andi Knoll: Beim Vorentscheid zum Song Contest 2011 haben Alkbottle gesagt: Wählt uns, wir gewinnen euch den Schas. Das Zitat habe ich am Leben gehalten – bei der Teilnahme von Nadine Beiler etwa mit: „Gewinnt uns die den Schaas oder nicht – Willkommen beim Song Contest in Düsseldorf.“ Das war bei mir im Hinterkopf. Und beim Sieg ist es mir dann entfahren: „Jetzt hat uns die den Schaas gewonnen.“
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Conchita Wurst [beim Sieg]: This night is dedicated to everyone who believes in a future of peace and freedom. You know who you are. We are a unity, and we are unstoppable.
René Berto: Du gehst an allen Nationen vorbei, die dir auf die Schulter klopfen. Marvin Dietmann hat das Kleid drapiert, das Tom mit ORF-Kostümchefin Ariane Rhomberg selbst entworfen hat. Und dann hat Conchita nochmal den Song gesungen und den Pokal in die Luft gestemmt. Backstage wurde schon abgebaut. Bei der Pressekonferenz hat Conchita etwas gesagt, ich habe meine Rede gehalten, dann geht es zum Bus mit Erdbeeren und Champagner, der dich ins Eurovision Village bringt. Conchita hat dort noch einmal „Rise Like A Phoenix“ gesungen. Ich war gegen drei Uhr im Hotel. Ich bin dort auf und ab gegangen und habe nicht gewusst, was ich als nächstes tun muss. Ich habe aber gewusst, dass jetzt Tausende von Anfragen auf uns zukommen.
Conchita Wurst [bei der Pressekonferenz in Wien]: Die fünf Punkte aus Russland waren für mich ein Zeichen dafür, dass es eben nicht bei einer Landesgrenze aufhört und dass nicht alle dieser Meinung sind. Und deswegen muss man dagegen ankämpfen und sich auch auf die Hinterbeine stellen. Das habe ich gestern stellvertretend für viele gemacht.
Katharina Wiedlack: Da hat sich in der österreichischen Popkultur auch etwas verändert. Ich glaube, Conchita Wurst ist eine Figur, die mit den Veränderungen ihrer Zeit gut mitgegangen ist, sie hat Stimmen für Akzeptanz sicherlich verstärkt. Sie hat viel für die Community im Sinne eines Gefühls von Zugehörigkeit bewirkt. Aber man darf auch nicht glauben, dass es in Österreich über Nacht keine Homophobie mehr gab.
„Wenn eine Kunstfigur zur Ikone wird, interpretieren da ganz viele Menschen alles Mögliche hinein.“
Marco Schreuder: Ich empfinde 2014 als ein Ankommen und ein Respektiertwerden: Eine Drag Queen kann den Eurovision Song Contest gewinnen und die Leute feiern es. Udo Jürgens hat noch gelebt und gesagt, wie toll er das findet. Andre Heller war begeistert, alle waren begeistert. Nach dem Sieg hat uns Bundeskanzler Werner Faymann empfangen. Wir haben ihm gesagt, dass er sich jetzt bekennen muss. Es gab in Österreich noch keine Ehe für alle. Das hat erst der Verfassungsgerichtshof 2018 möglich gemacht.
René Berto: Zuhause gratuliert dir Bundespräsident, Bundeskanzler und Kulturminister, es prasselt so viel auf dich ein. Marco Schreuder war kurzerhand unser Pressemann. Wir waren bei Interviews in ganz Europa, bei Fernsehshows, Talk Shows, Morning Shows, Festivals und Awards. Einmal sind wir im Soho Hotel in Berlin aufgestanden, Mitarbeiter drücken dir einen Zettel in die Hand, eine schwarze Limousine fährt vor, wir fliegen nach London, wo ein Buch über Conchita präsentiert wird, das in sieben Sprachen erscheint, auf der Buchmesse findet eine Signierstunde statt, Mittagessen mit dem österreichischen Botschafter, abends treffen wir dann Jean Paul Gaultier in Paris bei der Eröffnung seiner Fashion-Ausstellung, wo wir mit Kim Kardashian und Justin Bieber am Tisch sitzen. Und am nächsten Tag bekommen wir wieder einen Zettel in die Hand.
Marco Schreuder: Wenn eine Kunstfigur zur Ikone wird, interpretieren da ganz viele Menschen alles Mögliche hinein. Das ist auch bei Conchita passiert, Jesus-Figur, Heilige Kümmernis – diese Heilige mit Bart –, Conchita als Goldene Adele am Life Ball – das waren lauter Ikonisierungen dieser Figur. Das war sehr österreichisch, hat aber auch international Auswirkungen gehabt. Und das kannst du nicht steuern, das passiert einfach.
René Berto: Wir wollten am Broadway in New York auftreten und haben mit Ticketmaster und Live Nation verhandelt. Im Endeffekt haben die Amerikaner Conchita Wurst nicht gebraucht. Sie haben eigene Stars. Wir haben aber mit den Wiener Symphonikern ein philharmonisches Konzert aufgenommen und waren mit diesem Programm im Sydney Opera House, das vom australischen Fernsehen kostenlos für uns aufgezeichnet wurde.
Robin Grubert: Ich musste für meine Trophäe eine Weile nachforschen, aber habe sie letzten Endes bekommen. Für Verkäufe gab es Platin. Ich bekomme im ESC-Kontext einige Anfragen. Aber dieser Song und diese Performance und dieser Sieg – das ist wirklich einer der stolzesten Momente meiner Karriere. Und da sehe ich nicht so richtig, wie man das toppen sollte.
René Berto: Tom war so was von outstanding. Es war einfach ein Gänsehautmoment in der Halle. Also: außergewöhnliche Person, außerordentliche Vorarbeit in einer Community, die hinter uns gestanden ist; dann der Song, eine TV-Inszenierung mit den Flammen und dem Kleid – es gab an dem Abend für die anderen nichts zu holen.
Andi Knoll: Es ist mehr als nur ein Liederabend, aber es geht ja dann trotzdem nicht um Leben und Tod. Es ist eine toll gemachte Show, es ist ein hoffentlich bunter Abend für viele Leute daheim. Die wirklich wichtigen Dinge diskutieren wir dann am Montag in der Früh. Und dafür braucht es ein entspanntes Wochenende mit einem Samstagabend, der Spaß macht.
Stefan Niederwieser
