„ES BRAUCHT SO ETWAS WIE EINE SCHWEBENDE AUFMERKSAMKEIT.“ – ANNETTE GIESRIEGL UND KEYVAN PAYDAR (GRAZER IMPROFEST) IM MICA-INTERVIEW

Das vierte GIF (GRAZER IMPROFEST) findet in der letzten Augustwoche an vielen verschiedenen Orten statt, und zwar dem Schaumbad – Freies Atelierhaus Graz, im Forum Stadtpart, im Café Stockwerk, im Zirkuszentrum Akrosphäre, und, damit alles im oder auch am Fluss bleibt, auch als Lokation dabei: Die Flößerei. Herzstück des GIF 2026 sind wieder die sogenannten Gatherings, zu Deutsch klingt es nicht ganz so geheimnisvoll, nämlich einfach: Versammlung, oder, wer es etwas magischer mag, auch gerne: Zusammenkunft.
Darunter wird im Rahmen des GIF 2026 eine sehr offene Impro-Struktur verstanden – mit etwas mehr als nur einem zeitlichen Rahmen sollte im Idealfall ein konstruktives Chaos er- und ausgelebt, Atmosphären zwischen Präsenz und Bewusstsein aufgespannt werden. Auch sozialpolitisch können dadurch temporäre Möglichkeitsräume geschaffen werden, und aus diesem Grund hat Michael Franz Woels den beiden Kurator:innen KEYVAN PAYDAR und ANNETTE GIESRIEGL vor allem gesellschaftskritische und kulturpolitische Fragen zugestellt.
Und auch wenn der Begriff des Gatherings gar nicht so leicht in Worte gefasst werden kann, sei hier nochmal die Definition von GIF 2026 abgedruckt: „The Gathering“ – ist ein unstrukturierter, konzeptfreier kreativer Raum für Improvisation, der allen Formen des künstlerischen Ausdrucks offen steht, egal ob professionell oder amateurhaft. Er bietet die Möglichkeit zum Zusammenspiel, zum Experimentieren und zum Entdecken – ohne Grenzen und ohne Wertung. Im Mittelpunkt der „Gatherings“ stehen gemeinsame Abenteuer.

Was braucht es, um einander – auch gesellschaftspolitisch betrachtet – aufmerksam zuzuhören?

Annette Giesriegl
Annette Giesriegl © Iztok Zupan

Annette Giesriegl: Zuhören können braucht eine Distanz zum Ego, das sich immer wieder bewertend und einordnend und existenziell einmischt. Jeder Stress „schließt“ die Ohren, weil die Angst vor Kontrollverlust überhandnimmt. Beim Zuhören braucht es meiner Meinung nach ein Mindset, das Angst und Zweifel reflektiert. Alles andere äußert sich in Selbstmanipulation während des Zuhörens. Was es braucht, ist eine Praxis, in der ich experimentieren und mich befreien kann, so wie die freie Improvisation diesen Zugang erschließt.

Keyvan Paydar: Es braucht ein aktives Zuhören, das sich durch Toleranz und Offenheit auszeichnet. Wer schon mit einer fixen Meinung in ein Gespräch – aber auch in eine Session – geht und mit genau derselben wieder herauskommt, ist kaum lernfähig – es braucht die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Und es braucht eine faire Aufteilung: zum Beispiel klare Regeln für die Spielzeit der Mitwirkenden und die Chance, dass alle gehört werden.

„DURCH DIE FREIE UND ABSTRAKTE ART ZU IMPROVISIEREN, VERLIEREN MUSIKTRADITIONEN UND ÄSTHETISCHE ANFORDERUNGEN AN BEDEUTUNG.“

Keyvan Paydar
Keyvan Paydar © Peter Gratz

Wie wird unsere kulturelle Identität geformt?

Keyvan Paydar: Der Begriff „Kultur“ ist sehr dehnbar. Wir alle sind durch unseren Bildungshintergrund, unsere genetischen Voraussetzungen und den Ort, an dem wir leben und agieren, geprägt – das alles ist Teil unserer kulturellen Identität.
Mit dem Festival versuchen wir, einen möglichst neutralen Raum zu schaffen, in dem Menschen in Interaktion treten, einander willkommen heißen und gemeinsam ihr volles Potenzial an kreativer Kraft entfalten können. Durch die freie und abstrakte Art zu improvisieren, verlieren Musiktraditionen und ästhetische Anforderungen an Bedeutung. So verbinden sich unterschiedliche Musikrichtungen und Musikgeschmäcker zu einer neuen, abwechslungsreichen temporären Identität.

Wie prägen kulturelle Kontexte musikalische Sprachen und wie können sie sich miteinander verbinden?

Keyvan Paydar: Die Devise ist: Vorurteilsfrei und ohne Bewertung agieren – alle sind gleich wichtig, alle kommen dran. Wir arbeiten mit hoher Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der anderen Musizierenden. Wir gehen aufeinander ein und manchmal heißt es: „Fake it till you make it“ – also: „Spiel mit, auch wenn du glaubst, noch nicht gut genug zu sein.“ Wir vermeiden es, musikalische Sprachen hierarchisch zu bewerten. Jede von ihnen hat ihren eigenen kulturellen Kontext und ihre Berechtigung.

Wie können wir miteinander solidarisch sein und Unterschiede anerkennen und respektieren?

Annette Giesriegl: Das ist eine humanistische und ethische Frage: Wenn ich ethische Werte erfahren und das Gefühl der Empathie entwickeln konnte, dann bin ich am ehesten fähig, solidarisch zu sein. Die Anerkennung von Unterschieden hat Grenzen, das Verständnis dafür, woher es kommt, möglichst unemotional zu betrachten, hilft am ehesten, diese Unterschiede auch zu respektieren. Gerade in der heutigen Zeit wird sichtbar, welche Parallelwelten sich entwickelt haben. Sogar in meiner Umgebung gibt es unterschiedlichste „Bubbles“. Wir können respektieren, wenn wir verstehen und again: Unsere eigenen Ängste reflektieren.

Keyvan Paydar: Das Recht des Stärkeren ist hier fehl am Platz. Im Vordergrund stehen die Neugier und der Glaube daran, dass wir gemeinsam und uns gegenseitig ergänzend etwas Besonderes hervorbringen können. Unsere Unterschiede sind wichtige Bestandteile der Vielfalt, die uns auszeichnet. Darüber hinaus einigen wir uns auf ein gemeinsames Ziel: einen gemeinsamen Raum für alle.

Wie können wir persönliche Überzeugungen hochhalten und individuelle Freiheiten schützen, ohne die Rechte anderer zu verletzen?

Annette Giesriegl: Freiheit ist für mich spätestens seit der Corona-Pandemie relativ geworden. Dieses Thema spiegelt sich auch ganz sichtbar wider in unseren Improvsessions, die die Frage der Freiheit im individuellen Ausdruck und des Miteinander-in-Kontakt-Tretens permanent in den Raum stellen. Es braucht so etwas wie eine „schwebende Aufmerksamkeit“, ein Begriff aus der Psychotherapie, wo ich im gleichzeitigen Kontakt mit mir und in dem mit den anderen die mögliche Freiheit auslote.

Keyvan Paydar: Wenn wir über die individuelle Freiheit reden, müssen wir uns fragen, wovon sind wir frei? Wofür sind wir frei? Ganz frei kann ich nur dann sein, wenn mir bewusst ist, wie sehr mich meine gewohnten Spielweisen, meine Denkmuster, meine gespeicherten Körpererinnerungen und mein Perfektionismus prägen. Freiheit beginnt dort, wo ich mich traue, diese Muster zu verlassen. Dabei gilt es, die Grenzen von anderen wahrzunehmen und zu respektieren. Das braucht einen Safe Space, politisches Bewusstsein und die Bereitschaft, mein Verhalten zu reflektieren. Man muss sich fragen: Wie wird mein Beitrag wahrgenommen? Wo könnte ich triggern? Mein Beitrag soll nicht provozieren, sondern einen gemeinsamen Raum ermöglichen.

Kuratorische Gedanken sind vermutlich geprägt von Zweifel, Hoffnung und Visionen. Was macht Mut und was muss sich ändern?

Annette Giesriegl: Kuratieren ist Gestaltung der Vision die frau von etwas hat, von dem sie überzeugt ist. Ich persönlich habe die Möglichkeit, umzusetzen, was mich mein ganzes Leben lang bewegt, sprich: die, oder meine – kurz gesagt – Philosophie der Improvisation, die ich selbst seit langem praktiziere. Mut macht, dass es dafür einen Raum gibt, wenn frau ihn schaffen will, was sich hoffentlich ändert, ist das nach wie vor mangelnde Wissen darüber, welches Potenzial in der Erfahrung von Improvisation steckt, die Hoffnung, dass die Aufklärung darüber voranschreitet.

Keyvan Paydar: Kuratorische Gedanken beziehen immer auch Zweifel und Selbstkritik mit ein. Mut macht uns gerade das Gegenteil des Spruchs „Never change a winning team“: Wir wollen gelungene Performances oder Kunstwerke nicht einfach reproduzieren, sondern neue Wege gehen. Das Know-how der Teammitglieder gleicht einer Schatzkammer, auf deren Inhalt wir bauen können. Dieses Wissen muss jedoch weitergegeben werden – ein Projekt darf nicht mit einer einzelnen Position oder Person stehen und fallen. Auch wir sind abhängig von Politik und Presse, wir spüren die finanzielle Unsicherheit stark. Die Challenge ist, den Improflow trotz organisatorischer Barrieren zu halten. Dabei gibt es die Hoffnung auf reichlich magische Momente und neue Begegnungen mit sich selbst, mit anderen – in einem spannenden Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Grazer Impro Fest
Grazer Impro Fest © Peter Gratz

„WIR BRAUCHEN FINANZIERUNG UND UNTERSTÜTZUNG, UM NACHHALTIGE STRUKTUREN ZU SCHAFFEN UND BARRIEREN ABZUBAUEN – INSBESONDERE FÜR MENSCHEN MIT EINSCHRÄNKUNGEN.“

Fragt man uns nach Visionen, dann geht es darum, noch mehr Möglichkeiten zu schaffen, unsere kreativen Kräfte in den unterschiedlichsten Kombinationen und Formaten zu vereinen. Wir wollen verschiedene Menschen, Themen, Techniken und Stile mit unterschiedlichsten künstlerischen Communities zusammenbringen und einfach schauen, was dabei herauskommt. Ohne Angst vor dem Scheitern – und ohne Schadenfreude, wenn wir das Scheitern anderer miterleben. Gerade diese Offenheit macht Mut. Und letztlich muss sich noch etwas Wichtiges ändern: Wir können nicht dauerhaft alle Arbeit unbezahlt leisten. Wir brauchen Finanzierung und Unterstützung, um nachhaltige Strukturen zu schaffen und Barrieren abzubauen – insbesondere für Menschen mit Einschränkungen. Wir benötigen zeitgemäße digitale Ausstattung und neue Spiel- oder Performancemöglichkeiten in der Stadt – damit wir auch zu den Leuten kommen können.

Welche Arten der Programmgestaltung und Repräsentation brauchen wir institutionell und künstlerisch, um Machtmechanismen der Aneignung zu vermeiden und Mechanismen interkultureller Inspiration zu ermöglichen?

Annette Giesriegl: Wir brauchen erfahrungsorientierte Programme, Programme mit Beteiligung und verkörperten Erfahrungen. Das Sitzen und Zuschauen ist ein Aspekt. Aber die aktive Teilnahme in welcher Form auch immer gehört mehr in den Mittelpunkt gestellt.

Keyvan Paydar: An erster Stelle steht die Gruppe, die gemeinsam demokratisch entscheidet. Diese Entscheidungsprozesse benötigen Zeit, klare Aufgaben und Zuständigkeiten. Vergangene Veranstaltungen sollten evaluiert, Aufgaben und Zuständigkeiten im Rotationsprinzip vergeben werden. Wir arbeiten gemeinsam und haben dennoch eigene Verantwortungsbereiche. Bei Veranstaltungen treten wir gemeinsam als Kurator:innenkollektiv auf.

Als Artist-Run Space – also als von Künstler:innen selbst organisierter und getragener Kunstraum im Sinne des D.I.Y.-Gedankens  – ist unser Handeln politisch. Wir arbeiten lokal – mit der Nachbarschaft – und international. Wir möchten Minderheiten und marginalisierte Gruppen bewusst inkludieren – Sexismus, Altersdiskriminierung und Rassismus haben bei uns keinen Platz.

Künstler:innen und Kulturinstitutionen stehen weltweit unter zunehmendem politischen Druck oder sind bereits von repressiven Maßnahmen betroffen. Wie geht das Grazer Impro Fest mit dieser Situation um?

Keyvan Paydar: Das Grazer Impro Fest versucht ressourcenschonend zu agieren und mit verwandten Institutionen wie dem Forum Stadtpark, der Grazer Akrosphäre oder auch dem Café Stockwerk zu kollaborieren. Wir loten – neben öffentlicher Subventionen – neue Möglichkeiten der Finanzierung aus, um von Förderungen unabhängiger zu werden. Gleichzeitig wollen wir mehr Druck auf die Politik ausüben und bessere Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur einfordern. Maßnahmen dazu sind eigene Residencies mit Nachbarländern und Sponsoring durch Fördermitglieder.

Welche Antworten finden die marginalisierten, verletzlichen und oft ignorierten Stimmen unserer Gesellschaft auf die drängenden Fragen unserer Zeit?

Keyvan Paydar: Wir glauben nicht, dass es auf die drängenden Fragen unserer Zeit einfache Antworten gibt. Weshalb wir etwa auch nicht-deutschsprachigen Personen Raum geben: Bei uns können sie in ihrer eigenen Sprache an Perfomances teilnehmen – damit schaffen wir ein Gefühl der Nähe und Zugehörigkeit. Die Gatherings sind konsumfrei. In unseren Räumen werden nicht nur Töne produziert und gehört, sondern wir schaffen die Möglichkeit, in offenen Sessions den künstlerischen und gesellschaftlichen Diskurs mitzugestalten.

Soundpainting
Soundpainting © Sofija Palurovic

„IMPROVISATIONSKUNST KANN EINE FORM DES WIDERSTANDS SEIN, WEIL SIE SICH FESTEN REGELN UND ERWARTUNGEN ENTZIEHT.“

Kann Improvisationskunst auch als eine taktische Art der Selbstverteidung und des Widerstandes in einem durch strategische und systemische Unterdrückung geprägten Umfeld verstanden werden?

Annette Giesriegl: Improvisationskunst kann sehr viel und auch das. Die Kunst der Improvisation ist sehr politisch. Der Akt des Improvisierens ist sehr politisch, weil Freiheit zugelassen wird, die permanent Grenzen sprengen kann. Sich zu erlauben, dies zu tun, ist gleichzeitig die Erfahrung einer Selbstermächtigung.

Keyvan Paydar: Unbedingt. Improvisationskunst kann eine Form des Widerstands sein, weil sie sich festen Regeln und Erwartungen entzieht. Hier ist Platz für Nicht-Funktionalität, Dissonanzen, Atonalität bis hin zu scheinbar sinnlosen Aktionen. Gerade das kann als politische Waffe gegen den Kapitalismus, gegen die gesellschaftlichen sowie Vorstellungen von Ordnung und Homogenität verstanden werden. In der Improvisation gibt es auch lösungsorientierte Momente, aber es geht vor allem darum, die Grenzen zwischen Publikum und Performer:innen verschwimmen zu lassen. Dann entsteht ein gemeinsames Miteinander, ganz abgesehen von der Freiheit, nicht zu spielen, nicht zu folgen oder einfach zu reflektieren.

Kann Kunst einen Punkt erreichen, wo sie eine völlig neue Welt erschafft?

Annette Giesriegl: Ich weiß nicht, ob sie eine völlig neue Welt erschaffen könnte, aber sie flackert und blinkt überall und immer auf, um neue Aspekte einer neuen Welt aufzuzeigen, vor allem indem sie unsere Sicht auf Dinge dekonditioniert. Ich habe aber größtes Vertrauen in die KünstlERISCHE (versus KünstLICHE) Intelligenz!

Keyvan Paydar: Ja, Kunst kann für einen Moment eine völlig neue Welt erschaffen. Dieser Moment lässt sich nur schwer dokumentieren, weil diese Veränderung im gemeinsamen Erleben entsteht – man kann das kaum festhalten. Es ist wie ein Wunder, wenn der Moment entsteht und man sich gehen lassen kann und die unsichtbare Bande zwischen uns mit allen Sinnen spürbar wird.

Dieses gemeinsame Explorieren ist kein starrer Zustand, kein Point of no return, sondern kann immer neu verhandelt werden – genauso wie Demokratie, Frieden oder Gesundheit, die ja auch nicht von selbst existieren.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

Link:
Grazer Impro Fest (GIF)