„ERST, WENN MAN DIE MUSIK GESCHÄLT UND GEHÄUTET HAT, ENTPUPPT MAN DIE LEICHTIGKEIT“ – WALDECK IM MICA-INTERVIEW

Egal ob frankophil angehauchter Chansonnier, experimenteller Jazz-Interpret oder das Tanzbein zum Zappeln bringender Elektroniker: KLAUS WALDECK hat viele Gesichter und mit seinem Label DOPE NOIR RECORDS in den letzten 20 Jahren die unterschiedlichsten musikalischen Identitäten unter einen Namen gebracht. Am 03. und 04. Juni 2022 feiert der gebürtige Wiener im Porgy & Bess 20 YEARS DOPE NOIR und besiegelt damit auch eine Album-Reihe, die seit März in regelmäßigem Abstand als fünfteilige Serie in allen verfügbaren Medien erscheint. WALDECK macht dabei aber nicht ein simples Best-Of, sondern will im Rückblick auf seine zwanzigjährige Label-Historie auch einen Ausblick auf Kommendes liefern. Inwiefern er damit eine musikalische Autobiografie schreibt, welche Umbrüche im Musikkonsum dabei sein Schaffen beeinflussen und wieso es manchmal auch hilfreich ist in seinen Möglichkeiten begrenzt zu sein, erzählt WALDECK im Interview mit Ania Gleich.

Du feierst 20 Jahre dein eigenes Label und einen ziemlich breiten Querschnitt an Musik: Ist 20 Years Dope Noir eine Form von musikalischer Autobiografie?

Klaus Waldeck: Das trifft’s auf jeden Fall! Zumindest nicht schlecht. Wenn man so ein Projekt vorhat, dann beschäftigt man sich ja eine Zeit lang damit und sucht einen guten Namen. Einer, der es schlussendlich nicht geworden ist, war „Reprise – Surprise“. Das hätte mir ja gut gefallen! Da hätten beide Aspekte, die mir wichtig sind, drinnen gesteckt. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil nicht jeder Französisch-fluid ist. Außerdem glaube ich, dass „Reprise“ doch einen leicht negativen Beigeschmack hat.

Im Sinne von „schon mal gebraucht“?

Klaus Waldeck: Ja, außerdem kam noch ein Aspekt dazu, der mit den neuen Möglichkeiten durch Streaming-Plattformen mitbedacht werden musste: Früher hätten sich die Leute vermutlich über ein Best-Of gefreut. Aber heutzutage kannst du niemanden mehr mit einem Best-Of hinter dem Ofen hervorlocken, weil es sowieso überall automatisch generierte Playlists gibt. So ist das Projekt schlussendlich eine Mischung aus aufpolierten Edelsteinen und neuem Repertoire geworden. Es steht trotzdem im Sinne von „Reprise – Surprise“: Man blickt sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft!

Also eine aktive Handlung gegen die Tendenz sich im Algorithmus aufzugeben und ihm im Gegenteil etwas entgegenzusteuern?

Klaus Waldeck: Es ist kein Zufall, dass ich fast in jedem Interview auf diese Streaming-Plattformen zu sprechen komme. Das war und ist ein massiver Umbruch im Konsumverhalten und ich kämpfe immer ganz aktiv gegen diese Algorithmen. Man versucht es ja auch zu verstehen. Wenn es die wirtschaftliche Grundlage für den Erfolg ist, muss man diese Mechanismen zwar mitbedenken, kann sie aber trotzdem nicht kontrollieren. Sie entziehen sich dem eigenen Zugriff. 

Da gibt es allerdings einen Mentalitätsunterschied zu Musiker:innen, die ihre Karriere gerade erst anfangen.

Klaus Waldeck: Das sehe ich auch bei meinen Kindern. Allein der Unterschied zwischen dem ältesten, der neunzehn und dem jüngsten, der erst elf Jahre alt ist. Der älteste kennt noch Zeiten ohne Handy!

Das sind interessante Verschiebungen. Aber aus deiner Perspektive als Musiker hast du dir ja deine Fanbase teils noch gänzlich ohne diese Plattformen aufgebaut. Das macht doch einen Unterschied?

Klaus Waldeck: Trotzdem muss man ständig kämpfen, dass das nicht zerbröselt. Ich weiß es nicht auswendig, aber es erscheinen täglich an die 40 000 Titel auf Spotify. Das ist unfassbar viel! Man wird da eigentlich zermahlen. Jetzt hat Spotify auch noch diese, aus meiner Sicht, nicht förderliche Idee gehabt dort auch Podcasts zu streamen. Da konkurrieren dann plötzlich auch verschiedene Formate miteinander, obwohl es eh schon schwer genug ist.

Bild Waldeck Ballroom Stories
Waldeck Ballroom Stories (c) Ditz Fejer

Zurück zum erfreulichen und deiner Musik: Wie fühlt es sich denn an eine musikalische Autobiografie zu schreiben?

Klaus Waldeck: Einerseits ist es ein Moment, wo man stolz ist und zurückblickt. Andererseits blickt man natürlich auch ein bisschen mit Wehmut in diese Vergangenheit. Ballroom Stories war mein bisher erfolgreichstes Album. Da wird man einerseits natürlich ständig von Außen daran gemessen, gleichzeitig misst man sich auch selbst immer ein bisschen daran. Manchmal muss man da einen Schritt zurück machen und sagen: Ok, das war wirklich eine andere Zeit! Da hatte ich damals noch die Möglichkeit 25 000 CDs zu verkaufen. Heute ist man froh, wenn man 2 000 Stück verkauft. Dasselbe gilt für Vinyl: Ich hab die immer wieder nach-pressen lassen  aber es geht heutzutage auch viel verloren. Man meint ja immer: Die digitale Welt sei grenzenlos. Ich finde, die unsichtbaren Grenzen, die man hier überwinden muss, sind viel schwerer zu überblicken, sprich: Algorithmen, Ländergrenzen, Publikumsgrenzen. Da tu ich mir wesentlich schwerer, als in der analogen Welt, wo man einen physischen Vertrieb hatte, mit Vertriebspartnern. Das war doch immer ein funktionierendes Netzwerk mit einer Kommunikation, wo Menschen zugehört und Dinge weiterempfohlen haben, wenn sie es gut fanden. Das findet so nicht mehr statt. Jetzt gibt es zwar diese selbsternannten Influencer. Aber da kriege ich alleine bei dem Wort schon Brechreiz.

Das Kleinteilige ist verloren gegangen. Aber das Bedürfnis im kleinen Rahmen zu arbeiten und in diesen Netzwerken dafür umso stärkere Verbindungen aufzubauen, ist spürbar. Wie siehst du das?

Klaus Waldeck: Ich hänge ja selbst zu meinem eigenen Missvergnügen, fast jeden Tag auch viel am Handy. Und jede:r fühlt sich dadurch bemüßigt zu jedem Thema einen Kommentar oder eine Meinung zu haben, wie man es jetzt auch in dieser Pandemie gesehen hat. Die, die vor einem Jahr noch die selbsternannten Virologen waren, sind jetzt plötzlich Kriegstheoretiker.

Es ist eine Diskurs-lose und Affekt-geladene Sprache, die durch die Kommunikation im digitalen Raum gefördert wird und sich dann in den Live-Diskurs überträgt.

Waldeck: Und diese ständige Lust an der Empörung und der Erregung. Das schaukelt sich ja gegenseitig hoch. 

Es sind vor allem aber Diskurse, hinter denen die wirklichen Fragen auf der Strecke bleiben.

Waldeck: Ja, es geht immer um formalen Geschichten. Und diejenigen, die das moralisch vertreten, erheben sich dann über die anderen und zeigen den Finger um zu suggerieren: Ihr Trotteln wisst es nicht besser!

„ES FEHLEN DIE KLEINEN RÄUME! UND EINE DISKUSSIONSKULTUR, DIE WIRKLICH EIN DISKURS IST UND NICHT NUR EIN PHRASENDRESCHEN.“

Wie lässt sich dieses Wettern um Aufmerksamkeit auf die Musik übertragen?

Klaus Waldeck: Es ist schwierig. Eigentlich bin ich ein Verfechter und Anhänger von leisen Klängen, daher widerspricht mir das auch, mich selbst dauernd zu loben und zu sagen: Schaut her., hier bin ich! Also eben dieses Laute, das notwendig ist um Aufmerksamkeit zu erregen und das Grundgeräusch, das sowieso schon besteht, zu übertönen. Und es wird tendenziell immer lauter! Um wahrgenommen zu werden, musst du ständig etwas dazulegen. Ich beneide die Generation, die nach dem Krieg aufgewachsen ist. Da bin ich eine Spur zu spät dran, habe es aber noch ein bisschen mitbekommen. Da herrschte eine gewisse Aufbruchsstimmung. Alles war irgendwie ein unbeschriebenes Blatt und die Zukunft war von Optimismus gekennzeichnet. Heutzutage ist es schwierig irgendeinen Optimismus zu finden. Man kriegt Links und Rechts von der Realität eine übergebraten.

Die Menschen haben aufgehört sich ehrlich anzuschreien.

Klaus Waldeck: Ja es ist immer ein bisschen von der Seite oder hinterm Rücken. Es fehlen die kleinen Räume! Und eine Diskussionskultur, die wirklich ein Diskurs ist und nicht nur ein Phrasendreschen.

Siehst du das auch in deiner Musik?

Klaus Waldeck: Meine Musik ist ja doch irgendwie unpolitisch. Für mich steht immer eine bestimmte Ästhetik im Vordergrund. Wohlgefühl klingt jetzt ein bisschen zu lauwarm, aber sagen wir es so: Was ich erreichen will, ist eine Sehnsucht beim Zuhörenden anzusprechen und ihn so in eine Art von meditativem Zustand zu versetzen. Dadurch kann natürlich dann eine Dringlichkeit erweckt werden!

Du hast vom allgemeinen „Grundgeräusch“ gesprochen. Willst du dem auch entgegenwirken oder eher Räume der Ruhe aufmachen?

Klaus Waldeck: Ich kann es nicht einschränken auf das eine oder das andere. Einerseits ist mein Musik-Machen fast eine Notwehr, um sich ein bisschen zurückzuziehen und zurückzunehmen. Andererseits ist auch viel Musik dabei, die zum Tanzen einlädt! Es wird nur niemals die Großraumdisko oder das Volksfest bedienen.

Deine Musik hat also eine Tiefe, die von einer gewissen Leichtigkeit getragen wird?

Klaus Waldeck: Genau das ist es, was ich versuche zu erreichen. Aber um die Leichtigkeit zu erreichen, bedarf es schwerer Arbeit. Die erreicht man nicht, indem man die Produktion leichtnimmt. Es ist ein mühsamer Prozess und erst dann, wenn man die Musik und sich selbst geschält und gehäutet hat, entpuppt man die Leichtigkeit.

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Wie fühlst du dich denn, wenn du Musik produzierst?

Klaus Waldeck: Es ist nicht immer gleich. Die ersten Entwürfe sind meistens spontan von einer Emotion getragen. Das ist der Schritt der Komposition. Da passiert sehr viel in einer sehr kurzen Zeit. Man wird förmlich getragen von der Kreativität, wenn einem in einem glücklichen Moment die Muse küsst. Doch dann kommt der ungleich schwierigere Teil, nämlich die Produktion, um das Ganze in ein Gewand zu bringen, in dem man es dem Publikum präsentieren will. Das ist dann eher ein Kampf und der Zeitaufwand für die Produktion selbst beträgt ein Vielfaches desjenigen für die Komposition. Fragen wie: Was ist jetzt nötig? Wo kann ich reduzieren? Wo muss ich reduzieren? Manchmal hat man auch zu viele Ideen und muss sich von einigen wieder trennen. Außerdem muss man auch innerhalb eines Albums versuchen, eine Abstimmung zu finden. Wenn ich da ein „leichtes“ Stück habe, brauch ich dort ein „schweres“ als Gegengewicht. Das funktioniert auch im Track-Listing. Durch das Streaming funktioniert das dann oft nicht mehr. Ich will jetzt nicht sagen, dass das Konzept „Album“ komplett tot ist, aber es hat an Bedeutung verloren. Viele hören doch nur mehr Playlists, wissen mitunter gar nicht mehr von wem ein bestimmter Titel ist. Sie geben einfach „Chill Out“ in die Suchleiste ein und dann rennt das halt für eine Weile. Und wenn man nicht aktiv zuhört, oder etwas so genial ist, dass man aktiv nachfragt, dann bleibt viel Musik einfach im Hintergrund und verblasst.

Was du beschreibst sind ja auch ständige Prozesse der Trennung.

Klaus Waldeck: Ja ich vergleiche es immer damit: Man hat verschiedene Kinder und man will keinem Kind irgendwie Unrecht tun. Und so verfängt man sich dann in einer Art Gerechtigkeitsdilemma. Das gelingt natürlich nicht immer.

Ist es nicht einfacher geworden mit der Zeit?

Klaus Waldeck: Ich muss sagen: Gerade bei dem jetzigen Album, habe ich es nicht mehr als so belastend empfunden! In der Phase, wo ich noch analog gemischt hab, war das andererseits sehr erdrückend. Da konnte man vieles nicht automatisch re-kreieren. Du konntest nicht wieder dort einsteigen, wo du warst. Weil sobald diese analogen Fader und Knöpfe und Drehregler anders eingestellt waren, war es einfach zu komplex, um es zurückzudrehen. Mit der digitalen Produktionsmethode ist das sehr viel einfacher. Aber dafür verliert man natürlich auch ein bisschen diese Zufallskomponenten, die dann eben genau das ausmachen.

Alles ist sehr kontrollierbar.

Klaus Waldeck: Es gibt fast keine Fehler mehr!

Und wie war es die Menschen von früher wieder ins Boot zu holen?

Klaus Waldeck: Nunja, die meisten Aufnahmen mit Patrizia Ferrara z.B. sind ohnedies in den letzten Jahren entstanden. Bei anderen Aufnahmen war das schwieriger. Ich vergleiche es manchmal mit einem Weinkeller: Manche müssen noch ein bisschen abliegen. Manchmal braucht es etwas Zeit, bis man den geeigneten Slot findet! Aber das ist auch ein schönes Gefühl.

„DER MENSCH HAT HALT EINFACH NUR DIESE BEGRENZTE ANZAHL AN FINGERN UND DAS IST DANN AUCH DAS MAXIMUM, DAS MAN DARSTELLEN KANN.“

Es ist ja auch eine große Differenz zwischen deinen Anfangs-Sachen und den in den letzten Jahren immer größer gewordenen Ensembles!

Klaus Waldeck:  Es ist allein von der Komposition her so unterschiedlich! Früher war ich allein am Computer mit einfachen elektronischen Bausteinen oder Modulen, inzwischen komponiere ich meistens auf einem Klavierflügel. Ich arbeite also mit einem „echten“ Instrument, was man dann in der Komposition anders spürt. Das war für mich ein total starkes, wenn auch spätes „Aha-Erlebnis“! Also dass das Instrument, mit dem man komponiert, auch die Komposition beeinflusst. Das war mir in dem Umfang früher nicht bewusst. Alleine der Aspekt, dass ich am Klavier auf meine zehn Finger beschränkt bin! Das klingt jetzt blöd, aber der Mensch hat halt einfach nur diese begrenzte Anzahl an Fingern und das ist dann auch das Maximum, das man darstellen kann!

Eine gewisse Form von Unendlichkeit in der Begrenztheit?

Klaus Waldeck: Das übernehme ich jetzt für mich – das finde ich schön!

Wir haben das Gespräch mit der musikalischen Autobiografie und der mitschwingenden Nostalgie begonnen. Wie würdest du das Ganze auch als einen Auftakt und eine Euphorie in eine Zukunft beschreiben?

Klaus Waldeck: Das ist die „Surprise“!  Die Hälfte der Stücke ist ja neu! Da ging es mir ganz explizit darum, einen Vorgeschmack auf kommende Alben zu liefern.

Hast du da schon Ideen?

Klaus Waldeck: Es wird entweder Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres ein neues Saint Privat Album kommen. Das ist dieses frankophile Projekt mit der Valerie Sajdik. Und das ist fast schon – könnte man sagen – eine Art Comeback-Album. Anscheinend bin ich also schon im Comeback Alter angekommen!

Bild Waldeck
Waldeck (c) Claudio Farkasch

Inzwischen schreiben schon 20-Jährige ihre Autobiografien, also ist alles erlaubt.

Klaus Waldeck: Und es ist lustig, dass ich mit diesen Alben jetzt auch mit meinen Identitäten spiele. Ich habe jedes Mal eine andere Inszenierung. Das ist aber erst gegen Ende entstanden. Aber ich dachte mir, das ist irgendwie auch für mich witzig, weil ich mit jeder Identität auch so einen gewissen Musikstil und eine bestimmte Zeit verbinde.

Aber mit einer Autobiografie besiegelt man ja auch etwas?

Klaus Waldeck: Vielleicht ist es eher eine Zwischenbiografie.

Oder eine Werkschau?

Klaus Waldeck: Ja, das dürfte passen!

Was hat denn das Projekt an Türen geöffnet?

Klaus Waldeck: Es hat noch keine Türen geöffnet, aber eine Perspektive geboten. Es hat etwas zu sagen: Man schaut zurück und gleichzeitig in die Zukunft. Bei einer normalen Autobiografie hat man das im Normalfall nicht.

Meine tiefsten Fragen sind damit beantwortet!

Klaus Waldeck: Das fühlt sich nach einer runden Sache an!

Ich danke dir!

Klaus Waldeck: Vielen Dank!

Ania Gleich

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