„Zeitklang im Museum“ Musik im Dialog zur Ausstellung „Baustelle Erinnerung“ – am 31. Juli und 7. August 2026 mit dem Wiener Concert-Verein im vorarlberg museum.
Während der Festspielzeit gibt der Wiener Concert-Verein traditionell zwei Konzerte im vorarlberg museum. Mira Weihs ist Geschäftsführerin des Kammerorchesters und kuratiert die Konzertprogramme. In diesem Jahr setzt sie auf den musikalischen Dialog mit der derzeit laufenden Ausstellung „Baustelle Erinnerung, Hitler entsorgen“. So werde die Musik zum Resonanzraum für „Vergangenes und Zukünftiges – ein Raum für offene Ohren, wache Sinne und für den Mut, sich auf Unbekanntes einzulassen.“
Wie können und sollen wir mit dem speziellen Erbe der damaligen Situation umgehen und wie begegnen wir schwer Belastendem im Allgemeinen? Diese Fragen und Gedanken dienten als Ausgangsüberlegungen für die Werkauswahl. In den beiden Zeitklangkonzerten wenden sich die Musiker:innen nicht der von den Nationalsozialisten verfemten Musik zu. Neue Werke der Gegenwart erklingen, die „die Offenheit der Sinne und des menschlichen Geistes anregen. Sie sollen zeigen, wie wir uns mit Intelligenz, Wissen, Erfahrung und Gefühl mit all unseren Sinnen immer weiter vortasten und uns auf unserem Weg in eine für alle lebenswerte Zukunft begeben“, beschreibt Mira Weihs ihre Intentionen weiter.
Die Rede eines Pazifizisten
Einen Kompositionsauftrag erhielt der in Hohenems lebende Komponist Dietmar Kirchner. Seinem Werk „Weltbühne 1932“ legt er eine Rede des deutschen Journalisten, Schriftstellers und Pazifisten Carl von Ossietzky zugrunde. Er war Herausgeber der Zeitschrift Die Weltbühne, setzte sich für Pressefreiheit sowie Zivilcourage ein und leistete aktiven Widerstand gegen den Militarismus und die Diktatur in den 1920er- und 1930er-Jahren bis zu seinem Tod 1938.
Dietmar Kirchners Werk für Violine und Electronics verteilt und bewegt den Klang im Raum. Dadurch wirken Klänge oft intensiver und lassen mitunter das Gefühl der Desorientiertheit entstehen. Zusätzlich verstärkt wird diese Wirkung durch die Abdunkelung des Raumes.

Sensibel auf die Kommunikation achten
Auch Gerda Poppa erhielt einen Auftrag, um eine direkte Verbindung zwischen den Ausstellungsinhalten im Museum und der Musik herzustellen. Sie konzentriert sich in ihrem Streichquartett „Deine Rede sei ohne Falsch“ auf die „missbräuchliche Nutzung der Kommunikation“. Dadurch sei ein dichtes Geflecht von Lügen, Verharmlosung, Unterdrückung und Aufhetzung entstanden, das mit unglaublicher Akribie gewoben war und dadurch auch so lange Bestand hatte. Mit ihren musikalischen Mitteln möchte Gerda Poppa die Zuhörenden sensibilisieren. Der musikalische Fluss mündet im Finale in ein großes Solo des Violoncellos, das von Martin Luther Kings Rede „I have a dream“ inspiriert ist. „Die Musik hat nichts mit der tatsächlichen Rede zu tun, soll aber die Stimmung und Wirkung dieser lichtvollen Form von Kommunikation vermitteln“, erklärt die Komponistin.
Perspektivenwechsel durch ein Fenster
In „Zeitklang im Museum I“ werden fast ausschließlich Kompositionen von Vorarlberger Komponist:innen präsentiert. Inhaltlich passend erklingt auch „Fenster“ für Violoncello solo von Wolfram Schurig. Erstmals wird die aus Dornbirn stammende Cellistin Hannah Amann dieses anspruchsvolle Werk interpretieren. Die 24-Jährige ist seit vergangenem Herbst erste Solocellistin des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien (RSO). In „Fenster“ nimmt Wolfram Schurig Bezug auf ein Gedicht von Daniela Danz und thematisiert die Grenzen zwischen einem Innen und einem Außen. „Ein Violoncello ist eigentlich ein lebloser Körper. Um diesen zum Klingen zu bringen, muss die Spielerin oder der Spieler das Instrument abtasten. Genau dieses Abtasten bildet ein Fenster in einen Klang hinein“, erzählt der Komponist über das Werk, das hierzulande schon von verschiedenen Interpretinnen zu hören war.
Subtile Formen der Unterdrückung
Das Streichtrio „In the spirit“ von Wolfgang Lindner nimmt auf ein 11-taktiges Fragment von Franz Schubert Bezug. In seiner Weiterkomposition war es Wolfgang Lindner ein Anliegen, Schuberts Seele und das problematische Verhältnis zu dessen Vater zum Ausdruck zu bringen. Mira Weihs möchte mit dieser Hommage an Franz Schubert darauf verweisen, dass es zu anderen Zeiten ebenso mehr oder weniger subtile Formen von Repressalien und deren künstlerische ‚Gegenparts‘ gegeben hat. Dass wir also immer zweifeln, jedoch niemals verzweifeln müssen.“
Während der erste „Zeitklang im Museum“ in kammermusikalischen Besetzungen zu erleben ist, tritt der Wiener Concert-Verein beim zweiten Zeitklang-Konzert in Streichorchesterbesetzung auf.
Eine Einladung zur aktiven Teilnahme und Teilhabe

Einen partizipativen Ansatz verfolgt das Orchester mit Florian Hechers Werk „Bregenz“ aus seiner „Österreich-Suite“ für Klavier und Streichorchester. Der vielfach ausgezeichnete, niederösterreichische (Film-)Komponist Florian Hecher reiste im Zuge der Werkentstehung und in einer Phase der Sinnsuche und Neuorientierung nach Bregenz. Rückblickend bezeichnet er den Aufenthalt als eine „Oase des Glücks inmitten einer Wüste“.
Florian Hecher hat ein Audio-Format des neu komponierten Werkes angefertigt und lädt alle ein, die Musik zu hören und die akustischen Eindrücke in Form von Fotos oder kurzen Handyvideos zu „verbildlichen“. Die eingereichten optischen Erlebniswelten werden bei der Uraufführung in Form eines „Films“ zur live vorgetragenen Musik in Beziehung gestellt. „Diese gemeinsame gesellschaftlich verbindende Arbeit mit Achtsamkeit und Liebe kreiert, empfinden wir als einen Schritt bei der Schaffung von demokratischem Bewusstsein und als Gegenkonzept zu seltsamen Auswüchsen verirrten diktatorischen Denkens und Tuns, wie man sie in der Ausstellung betrachten kann“, betont Mira Weihs.
Silvia Thurner
Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, im Juli 2026 erschienen.
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Termine:
Freitag, 31. Juli 2026, 18:30 Uhr
Zeitklang im Museum I
vorarlberg museum
Musiker:innen des Wiener Concert-Vereins
Werke von Dietmar Kirchner (UA), Wolfram Schurig, Wolfgang Lindner und Gerda Poppa (UA)
Freitag, 7. August 2026, 18:30 Uhr
Zeitklang im Museum II
vorarlberg museum
Wiener Concert-Verein unter der Leitung von Christian Birnbaum
Werke von Tomaš Svete, Nikolay Orininskiy (UA), Pierre Wissmer und Florian Hecher (UA)
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