„Eigentlich ist alles, was wir machen, eine Coverband von Leuten, die das schon viel geiler gemacht haben“ – CORDOBA78 im Mica-Interview

Zwischen Vorarlberger Bergidylle und dem vernebelten Wiener Club-Morgen danach bringen CORDOBA78 mit ihrem Debütalbum „Afterhour Kaltenbrunnen“ einen Sound zurück, der tief im Blues und Rock vergangener Jahrzehnte verwurzelt ist. Die fünfköpfige Band punktet dabei neben der musikalischen Nostalgie mit einer guten Portion Selbstironie und nimmt die eigene gesellschaftliche Rolle kritisch ins Visier. Mit Katharina Reiffenstuhl sprechen Sänger Carlo Sossella und Gitarrist Tobias Fussenegger über den sehr dezenten Zusammenhang ihres Bandnamens mit dem spektakulären Deutschland-Österreich-Fußballspiel in Cordoba im Jahr 1978, den Spagat zwischen der dörflichen und städtischen Bubble sowie über die anstehende „Muss ich unbedingt verpassen“-Tour.

Seid ihr aktuell in Wien?

Carlo Sossella: In Vorarlberg, also wo wir herkommen. Da schreiben wir am Berg.

Schreibt es sich dort besser?

Carlo Sossella: Ja, da ist man weniger abgelenkt. Es gibt keine Bars und keine Clubs. (lacht)

Hinter eurem Bandnamen steht eine äußerst spannende Metapher. Könnt ihr kurz erklären, wie ihr darauf gekommen seid?

Carlo Sossella: Es ist eigentlich ein lustiger Zufall. Einerseits ist da natürlich das Fußballspiel und die Tatsache, dass dieser Sieg in Österreich so viel später immer noch mega random zelebriert wird. Und ja, das zeugt halt so ein bisschen davon, dass es typisch österreichisch ist, auf so etwas Kleinem weiter herumzureiten. Und gleichzeitig ist 1978 – da sind wir aber erst später draufgekommen, als wir uns schon auf den Namen geeinigt hatten – Alex‘ Urgroßvater nach Cordoba ausgewandert. Er ist aber nach zwei Jahren auch wieder nachhause gekommen.

Wie seid ihr dann auf die Idee gekommen, dieses Fußballspiel im übertragenen Sinne auf eure Band umzumünzen?

Tobias Fussenegger: Ich kannte das damals gar nicht. Eigentlich war es so, dass wir diese Visuals von dem Fußballspiel hatten. Wir haben bei einem alten Jam-Projekt ein Konzert gespielt und Carlo meinte dann: „Hey, lass das Fußballspiel im Hintergrund laufen. Das sieht cool aus, die haben alle lange Haare“. So in den 70ern haben die Fußball-Dressen auch noch ein bisschen cooler ausgeschaut. Er hat dann so oft dieses Wort gesagt, und weil wir da gerade eh den Namen für das neue Projekt gesucht haben, dachten wir uns irgendwann, dass das eigentlich ein cooler Name für die Band wäre.

Euer Debütalbum heißt „Afterhour Kaltenbrunnen“ und bezieht sich vermutlich auf den Ort, in dem ihr aufgewachsen seid. Wie sieht in Kaltenbrunnen eine typische Afterhour aus?

Carlo Sossella: Dass wir da geboren sind, ist eine Lüge der deutschen Musikindustrie. Die haben das verbreitet. Wir kommen eigentlich aus der unmittelbaren Umgebung von Kaltenbrunnen, aus Dornbirn und Alberschwende. Wir wollten grundsätzlich etwas …

Tobias Fussenegger: … Widersprüchliches.

Carlo Sossella: Widersprüchliches, vielen Dank, Tobias. In der Geschichte von Kaltenbrunnen gab es dort keine Afterhour, da leben halt 70 Leute. Primär wohnen da CEOs von KFZ-Werken in Süddeutschland, die kaufen sich dann da ein Ferienhaus. Und dann gibt’s vielleicht noch so 25 Ureinwohner:innen, die wirklich aus Kaltenbrunnen stammen. Also, das ist ganz, ganz klein. Wir wollten das so ein bisschen verbinden – dieses Hirngespinst, das wir in Wien mit Anfang 20 haben: Man geht irgendwie aus, danach geht man noch in Club, dann hat man immer noch nicht genug und trifft sich so in irgendeinem Raum zum Aftern. Da werden dann Themen besprochen, die auch auf der Platte behandelt werden, also zum Beispiel Herzschmerz, irgendwelche schlimmen Sachen oder auch Politik. Das hat alles in diesem After-Komplex einen Rahmen. Und genau den wollten wir nach Kaltenbrunnen bringen. Das klingt total dumm, aber ist die Story dahinter.

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Ihr habt einen Song rausgebracht namens „Averna Sour“. Stellt der eure Afterhour dar?

Carlo Sossella: Ja, das war quasi der Versuch, das zu simulieren. Lustigerweise ist der Song nüchtern entstanden, wie die meisten Songs für mich.

Habt ihr die Drehlocation für das Musikvideo selbst gebaut?

Carlo Sossella: Nein, unsere guten Freunde von „Was.xyz“ – Niklas Rechfelden, Jonas Ramoser und Lenny Hartmann – sind Bühnenbildner. Die hatten quasi die Idee. Wir haben da die Gemeinde Moosbrunn in Niederösterreich, kurz vor der burgenländischen Grenze, für drei Tage gepachtet. Und dann wurde dieses Dorf evakuiert, wir haben dieses Set gebaut und anschließend 40 Freund:innen eingeladen und da im Moosbrunner Feld eine Party geschmissen. Die hat wirklich stattgefunden, damit es auch wirklich authentisch aussieht.

Der Song erinnert mich vom musikalischen Stil her tatsächlich sehr an BIBIZA. Umso lustiger, dass er vor Kurzem ein Lied namens „Soda Zitron“ rausgebracht hat.

Carlo Sossella: Das ist ehrlich mega lustig, weil er quasi bei „Averna Sour“ mitgeschrieben hat. Wir haben dafür das Meiste von „Soda Zitron“ geschrieben. Also ich trinke ja auch fast gar nicht, das Soda Zitron ist eigentlich viel mehr mein Drink. Er hat mir dann „Averna Sour“ geschrieben. Wir sind auch Nachbarn. An der Stelle: Shoutout an Franz.

Euch werden generell einige Ähnlichkeiten mit anderen Künstler:innen, darunter auch ANNENMAYKANTEREIT, nachgesagt. Sind das Inspirationen oder ist das reiner Zufall?

Carlo Sossella: Also ANNENMAYKANTEREIT haben wir alle eher recht wenig gehört.

Tobias Fussenegger: Ich schon ein bisschen. Aber ich glaube, das Main-Ding ist Carlo‘s Stimme.

Carlo Sossella: Voll, also ich denke, sobald man im deutschsprachigen Raum eine bisschen rauchige Stimme hat, wie das meine Gesangslehrerin nennen würde, dann wird man halt schnell in diese Schublade reingesteckt. Ich check’s natürlich, aber das ist auf jeden Fall null unsere Main-Inspo. Eher im Gegenteil: Wir sind viel mit so 60er und 70er aufgewachsen, eher Richtung Blues und Rock.

Ganz grundsätzlich muss man ja sagen, ihr seid äußerst breit aufgestellt, was die Musik und den Stil angeht. Welche Richtung taugt euch persönlich am meisten bzw. wie viel Unterschiedliches funktioniert da in einer fünfköpfigen Band?

Carlo Sossella: Ich glaube, der gemeinsame Nenner ist Blues. Das finden wir alle saugeil und das ist auch irgendwie die Antwort auf viele musikalische Fragen. Eigentlich ist alles, was wir machen, eine Coverband von Leuten, die das schon viel geiler gemacht haben, wie ARETHA FRANKLIN oder JIMI HENDRIX.

Tobias Fussenegger: Oder SIXTO RODRIGUEZ.

Carlo Sossella: Oh ja. Es ist eigentlich komplett sinnlos, jetzt noch Musik zu machen nach denen.

Bild der Band Cordoba78
Cordoba78 © Xenia Snapiro

Das wird dann auch auf der Afterhour gehört?

Carlo Sossella: Ja, auf jeden Fall. Aber Musikhören wird dann halt auch irgendwie zum Beruf. Sobald irgendwas ein Beruf ist, macht es eigentlich in der Regel keinen Spaß mehr. Da sind wir jetzt auch draufgekommen.

Macht’s euch noch Spaß?

Carlo Sossella: Ja, bisschen.

Fühlt sich zumindest nicht nach 9 to 5 an, oder?

Carlo Sossella: Das Geile ist, es ist eher so die ganze Zeit, außer wenn man schläft. Das ist voll gut, weil dann hat man auch keine Zeit, zu viel darüber nachzudenken.

Tobias Fussenegger: Quasi ein 24/7 dann.

Carlo Sossella: Ja, aber auch nicht ganz, ich schlafe auch in der Regel siebeneinhalb Stunden am Tag.

Tobias Fussenegger: Ja, dann eher 20.

Carlo Sossella: 24 minus 7,5 ergibt nicht 20. Das wären 16,5.

Tobias Fussenegger: Ah, ja, sorry, ich habe gedacht, ein Tag hat 27 Stunden. Aber es fühlt sich auch nicht an wie Arbeit für mich. Man kann das machen, was man eh am liebsten macht, und Musik hören ist jetzt mal keine Arbeit, und Musik machen in Wirklichkeit auch nicht. Das Einzige, was halt irgendwo da reinfällt, ist auf Konzerte zu fahren und die zu spielen. Was im Endeffekt aber auch geil ist.

Carlo Sossella: Ich sehe das mehr wie so eine Klassenfahrt eigentlich. Ich glaube, Schule ist da so das Ähnlichste zum Musikerdasein.

Tobias Fussenegger: Oder eine Pension mit ganz viel Aktivität.

Carlo Sossella: Voll, ja. Aber zum Beispiel unser Bassist, der war ja im früheren Leben Professor an der TU Wien und hat da im Fachbereich Fertigungstechnik unterrichtet. Er meinte, dass die Vorlesungen mit den Studierenden ein recht ähnlicher Vibe sind. Aber keine Ahnung, ich hab‘ nicht studiert.

„ICH GLAUBE, ES IST DIE PFLICHT DER KUNST, SICH MIT SEINER UMGEBUNG, MIT SEINEN PRIVILEGIEN AUSEINANDERZUSETZEN“

Neben diesen Anekdoten aus eurem Leben findet sich in manchen Liedern wie so oft auch Gesellschaftskritik. Habt ihr das Gefühl, das ist ein Generationending, dass vor allem junge Leute das in der Musik verarbeiten?

Carlo Sossella: Ich glaube, es ist die Pflicht der Kunst, sich mit seiner Umgebung, mit seinen Privilegien auseinanderzusetzen und eine Stimme zu finden. Und ich glaube, das ist auch das Bare Minimum. Also ich möchte uns da nicht positionieren und sagen „Wir sind die Allergeilsten und haben etwas verstanden, was andere nicht verstanden haben“. Ich kann jetzt hier ein paar Standardfloskeln sagen, aber ich denke, das begreift auch jeder so, dass es enorm wichtig ist, sich schlau zu machen und zu checken: Ja, wir sind fünf weiße Typen und für uns ist das Leben tendenziell viel geiler als für 99,9% der anderen Menschen. Es geht auch beim Album darum, das zu verstehen und auch zu kritisieren – auch sich selbst zu kritisieren. Ich glaube, es wird viel Kritik an anderen geübt, aber an sich selber meist ganz selten. Das ist so ein bisschen verloren gegangen. In der Bibel steht ja auch irgendwas von „wer als Erstes den Stein wirft“ oder so ähnlich.

Gibt es da ein Stadt-Land-Gefälle bei den Thematiken, wenn man jetzt eure Erfahrungen in Wien und Vorarlberg vergleicht?

Carlo Sossella: Hundertprozentig. Ich glaube, das ist noch viel rückschrittiger hier, haben wir auch jetzt wieder hier gemerkt. Generell ist es in Vorarlberg so, da gibt’s einerseits total progressive, tolle Leute, die auch geilen Shit machen. Aber gleichzeitig sind Strukturen auch noch nicht aufgebrochen und da findet der Prozess einfach viel langsamer statt. Wir nehmen uns da ja auch gar nicht raus. Aber wenn man durch eine große Stadt wie Wien geht, ist das ein großer Lernprozess, bei dem man viele Sachen checkt. Das finde ich enorm wichtig und deswegen bin ich sehr froh, dass wir mittlerweile viel Zeit in Wien verbringen. Gleichzeitig müssen aber auch die Leute in der Stadt begreifen, dass am Land nicht jeder ein faschistischer Bauer ist, der mit seiner Cousine verheiratet ist. Das ist auf der Gegenseite einfach genauso wichtig zu verstehen. Sodass am Ende alle ein bisschen mehr voneinander begreifen.

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Was sich durch alle Songs am Album zieht, ist eine gewisse Dramatik, würde ich behaupten. Muss Musik heutzutage dramatisch sein, dass sie funktioniert?

Carlo Sossella: Unsere funktioniert ja gar nicht mal so krass, wenn man sich die Streamingzahlen so anschaut, also vielleicht sollte sie wesentlich undramatischer sein, damit sie funktioniert. Aber Drama ist auch irgendwie geil. Ich habe früher viel Seifenopern geschaut, um einzuschlafen. Die sind immer total künstlich dramatisiert und ich fand das damals schon ultra faszinierend. Auch Jurassic Park fand ich mal krass. Dadurch bündelt sich das dann auch einfach in unseren Liedern.

Im Herbst beziehungsweise im Winter geht’s auf Tour. Aus welchen Gründen muss man diese Shows unbedingt verpassen?

Carlo Sossella: Also einerseits ist es relativ teuer, das Ticket kostet glaube ich schon rund 25 Euro. Dann wird man dort – nüchtern hält man das ja nicht aus – schätzungsweise fünf Bier brauchen. Im Durchschnitt kostet ein Bier wahrscheinlich 5,25 Euro, das sind schon mal Fuffi. Dann Zigaretten vielleicht noch, 60, Anreise hin und zurück mindestens 100 Euro. Das steht einfach nicht für das, was man bekommt.

Tobias Fussenegger: Erklär mal, was man bekommt.

Carlo Sossella: Was man bekommt, ist eine richtig geile Rock’n‘Roll-Show. Da kann man sich selbst sein, man kann mittanzen, mitsingen. Und wir sind auch da. Aber es ist primär der Preis, warum ich das komplett verstehe, wenn jemand sagt, „muss ich verpassen“. Deshalb bieten wir auch aktiv an, das zu verpassen.

Sehr zuvorkommend, euer Reverse Marketing. Wie besonders sind die Shows für euch, wenn es die erste eigene Tour ist?

Carlo Sossella: Das ist schon mega geil.

Tobias Fussenegger: Ich glaube, wir können uns das ja noch gar nicht vorstellen, weil wir das ja noch nie gemacht haben. Aber in meiner Vorstellung ist es einfach wie bisher Konzerte zu spielen, nur noch mal bisschen geiler, weil die Leute auch die Lieder kennen.

Carlo Sossella: Wir haben letztens eine Show gespielt, auch eine eigene. Und da kam ein Typ aus England, er hieß John, und ist extra angereist für dieses Konzert. Das war so krass, der konnte mitsingen und kam nur für uns und eine andere deutsche aufstrebende Band.

Tobias Fussenegger: War auf jeden Fall ein echt schönes Erlebnis.

Danke euch für das Interview!

Katharina Reiffenstuhl

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Cordoba78 live:
05.11. Braunschweig, Pauls Boutique
06.11. Bremen, Schlachthof
07.11. Berlin, Lark
08.11. Hamburg, Hebebühne
09.11. Köln, Helios37
11.11. Leipzig, Naumanns
12.11. Wiesbaden, Kesselhaus
13.11. Stuttgart, Wizemann Studio
14.11. München, Milla (SOLD OUT)
18.11. Graz, Postgarage
19.11. Salzburg, ARGEkultur
20.11. Innsbruck, Bäckerei
21.11. Linz, Posthof
25.11. Wien, WUK
28.11. Zürich, Exil
29.11. Thun, Mokka
30.12. Dornbirn, Spielboden

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