„Du kannst dich nicht nackt auf die Bühne stellen und dich selbst verschenken.“ – THIRSTY EYES im mica-Interview

Beeinflusst von Punk, Country und anderen Sparten der Musikgeschichte beweist THIRSTY EYES, dass Popmusik im Jahr 2017 auch ohne Weichspüler funktioniert. Nachdem ANKATHIE KOI vergangenen Sommer der Band ihr Liebesgeständnis live on stage verkündete und THIRSTY EYES die Partymeute des WIENER POPFESTES erfolgreich in Ekstase versetzt hatte, schloss sich nun auch SWANS-Legende KRISTOF HAHN der Truppe an und bestätigt abermals, dass es sich hierbei wohl um etwas mehr als einen geglückten Garage-Sound handelt. Julia Philomena traf THIRSTY EYES zum Gespräch.

Wie ist Thirsty Eyes vom Projekt zur Band gewachsen?

Samuel Ebner: Begonnen zu musizieren habe ich schon als kleines Kind. Nach dem Schulabschluss im Ausland ging es zurück nach Wien und relativ bald habe ich das Bedürfnis bekommen, live zu spielen. Nach ungefähr zwei Jahren kam der Punkt, an dem Gitarre und Gesang auf einmal nicht mehr ausreichend waren und eine Band her musste. Angefangen hat es mit einem Schlagzeuger. Früher oder später kam es dann zu gleich zwei glücklichen Zufällen und ich traf auf Philipp Moosbrugger [Bass; Anm.] und Matti [ehem. Gitarre; Anm.].

Im Sommer 2015 sind wir in dieser Besetzung in einem alten polnischen Schloss untergekommen, um zu proben. Wir sind schnell zusammengewachsen und auf einmal fühlte es sich an wie eine Band, fast wie eine Familie! Anschließend ging es weiter nach Berlin ins legendäre Rauchhaus, in dem in den 80ern schon Rio Reiser, Nick Cave und alle anderen, die damals in Berlin ihr Unwesen getrieben haben, spielten.

Marcin Morga: Im Februar 2016 bin ich in die Band eingestiegen. Wir sind wieder nach Polen gefahren und es war so kalt, dass wir in der ersten Nacht fast das Schloss niedergebrannt haben.

Samuel Ebner: In der Euphorie habe ich ein bisschen zu viel Holz verheizt und zum Glück nur einen Kaminbrand verursacht – ging nochmal alles gut. Im August 2016 hat uns der aus Napoli stammende Vincenzo [Granato; Anm.] im Wiener rhiz gesehen und am nächsten Tag eine vierseitige Kritik geschickt, in der er vor allem bemängelte, dass der Schlagzeuger nicht zur Band passt.

Vincenzo Granato: Und davon konnte ich sie überzeugen …

Marcin Morga: Ich habe Vincenzo als großartigen Sänger und Multiinstrumentalisten kennengelernt [ehem. Soft Power Ensemble of Vienna; Anm.]. Ursprünglich sollte Vincenzo Mattis Lead-Gitarren-Part übernehmen und so kam es zum Vorspielen.

Vincenzo Granato:Aber gekommen bin ich nur mit Sticks.

Marcin Morga: Nach diesem Umbruch haben wir uns entschlossen, alle bisher aufgenommenen Songs in neuer Besetzung einzuspielen, aufzutreten, um als Band zusammenzuwachsen und uns als solche zu etablieren.

„Die Persönlichkeiten der Musiker haben mich sehr begeistert, weil sie alle so stark zu spüren waren.“

Vincenzo, Sie haben zwei Konzerte von Thirsty Eyes gesehen, bevor Sie Ihre Kritik abgeschickt haben. Was hat Ihnen, abgesehen vom damaligen Schlagzeuger, noch so gefallen?

Vincenzo Granato:Obwohl ich deutlich älter bin als der Rest der Band und auch der überwiegende Teil unseres Publikums, habe ich mich auf die Atmosphäre und die Stimmung konzentriert. Die Persönlichkeiten der Musiker haben mich sehr begeistert, weil sie alle so stark zu spüren waren. Mir hat beispielsweise gefallen, wie leidenschaftlich Philipp am Bass mit Arrangement, Technik, Sound, eigentlich mit allem umgeht. Aber die Musik, die Songs an sich, waren der Grund, warum ich gerne selbst Teil von Thirsty Eyes werden wollte. Wie Marcin schon erwähnt hat, komme ich vom Gesang. Der war also ausschlaggebend für meine Begeisterung. Das hat seit Generationen Familientradition. Das erste Album meiner Verwandten, die als Emigranten nach Amerika geflohen sind, wurde 1913 in New York auf Schellack veröffentlicht.

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Marcin Morga [lacht]: An dieser Stelle möchte ich auch gerne sagen, dass ich polnischer Aristokrat bin und mein Urururgroßvater, ein berühmter Maler, der erste Mensch war ist, der zwei Pinsel aneinanderband.

Vincenzo Granato: Ja, Sänger wäre ich auch wirklich gern bei Thirsty Eyes geworden, aber ihr hattet ja schon diesen jungen, sehr temperamentvollen Mann. Wirklich gestört haben mich tatsächlich nur die Schlagzeuger – bei den Konzerten, die ich gesehen habe, spielten immer andere Drummer. Die haben mich nicht überzeugt und konnten mit der Situation nicht mithalten, aber vor allem nicht mitfühlen.

Wird Thirsty Eyes in Zukunft auf wechselnde Gastmusiker verzichten?

Marcin Morga: Wir vier, Samuel, Phillip, Vincenzo und ich, sind jetzt die Band. Wenn es sich ergibt, dann arbeiten wir gerne mit anderen Musikern zusammen, aber es ist kein Konzept, dass jeder kommt und geht, wie das früher – ungewollt – war.

Samuel Ebner: Das passiert ähnlich zufällig wie Coversongs. Wenn etwas gut funktioniert und sich richtig anfühlt, dann machen wir’s. Das kommt alles sehr intuitiv.

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Kristof Hahn [SWANS, Les Hommes Sauvage; Anm.] gekommen?

Samuel Ebner: Im Februar 2016 haben wir in Berlin in der 8MM-Bar gespielt. Werner und Doris Schartmüller vom Wiener Plattenladen „Rave Up“ haben Kristof Hahn Bescheid gegeben, ihm empfohlen, vorbeizuschauen, und er ist gekommen. Eine Woche später bekam ich eine Nachricht von ihm, in der stand, dass er gerne mit uns zusammenarbeiten würde. Im Mai wird das Album dann hoffentlich rauskommen, mit Kristof als Special Guest an der Lap-Steel-Gitarre.

„Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich: Manche waren irritiert, manche amüsiert und manche sind wortlos gegangen.“

Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert?

Samuel Ebner: Wir haben davor noch nie mit Produzenten gearbeitet und hatten demnach keine Erwartungen. Kristofs jahrzehntelange Erfahrung, sein jugendlicher Ehrgeiz und virtuoses Lap-Steel-Geschrammel eröffneten bis dato unbekannte Türen.

Vincenzo Granato: Als ich in die Band einstieg, herrschte eine Umbruchstimmung. Wir mussten alle so schnell wie möglich einen Weg finden, die neuen Elemente und Ebenen zu harmonisieren. Von allen Seiten herrschte Druck. Ich musste einen Zugang finden und die anderen wollten, dass dieser lange Wunsch nach einer stabilen Band endlich aufgeht und die Platte rauskommt. Dabei war Kristof als professioneller Motor sehr hilfreich. Magisch für den Teamgeist war dann auch das Oktober-Konzert im Wiener fluc.

Samuel Ebner: Wir haben uns ausgemacht, dass Vincenzo vor dem Gig als Pick-up-Line ein zehnminütiges Mantra abhalten soll. Er ist allein auf die Bühne gekommen, ganz in Weiß mit einer Hare-Krishna-Glocke. Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich: Manche waren irritiert, manche amüsiert und manche sind wortlos gegangen. Das fand ich spitze. Als wir dann in voller Anzahl auf der Bühne standen, wir die Instrumente gestimmt haben und langsam die erste Nummer begonnen hat, war die Meute schon in Bewegung, aber wie.

Sie haben in Wien öfters im rhiz, im Chelsea und im fluc gespielt. Und auch in internationalen Lokalen der Subkultur-Szene sind Sie aufgetreten. Welchen Stellenwert hat diese Szene für Sie?

Marcin Morga: Ich befürchte, Subkultur als solche geht unter. Alles verschwimmt miteinander, alle sehen gleich aus, interessieren sich für dieselben Sachen und schlagen dieselben Wege ein.

Samuel Ebner: Ich weiß aber nicht, ob das etwas Schlechtes ist. Es hat sich schon immer jeder um Zugehörigkeit bemüht. Vielleicht bringt uns diese beige Neuzeit einander näher.

Marcin Morga: Oder wir sterben. Ich muss aber auf jeden Fall sagen: je mehr Leute, desto mehr Spaß. Jeder Musiker, der das verneint, ist ein Lügner. Viele Reaktionen, ob gute oder völlig gehässige, sind das Schönste, was uns passieren kann.

Wie verläuft bei Thirsty Eyes eine Live-Show?

Samuel Ebner: Es gibt Bands, die schon einen Monat vor der Show an der Setlist arbeiten, das tun wir auch. Trotzdem passiert es regelmäßig, dass ich zwei Stunden vor dem Auftritt – manchmal auch während der Show – alles Mögliche ändere. Nicht aufgrund schlechter Vorbereitung. Vielmehr geht es darum, sich in kein Eck drängen zu lassen. Schon gar nicht von einem selbst. Daher versuche ich, meinen Impulsen intuitiv zu folgen.

Marcin Morga: Deswegen proben wir auch so, dass wir jeden Song zu jeder Zeit und in jedem Zustand spielen können. Mit dem Samuel was auszumachen ist halt so eine Sache [lacht].

Welche Themen sind für Thirsty Eyes inhaltlich relevant?

Marcin Morga: Ich finde Samuels Texte erinnern immer auch an Märchen. Er hat ein unglaubliches Talent, Geschichten zu erzählen und diese dann in den kraftvollsten Varianten vorzutragen. Der Vergleich mit dem Projektor passt gut. Du kannst dich nicht nackt auf die Bühne stellen und dich selbst verschenken. Ohne Maske, ohne Schutz zerfällst du.

Musikalisch variieren wir sehr, es gibt traditionelle Rock-’n’-Roll-Strukturen, Anlehnungen an Punk etc. Wir teilen unsere Musik auch nicht gerne einem Genre zu, manchmal sage ich „Post-Country“ oder „Future-Soul“, abhängig von meiner Laune. Aber das ist alles ein Scherz, wer braucht denn ein Genre?

Samuel Ebner: Von inhaltlicher Relevanz ist mit ein bisschen Glück höchstens dieses Interview. Aber auch das bezweifle ich. Die Musik betreffend denke ich, dass es weder Inhalt noch Ideen braucht, um Freude an der Sache zu finden. Wie unter anderem auch schon Wild Billy Childish gesagt hat: „Die Idee ist das Musikmachen an sich.“

Was kann man sich vom bevorstehenden Album erwarten?

Marcin Morga [lacht]: Eine LP!

Vincenzo Granato: Gute Musik kann man sich erwarten! Nur darum geht’s. Freut euch!

Samuel Ebner: Ehrlich gesagt: Keine Ahnung, was ihr euch schon wieder erwartet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Julia Philomena

 

Thirsty Eyes live
24.02. Brut, Wien

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