"Die unbegrenzte Verfügbarkeit beeinflusst die Wertschätzung" – Ken Hayakawa (Schönbrunner Perlen) im mica-Interview

Ken Hayakawa gilt schon längst als bekannter Protagonist der elektronischen Musikszene Österreichs, die er nicht nur als DJ und Produzent, sondern auch durch von ihm programmierte Releases der “Schönbrunner Perlen” mitgestaltet. Im Gespräch mit Lucia Laggner erläutert er Strukturen und Hierarchien des Labels, den individuellen Vorteil eines derartigen Gefüges, charakterisiert den hauseigenen Sound und die verschmelzende Beschaffenheit von Bild und Ton. Ganz nebenbei bezieht er Stellung zu den Gretchenthemen Platz-, Geld- und Gendermangel, und beweist, dass er nicht nur gerne, sondern vor allem ausgesprochen reflektiert, durch die österreichische Musiklandschaft wandert.

Eine Labelgründung ist zumindest vorerst eine Entscheidung gegen den individuellen Senkrechtstart. Da gibt es viel zu überlegen und selbst in die Hand zu nehmen, was man sonst an andere weiterreicht. Wird die Produktion zum richtigen Zeitpunkt beim gehypten Label veröffentlicht, dann kann der Erfolg schneller an die Türe klopfen als gedacht. Nimmt man die Sache selbst in die Hand, dann wählt man einen Weg, der den Support heimischer, befreundeter MusikerInnen miteinbezieht. Wie stehst du zu dieser Entscheidung? Gibt es Momente, in denen du an der kollektiven Arbeit zweifelst und auch mal einfach alleine weiterarbeiten willst?

Ken Hayakawa: Der Vorteil eines Teams ist, dass man viel voneinander lernen kann. Jeder hat eine andere Herangehensweise. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer besser ist, wenn man Menschen um sich hat, die einen beeindrucken und inspirieren. Natürlich ist der Weg alleine auch möglich, allerdings mit mehr Aufwand und vermutlich auch weniger Spaß verbunden. Der Nachteil in einer Gruppierung und auch Interessengemeinschaft ist, dass man es kaum jedem recht machen kann. Man muss aufeinander eingehen. Ich habe über die Jahre erfahren, dass innerhalb eines Labels tatsächliche Demokratie funktioniert. Eine gemeinsame Vision zu finden und umzusetzen, führt oftmals zu einem kollektiven Kompromiss, der sich aus vielen Kompromissen zusammensetzt. Als ich noch bei “Flexschallplatten” mitgearbeitet habe, waren in die Entscheidungen für den nächsten Release immer alle eingebunden. Ich hatte oft das Gefühl, dass zu viele Köche auch in diesem Fall den Brei verderben können. Bei den “Schönbrunner Perlen” war es mein Vorschlag, mich um die musikalische Linie zu kümmern.

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Was passiert, wenn neue Tracks zum Release zur Verfügung stehen? Wieviele Ohrenpaare widmen sich dem Track?

Ken Hayakawa: In regelmäßigen Listeningsessions im Studio versammeln sich 10-15 Leute, die gemeinsam gemütlich Wein trinken und die Stücke anhören. Wenn ich glaube, dass ich Musik gefunden habe, die wir für das Label verwenden könnten, dann spiele ich es den anderen vor und beobachte die Reaktionen. Insgesamt läuft das sehr locker ab. Wir sind uns schon auch recht ähnlich und vertreten ein gemeinsames Gefühl von Musik.

Was ist das für ein Gefühl von Musik, das ihr vertretet?

Ken Hayakawa: Es lässt sich anhand des Namen Schönbrunner Perlen gut erklären. Die Musik soll schön, deep und perlig klingen. Das Lebensgefühl, das diesem Sound entspricht, entspringt unseren Gemütern. Wir sind keine verkopften Typen. Ich betrachte Musik als etwas animalisches und instinktives. Auch wenn wir im Studio mal herumfreaken und uns hineinsteigern, geht es uns darum, dass sich ein Stück Musik gut anfühlt.

Die Schönbrunner Perlen gelten als Multimediales Label und damit als Verband, der sich nicht nur auf das Auditive beschränkt. Dient der visuelle dem auditiven Part? Sind die Artworks Hülle (etwa Plattenhülle) für die musikalischen Werke oder gibt es eine eigenständige Linie der Schönbrunner Perlen, die sich bewusst dem Visuellen widmet?

Ken Hayakawa: Grundsätzlich soll es so sein, dass Künstler, die grafischen Content liefern, eine Einheit zwischen Bild und Ton schaffen. Wir lassen den Künstlern freien Lauf und greifen auch nicht ein, wenn es einmal nicht ganz unseren Geschmack trifft, aber natürlich ist es wichtig, dass der Künstler das Stück Musik hört, reflektiert und als Inspiration für das eigene Werk annimmt. Da ich selbst sehr viel mit Malern und Grafikern unterwegs bin, hatte ich schon relativ zu Beginn der Schönbrunner Perlen den Einfall, von ihnen unsere Covers entwerfen zu lassen. Schön und auch ein Ziel ist es, wenn wir irgendwann eine Ausstellung mit unseren Plattencovers auf die Beine stellen könnten. Ich finde, dass Bild und Ton sich ergänzen und in Zukunft noch stärker miteinander verschmelzen werden. Natürlich ist es auch Sinn der Sache, sich zu vernetzen und neue Leute durch die bildnerische Kunst kennen zu lernen.

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Ein Label stellt eine Heimat für Kunst und Kunstschaffende dar. Als Kulturbetrieb kann es sich nur schwer aus eigener Tasche finanzieren. Wie wichtig sind die Förderungen aus öffentlicher Hand und durch Sponsoren. Woraus setzt sich eure Finanzierungsgrundlage zusammen?

Ken Hayakawa: Für die letzte Platte haben wir um Förderung angesucht, allerdings ist es mir persönlich fast lieber keine Verpflichtungen gegenüber Dritten zu haben. Meistens sind wir dadurch an Deadlines und Bürokratie gebunden. Das hat auch schon dazu geführt, dass wir Releases eilig fertig machen mussten, weil ein Termin fixiert war. Das kann dem Produkt und der Kunst schaden. Auf der anderen Seite ist eine Förderung für große Projekte natürlich hilfreich. Die meisten von uns sind selbstständig und haben nicht allzu viel Geld für Investitionen in petto. In unserem Business geht sich momentan, finanziell betrachtet, alles nur knapp aus. Man verdient, was man zum Leben braucht und größere Investitionen werden zur Herausforderung. Privatsponsoren hat es bei vergangenen Projekten auch schon gegeben. Heute ist das eher selten geworden. Zieht man größere Sponsoren an Land, dann ist es üblich auf den Releases und vielleicht sogar bei Veranstaltungen für die Firma zu werben. Darauf stehen wir gar nicht. Ziel ist es, dem Konsumenten den geistigen Freiraum zu lassen, sich auf die Kunst konzentrieren zu können.

Was wäre für dich ein wünschenswerter Weg. Wo siehst du in der Zukunft Geld in diesem Business?

Ken Hayakawa: Eigentlich am ehesten durch Synchronisationsrechte und streaming. Wir sind gerade dabei, auch im Fernsehen Fuß zu fassen und haben zum TV ganz gute Kontakte geknüpft. Mir wäre es am liebsten, wenn es durch die Synchronisationsrechte funktioniert, da gerade im Musikverkauf kaum noch Geld zu holen ist. Man wird sehen, wie sich dieser Zweig entwickelt und ob, etwa im Internet, bald Streaminggebühren anfallen. Die Releases rechnen sich zwar finanziell nicht, führen aber zu neuen Aufträgen für Auftritte. Das heißt aber auch nicht, dass ich gerne drei Mal in der Woche auf der Bühne stehen will, um irgendwie mein Geld zu verdienen. Am liebsten wäre mir, wenn sich meine Sachen irgendwann durch eine Mischung aus Studioarbeit, Bühne und Synchronisationsrechten finanziert, damit das Auflegen mehr Leidenschaft und Spaß bleibt.

Ein Grazer Musiker, Produzent und Labelbetreiber hat in einem Interview zu mir gesagt, dass er die Musik mit dem Salz vergleicht. Die Geschichte hat für beide Stoffe Zeiten vorgesehen, in denen sie ein kostspieliges Gut darstellen. Eines davon wirft man heute als Streusalz auf die Straße. Eine nicht uninteressante Analogie. Mit einer Single konnte man noch in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhundert finanziellen Erfolg einfahren. Innerhalb von 15 Jahren hat sich viel verändert. Wie beobachtest du diese Entwicklung?

Ken Hayakawa: Ich glaube, dass es viel mit Wertschätzung zu tun hat. Früher ist man, um die gewünschte Musik zu hören, in den Club gegangen. Über den Plattenhändler deines Vertrauens, bist du zu neuen Nummern gekommen. Das war nicht einfach, weil es oft nur limitierte Stückzahlen gegeben hat. Jedes einzelne Stück war etwas besonderes. Durch die Quantität hat sich die Wertschätzung verändert. Fast jedes Kind hat ein Handy mit Internetzugang. Nahezu jedes Stück Musik lässt sich innerhalb von Sekunden finden und anhören. Musik hören ist zum passiven Zeitvertreib geworden. Das Konsumverhalten des Menschen hat sich grundlegend verändert. Wenn man zu Hause vor dem Fernseher hängt, richtet man die Aufmerksamkeit selten nur auf dieses eine Medium, sondern man surft parallel am I-Pad und downloaded am Computer oder Handy. Man macht kaum noch etwas bewusst, sondern das meiste nur nebenbei. Die unbegrenzte Verfügbarkeit beeinflusst die Wertschätzung.

Sieht man von einer Handvoll nennenswerten Protagonistinnen ab, ist die österreichische Elektronikszene weiterhin eine Männerdomäne. Auf die Gefahr hin, dass sich diese Frage erschöpft, werde ich nicht müde, sie zu stellen. Woran kann das liegen?

Ken Hayakawa: Im Gesamten betrachtet ist der komplexe Mensch, wenn man das Verhalten betrachtet, auf evolutionsbedingte Veränderungen gestossen, wobei sich der Hirnstamm kaum verändert hat. Das Verhalten baut wahrscheinlich auf Instinkte auf, die emotional gesteuert sind und in der Vergangenheit war alles immer Männerdominiert. Mittlerweile hat sich das Bewusstsein verändert und wir stecken ununterbrochen in einer Evolutionsphase. Das ist jetzt sehr philosophisch betrachtet und jeder kann das jetzt verstehen wie er will, irgendwann wird das von dir Angesprochene kein Thema mehr sein, da bin ich mir sicher!

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mica – Music Austria feiert dieses Jahr 20-jähriges Bestehen. Ein Anlass um sich unter anderem dem Ansatz “Musik braucht Raum” zu widmen. Wie steht es um den Raum für heimische Labels, Produzenten und Djs? Gibt es genug Clubs, genug Räume sich zu begegnen und auszutauschen? Wie nimmst du das wahr?

Ken Hayakawa: In Wien sind die Räume sehr teuer. Wenn man sich ein externes Studio einrichten will, dann muss man definitiv das nötige Kleingeld auf der Seite haben. In einem Kollektiv gestaltet sich das schon leichter, weil man gemeinsam Räume mieten und die Technik zusammentragen kann. Gewisse Kollektive, die mich inspirieren, leben in einem Gebäude, ergänzen sich und bauen sich einen gemeinsamen Raum auf. In Wien gibt es kaum oder zu wenige Häuser, die extra für Künstler zur Verfügung gestellt werden. Das wäre aber ungemein wichtig, um Kunst aufeinandertreffen zu lassen. Clubs gibt es in dem Sinn genug.

Das habt ihr auch schon selbst probiert.  

Ken Hayakawa:
Stimmt, das haben wir bereits versucht. Im “Market” hatten wir Probleme mit den Nachbarn, da in Wien auch alles auf sehr engen Raum gebaut ist. Leider gibt es nur wenige Plätze, an denen man nicht mit Anrainern zu kämpfen hat.

Wo geht die Reise der Schönbrunner Perlen hin? Was sind eure Pläne?

Ken Hayakawa:
Die nächsten zwei Releases stehen schon in den Startlöchern. Einerseits von “Oberst & Buchner” und andrerseits von “Johann Johannsson”. Beide sind wahnsinnig gut geworden. Ich würde sogar behaupten, dass wir noch nie so starke Releases mit derartig selbstständigen Tracks hatten. Im September folgt unser Showcase im Ritter Butzke in Berlin, dann haben wir noch unsere “Schönbrunner Perlen presents” Reihe im Grelle Forelle Club und Showcases in den anderen Bundesländern. Weiters sind wir dabei, unseren Katalog mit Synchronisationsrechten an Film und Fernsehen weiterzugeben. Ich bin sehr positiv gestimmt und davon überzeugt, dass eine sehr interessante zweite Jahreshälfte vor uns liegt.

Fotocredits: Lukas Gangsterer, Peter Gamusch

 

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