Die TV-Produktion „Staatsoperette“ (1977) und andere Kunstverstörungen.

Das Literaturhaus (Seidengasse 13) öffnete seine Pforten für eine Ausstellung nicht nur über die legendäre „Staatsoperette“ von Otto M. Zykan und Franz Nowotny, eine Erregung und ein Skandal, der bislang nur einmal im ORF ausgestrahlt wurde, sondern auch über andere „Kunstverstörungen“ der 1970er Jahre.  Kuratiert wurde diese Schau von Evelyne Polt-Heinzl und Irene Suchy, gestaltet von Peter Karlhuber. Den Eröffnungsabend gestaltete auch Hubert Christian Ehalt vom Kulturamt der Stadt Wien mit einer Eröffnungsrede mit, Regisseur Franz Novotny stellte sich einem Gespräch und Nikolaus Habjan und Irene Suchy präsentierten Ausschnitte ihrer zur Ausstellung produzierten „Staatsoperette – eine Affäre als Puppenspiel“.

Dieses „Puppentheater“ – es zeigt Vorstufen, Pläne, Gespräche im (Sinowatz-) Ministerium, ungesendete Zwischenspiele, Pressemeldungen und politische Reaktionen aus der Zeit sowie heutige Kommentare der Autoren – wird in voller Länge am 16. und 25. Februar zu sehen sein. Die legendäre TV-Produktion “Staatsoperette” von Franz Novotny und Otto M. Zykan (ORF-Redakteur Hans Preiner, verantwortlicher ORF-Programmchef Franz Kreuzer) sorgte vom Projektbeginn 1975 bis zur Ausstrahlung im November 1977 für aufgeregte Diskussionen in der österreichischen Öffentlichkeit. Zu einem wesentlichen Teil hatte die Erregung mit dem Filmthema zu tun: die österreichische Geschichte der Zwischenkriegszeit bis zum Bürgerkrieg im Februar 1934.

Wegen heftiger Erregung in Parlament, Kirche und Öffentlichkeit wurden weitere Aufführungen gerichtlich untersagt; es gab eine Flut von Anzeigen gegen Otto M. Zykan, schließlich Freispruch durch das Gericht. Aus dem Einladungstext zur Ausstellung: „Die Staatsoperette fällt auch in ein Jahrzehnt der leicht zu staatspolitischen Affären aufgeheizten Kulturkämpfe. Ob Wolfgang Bauers ‚Gespenster’, Helmut Zenkers ‚Kottan ermittelt’, die ‚Alpensaga’ von Peter Turrini und Wilhelm Pevny, Valie Exports Film ‚Unsichtbare Gegner’, das ‚blumenstück’ von Gerhard Rühm oder Herbert Achternbuschs „Das Gespenst”,“ ob die die „Schmetterlinge“ oder Kurti Winterstein, ob Turrini & Pevny oder „Kottan“, die Majestätsehrenbeleidigung Karajans durch den dichtenden damaligen Angehörigen des Unterrichtsministeriums Viktor Herrmann nicht zu vergessen (…“Es scheißt der Herr von K …./ bei jedem falschen Ton sich an / er wascht sein Oasch im Goldlawur / anal sein g’hört zur Hochkultur …“) – „immer schlugen die Wellen des Volkszorns hoch, und rasch reagierten konservative Politiker mit parlamentarischen Anfragen zur ‚widerrechtlichen’ Verwendung von Steuergeldern.“

„Staatsoperetten. Kunstverstörungen.” beleuchtet erstmals und umfassend das kulturelle und kulturpolitische Klima der 1970er Jahre. Eine 100 Meter lange überdimensionierte Filmspirale mit einer „Bilderfolge” zur “Staatsoperette” und ihrer Skandalgeschichte durchquert das gesamte Literaturhaus, sekundiert von 14 Stationen, die die erwähnten Materialien aus den Archiven des Literaturhauses (ausgewählte „Erregungsfälle” der Zeit) präsentieren. Zu den „Staatsoperette”-Autoren Franz Novotny und Otto M. Zykan, präsentiert die Ausstellung bislang noch nie öffentlich gezeigte Dokumente rund um die Produktion und die Rezeption des TV-Films. Möglich wurde das durch die Beiträge der Zykan-Nachlassverwalterin Irene Suchy und durch den dem Literaturhaus schon 2002 zur Verfügung gestellten „Vorlass“ Franz Novotnys.

Widerstand lohnt sich!

Eine launige Begrüßung durch einen Vertreter des Literaturhauses: „Schön, dass so viele gekommen sind, dass wir noch Sessel aufstellen müssen und immer noch nicht alle sitzen können … obwohl diese Staatsoperetten-Präsentation heute Abend mit einem gleichzeitigen anderen wichtigen gesellschaftlichen Ereignis in Konkurrenz steht, dem Opernball. Danke dass Sie zu uns gekommen sind“.

Dann erinnerte Hubert Ch. Ehalt in seiner Rede an das kulturelle Klima der fünfziger und sechziger Jahre in Österreich, an den herrschenden Antimodernismus, den Mief an den Schulen und Hochschulen, die festgelegten Geschlechterrollen, die Proporzkultur der Sozialpartner. Mit einem engagierten Kulturminister wie Fred Sinowatz es war, änderte sich das in den siebziger Jahren allmählich, zuvor auch bereits durch den für Vieles aufgeschlossenen ORF, der eben auch eine „Staatsoperette“ möglich machte. Die „Skandale“ im Bereich Kultur waren zahlreich, aber etliche Bastionen fielen, trotz vielfältigen konservativen Widerstands. Die Gründung wichtiger Zeitschriften, von Gesellschaften, Bewegungen und Vereinen fiel in die 70er („Distel“, AUF, Arena, WUK, Amerlinghaus, Gesellschaft für Kulturpolitik usf. allein in Wien).

Ehalt zitierte Werner Schwab, der sinngemäß gesagt haben soll, wenn man Geschichte nicht differenziert, werde sie vulgär. Dennoch: Es gab – erst nach der Staatsoperette – eine Verfassungsänderung („Freiheit der Kunst“). Angesichts der Neolib-Welle der Neunziger wurde es dann Mode, führte Ehalt weiter aus, dass auch Intellektuelle plötzlich nur mehr von „Kunstmarkt“, „creative industries“, „Coaching“ und Disziplinierung redeten. „Kulturkämpfe“ übelster Sorte gab und gibt es immer wieder („Wollt Ihr Jelinek, Scholten, Peymann, Bernhard oder … Kunst und Kultur“). Schön, den später auch von Novotny aufgegriffenen Schlusssatz Ehalts (immerhin ein wichtiger Beamter der Stadt Wien) angesichts des von ihm angesprochenen wieder neuen Phänomens des „Audimaxismus“ der Studenten zu vernehmen: „Widerstand lohnt sich!“

Otto Zykan zur Staatsoperette: „Wir haben das Stück Operette genannt, weil die … in diesem Medium übliche Überzeichnung der Figuren die Vorgänge in der Weise vereinfacht, die eine plastische Gestaltung zulässt“. Und so können der kleine Hackl-Dollfuß, der Prälaten-Kanzler Seipel (vulgo Schwarz), Rötel Otto Bauer und Wolf-Führer-Oberkanzler Hitler heute noch auftreten. Das heißt, in der Endversion, die Zykan und Novotny nach mühseligen Verhandlungen durchsetzen konnten heißen sie verklausulierter: SCHWARZ, FÜRST (Operettenmilitarist), DUCE (romanischer Prägung, uspr. Muffolini). FÜHRER (selbstbewusster Führer germanischer Prägung) Und so weiter.

Lassen wir am Ende Franz Novotny zu Wort kommen (Textentwurf aus dem Vorlass Nowotnys in der Dokumentationsstelle für österreichische Literatur – Ausstrahlung im ORF konnte nicht belegt werden;  Siehe den lesenswerten Begleitband zur Ausstellung, erschienen im Zirkular-Verlag, Essay von Irene Suchy):

Aus dem STAATSOPERETTEN NACHRICHTENSTUDIO:  

Novotny: Grüß Gott, meine Damen und Herren!
Guten Abend die Kranken und Einsamen.

Sie sahen eben ein Fragment der Staatsoperette die ursprünglich ausführlicher geschrieben, komponiert und geplant war. Infolge gewisser Provinzialismen die in der Natur des Herstellungslandes liegen – und die hier nicht näher beleuchtet werden sollen – konnten diese Absichten nicht voll ausgeführt werden. Aber – wie dem auch sei – dieser Film hätte länger oder kürzer, besser oder schlechter sein können, die Reaktionen einer konservativen Öffentlichkeit wären dieselben gewesen.

140 Seiten umfasst die Pressesammeldokumentation über die Reaktionen zur Staatsoperette mit allen Polemiken, Leitartikeln, Berichten, Leserbriefen und so weiter aus den österreichischen Tageszeitungen vom 11.12.1975 bis zum 12.12.1975! Damit dürfte dieses Programm wohl einen absoluten Rekord in der Dauerberichterstattung zu ein und demselben Anlaß geschafft haben. Interessant ist auch, daß von den 140 Artikeln 50 Seiten alleine auf die Berichterstattung vor der ORF Sendung entfallen. Bemerkenswert.

Otto M. Zykan hat in diesem Zusammenhang die These vom brennenden Hut entwickelt: kaum eine Geschichtsepoche der jüngsten österreichischen Geschichte ist für das Leservolk so vollendet unter einem passenden Hut gedrängt worden, wie die Geschichte der Ersten Republik.“

Carsten Fastner (falter) berichtete 2005 von einem Gespräch mit Novotny und Zykan: „Zykan erzählte von den 1500 Anzeigen, die deswegen gegen ihn erhoben wurden, und von einer drohenden Haftstrafe (zu der es schließlich doch nicht kam).“

Heinz Rögl  

Staatsoperetten. Kunstverstörungen.
Das kulturelle Klima der 1970er Jahre
Eine Ausstellung der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur im LITERATURHAUS Wien mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, NOLL KEIDER Rechtsanwälte, Franz Novotny und der Wissenschafts- und Forschungsförderung der Kulturabteilung der Stadt Wien.

http://www.literaturhaus.at/