Ein umtriebiges Szene-Urgestein meldet sich lautstark zurück: Christian Fuchs schlüpft für sein neues Album „Aura Nera“ in die Rolle des Christian Fetish. Im Gespräch mit Sebastian J. Götzendorfer geht es um „das Böse“, Musik und Film und wie ein schöpferischer musikalischer Prozess trotz dunklen Themen Spaß machen kann. Ein gewaltiges Neo-Noir-Industrial-Album zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Pessimismus und Optimismus sowie Introspektion und Rausschreien – welches nur durch Freundschaften so entstehen konnte.
Wenn man derzeit die Nachrichten verfolgt, scheint „das Böse“ am Vormarsch zu sein im Vergleich zu den 1990ern, in denen Du auch musikalisch aktiv warst. War die Beschäftigung mit dem Bösen damals interessanter – oder ist sie es jetzt?
Christian Fuchs: Ich kann für mich persönlich sagen: das war damals eine relativ entspannte Ära. Natürlich war nicht alles so idyllisch, wie man es im Nachhinein verklärt. Aber die Politik war irgendwie sehr weit weg. Jeder war in seinem eigenen kleinen Mini-Subkultur-Universum, und die große Politik hat manchmal angeklopft, aber man war sehr geschützt. Aus dieser Sicherheit heraus, aus diesem Lebensgefühl heraus, konnte man sich mit besonders dunklen Dingen leichter beschäftigen. Mein Vergleich ist immer: Die schlimmsten Bücher meines Lebens habe ich am Strand gelesen. Wenn die Sonne rundherum scheint, kann man „The Road“ von Cormac McCarthy lesen und runterschlucken. Ähnlich waren die 1990er. Ich habe mich damals mit extrem abgründigen, aus heutiger Perspektive teilweise ultra-desolaten Dingen in der Popkultur beschäftigt – eben aus dieser Sicherheit heraus. Jetzt wirkt die ganze Welt wie eine Dauerbedrohung von allen Seiten. Die Beschäftigung mit dem Abgründigen ist eine komplett andere Sache geworden.
Du warst bereits in den 1990ern mit der Industrial-Rock-Band Fetish 69 aktiv. Damals musste man die Fantasie im Vergleich zu heute eben womöglich mehr ankurbeln in Richtung Böse und Dunkelheit. Heute kriegt man sie präsentiert, sobald man irgendeinen Medienkanal aufmacht.
Christian Fuchs: Ja, und das war vor allem dieses Sicherheitsgefühl, welches einem das manchmal leichter gemacht hat. In den 1990ern schien es für einen kurzen Augenblick so – nach dem Fall der Berliner Mauer –, als wäre die Welt an einem Stillstandspunkt angelangt, aber gleichzeitig etwas sicherer. Und genau, man konnte sich aus diesem Gefühl heraus mit besonders dunklen Dingen beschäftigen, ohne dass es einem wirklich naheging. Während einem jetzt, seit der Pandemie, in dieser ganzen Dekade, so vieles ständig nahegeht.
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„Mein jüngeres Ich war weniger optimistisch aus einer gewissen Koketterie heraus.“
„Aura Nera“ ist – nomen est omen – sehr dunkel. Pessimismus scheint ein Thema zu sein. Wo würdest du dich selbst auf einer Skala von Optimismus zu Pessimismus verorten?
Christian Fuchs: Als die Musik des aktuellen Albums Gestalt annahm, machte ich mir schön langsam weiterführende Gedanken zu Texten. Und dann – sehr undramatisch, im Freibad liegend – ist mir letzten Sommer eingefallen, dass dieses Ding einen Namen braucht. Ich hatte zu Zeiten von Fetish 69 dieses Jugend-Pseudonym, von dem ich mich später distanzierte: Christian Fetish – oder in Wien hat man damals gesagt: der Fetisch Christian.
Im ersten Moment kam mir der Schritt sehr gewagt vor, diesen Namen wieder aufzugreifen, denn es war schon damals eine persona – meine aggressivste und traumatisierteste Seite – und das alles sollte auch nicht aus einer billigen Nostalgie heraus passieren. In Summe bin ich ja nicht mehr dieser Typ. Deshalb trete ich mit dieser Person auf „Aura Nera“ in einen Dialog. Auf jedem Song handle ich neu aus, wo stehe ich jetzt – und wo bin ich damals gestanden?
Daraus resultierend meine Antwort auf die ursprüngliche Frage: Mein jüngeres Ich war weniger optimistisch aus einer gewissen Koketterie heraus, weil es die echten Schläge des Lebens, wie etwa Todesfälle, noch gar nicht erfahren hatte. Und jetzt habe ich einen Grundoptimismus, an dem ich sehr festhalte – der sich schon mit nihilistischen und pessimistischen Richtungen reibt, aber trotzdem in mir verankert ist.
Also ließe sich das so zusammenfassen: Das Album ist ein Dialog zwischen dem optimistischeren Christian von heute und dem pessimistischeren Christian von früher?
Christian Fuchs: Ja. Und ein weiterer zentraler Punkt ist: Ich war immer zerrissen zwischen Rationalität und Irrationalität. Meine Bibliothek ist voll mit Büchern, in denen das Irrationale regiert – abgehobene Philosophien, Metaphysik, Mystizismus. Und ich glaube, ich habe mich über die Jahre verändert. Der radikale Wendepunkt war die Pandemie, wo sehr viele Menschen bewusst in eine komplett irrationale Richtung marschiert sind – und ich die Gegenrichtung einschlug, viel mehr der Naturwissenschaft zuhörte. Diese irrationalen Phasen, die sehr dominant waren in meinem Leben, habe ich danach auf eine neue Weise gesehen. Ich entdeckte die Psychologie neu, der ich früher skeptisch gegenüberstand, folgte der Hirnforschung. Das rationale Hinterfragen von Dingen ist heute zentral für mich.
Das Hinterfragen und die Reflexion ist ja etwas zutiefst Psychologisches. Ist Musik für dich auch ein Ventil, durch das etwas los wirst – oder macht sie dich manchmal noch trauriger, noch existenzialistischer?
Christian Fuchs: Ganz sicher hat die Musik etwas Befreiendes, sowohl im Studio als auch auf der Bühne. Ich bin ja früher tatsächlich nach schwierigen Trennungen sofort ins Studio gefahren, hab mein Geld in Plattenaufnahmen investiert statt in eine Therapie, letzteres hole ich erst jetzt nach. Die Musik ist ganz sicher kein Ersatz dafür, aber da passieren schon Transformationsprozesse. Die Inszenierung ist genau das Befreiende daran. In dem Moment, wo man etwas sehr Negatives und Dunkles nimmt und es in etwas Leidenschaftliches, etwas Schönes, etwas Berauschendes verpackt – dann zähmt man das auch irgendwie. Ich sage jetzt nicht Katharsis dazu, das ist ein zu großer Begriff. Aber Ventil? Definitiv.

Kommen wir wieder konkreter zurück zum Album „Aura Nera“ – wie war hier der Prozess, wie ist das Album entstanden?
Christian Fuchs: Ich bin mal wieder zu meinem Stammproduzent Bernd Heinrauch in die Steiermark ins Studio gefahren. Es ging eigentlich um das geplante vierte Album des Black Palms Orchestra. Wir haben dann in bestimmten Konstellationen – mit Christoph Baumgartner von Fetish 69, Medina Rekic von White Miles – herumexperimentiert und irgendwie hatte ich eine Art Blockade. Ich fand keine Motivation mehr, den cinematischen, etwas country-esken, dunkelrockigen Black-Palms-Orchestra-Style weiterzuführen.
Wir haben dann dieses Universum, das ich dort immer geschaffen hatte, verlassen. Wir sind härter und viel elektronischer geworden. Und das hat wahnsinnig Spaß gemacht – wie eine Befreiung. Es war auch ein Gegensatz zu den Buben im Pelz, meiner anderen aktuellen Band, wo ich eine ganz erdige Rock’n’Roll-Seite ausleben darf. Plötzlich stürzten Bernd und ich uns auf brachiale Electropunk-Sounds. Aus diesen Songs ist dann langsam die Frage entstanden: Was ist das jetzt? Ist das noch Black Palms Orchestra?
„All das, was mich zerfleischt hat und viel mehr Raum eingenommen hat als der eigentliche künstlerische Akt – das wollte ich ausschließen.“
Du bist als Black Palms Orchestra ins Studio gegangen und dann ist dieses Christian-Fetish-Album quasi über dich hereingebrochen?
Christian Fuchs: Ja, genau. Es fühlte sich einfach in meiner Lebensphase, in der generellen gesellschaftlichen Phase richtig an. Was ich von Black Palms Orchestra übernommen habe, ist die spezielle Arbeitsweise. Und die ist folgendermaßen entstanden: Nach Fetish 69, Toxic Lounge, Bunny Lake, der Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune war bei mir der Punkt erreicht, wo ich all diese anstrengenden künstlerischen Diskussionen, die zu Bandstrukturen gehören, nicht mehr führen wollte. Die sind ja sehr zerfleischend und hinterlassen menschliche Beschädigungen.
Bei mir war das so um das Jahr 2012 herum – ich habe dann zwei Jahre pausiert und gedacht: nie wieder. So wie manche nach einer tragischen Trennung denken: Nie wieder lasse ich mich auf eine Beziehung ein. All das, was mich zerfleischt hat und viel mehr Raum eingenommen hat als der eigentliche künstlerische Akt – das wollte ich ausschließen.
Mit dem Black Palms Orchestra, gegründet 2015, fand ich endlich einen Ausweg aus dem Dilemma. Ich dachte mir, ich nenne das Ganze jetzt einfach “Projekt” statt Band. Ich frage meinen riesigen Freundeskreis an Musikerinnen und Musikern, bei diesem Album etwa Wolfgang Schlögl oder Wolfgang Frisch von den Sofa Surfers, ob sie mitarbeiten wollen. Mit einem ganz simplen Deal: Sie kriegen die Komposition, ich habe den Text. Und dann bastle ich im Studio, mit Bernd Heinrauch als künstlerischem Leiter, weiter an den Demos, die ich bekomme. Und plötzlich darf ich unkompliziert alle tollen Aspekte des Musikschaffens mit ganz unterschiedlichen Menschen ausleben. Es macht wirklich sehr viel Spaß.

Du hast den Vergleich selbst angesprochen: Eine Band ist oft beinahe wie eine Ehe. Und was ich bei dem, was du beschreibst, heraushöre, ist, dass deine jetzigen Projekte von einer sehr klaren und guten Kommunikation leben.
Christian Fuchs: Ich wäre ja theoretisch auch wahnsinnig gern bei früheren Bands „fremdgegangen“. Im Sinne von manchmal jemanden für einen Song dazuholen, für ein Duett, einen Remix. Das habe ich manchmal auch stur durchgesetzt, oft auch gegen den Willen meiner Mitmusikerinnen und Musiker. Dieser unbändige Drang zur Kollaboration hat wohl auch mit meiner sehr isolierten, einsamen Kindheit und Jugend zu tun. Ich habe viele Jahre mehr oder weniger allein in einem Spielzimmer verbracht, mit Monsterpuppen, düsteren Hörspielplatten und Sci-Fi-Comics. Meine Eltern schenkten mir Liebe, hatten aber wenig Zeit. Wahrscheinlich giere ich deshalb so nach künstlerischer Kommunikation, andere Personen sind im Schaffensprozess für mich sehr wichtig. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Maler wochenlang in einem Zimmer zu sitzen und alleine etwas zu schaffen.
Und ich habe durch die Kommunikation auch gelernt, von meinen sturen Vorstellungen abzuweichen. Wenn die andere Person plötzlich etwas liefert, was überhaupt nicht ins Konzept passt, muss man das oft aufgreifen und dort weiterarbeiten. Und das hat bei diesem Album wirklich extrem gut funktioniert.
Wie kann man sich die Gesangsaufnahmen von Christian Fuchs vorstellen?
Christian Fuchs: Die Gesangsaufnahmen sind ultra-entspannt. Und da hat Bernd Heinrauch bei mir auch Blockaden gelöst. Bei Fetish 69 seinerzeit habe ich oft beinahe meine Stimme verloren. Das hatte nicht nur mit mangelnder Gesangstechnik zu tun. Ich musste wie am Spieß brüllen, der britische Producer stand neben mir und versuchte mich zu motivieren: „Scream!“, „Schrei dir die Seele raus!“ (lacht) Bernd hat mich später dann wirklich befreit: mit unglaublicher Ruhe, ich direkt neben ihm am Aufnahmepult, draußen scheint die Sommersonne, man geht kurz in den Garten – und dann singt man halt den absolut düstersten Song ein. Diese Mischung ist mir so wichtig.
Das habe ich auch von David Lynch übernommen, der meinte, man kann sich dem Grauen nur entspannt nähern. Er ist wegen dem speziellen Licht nach L.A gezogen. Licht und Dunkelheit sind für mich beide essentiell.
„Gespräche mit Frauen über die letzten zehn Jahre haben das maßgeblich geprägt.“
Bleiben wir doch bei Vergleichen mit der Welt des Films. Welcher Regisseur deiner Wahl könnte aus den Lyrics und ein paar Soundschnipsel von „Aura Nera“ gut einen Film machen?
Christian Fuchs: Ein Filmemacher, der mich seit Fetish-69-Zeiten verfolgt und der jetzt wieder mehr in den Vordergrund gerückt ist, wäre Paul Schrader. Der hat unter anderem das Drehbuch zu „Taxi Driver“ geschrieben und selber als Regisseur mittlerweile drei Trilogien über einsame Männer gemacht. Typen, die er “Man in a room” oder “God’s lonely men” nennt, letzteres nach dem Autor Thomas Wolfe.
Als Kind, das zwar isoliert, aber doch behütet und bürgerlich aufgewachsen ist, habe ich mich früher in diesen einsamen Männern total wiedergefunden. Ich projizierte meine persönlichen Krisen und Neurosen in diese Figuren, auf eine komisch heroische Weise. Irgendwann ist das gekippt – ich habe mich davon distanziert und viel mehr feministische Standpunkte einbezogen. Intensive Gespräche mit Frauen über die letzten zehn Jahre haben das maßgeblich geprägt. Insofern habe ich mich von “God’s lonely men” sehr entfernt, aber das Bild wirkt trotzdem noch stark nach, diese wortkargen, durchs Nachtleben irrenden Gestalten.
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Paul Schrader könnte also einen guten Film über den Fetish Christian aus Wien machen.
Christian Fuchs: Der Autorenfilmer Paul Schrader wäre eine extrem gute Wahl. Gleichzeitig flirtet dieses Album schon – und da kommt der Spaßfaktor ins Spiel – ein bisschen mit Blockbuster-Ästhetiken, auch durch meine Beschäftigungen mit Filmmusik und Soundtracks. Ich mag beides, das Karge und den Bombast.
Welcher Song ist der, wo du sagst: Da bin ich wirklich zufrieden?
Christian Fuchs: Ich bin wirklich – es klingt kitschig – sehr lange nicht mehr so stolz auf ein Album gewesen. Einen einzelnen Song hervorzuheben fällt mir schwer.
Was generell wichtig ist: Ich habe mich in dieser positiv aufgeladenen, euphorischen Atmosphäre des Arbeitens bewusst an ganz persönliche Texte rangetraut. Der vielleicht gewagteste Song, der dabei entstanden ist, heißt „Ghost In The Machine“. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater und später mein Bruder sind zwar auf ganz unterschiedliche Weisen verstorben. Die Gemeinsamkeit war aber, dass alle drei am Ende im Koma lagen. Ich habe immer wieder dasselbe Gespräch mit einem Arzt geführt, der mir sagte: Das Gehirn ist irreparabel beschädigt. Es gibt keine Hoffnung mehr. Wir können die Person nur mehr künstlich am Leben erhalten. Diesen Satz hörte ich in drei verschiedenen Versionen über lange Zeitabstände hinweg.
Die Vorstellung, irgendwo zu liegen – gefangen in deinem Körper, nicht mehr raus zu können, in diesem Zwischenreich zu sein – schlimmeres kann ich mir kaum vorstellen. Und an dieses Thema habe ich mich in dem Lied gewagt. In dem Song liegt der Protagonist selbst in dieser Situation. Und um das auf die Spitze zu treiben, habe wir auch noch Krankenhausgeräusche gesampelt.
Im Studio gab es ersthafte Zweifel beim Einsingen. Ich habe das aber gemacht, weil ich weiß, dass man durch diese konfrontative Auseinandersetzung mit Themen ein bisschen weniger Angst davor hat – ein therapeutischer Ansatz.
Kommen wir zum Abschluss zur geplanten Bühnenshow bei den kommenden Live-Auftritten. Wie schaut die Live-Umsetzung aus?
Christian Fuchs: Das Debütkonzert findet am 17. April im Chelsea statt. Wir werden uns als Mischung aus Elektronik und Rockband präsentieren. Live-Drummer Max Schachner interagiert mit der Elektronik, dazu kommen Medina Rekic und Mikala Nørgaard als Gitarristinnen, die beide singen.
Ich möchte diesem Feeling von Konzerten nachspüren, die ich als sehr junger Mensch gesehen habe – Post-Punk-Konzerte, wo ich gestanden bin und dachte: Was geht da jetzt bitte ab? Hauptsächlich weißes Licht auf der Bühne, sehr viel Nebel und Stroboskop. Intensität. Interaktionen mit dem Publikum. Das sind die Richtungen, in die es gehen soll, das ist die Ambition.
Eine Bandkollegin meinte bei der Probe: „Pass auf, dass du keine Ohrfeigen anfängst, wenn du mit dem Publikum zu nahe agierst” (lacht). Aber ich will ja nicht den Hass oder Zorn vom Fetish 69 wiederbeleben, nur ein bisschen Konfrontation. Und wenn die Wut wieder ausgepackt wird, dann hoffentlich aus einer Entspanntheit heraus.
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Sebastian J. Götzendorfer
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Tourdates
17.04. Chelsea, Wien
18.04. Styrian Sounds Festival PPC, Graz
07.05. PMK, Innsbruck
29.08. Un:Wucht Festival, Arnoldstein
21.11. Kapu, Linz
22.01. KlangFarben, Kufstein
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Links:
Christian Fetish
Christian Fuchs (Instagram)
Noiseappeal Records
