„DIE DÄMONEN DES BANJOS“ – NETTI NÜGANEN im Interview

Die in Wien lebende und vielreisende Musikerin und Performance-Künstlerin NETTI NÜGANEN tourt seit 2017 mit den Performances von Florentina Holzinger, entwickelt mittlerweile seit einigen Jahren auch eigene Bühnenstücke. In „Ash, horizon, riding a house“, das heuer am 26. und 28. Juli im Rahmen von IMPULSTANZ präsentiert wird, reflektieren NETTI NÜGANEN und ihre beiden Mitwirkenden, die Wiener Musikerin KISLING und die Künstlerin PIRE SOVA über Identität und Zugehörigkeit als fluide, schmelzende Konstrukte. Die Musikperformance „Ash, horizon, riding a house“ untersucht, wie unheimliche Räume für Fluidität, Bewegung und Transformation mit nur wenigen Mitteln geschaffen werden können. Das Schmelzen, auch von Stereotypen, wird zum Akt des Widerstands gegen Kontrollzwänge. Michael Franz Woels hat mit NETTI NÜGANEN über ihre Verschmelzung von Country-Musik mit Black Metal, die dominat-kalten Dämonen im Banjo und über das ungewöhnlich heimelige Gefühl des Verloren-Seins gesprochen.

mica – music austria verlost 1×2 Karten für das Konzert am 26. Juli – bei Interesse einfach ein E-Mail mit dem Betreff „Netti Nüganen“ an office@musicaustria.at schreiben.
Netti Nüganen: "Ash Horizon Riding A House" bei ImPulsTanz
Netti Nüganen: “Ash Horizon Riding A House” bei ImPulsTanz © Ive Trojanović

Deine Performance „Ash, horizon, riding a Horse“ ist von dem Buch „Dark Ecology. For a Logic of future Coexistance“ (deutscher Buchtitel: Ökologie ohne Natur. Eine neue Sicht der Umwelt) des amerikanischen Publizisten und Philosophen Timothy Morton beeinflusst.

Netti Nüganen: „Dark Ecology“ ist eigentlich keine Lehre. Ich würde sagen, es ist eher ein Lebensstil, eine Denkweise oder eine Weltanschauung. Nachdem ich das Buch gelesen hatte und über mich selbst nachdachte, wurde ich etwas weniger pessimistisch, was die planetare Zukunft angeht. Tatsächlich gab mir das Buch viel Rückhalt, da Timothy Morton selbst wahrscheinlich mit ähnlichen pessimistischen Gefühlen zu kämpfen hatte. Er fand jedoch Strategien, damit umzugehen, und Wege, über die Zukunft und über das Zusammenleben nachzudenken.

Die Idee, Country-Musik und Black Metal zu vermischen, faszinierte mich sehr, da es Verbindungen zwischen der Black-Metal-Theorie und der „Dark Ecology“ gibt. Beide weisen bestimmte Beziehungen zur Natur und Sichtweisen auf sie auf. Der Begriff der „grünen Welt“ ist darin kein besonders lebendiger Bezugspunkt mehr. Das „dunkel-ökologische“ Denken schult zudem den Geist darin, Dinge in einem starken Zusammenhang zu sehen. Irgendwann fragte ich mich, warum ich mich plötzlich für das Banjo als Instrument interessierte. Ich höre viel Metal und Noise-Musik und entdeckte eine interessante Mischform in diesen scheinbar sehr unterschiedlichen Genres: Sowohl in der Country-Musik als auch im Black Metal fand ich Emotionen wie Sentimentalität und Nostalgie: Identität und Ort sind zentrale Begriffe dieser Musikgenres, da Musikgenres meiner Meinung nach auch immer mit einer bestimmten Denkweise einhergehen – fast wie eine Denkschule. Also begann ich, diese Elemente zu kombinieren, und die Weltanschauung der „Dark Ecology“ bildete dabei den übergeordneten Rahmen. Ich stieß online auf ein schönes Gespräch zwischen Björk und Timothy Morton; ich habe es erst vor Kurzem, nach einer meiner Performances, gelesen.

Netti Nüganen: "Ash Horizon Riding A House" bei ImPulsTanz
Netti Nüganen: “Ash Horizon Riding A House” bei ImPulsTanz © Ive Trojanović

„WIE EINE REISE EINES TOURISTEN DURCH VERSCHIEDENE KLANGLANDSCHAFTEN“

Wie würdest du diese Dark Ecology Soundlandschaft, die ihr gemeinsam erschafft, beschreiben?

Netti Nüganen: Diese Klanglandschaft zwischen Michaela und mir ist größtenteils improvisiert. Ich stelle sie mir wie die Reise eines Touristen durch verschiedene Landschaften vor – unter einer schwarzen Sonne, einem Motiv aus dem Black Metal. Die verschiedenen Klänge und das Murmeln von Michaela leiten das gesamte Stück. Ich hatte zuvor einen Auftritt von Michaela gesehen und gehört, bei dem sie mit Flötenklängen gearbeitet und ein ganzes DJ-Set damit aufgebaut hatte; ihr minimalistischer und zugleich strenger Ansatz haben mir sehr gut gefallen.

In einem Interview hast du erwähnt, dass du die Theaterstücke von Samuel Beckett und Jon Fosse magst.

Netti Nüganen: Ich mag ihren minimalistischen und zugleich experimentellen Stil und liebe dieses Genre der Dramatik. Ich lese gerne die Dialoge und schätze es immer, wenn Menschen versuchen, die Form eines Genres zu verändern und mit dem Format zu experimentieren. Das ist auch der Grund, warum ich die Arbeit von Michaela Kisling mag; als Musikerin mit einem Ausbildungshintergrund als bildende Künstlerin führt sie interessante Experimente mit Klang und Musik durch.

Deine Performances verweigern sich einer eindeutigen Erzählung – würdest du deine Arbeiten als post-narrativ bezeichnen?

Netti Nüganen: Manche Leute, die meine Shows besuchen, beschreiben sie als albtraumhafte Darbietungen für Kinder. Fröhliche Elemente verbinden sich darin mit Düsterem und Skurrilem. Ich nutze also den hellen Klang des Banjos als Kontrast zu den beunruhigenden Vorgängen auf der Bühne, um eine gewisse Spannung zu erzeugen. Das ist der Vorteil einer Performance: Man kann Konnotationen verwandeln.

Was hast du entdeckt, als du dich mit dem Banjo als Performance-Instrument auseinandergesetzt und damit experimentiert hast?

Netti Nüganen: Ich spiele nicht so sehr im Fingerpicking-Stil, sondern versuche, in meiner Show die „Dämonen des Banjos“ auszutreiben. Durch das Üben auf dem Instrument verfüge ich bereits über so viel Klangmaterial und sehe so viele verschiedene Richtungen, die ich einschlagen könnte. Mal sehen, was sich daraus alles entwickelt. Der Klang des Banjos ist sehr dominant und schwer zu bändigen; deshalb versuche ich, ihn zu verzerren und das Instrument auf sehr körperliche Weise zu bearbeiten. Was bedeutet das für das Erzählerische? Ich glaube, genau das hat mich anfangs an diesem Klang gereizt.

Das Instrument hat im Allgemeinen ein sehr eng gefasstes Image – völlig zu Unrecht, wie ich finde; es sollte nicht ständig mit diesen bestimmten Konnotationen behaftet sein. Wir können Wege finden, es aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Es gibt schließlich viele Banjo-Spieler, die keine Bluegrass-Musik machen. Mich hat fasziniert, wie sehr dieses Instrument scheinbar noch immer in dieser spezifisch amerikanischen Bluegrass-Ideologie feststeckt. In Australien habe ich den Banjo-Spieler Atavus Infectum getroffen, der ebenfalls mit Verzerrung und seiner Stimme arbeitete und einen ganz ähnlichen Stil pflegte wie ich; wir haben uns angefreundet und uns über Country-Musik und Black Metal unterhalten.

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„DIESES GEFÜHL DES VERLORENSEINS – NICHT ALS PROBLEM, SONDERN ALS DASEINSFORM BEGREIFEN.“

Warum dient ein mobiles Haus als Requisite auf der Bühne?

Netti Nüganen: Ich verkörpere verschiedene Figuren – zeitgenössische Archetypen wie etwa eine Immobilienmaklerin, die dieses Haus zu einem bestimmten Zeitpunkt verkauft, oder eine Reiseleiterin, die eine von Besitzdenken und Kommerzialisierung geprägte Mentalität vorführt. Was geschieht, wenn wir diese Archetypen verwandeln und zu Eis schmelzen lassen? Ich versuche, in ein Modell eines Hauses hineinzukriechen, doch es scheint zu klein zu sein und nicht zu passen. Was macht ein perfektes Haus aus? Thematisch eignete es sich hervorragend als Vehikel.

Ich liebe es, mit sehr konkreten Objekten zu arbeiten – sei es ein Haus, Eisblöcke oder ein Instrument wie ein Banjo. Wenn man über solche Gegenstände nachdenkt, beginnt man, über sich selbst zu reflektieren; sie offenbaren vieles und spiegeln den eigenen Status sowie die soziale Klasse wider. Ich glaube, es ist ein Ringen darum, in dieser Situation der Hyperglobalisierung, die wir in Europa kennen, ein Gefühl von Heimat zu finden. Was sind unsere tatsächlichen Lebensstandards, und wie können wir uns an niedrigere Standards gewöhnen? Alles kann sich gleichzeitig wie Heimat anfühlen, da sich die einzelnen Städte mittlerweile sehr ähneln; als reisende Künstlerin wacht man womöglich irgendwo auf und glaubt, zu Hause zu sein, nur um dann festzustellen, dass man sich irgendwo in der Fremde befindet. Dieses Gefühl des Verlorenseins – nicht als Problem, sondern als Daseinszustand begriffen – könnte einen Ansatz der „Dark Ecology“, also der dunklen Ökologie, darstellen. Man muss mit diesem Gefühl leben und sich damit auseinandersetzen, denn es ist zu spät, diese Gegebenheiten rückgängig zu machen. Eine dunkel-ökologische Denkweise zielt weniger darauf ab, solche Gefühle zu verhindern, als vielmehr darauf, mit den Konsequenzen umzugehen. Anpassungsfähigkeit ist eine wichtige Kompetenz.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

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Termin:
Sonntag, 26. Juli 2026, 22:30 Uhr
Dienstag, 28. Juli 2026, 21:00 Uhr
ImPulsTanz: Netti Nüganen: „Ash, horizon, riding a Horse“
WUK, Währinger Straße 59, 1090 Wien

Links:
Netti Nüganen
KISLING
Pire Sova