Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch das Unbekannte, schreibt Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti. Das Unbekannte ist nicht weit weg und die Angst vor ihm ist groß: Grenzen werden gesichert, das Fremde ausgeschlossen, der Glaube zum Gesetz gemacht, der Körper optimiert, als wäre er beherrschbar. Das Unbekannte ist aber auch aufregend und weckt die Neugier.
Vom 16. bis zum 27. September 2026 widmen sich die MUSIKTHEATERTAGE WIEN der Berührung mit dem Unbekannten. Auch der mit Musik, die man so noch nicht kennt. Wouter Van Looy eröffnet das Festival mit THE MASS MAN, einer musikalischen Meditation über Canettis Masse und Macht. Thomas Cornelius Desi lädt zu einer Zigarette mit Anton Webern. Kristin Norderval und Studio Dan erzählen ein japanisches Märchen über Hingabe und Gier. Brigitte Wilfing und Jorge Sánchez-Chiong öffnen nachts den Stephansdom und die Kompanie spitzwegerich weckt den Wasserturm Favoriten. Die Beiträge von Lisa Horvath, Marina Poleukhina, Sina Heiss, Imre Lichtenberger Bozoki und Johannes Schrettle spüren das Unbekannte im eigenen Körper auf. Als Spielort neu dabei: das LOT in der Brotfabrik in Favoriten, wo der Austrian Music Theatre Day, das MTTW-Labor und die Konzertreihe Club Mosaik gastieren.
Von der Masse zum Einzelnen
Wouter Van Looys THE MASS MAN, frei nach Canettis Masse und Macht, eröffnet das Festival. Wie entstehen Massen, wie wird Angst zu Macht, wann wird Berührung Manipulation.
Thomas Cornelius Desis SMOKING KILLS stellt zwei Komponisten 1945 vor die Frage, wie man sich als Künstler zu einem totalitären System verhält. Ein junger Komponist trifft Anton Webern kurz vor dessen Tod: ein Idealist, ein Opportunist. Was kostet die Überzeugung, was die Anpassung?

Hingabe und Aufstand
In Kristin Nordervals Kammeroper THE SAILMAKER’S WIFE gibt eine Frau alles für einen Mann, der nicht versteht, was er zerstört. Ein japanisches Märchen über Hingabe und Gier. Über den Drang zu besitzen, was man nicht begreifen kann. In Zeiten von Klimakrise und Ölkrise aktueller denn je: Wie tief steckt diese Gier in uns selbst?
MARIA UND DIE FLEDERMAUS von Imre Lichtenberger Bozoki und Johannes Schrettle erinnert an die größte Begegnung mit dem Unbekannten der letzten Jahre: Corona. In einer Wiener Tierarztpraxis erzählt eine Fledermaus vom Aufstand der Tiere. Eine zoonotische Operette über den Moment, in dem alles hätte anders werden können.

Vom Erwachen der Räume
Nachts öffnet der Stephansdom seine Pforten, in eine Zeit, die nie existiert hat. UCHRONIA von Brigitte Wilfing und Jorge Sánchez-Chiong macht aus einem Ort der Andacht einen Ort der Kunst, wo für wenige Nächte die alten Regeln nicht gelten.
Ein schlafender Riese erwacht: Der Wasserturm Favoriten steht seit 1956 leer. Das Künstlerkollektiv spitzwegerich haucht ihm mit FLUIDE III: WASSER neues Leben ein. Spiralförmig steigt das Publikum hinauf durch den offenen Turm, vorbei an hängenden Figuren und tropfenden Klängen, deren Quelle sich erst im Weitergehen erschließt. Eine Berührung mit dem ursprünglichen Chaos, aus dem alles hervorgeht.

Das Fremde unter der Haut
Was passiert, wenn der Körper aufhört, nur dir zu gehören? In Lisa Horvaths ZOÉ betritt das Publikum eine Zukunft, in der Mensch und Maschine längst miteinander verschmolzen sind. Zwei Performerinnen bewegen sich durch eine atmende Landschaft, die auf Berührung antwortet. Wie kann man alles fühlen? In Marina Poleukhinas DIE SEELE DER DINGE bestimmen alltägliche Gegenstände, wie sich ein Körper bewegt und spricht. Eine Frau folgt ihnen, bis aus ihr Silben, Laute, eine Fantasiesprache herausbrechen. Das Stück ist eine Erinnerung an bestimmte persönliche Lebenserfahrungen, wie die Geburt eines Kindes und die Elternschaft, die mit ihren absurden Momenten unsere Position in der Gesellschaft radikal verändern. Das Fremde beginnt auch unter der eigenen Haut.
Viele Stimmen, keine Wahrheit
Gibt es die eine, wahre Sicht der Welt? In Sina Heiss’ DIALOGE ÜBER WELTSYSTEME entwickeln der gehörlose Musiker Alexander Regal und der Bassist Philipp Kienberger einen Score, zu dem an vier Abenden jeweils eine weitere gehörlose Künstler:in hinzutritt und mit ihrer eigenen Kunstform antwortet. Eine Versuchsreihe angelehnt an Galileo Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme.
SYNKOPE – KOLLAPSOLOGIE IV, der vierte und letzte Teil von Thomas Cornelius Desis Serie über zusammenbrechende Systeme, lässt das Publikum selbst verhandeln, wie es weitergeht. Ein Theater der Begegnung, in dem Fremde gemeinsam Klang erzeugen.
Von 16. bis 27. September 2026 laden die MUSIKTHEATERTAGE WIEN ein. In den Stephansdom, den Wasserturm Favoriten, ins Odeon, ins MuTh, ins Theater Nestroyhof Hamakom, ins Theater am Werk im Kabelwerk, ins WUK, ins LOT. Ins Unbekannte.
