Die Tiroler von OUR CEASING VOICE treiben im Untergrund schon lange ihr Unwesen. Neuerdings befinden sie sich im Widerspruch zu ihrem Bandnamen: Die Stimme ist nicht zu Ende gehend, sondern drängt gewaltig in den Vordergrund. Mit einem neuen Sänger an Bord kehren sich die Innsbrucker von ihrem früheren, klassischen Post-Rock-Sound ab und spielen laut Eigendefinition nun Ambient Rock. Dieser neue Sound könnte sie aus besagtem Untergrund in eine breitere Zuhörerschicht vordringen lassen. Der Gitarrist SEBASTIAN OBERMEIR und der neue Sänger DOMINIK DÖRFLER trafen sich im September beim OUR-CEASING-VOICE-Konzert in Wien mit Sebastian J. Götzendorfer, um über ihr neues Album „Free Like Tonight“, Reduktion im Sound und Schlangenphobien zu sprechen.
Die offenkundigste Änderung beim neuen Album „Free Like Tonight“ ist der vermehrt eingesetzte Gesang, im Vergleich zu den vordergründig instrumentalen Stücken von früher. Wie ist es dazu gekommen?
Sebastian Obermeir: Wir hatten auch vorher Gesang bei unseren Liedern und konnten noch nie so ganz ohne. Es hat sich dann so entwickelt, dass wir vor diesem Album schon wussten, dass wir gerne noch mehr mit einer Stimme arbeiten würden. Es hat sich dann umso mehr so ergeben, weil unser Bassist ausgestiegen ist. Der Rest der Band war dann am Überlegen, wie es weitergeht, bis uns Dominik eine E-Mail geschrieben hat. Als ich zum ersten Mal seine Solo-Sachen gehört habe, wusste ich, dass seine Stimme etwas wäre, womit wir das Album finalisieren könnten.
Was sind Ihre Einflüsse als Sänger? Ich finde den Gesang sehr einprägsam und er erinnert beispielsweise eher an Tom Waits als an andere Sänger, die sich normalerweise in diesem Musikkreisen bewegen.
Dominik Dörfler: Von der Musik her haben mich etwa Katatonia viel beeinflusst oder noch früher Marylin Manson. Was den Gesang selbst angeht, finde ich eine Einordnung schwierig. Ich wollte halt immer auf diese raue Art und Weise singen und irgendwann ging es dann plötzlich zufriedenstellend. Und so hat es seine eigene Schiene. Als ich zum ersten Mal den Song „Annabelle“ von Our Ceasing Voice gehört hatte, wusste ich, dass das gut passen würde.
„Wir wollten die Musik ein bisschen reduzieren und auch strukturieren.“
Unabhängig vom Gesang hört sich der Stil der Band erfrischend anders an. War das bei diesem Album eine bewusste Entscheidung? War es eine kreative Notwendigkeit, um nicht zu erstarren, oder ist da eher von allein eins ins andere übergegangen?
Sebastian Obermeir: Diese Notwendigkeit war eher ein schon lange gehegtes Vorhaben, das sich aber gleichzeitig flüssig ergeben hat. Wir wollten die Musik ein bisschen reduzieren und auch strukturieren. Die Songs sollten einfach etwas zugänglicher werden. Der Neuzugang mit der Stimme war da natürlich sehr willkommen.
Abseits von Reduktion und Strukturiertheit: Was waren andere Vorstellungen zum Sound von „Free Like Tonight“? Die Abkehr vom klassischen Post-Rock ist doch sehr auffällig.
Sebastian Obermeir: Was Musikeinflüsse angeht, mag ich persönlich zum Beispiel viele Indie-Rock- und auch Singer-Songwriter-Acts. In die Richtung wollte ich schon immer arbeiten, aber gleichzeitig Post-Rock-Elemente einbringen. Angefangen haben wir als Post-Rock-Band mit zehnminütigen Kompositionen, aber wir hatten nie so einen richtigen dreiminütigen Song geschrieben. Dann hat man irgendwann einfach das Verlangen, auch mal so etwas auszuprobieren, und genau das haben wir mit dem neuen Album gemacht.
„Free Like Tonight“ wurde im Gegensatz zu vorherigen Alben selbst veröffentlicht. Haben Sie Pläne, in Zukunft wieder mit einem Label zusammenzuarbeiten?
Sebastian Obermeir: Wir haben dieses Album vor allem deshalb auf DIY-Basis gemacht, weil wir damit bereits fertig waren und uns die Label-Suche zeitlich nicht mehr antun wollten. Wir wollten ganz einfach, dass die Leute die Sachen hören. Weil wir sehr zufrieden damit waren und das möglichst schnell an die Zuhörerinnen und Zuhörer bringen wollten. Für die Zukunft ist natürlich die Zusammenarbeit mit einem Label schon erstrebenswert. So schön diese DIY-Schiene ist, gibt es einfach viele Punkte, die mit Hilfe von außen viel leichter sind.
Sie befinden sich in der neuen Band-Konstellation auf Tournee in Europa. Bald geht es auch nach China, wie ist es zu diesem extravaganten Ausflug gekommen?
Sebastian Obermeir: Wir hatten ein Angebot von einer chinesischen Booking-Agentur. Dieses Angebot ist schon ein paar Jahre alt. Das war eigentlich beim letzten Album, da ist es sich allerdings zeitlich nicht ausgegangen. Jetzt haben wir dann das Angebot aus China erneut aufgegriffen. Das wird echt spannend!
„Da hab ich schon ein bisschen Blut geleckt.“
Wie ist das als neues Bandmitglied? Der neue Mann an Bord und gleich auf Tour in China.

Dominik Dörfler: Es ist natürlich sehr gewöhnungsbedürftig [lacht]. Wir hatten vor der Tour gerade mal eine Handvoll Proben und davor bin ich gerade mal zweimal live aufgetreten. Wir waren jetzt vor dem Auftritt hier in Wien gerade in Rumänien, und das war ein großartiger Start. Da hab ich schon ein bisschen Blut geleckt. Man erlebt es einmal und dann will man das jeden Tag haben. Es ist wirklich schön und großartig.
Wie funktionierte bei diesem Album das Songwriting: Waren da die Strukturen schon fertig und wurden die Gesangslinien daran angepasst oder war es ein gemeinsamer Prozess?
Sebastian Obermeir: Zum Großteil waren die Tracks relativ fertig. Natürlich haben wir hier und da gesagt, dass wir da jetzt noch eine andere Gesangsmelodie drübermachen oder den Track anders arrangieren. Wir haben zwei Nummern auf dem neuen Album, die auf Ideen von Dominik basieren. Die haben wir dann zusammen ausgearbeitet, was wir generell in der Zukunft eher so machen wollen. Denn wenn man schon mit einem Sänger im Vordergrund arbeitet, dann muss dieser Teil des Songwriting-Prozesses sein. Man kann dann viel besser aufeinander eingehen.
Dominik Dörfler: Für das nächste Album ist das auf jeden Fall geplant. Bei diesem Album ist eben mehrheitlich alles schon fertig gewesen, was für mich auch ein ungewohnter Prozess war. Aber es passt jetzt trotzdem gut, denn die Stimmung und der Aufbau sind genau so geworden, wie wir uns das vorgestellt hatten.
Wie waren bisher die Rückmeldungen zum neuen Sound?
Sebastian Obermeir: Eine spannende Frage, die wir uns natürlich auch selbst gestellt haben. Es war klar, dass wir ein paar Leute verprellen werden. Generell ist das Feedback allerdings gut. Für uns fühlt sich die Veränderung sehr organisch an, der neue Sound hat sich ganz natürlich so entwickelt und die Leute hören das, denke ich, auch. Sie hören nach wie vor unseren Charakter und Stil.
Dominik Dörfler: Bis auf zwei oder drei Ausnahmen.
Sebastian Obermeir: Ja, es gibt schon manche die sagen: „Jetzt singen die die ganze Zeit, was soll das?“ [Lacht]
Was sind mit „Free Like Tonight“ Ihre Pläne für die Band? Jetzt war es doch eine Zeit lang ruhig um die Band, aber jetzt tut sich wieder einiges mit OUR CEASING VOICE.
Sebastian Obermeir: Nach zwei Jahren wieder mal live zu spielen und das direkte Feedback zu bekommen, ist an sich schon ein tolles Gefühl. Mit dem Album ist jetzt der Plan, dass wir am Ball bleiben. Wir wollen wieder mehr machen und mehr Regelmäßigkeit reinbringen.
„[…] die Band ist für ein gewisses Seelenheil da.“
Wie sehr lassen Sie sich auf das Leben als Musiker ein?
Dominik Dörfler: Ohne Jobs geht das auf keinen Fall …
Sebastian Obermeir: Wir haben auf jeden Fall alle Nebenjobs. Aber klar würden wir uns wünschen, nur auf Tour zu sein und Alben zu produzieren.
Dominik Dörfler: Man denkt aber auch nicht zwingend überhaupt so weit. Für mich persönlich ist klar: Ich habe meinen Job und die Band ist für ein gewisses Seelenheil da.
Sebastian Obermeir: Ja. Ich denke, das ist auch die gesündere Einstellung, das Ganze als Ausgleich anzusehen, statt auf Biegen und Brechen Karriere machen zu wollen.
Zum Abschluss eine altbekannte Frage: Was ist die beste Tour-Anekdote, die Ihnen einfällt?
Sebastian Obermeir: Mein Favorit ist wohl, als wir mal in Budapest gespielt haben: Wir sind in die Unterkunft samt Matratzenlager gefahren und daneben war noch ein Zimmer mit einem Schlangen-Terrarium drinnen. Unser Merchandise-Verkäufer meinte dann, er wolle dort unbedingt schlafen, um in dieser Nacht endlich seine Schlangenphobie zu besiegen. Seitdem heißt er bei uns nur mehr „The Snake“.
Hat er die Schlangenphobie überwunden?
Sebastian Obermeir: Das weiß ich nicht, ich hoffe es. Er hat jedenfalls da drinnen übernachtet.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Sebastian J. Götzendorfer
Our Ceasing Voice live:
9. Dezember 2017: PMK, Innsbruck
