Den musikalischen Spieltrieb kompositorisch ausleben – Wolfgang W. Lindner im Porträt

Jahrzehntelang war WOLFGANG LINDNER Dozent für Schlagzeug am Vorarlberger Landeskonservatorium. Seit dem September des vergangenen Jahres genießt er nach seiner Pensionierung eine neue Freiheit und widmet sich vermehrt dem Komponieren. Menschliche Beziehungen und Begegnungen sowie ein freundschaftlicher Austausch mit den Musikerinnen und Musikern, die seine Musik interpretieren, ist Wolfgang Lindner seit jeher wichtig. So schätzt er auch die Verbindung zum Offenburger Streichtrio, Frank und Rolf Schilli, und die Freundschaft zu Martin Merker.

Dieser hat den Komponisten auf das Fragment eines Streichtrios von Franz Schubert (D 111a) aufmerksam gemacht. Schuberts elf notierte Takte verinnerlichte er und setzte sie im „Geiste – nicht im Sinne – Schuberts“ mit seiner Komposition fort. Bei der Uraufführung in Offenburg fand das Werk große Zustimmung, nun steht es auch auf dem Programm des Porträtkonzertes in St. Gallen.

Wolfgang Lindner kann sich über ein kontinuierliches Interesse für seine Kompositionen und über reizvolle Kompositionsaufträge freuen. Bereits einige seiner Werke wurden von unterschiedlichen Interpreten zur Aufführung gebracht und haben sich auf mehreren Bühnen auch international bewährt. Im November steht die Präsentation eines großen Ensemblestückes bevor, das im Auftrag des ensemble plus im Entstehen ist.

Bildende Kunst und Musik

Die Literatur ist für den Komponisten eine wesentliche Quelle der Inspirationen. Doch im vergangenen Jahr gab es eine interessante Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Hannes Ludescher. Im Atrium des vorarlberg museums realisierte er die Installation „Über dem Wasser die Steine“, dazu schrieb Wolfgang Lindner das gleichnamige Trio für Saxophon, Violoncello und Schlagwerk. Die Verbindung zwischen Ludeschers Steinobjekten und der Musik war ein wesentlicher Aspekt in der kompositorischen Gestaltung des Werkes. Die Steine haben auch eine musikalische Aussage, erklärt der Komponist dazu. Auch in diesem Zusammenhang betont er, dass die Inspiration für seine Musik vor allem in der Begegnung mit Menschen entstehe und auch als solche wirken solle. „Dass ein Stein auch eine Leichtigkeit ausstrahlen kann, hat Hannes Ludescher mit seiner Installation gezeigt“, so Wolfgang Lindner. Die Gegengewichte „leicht und schwer“ waren bedeutend für die musikalische Anlage. „Die Monotonie des Steines ist am Anfang dargestellt. Das Stück entwickelt sich aus der Monotonie der Stille in eine leichte Bewegung hinein, doch dann greift die Härte durch und zerbröselt das Ganze.“ Im Pfalzkeller wird eine Videoprojektion die Nähe dieses Werkes zur bildenden Kunst unterstreichen.

Nie versiegende Inspirationsquelle

Seit Jahren begleitet die griechische Mythologie das Schaffen des Komponisten. „Die Vermenschlichung der Götter finde ich sehr spannend“, unterstreicht Wolfgang Lindner. In diesem Zusammenhang spricht er seine persönliche Weltanschauung und gesellschaftliche Veränderungen an, denn er ortet verstärkt eine Vergötterung mancher Menschen. „Doch für mich sind alle gleich, das ist mir sehr wichtig. Jeder hat die gleiche Würde, egal wer das ist. Wir kommen mit Nichts und wir müssen wieder alles zurück lassen, das ist ein Spannungsfeld, das mich immer wieder interessiert“, so Wolfgang Lindner.

Griechische Epen lieferten bereits für mehrere Werke Inspiration. Im neuesten nunmehr „Dritten Lied der Sirenen“ für Violoncello stehen Odysseus und sein Schiff im Fokus. Davor komponierte er bereits ein Lied für Bratsche und eines für Violine. Dem Epos nach sind die betörenden Lieder der Sirenen vielen Seeleuten zum Verhängnis geworden. Während die Seeleute den verführerischen Stimmen zuhörten, zerschellten ihre Schiffe an den gefährlichen Klippen. Doch Odysseus weiß davon und stopft seinen Seeleuten Wachs in die Ohren, damit sie den Lockgesang der Sirenen nicht hören. Er selbst lässt sich an den Schiffsmast fesseln. Nur seine Ohren bleiben frei, damit er den herrlichen Gesang hören kann. Wolfgang Lindner setzte diese Szene in Musik und imaginierte dabei die stürmische Szene mit dem Schiff des Odysseus.

Mit Freunden dem Jazz frönen

Seit der Perkussionist in Pension ist, hat er einesteils zwar mehr Zeit zum Komponieren, andernteils jedoch weniger Bezug zum aktiven Musizieren. Doch als begeisterter Vibraphonist und Jazzliebhaber, möchte er Musik machen und seine kreativen musikalischen Ideen und seine Freude am Improvisieren auch unmittelbar ausleben. Deshalb gründete er eine eigene Jazzband, namens wolfgang lindner`s vibes and pipes mit den Musikern Bernhard Klas, Klaus Kemmerling und Stefan Greussing. Gespielt wird „just for fun“, betont Wolfgang Lindner und genießt das musikalische Zusammenwirken und die Möglichkeit, mit „seiner“ Band der Leidenschaft für den Jazz nachzugehen.

Eine klare Ansage

Angesprochen auf den Kulturbetrieb in Vorarlberg ist Wolfgang W. Lindners Antwort spontan. Gleichzeitig betont er seine Bereitschaft sich in organisatorischer Hinsicht unterstützend einzubringen, denn in Vorarlberg werde viel zu wenig Neue Musik gespielt. „Wenn es Andreas Ticozzi und das ensemble plus nicht gäbe, sähe es für uns heimische Komponisten noch dünner aus. Deshalb ist es auch schade, dass das Theater am Saumarkt diesbezüglich die Aktivitäten eingestellt hat. Auch der Spielboden Dornbirn wäre gefragt. Immerhin wird hier ja teilweise Avantgarde-Jazz gebracht. Man könnte Konzerte mit Neuer Musik und neuer improvisierter Musik vereinen. Die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen, aber sie führen – so erlebe ich das – eine Art U-Boot-Dasein. Kulturveranstalter sollten unser Potenzial erkennen und aktiv werden, vor allem auch in der Vermittlung und Zusammenarbeit mit Komponisten.“

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft (2/2018) erschienen.

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Wolfgang Lindner
Wolfgang Lindner inder music austria Datenbank