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Franui (c) Julia Stix

„Das Stündlein schlägt dir persönlich“ – FRANUI im mica-Interview

Die MUSICBANDA FRANUI ist bekannt für ihre ebenso gewagten wie genialen Bearbeitungen alter Lieder und Trauermärsche. Die Hauptschauplätze ihrer Musik waren also immer schon gleichermaßen Tanzboden und Friedhof. Warum also nicht gleich ein Album aufnehmen, das beides miteinander vereint: die Trauer und den Tanz? „Tanz! (Franz)“, das zehnte Album von FRANUI, tut genau das. Die beiden FRANUI-Masterminds MARKUS KRALER und ANDREAS SCHETT sprachen mit Markus Deisenberger über die Achse Bartók–Schubert und den Moment, in dem die Trauer in Lebensbejahung umschlägt.

Schubert-Lieder, Mahler-Lieder, Trauermärsche, Ihr Repertoire ist riesig. Es scheint fast, als sei vor Ihnen nur wenig sicher. Jetzt also der Tanz. Wieso?

Andreas Schett: Ganz einfach. Wenn man einen Trauermarsch viermal so schnell spielt, wird er zu einer Polka.

Ist es denn wirklich so einfach?

Andreas Schett: Ja. Es ist wirklich so einfach. Die Blasmusikkapellen, die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, hatten nicht so viel Repertoire. Auf dem Friedhof spielte man daher den normalen Straßenmarsch in verminderter Geschwindigkeit und marschierte so ins Wirtshaus. Das ist die Geschichte, die dahintersteckt. Die Trauermarschmusik und der Tanz waren immer schon die beiden Pole, die unsere Arbeit bestimmt und ausgerichtet haben. Die Idee, dass man den Friedhof und den Tanzboden miteinander verbindet, ist also nicht neu. In unserem Fall aber schwankt es mehr in Richtung Tanzboden.

Es gibt ja auch Nummern auf der CD, die langsam beginnen und dann allmählich in den Tanz übergehen.

Andreas Schett: Genau.

Als in der Stadt Aufgewachsener habe ich persönlich noch nie eine Beerdigung erlebt, auf der „auf Teufel komm raus“ getanzt worden ist. Man betrinkt sich aus Trauer und landet in der Ekstase – ist das nicht eher ein Klischee aus der südosteuropäischen Kultur? Oder wird am Land tatsächlich auf Beerdigungen getanzt?

Andreas Schett: Getanzt wurde in unseren Breitengraden sicherlich nicht, aber man hat sich irgendwann wieder dem Leben zugewandt. „Trockene Blumen“ etwa ist ein Trauermarsch, der dann irgendwann kippt, wie Sie richtig gesagt haben. Aber natürlich ist das interpretationsabhängig, obwohl es meiner Meinung nach Schubert in der Musik schon darauf angelegt hat, kippt es im Original nicht so stark wie in unserer Interpretation. „Und Lenz wird kommen, und Winter wird gehen“: Das ist eine wunderbare Wendung, die das nimmt. Aber um auf die Frage zurückzukommen: In Österreich ist ja jeder städtische Bereich auch ein ländlicher, und dort kennt man das auch, dass die Trauer langsam in eine lebensbejahende Stimmung umschlägt. Zuerst Trauer, dann eine dem Leben wieder zugewandte Stimmung, und das an ein und demselben Abend. Das ist genau der Moment, der uns bei diesem Album interessiert hat.

Gerade heute habe ich von einer israelischen Rockband gehört, deren Credo lautet: „Wenn um einen herum die Welt in Scherben liegt, muss man umso mehr tanzen.“ Es scheint, als werde da ein ganz ähnlicher Ansatz verfolgt wie auf Ihrem neuen Album.

Andreas Schett: Das ist ein Moment, den man in vielen Kulturen entdecken kann, etwas ganz Zentrales.

Schubert, Bartók, Ligeti – wie kommen Sie an das Ausgangsmaterial? Wie intensiv stöbern Sie da in den Musikarchiven?

Andreas Schett: Das ist wirklich viel Arbeit. Man muss sich vorstellen: Schubert hat knapp fünfhundert kleine deutsche Tänze geschrieben. Ich meine, das sind die überlieferten. Tatsächlich hat er wahrscheinlich ein Vielfaches davon komponiert. Erhalten geblieben sind eben diese 500. Die wurden dann in Tanzfolgen herausgegeben, beispielsweise „26 neue Tänze von Schubert“. Die alle durchzuhören ist allein schon eine gewaltige organisatorische Arbeit. Bei Schubert ist man dann jedes Mal erstaunt, wie er es schaffte, mit so minimalen Mitteln eine so gültige, wirkungsvolle Musik zu schreiben. Das bleibt einem manches Mal stundenlang im Ohr hängen. Das ist also die eine Recherche. Sich das alles anzuhören und das für uns relevante Substrat aus dem Wichtigsten, Schönsten und Brauchbarsten zu finden.

Wie kamen Sie zu Bartók und Ligeti?

Markus Kraler: Bartók war fast logisch. Die musikalische Feldforschung von Béla Bartók, der von seinen ungarischen Landsleuten sowie von den Rumänen, Ruthenen, Slowaken etc. Volkslieder auf Wachswalzen aufgenommen hat, ist evident. Die Lieder hat er dann später oft in seinen kleinen Stücken für Klavier oder Violine mehr oder weniger wortwörtlich übernommen.

Andreas Schett: Genau. Schubert war der Ausgangspunkt. Aber wir brauchten einen anderen Brunnen, aus dem wir schöpfen konnten. Da lag Bartók auf der Hand. Er war der Erste im 20. Jahrhundert, der das als Inspirationsquelle begriffen und betrieben hat. Und dann haben wir die Originaltonbände aufgetrieben. Die gibt es in der ungarischen Nationalbibliothek. Und da dachten wir: „Tolles Material, wenn wir das mit Schubert in Verbindung bringen.“

Und Ligeti?

Andreas Schett: Ligeti hat als Student diese Bartók-Aufnahmen studiert und zwei Themen daraus verwendet. Insofern kommt Ligeti in unserer Musik nicht als Ligeti, sondern als Volksmusik-Forschender vor, der Bartók zitiert.

Markus Kraler: Und wir zitieren ihn.

Andreas Schett:
Entscheidend für uns war die Achse Bartók–Schubert.

„Beim aktuellen Album war die Frage, wie man es schafft, die vielen kleine Dinge in eine größere musikalische Form zu gießen.“

Geht es auch um Aneignung? Die Originale werden ja teilweise so bearbeitet, dass man sie kaum oder gar nicht mehr wiedererkennt.

Andreas Schett: Völlig. Darum geht es bei Franui immer. Aber auf unterschiedliche Weise. Beim aktuellen Album war die Frage, wie man es schafft, die vielen kleine Dinge in eine größere musikalische Form zu gießen, weil jedes Schubert-Tänzchen ja nach vierzig Sekunden vorbei ist. Wie mussten also versuchen, aus den vielen Fundstücken größere Formen zu bauen, und da gibt es ganz unterschiedliche Strategien. Darüber steht aber immer der Versuch, das zu seiner eigenen Musik zu machen. Das ist mitunter nur so möglich wie beim „Kupelwieser-Walzer“. Zuerst muss man das Liedgut in seiner vollen Schönheit erkennen. Uns beiden geht es, wenn wir dasitzen und das am Klavier spielen, manchmal ja so, dass es uns einfach umhaut. Mit einem Stück wie diesem könnte man in Hollywood fünf Filme machen. Dann recherchiert man. Welche Aufnahmen davon gibt es? Keine gültige. Die zweite Recherche ist: Warum heißt das Stück überhaupt „Kupelwieser-Walzer“?

Warum heißt es so?

Andreas Schett: Weil Schubert das dem Maler Kupelwieser zur Hochzeit geschrieben hat.

Wo recherchiert man das? Im Internet?

Markus Kraler: Auch. Darüber hinaus in Büchern. Und dann gibt es natürlich noch den Zufall.

Andreas Schett:
Ich moderiere das im Konzert im breitesten Innervillgratner Dialekt an: „Die Familie Kupelwieser hatte eine Menge Söhne und eine Tochter. Eine davon heiratete einen Mautner Markhof.“

Markus Kraler: Und der war, wenn ich mich recht erinnere, Präsident der Wiener Konzerthausgesellschaft.

Andreas Schett:
Und sehr eng mit Richard Strauss befreundet. Und Strauss hat den Walzer dann mitten im Zweiten Weltkrieg aufgeschrieben. Da musste man auch gar nicht viel verändern, die Melodie ist so schön. Mit den Teilen A-B-A. Und wir haben einen C-Teil gesucht.

Und wo wurden Sie fündig?

Andreas Schett: Bei einem Klavierstück von Bruckner: „Betrachtung an einem Herbstabende“. Und das Stück passte dazu, als sei es als C-Teil des Strauss-Tanzes komponiert worden. Das ist natürlich auch eine Aneignung, aber eine, bei der wir nicht viel verändert haben, sondern einfach nur zwei Stücke zusammenfügten. Dem gegenüber gibt es auf der CD aber auch ein Stück wie „Vorwärts rückwärts seitwärts“ – da kommen die Floskeln von Bartók und Ligeti vor, es wurde aber zu einem völlig neuen Stück.

Markus Kraler: In „Alptraum eines österreichischen Pianisten“ picken wir aus allen bekannten Sammlungen neunzehn deutsche Tänze heraus, die sich im harmonischen Bau gleichen, spielen von jedem Tanz aber immer nur zwei Takte und springen dann zum nächsten, bis alle Tänze einmal durchgespielt wurde und schließlich alles durcheinandergerät.

„Komponieren heißt ja immer, Entscheidungen zu treffen.“

Das klingt erst mal verkopfter, als es im Ergebnis rüberkommt …

Andreas Schett [lacht]: Das nennt man Kunst. Komponieren heißt ja immer, Entscheidungen zu treffen. In jedem Moment. Aber wir beide diskutieren ständig, da ist die Gefahr des Verkopfens, des sich Verlaufens eine deutlich geringere. Auch intellektuell klingende Ideen lassen sich dann letztlich so auf die Bühne bringen, dass sie sinnlich funktionieren. Musik soll ja weder nur die Sinne noch nur den Kopf ansprechen.

Geht es in der Aneignung auch darum, das Ausgangsmaterial ein wenig gegen den Strich zu bürsten, wie der Name des Labels „Col Legno“ auch ein wenig vermuten lässt?

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Franui (c) Julia Stix

Andreas Schett: Ja, aber nicht zwanghaft, sondern nur dann, wenn es angebracht ist. Das ist immer dann wichtig, wenn etwas in Routine erstarrt ist. Wen man die Noten durchschaut, findet man zu jedem Stück eine Aufnahme. Vieles wirkt da „runtergenudelt“. Eine Pianistin beziehungsweise ein Pianist, die beziehungsweise der keine große Karriere gemacht hat, aber diesen einen Tanz lexikalisch eingespielt hat. Und dann wieder gibt es berühmte Pianistinnen und Pianisten, die einen Tanz als Zugabe eingespielt haben oder weil eben noch Platz auf der CD war. Da hat man aber oft den Eindruck, es wurde nicht einmal verstanden, dass es ein Tanz ist.

Inwiefern?

Andreas Schett: Da gibt es die übliche Agogik, wie man Klassik interpretiert. Völlig losgelöst vom Metrum, das bei einem Tanz aber doch sehr entscheidend ist.

Markus Kraler: Da scheint es auch eine merkwürdige Übereinkunft zu geben, wie Klassik zu spielen ist.

Andreas Schett: Genau. Und dann gibt es ein paar wenige Tänze, die Alfred Brendel aufgenommen hat. Der versteht das. Das hat Hand und Fuß. Aber in den meisten anderen Fällen muss man das Material gegen den Strich bürsten, sonst kriegst man es nicht mehr lebendig.

Für mich war Franui immer das trojanische Pferd in einer auf möglichst werkgetreue Interpretation getrimmten Klassik-Welt. Der Ansatz von Franui geht doch über eine klassische Werkpflege weit hinaus, oder?

Andreas Schett: Dort, wo es ein Werk wert ist, vor dem Tode bewahrt zu werden, ja. Weil die gängige Praxis ist leider die, die Musik zugrunde zu richten.

Sie machen Volksmusik, die dann aber doch eher im klassischen Konzertsaal stattfindet. Gibt es da auch Ausreißer? Spielen Sie auch mal auf dem Tanzboden eines kleinörtlichen Gemeindesaals?

Andreas Schett: Das gibt es auch immer wieder. So haben wir ja auch angefangen. Aber die Landschaft der ländlichen Kulturinitiativen hat sich in den letzten zwanzig Jahren ziemlich verändert.

Inwiefern?

Andreas Schett: Die gibt es alle einfach nicht mehr. Das hat mit gekürzten Budgetmitteln zu tun oder mit erschöpftem Idealistentum. Oft waren es auch Initiativen von grünen oder ökologisch Bewegten, die irgendwann einfach keine Kraft mehr hatten. Das ist also sehr abgeklungen. Aber Franui spielt nach wie vor am Land.

„Ich finde, unser aktuelles Album ist das beste, das wir jemals gemacht haben.“

„Tanz! (Franz)“ ist bereits Ihr zehntes Album. Gibt es Abnutzungserscheinungen oder verstehen Sie sich heute besser denn je?

Markus Kraler: Ich finde, unser aktuelles Album ist das beste, das wir jemals gemacht haben. Wir haben wahnsinnig interessante Projekte. Und es macht unheimlich viel Spaß, immer wieder auf neue Dinge zu stoßen.

Wir haben uns bisher nur über klassische Einflüsse unterhalten. Das greift zu kurz. Manchmal bricht ja auch der Jazz durch.


Markus Kraler:
Es brechen viele Genres durch. Jazz vielleicht deshalb, weil wir einen Saxofonisten im Ensemble haben, der gut improvisieren kann. Das bereichert die Musik ungemein. Die Musik ist ja exakt komponiert, soweit man exakt komponieren kann. Aber es gibt Fenster, in denen Improvisation gewünscht ist. Das tut dem Werk gut, finden wir. So bleibt es lebendig,

Andreas Schett: Es bricht viel Gegenwartsmusik durch.

Markus Kraler: Die Stille, Leere und Singularität von verschiedenen Einflüssen, wie sie ein John Cage etwa eingesetzt hat.

Trauermärsche, Totenkult. Verändert die Beschäftigung mit der Materie die eigene Einstellung zum Tod?

Andreas Schett: Hoffentlich.

Beginnt man den Kulturkreis, aus dem man kommt, zu hinterfragen? Es gibt ja riesige länderspezifische Unterschiede im Umgang mit Tod und Trauer.

Andreas Schett: Das ist evident. Aber das Stündlein schlägt dir persönlich. Dann ist es die Frage, ob dir die Beschäftigung mit dem Tod etwas gebracht hast oder nicht. Das kann dann nur jede und jeder für sich selbst beantworten. Was ich mir oft denke, wenn wir so reden, ist, dass das Lachen und Weinen zusammengeht. Das ist der zentrale Moment, wie wir bei Franui Musik verstehen und auch gern musizieren wollen. Ein und derselbe Moment kann alles beinhalten: Lachen und Weinen und alle Schattierungen dazwischen.

Das bringt mich zur nächsten Frage: Wie ernst ist Franui?


Andreas Schett:
Was wir nicht ausstehen können, sind vertikale Brechungen. Wenn Musik einen Moment traurig sein soll, im nächsten Moment lustig. Uns geht es um Übergänge und Gleichzeitigkeiten. Nur dann gibt es den Moment, dass Menschen, die Schubert kennen, das, was wir machen, entweder widerwärtig oder unglaublich gut finden. Dass aber auch Menschen, die keinen Berührungspunkt mit Schubert haben, also völlig unbefleckt sind, das ebenso gut finden. Unser Publikum besteht zu ziemlich gleichen Teilen aus Vorgebildeten und nicht Vorgebildeten. Und so soll es ja auch sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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