Bild Eva Fischer
Eva Fischer (c) Vanessa Zengh

„Es ist mir immer darum gegangen, eine Mischung zu zeigen“ – EVA FISCHER (SOUND:FRAME) im mica-Interview

Das Festival SOUND:FRAME zelebriert vom 15. bis zum 24. April 2016 das zehnjährige Bestehen und wird gleichzeitig auch das letzte Mal als Festival stattfinden. Das Programm zieht rund um die KÜNSTLERHAUS PASSAGEGALERIE, den Ort, an dem vor zehn Jahren alles begann und diesmal eine retrospektive Ausstellung stattfinden wird, seine Bahnen. Im Verlauf des Festivals spannt sich der Bogen zwischen Vergangenheit und Zukunft und setzt sich auf metaphorische Weise mit den Transformationen im Bereich der audiovisuellen Kunstformen und deren Sound der letzten Dekade auseinander. Die SOUND:FRAME-Mitbegründerin und -Kuratorin EVA FISCHER beleuchtete im Gespräch mit Ada Karlbauer Identitätspositionierungen hinter theoretischen Begriffen, das Ende eines Festivals sowie die DJs und DJanes als verlängerte Arme der Gastronomie.

Wie hat sich das audiovisuelle Format seit Ihrem Beginn vor zehn Jahren verändert?

Eva Fischer: Es war damals auch schon sehr wichtig, aber es hat sich viel verändert. Die Szene war sowohl in Wien als auch in Graz und in den Niederlanden, wo ich Kunstgeschichte studierte, sehr groß und es ist irrsinnig viel passiert. sound:frame war dennoch eines der ersten Festivals in diesem Bereich. Es war mir von Beginn an ein Anliegen, Visuals aus den Clubs rauszuholen und zu zeigen, dass hier vor allem auch ein Kunstgenre entsteht, dass Visuals zwar aus dem Underground- beziehungsweise Clubkontext kommen, aber auch sehr viel Spannendes im Installativen passiert. Ich wollte den musealen Kontext für dieses junge Genre erschließen. Es ist eine der größten Entwicklungen der letzten Dekade, dass das Interdisziplinäre sehr viel üblicher geworden ist und die Verschränkung unterschiedlicher Medien und Sparten noch mehr und vor allem in unterschiedlichen und übergreifenden Kontexten stattfindet.

Elektronische Musik ohne eine visuelle Komponente gibt es inzwischen kaum mehr, gerade auch im Kontext von anderen zeitgenössischen Festivals.

Eva Fischer: Das war vor zehn Jahren sicher noch ein wenig anders. Wir haben ja damals den Kampf weitergeführt, den beispielsweise auch „eye-con“ als erstes großes VJ-Label schon zuvor ausgetragen hatte, nämlich zum allgemeinen Standard zu machen, dass die VJs gerade im Club auch auf der Bühne stehen dürfen, am Flyer genannt und bezahlt werden. Da hat sich schon einiges verändert, es gibt kaum mehr ein Konzert ohne die Verschränkung mit einer visuellen Show. Auf der anderen Seite hat sich, vor allem wenn ich mit jungen Artists spreche, dann doch oft nicht so viel geändert, wie ich es mir wünschen würde, und viele tragen ähnliche Kämpfe auch weiterhin aus. Nicht überall findet die Professionalisierung im gleichen Ausmaß statt, aber ich denke, es gehört auch dazu, sich seinen Platz zu erkämpfen.

Beim sound:frame 2016 werden viele lokale und internationale Musikerinnen und Musiker spielen. Was werden die Highlights sein?

Eva Fischer: Der Eröffnungstag ist auf jeden Fall eines der Programmhighlights, da wird das ganze Künstlerhaus bespielt. Wir eröffnen am Nachmittag die Ausstellung „RETROSPECTIVE“ in der Künstlerhaus Passagegalerie. Zur Eröffnung wird das DJ-Kollektiv Vihanna spielen und wir eröffnen im öffentlichen Raum oberhalb der Galerie eine Streetart-Installation von Emilone. Um 20:00 Uhr startet im brut selbst das Liveprogramm. Dort geht es los mit einem AV-Konzert der Wiener Artists Toju Kae und Jelena Veljkovic, die an dem Abend Premiere feiern. Danach folgt ein weiteres Highlight, die AV-Performance „Continuum“ von Paul Jebanasam, dem Labelchef von Subtext Records, und dem Visualisten Tarik Barri, der schon einmal bei sound:frame im MAK ausgestellt hat. Ich finde das brut ja als Location für diese Art von Performances perfekt, ich liebe diesen hohen Kubus. Danach geht’s dann etwas tanzbarer weiter. Es war mir immer wichtig, eine Mischung zu zeigen und dafür zu sorgen, dass sich ein Abend auch dramaturgisch aufbaut. Ich freue mich sehr auf eine kollaborative Performance von Swede:art x Jay Scarlett featuring Esther Adam, die alle aus dem Hip-Hop-Bereich kommen. Die beiden Brüsseler dø√∑ Ç@K∑::: und Ben Richard werden den Abend am Mainfloor abschließen und auf dem Second Floor in der Bar legt das Kollektiv Sounds of Blackness noch bis in die frühen Morgenstunden auf. Der erste Tag wird also sicherlich einer der Höhepunkte.
Am Samstag, dem 23. April, haben wir im Rahmen einer Kooperation mit dem Take – Festival for Independent Fashion and Arts in der Alten Post einige Artists eingeladen, die in der Vergangenheit schon bei sound:frame gespielt haben. Für unsere Abschlussparty haben wir sozusagen also noch einmal ein paar ganz spezielle Zuckerl rausgepickt wie etwa die Lausanner Musikerin Ngoc Lan, die Visualisten LWZ, Conny Zenk und den Affine-Records-Artist Zanshin. Die diesjährige Abschlussparty wird auch die letzte sound:frame-Veranstaltung überhaupt sein. Kein Sorge, sound:frame als Plattform wird es weiterhin geben! Aber das Festivalformat feiert mit zehn Jahren nun im wahrsten Sinne des Wortes einen runden Geburtstag. Danach geht es auf zu neuen Projekten und Kontexten!

Wie geht es Ihnen dabei?

Eva Fischer: Es passt wunderbar so, wie es ist. Wir werden natürlich schon einige sentimentale Tränen vergießen, aber wir freuen uns auch darauf, uns wieder neu definieren und weiterentwickeln zu können. Es gibt viele Gründe, warum wir sehr gerne wieder Neues probieren wollen. Zum einen wird es finanziell immer schwieriger, die Krise ist bei uns in den letzten zwei Jahren eigentlich erst so richtig angekommen. Die Stadt Wien gibt uns zwar seit Jahren dieselbe Grundförderung, aber rundherum bröckeln immer mehr von den so wichtigen zusätzlichen Finanzierungsquellen weg, die das Festival in der Größe überhaupt erst ermöglicht haben. Gerade das Festivalformat, das stark auf einen Zeitpunkt und einen Ort gebündelt ist, macht es dann auch nicht unbedingt leichter, flexibel auf Entwicklungen zu reagieren. Das Festival hat auch bislang schon in jedem Jahr anders ausgesehen, aber jetzt freuen wir uns darauf, auch zeitlich noch flexibler zu sein und vielleicht auch einmal drei Jahre im Voraus oder aber ganz kurzfristig planen zu können.

Und weil neue Festivals nur so aus dem Boden sprießen.

Eva Fischer: Genau, die Konkurrenz ist natürlich auch ein Thema. Wir haben das Gefühl, dass es mittlerweile ohnehin genug Angebot gibt, und wir uns auch aus diesem Grund getrost wieder „neu denken“ können. Der Festivalmarkt ist gesättigt, und wir freuen uns darauf, abseits von einem Festivalbetrieb, der sehr viel Zeit, Ressourcen und Aufwand in Anspruch nimmt, wieder verstärkt die Sache selbst – also einzelne künstlerische Arbeiten, theoretische Auseinandersetzungen – in den Vordergrund stellen zu können. Wir begeben uns jetzt erst einmal auf die Suche nach neuen Kontexten und Orten und vor allem nach interessierten und interessanten Partnerinnen und Partnern. Wir haben heuer mit unserem „We count to TEN!“-Programm schon sehr viel in diese Richtung gemacht. Eines der absoluten Highlights war die Kooperationsveranstaltung „SYNÆSTHESIA3“ mit dem Tanzquartier in der Halle E, die wirklich ganz fantastisch über die Bühne gegangen ist. Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Wir wollen noch mehr in Richtung Vernetzung und Koproduktion gehen. Mich persönlich interessiert beispielsweise auch der Theater- und Opernbereich, weil ich glaube, dass gerade im Bereich Bühnenbild multimedial noch vieles und vor allem noch Besseres möglich ist. Ich bin gerade im Gespräch mit einigen Leuten und merke, dass das Interesse stark vorhanden ist, aber oft entweder die Ressourcen, die Expertise oder einfach die Kontakte fehlen. Hier könnten sich meiner Meinung nach noch schöne Schnittmengen ergeben. Das ist einer der großen Wünsche für die nächsten zehn Jahre: interessante Koproduktionen und künstlerische Kollaborationen in verschiedenen Kontexten, wie der Bühne, dem Ausstellungsbereich oder auch weiterhin dem Clubkontext, anzuregen und zu realisieren. Eine unserer großen Stärken ist unser internationales Netzwerk, und um diese Vernetzung soll es in Zukunft noch verstärkt gehen.

Im Rahmen des Festivals werden auch Lectures mit Theoretikerinnen und Theoretikern sowie Künstlerinnen und Künstlern stattfinden. Welche Inhalte werden aktuell im Bereich der audiovisuellen Kunst diskutiert?

Eva Fischer: Die diesjährige sound:frame Conference wird in der zweiten Festivalwoche, am 23. April, im AILAngewandte Innovation Lab stattfinden – übrigens eine Location, die sehr offen ist für unterschiedlichste Formate, was ich ganz toll und wichtig finde. In drei Panel Discussions wird es darum gehen, aus aktuellem Anlass zu untersuchen, wie sich Musik, Visuals und unter anderem auch die Clubszene verändert haben. Unter anderem auf die Diskussion zum Clubkontext unter dem etwas polemischen Titel „Ist die Clubszene in der Krise oder befinden wir uns am natürlichen Ende einer Ära? Ist der DJ nur der verlängerte Arm der Gastronomie?“ bin ich schon sehr gespannt, denn gerade da hat sich in Wien in letzter Zeit wieder einiges verändert.

„Fakt ist, dass es kein leichtes Business ist.“

Ist die DJane beziehungsweise der DJ denn der verlängerte Arm der Gastronomie?

Eva Fischer: Nein, so hart würde ich es auf keinen Fall ausdrücken. Ich glaube zwar schon, dass es teilweise so ist, aber es kommt auf das Ziel der Veranstalterinnen und Veranstalter an. Fakt ist, dass es kein leichtes Business ist. Es ist immer eine Entscheidungsfrage, ein Kräftemessen zwischen „Will ich Geld damit machen?“ und „Will ich gute Inhalte umsetzen?“ Dabei die richtige Balance zu finden, ist dann meistens gar nicht so leicht. Es gibt so viele Parameter, die zusammenspielen. Mir ist beispielsweise in den letzten zwei bis drei Jahren aufgefallen, dass sich die Musikszene wahnsinnig stark und schnell verändert hat. Die internationalen Musikergagen sind so enorm in die Höhe geschossen, dass wir uns sehr viele Acts nicht einmal mehr ansatzweise leisten können. So sehr ich es befürworte, dass sich die Szene professionalisiert hat, und ich es gut finde, dass fast alle Musikerinnen und Musiker mittlerweile mit Booking Agents zusammenarbeiten, die das Tourmanagement für sie übernehmen, so habe ich auf der anderen Seite auch das Gefühl, dass eine Art Basar entstanden ist, auf dem mit Künstlergagen geschachert wird. Sehr oft glaube ich mittlerweile, dass die Artists gar nicht wissen, wie viele und vor allem welche Anfragen sie eigentlich bekommen. Wenn es plötzlich nur noch um die Gage geht und nicht mehr um Inhalte, dann bekommt auch die Frage nach dem „verlängerten Arm der Gastronomie“ eine neue Bedeutung.

Woran liegt das?

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Eva Fischer (c) Vanessa Zengh

Eva Fischer: Es liegt sicherlich an einer Gesamtveränderung, gerade auch in der Musikwirtschaft an sich. Da beispielsweise der Verkauf von Platten oder Musik in Summe weniger geworden ist, reagiert man an anderer Stelle. Die ganze Landschaft hat sich verändert und natürlich folgen Reaktionen auf solche Umbrüche. Es ist ein sehr großes Thema, das wir da diskutieren wollen, doch sicher nur ein Teilaspekt des Ganzen.
Bei den beiden anderen Panel Discussions wollen wir uns mehr mit dem Inhalt auseinandersetzen und schauen, wie sich auf der einen Seite im Musikalischen und auf der anderen Seite im Visuellen vor allem Ästhetik, Inhalt und Form in den letzten Jahren entwickelt haben. Ich halte inhaltliche Diskussionen immer für sehr wichtig und inspirierend. Wenn sich Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen treffen und über ihre Arbeiten sprechen, bekommt man oft einen größeren Blick für das Ganze.
Wir werden auch das Buch „The Audiovisual Breakthrough“ präsentieren, das ja vor zwei Jahren im Rahmen einer sound:frame Conference angestoßen wurde. Initiiert von Cornelia Lund und Ana Carvalho kamen sechs internationale Theoretikerinnen und Theoretiker in Wien zusammen, um über audiovisuelle Kunst und deren Sparten zu diskutieren und im Anschluss zu schreiben. Ausgangspunkt waren die Begriffe „Vjing“, „Audiovisual Live Performance“, „Expanded Cinema“, „Live Cinema“ und „Visual Music“, die international oft sehr unterschiedlich verwendet werden. Die Definitionen gehen teilweise stark auseinander und das Projekt sollte der Versuch sein, sich an konkretere Begriffsdefinition heranzuwagen. Dazu haben wir damals auch die Wiener Szene und auch international mehr als 200 Artists befragt. Es war sehr interessant zu sehen, wie sich die Leute selbst definieren: 92,5 Prozent aller Befragten sagen zum Beispiel, dass sie nicht nur im Live-, sondern auch im Ausstellungsbereich arbeiten. Nur elf Prozent würden sich selbst als „VJs“ bezeichnen, woran man sieht, dass dieser Ausdruck, obwohl er allgemein so oft verwendet wird, bei den Artists selbst gar nicht so beliebt ist. Es ist immer wieder eine spannende Diskussion, warum viele, die zwar als VJs angefangen haben, diese Bezeichnung früher oder später ablehnen.

„Ich sehe den Club als tolle Spielwiese für Improvisationen.”

Hat denn die Bezeichnung „VJ“ im Club eine schlechtere Konnotation als beispielsweise die des Audiovisual Artist, der im Museum auftritt?

Eva Fischer: Offenbar. Genau aus diesem Grund ist es mir ein so großes Anliegen, die Begriffe klarer zu definieren und darüber zu diskutieren. Klar ist, dass man sich durch die Wahl der Bezeichnung natürlich positioniert. Der Begriff „VJ“ wird ganz klar mit dem Club in Verbindung gebracht, ich persönlich möchte das aber nicht werten, daher hat VJ für mich eine ebenso positive Konnotation wie Visual Artist oder Audiovisual Artist. Der Club ist für manche nicht so interessant, weil dort die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums nicht besonders groß ist. Ich persönlich spiele als Visualistin zum Beispiel gerade deshalb gerne auch mal im Club, weil genau das mich reizt, die Freiheit zu haben, etwas auszuprobieren. Ich sehe den Club als tolle Spielwiese für Improvisationen. Aber als Kuratorin reizen mich mehr Kontexte wie das Museum oder das Theater, weil dort die Anforderungen an Dramaturgie und Choreografie höher sind. Im Theater sitzt das Publikum mit konzentriertem Blick auf Bühne oder Leinwand – da kann man sich sozusagen keine Fehler erlauben und dadurch ändert sich natürlich der Anspruch an die Form und den Inhalt. Ich möchte das aber nicht bewerten. Ich denke, dass jeder Zugang seinen Platz hat. Sehr oft hat es die audiovisuelle Kunst so schwer im musealen Bereich, weil ihr unterstellt wird, sie arbeite zu beliebig. Ich stelle dagegen, dass es um den Kontext geht, in dem man auftritt und dass viele Protagonistinnen und Protagonisten wunderbar in zwei, drei verschiedenen Kontexten zurechtkommen. Der Club erfordert andere Zugänge als das Museum und umgekehrt. Und ich kämpfe seit mittlerweile zehn Jahren dafür, dass man nicht zu voreilig urteilt und den Visuals ganz allgemein nur deshalb ihren Kunstwert abspricht, weil sie ursprünglich aus dem Club kommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ada Karlbauer

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