Bild Julian Klien
Julian Klien (c) martinee

„Das ist ein richtig gutes Format“ – JULIAN KLIEN (GOLDGELB RECORDS) im mica-Interview

Der Vorarlberger und Wahlwiener JULIAN KLIEN hat 2017 das Kassettenlabel GOLDGELB RECORDS gegründet. Der umtriebige Musikenthusiast mit einer Vorliebe für Analoges, der unter dem Künstlernamen AKRÜÜL und TYMOND auch selber Musik veröffentlicht, präsentiert zu Frühlingsbeginn einen neuen Kassetten-Release: „Goldrausch – Der Wien Sampler“. Christoph Benkeser und Michael Franz Woels trafen JULIAN KLIEN, um bei ein paar goldgelben Getränken im Fortuna in der Wiener Westbahnstraße (JULIAN KLIEN ist auch Vereinslokalbetreiber) zu erfahren, wie es um die Wiener Kassettenkultur bestellt ist.

Bis heute wurden weltweit mehr als hundert Milliarden Kassetten verkauft. Fast drei Jahrzehnte lang war sie im vorigen Jahrhundert der Standardtonträger für den privaten Gebrauch. Die Kassette hat in den letzten Jahren eine Art Renaissance erfahren. Raus aus dem Underground, rein in den Mainstream. Wie erklärst du dir den Erfolg dieses Formats?

Julian Klien: Ich habe 2017 meine erste EP unter meinem Künstlernamen Akrüül aufgenommen und an verschiedene Labels verschickt – aber keine Rückmeldung bekommen. Als ich bei einer Release-Party von Didi Kern und Philip Quehenberger war, habe ich gesehen, dass sie ihre Musik auf Kassette veröffentlichen. Ich kannte Kassetten natürlich, bin mit ihnen aufgewachsen, auch wenn ich in meiner Kindheit eher Hörbücher oder Märchen hörte und keine Alben mit experimenteller Trommelmusik. Ich habe danach Kassetten gekauft, bespielt, die Covers gedruckt – und 50 Stück herausgebracht. Das sind Zahlen, die überschaubar und sicher nicht mit denen großer Labels vergleichbar sind. Ich weiß nicht, inwiefern die Majorlabels dieses Medium überhaupt als ernste Vertrieb-Möglichkeit sehen. Das ist ein Markt, da geht es nicht um die Kassetten-Kultur. Die großen Labels wollen auf den Marketing-Zug aufspringen und den Erfolg der Kassette mitfahren. Für mich ist das uninteressant. Kassetten sollen etwas Selbstgemachtes sein. Etwas, das man gerne herzeigt, weil man viel Arbeit reinsteckt. Deshalb ist es gerade für kleine Labels, denen Musik am Herzen liegt, ein schönes Medium.

„Ich versuche Maus und Tastatur aus dem Produktionsprozess herauszuhalten.”

Ein Zitat aus einer Werbeanzeige der 1960er Jahre für den ersten Cassetten-Recorder von Philips: Ein kleines Wunderwerk: Und alles geht so sensationell einfach: Schwupp – die Cassette rein, schnapp – den Knopf gedrückt! … und schon macht er Musik. Und wie … laut und leise. Zu Hause. Im Auto. Im Büro. Im Garten. Am Strand. Ganz wie und wo Sie sie haben wollen.“ Was macht den Reiz der Kassette für dich aus?

Goldrausch Cover
Goldrausch Cover

Julian Klien: Die Kassette hat viele Eigenheiten, die mir gefallen. Das Rauschen, das viele abschreckt, verleiht der Musik eine Zeitlosigkeit. Aber auch der warme Sound und die Kompression gefallen mir. Deshalb kommen rein digitale Veröffentlichungen für mich nicht infrage. Ich brauche das Haptische, will die Veröffentlichung in die Hand nehmen können. Ich habe meine Musik immer auf Vierspur-Geräten wie dem Tascam Portastudio aufgenommen, arbeite analog und versuche, Maus und Tastatur aus dem Produktionsprozess herauszuhalten. Früher habe ich öfter mit Bandmaschinen herumexperimentiert, die qualitativ besser sind, aber mehr Arbeit verursachen. Der Vierspur-Recorder ist ein guter Kompromiss.

Und wahrscheinlich auch billiger, oder?

Julian Klien: Keine Frage, ich würde gerne Schallplatten rausbringen, aber es ist eine Kostenfrage. Letztes Jahr habe ich meine eigene Schallplatte veröffentlicht – ohne Vertrieb ist der Verkauf aber schwierig. Tapes sind vergleichsweise einfache Medien, man kann sie günstig kaufen und einfach selbst bespielen. Das entspricht meinem Ethos: Goldgelb Records ist DIY.

Die ersten Kassetten habe ich 2017 produziert, die funktionieren alle noch.“

Kompakt-Kassetten sind bis heute in Afrika und Südasien, nicht nur aufgrund ihrer Gebrauchstauglichkeit, sondern auch aufgrund ihrer Robustheit ein gebräuchlicher Tonträger. Hast du Erfahrungswerte, was die Haltbarkeit dieses Speichermediums betrifft?

Julian Klien: Die ersten Kassetten habe ich 2017 produziert, die funktionieren alle noch (lacht). Ich bin vor ein paar Jahren mit einem Freund durch Deutschland gefahren, um Plattenläden zu durchstöbern. In Dresden habe ich eine ganze Kiste mit alten Kassetten gefunden und dem Besitzer für 20 Euro abgekauft. Da waren Sachen drinnen, die vor über 40 Jahren aufgenommen wurden – ich habe die erst später abgespielt und sie klingen immer noch gut. Aber klar, je mehr man die Kassetten benutzt, je mehr man aufnimmt, desto stärker „bauen sie ab”.

Du hast Goldgelb Records 2017 gegründet. Was hat es mit dem Namen auf sich?

Julian Klien: Da stecken gar nicht so viele Gedanken dahinter. Der Name ist in einer lustigen Nacht entstanden – am nächsten Tag war er noch immer in meinem Kopf. Vielleicht lag es am Bier.

Ich bin auf der Suche nach Entdeckungen.“

Der erste Sampler von Goldgelb Records bringt Künstlerinnen und Künstler aus Wien zusammen. Nach welchen Kriterien hast du die Musik für den neuen Goldgelb Records-Sampler ausgesucht?

Julian Klien: Das geht bei mir oft nach dem Gefühl. Auch wenn viel Instrumentalmusik zu hören ist, möchte ich mich künstlerisch nicht festlegen und den klanglichen Bogen so weit wie möglich spannen. Ich bin schließlich selber auf der Suche nach Entdeckungen. So viele Leute aus Wien produzieren gute Musik. Einen Teil davon wollte ich auf dem Goldgelb Records-Sampler zusammenbringen. Die musikalische Handschrift hat sich automatisch entwickelt. Einzelne Nummern auf dem Sampler sind sphärisch, manchmal verschwommen, andere treiben rhythmisch an. Es lässt sich vieles entdecken, für mich laufen die einzelnen Nummern aber sehr harmonisch zusammen. Man kann den Sampler durchhören. Ich meine das im wortwörtlichen Sinn. Schließlich habe ich noch Alben ganz durchgehört – also Platten aufgelegt und durchlaufen lassen. Bei einer Kassette schaffst du ähnliche Umstände wie bei einer Vinyl-Veröffentlichung. Man kann nicht einfach den nächsten Stream anklicken. Deshalb habe ich mir auch lange Gedanken gemacht, wie ich die einzelnen Nummern anordne. Nachdem sich das einige andere Personen angehört haben, stand für mich fest, dass Conny Frischauf und ich [unter dem Namen Akrüül, Anm. d. Autoren] jeweils die Seiten eröffnen und einen Rahmen schaffen, innerhalb dessen sich die anderen Stücke ausbreiten können.

Seit der Labelgründung hast du neben eigenen Veröffentlichungen als Akrüül und Tymond („Tropischen Nächte“) auch Alben von Johannes Piller alias Kobermann und Stefan Grätzner aufgelegt. Wie kuratierst du das Label?

Goldrausch - Der Wien Sampler
Goldrausch – Der Wien Sampler (c) Matthias Aschauer

Julian Klien: Ich gehe von meinen eigenen Vorlieben aus. Krautrock war zum Beispiel ein Riesending in meinem Leben. Ich war 15, als ich das erste Mal Can gehört habe. Das Rhythmische von Jaki Liebezeit, das Bassspiel von Holger Czukay – auf einem Ton zu bleiben und ihn fragmentarisch zu erweitern – war eine großartige Entdeckung für mich. Im Deutschland der 1970er-Jahre passierten so viele spannende Entwicklungen. Ob Cluster, Harmonia oder Neu! – die Idee des Sphärischen, das Treibende in der Musik, fasziniert mich bis heute.

Das heißt, du bist auch regelmäßig in Plattenläden unterwegs?

Julian Klien: Ja, aber ich suche selten nach bestimmten Genres, sondern lasse mich einfach treiben. In Frankfurt habe ich einmal den ganzen Tag in einem Plattenladen verbracht. Irgendwann kam der Besitzer zu mir und hat gesagt: „Du diggst ja echt überall hier, ne.“ Das Interesse ist also weit gestreut. Gerade im deutschen Bereich finde ich viele Jazz-Platten, die nicht dem klassischen Jazz-Verständnis entsprechen. Also viel experimentelles Zeug, das sich im Musikverständnis von Goldgelb Records widerspiegelt.

Viel Unterstützung und Input kommt aus meinem direkten Umfeld.”

Der Drang zum Experiment beeinflusst bei dir die Kuratierung?

Julian Klien: Ja, obwohl ich nicht alles selbst mache. Viel Unterstützung und Input kommt aus meinem direkten Umfeld. Gerade Fabio Bianco, der nicht nur ein guter Freund, sondern mir auch in musikalischer Hinsicht verbunden ist, bringt immer wieder Ansätze, die sich in der Ästhetik von Goldgelb Records niederschlagen. Johannes Piller [als Kobermann, Anm. d. Autoren] produziert selbst Musik, hat bei Goldgelb Records veröffentlicht und hilft mir mit der Promo-Arbeit. Aber auch der Fotograf und Grafikdesigner Martinee hat Texte für Veröffentlichungen beigesteuert, Förderanträge mit mir bearbeitet und sich immer helfend eingebracht. Ich habe das Label zwar ins Leben gerufen, aber es ist kein Alleingang. Es sind sehr viele Leute, denen ich im Laufe der Zeit auf die Nerven gegangen bin.

Wem bist du für das charakteristische Artwork auf die Nerven gegangen?

Julian Klien: Das Logo von Goldgelb Records ist in Word entstanden [lacht]. Ich habe einfach herum probiert, verschiedene Bilder eingefügt und eine Schrift darübergelegt. Irgendwie entstanden Glitches und Striche. Mir gefiel das Ergebnis. Für die Artworks der Veröffentlichungen verfolge ich keine spezielle Linie – es muss für mich und zu dem jeweiligen Interpreten passen. Die erste Akrüül-Veröffentlichung stammt von mir, das war sehr basic. Für das „Tropische Nächte“-Tape hat Philipp Brunsteiner eine wunderbare Zeichnung geliefert. Das Coverdesign für das Tape von Stefan Grätzner kommt vom Künstler und Musiker Linus Barta. Die Wiener Designerin Andrea Ida hat das Cover für den Release von Kobermann gestaltet. Und das Artwork für „Goldrausch – Der Wien Sampler“ ist ein Siebdruck von Marie Yaël Fides. Ich habe von ihr ein Cover für eine vertonte Malerei gesehen – mir hat das Minimale sehr gefallen. Für den Sampler wollte ich das Design sehr dezent halten, was sie perfekt umgesetzt hat. Man sieht also: Goldgelb Records ist ein Zusammenspiel aus verschiedenen Personen, die verschiedene Einflüsse einbringen und es zu dem machen, was es ist.

Goldgelb Records entwickelt sich organisch, ich probiere viel aus.“

Wie sieht es mit der Kassetten-Szene in Wien aus?

Julian Klien: Es gibt viele unterschiedliche Szenen, man versucht sich zu vernetzen. Vor allem die Leute aus der Schönbrunner Straße 6 (SSTR6), die unter anderem den Tape-Store-Day gestartet haben, bringen die Szenen zusammen. Wien ist überschaubar und familiär, das macht den Charme aus. Deshalb war für mich die Idee naheliegend, einige Wiener Künstlerinnen und Künstler auf einem Sampler zusammenzufassen und damit einen Teil der Szene einzufangen. Die Idee hat sich herumgesprochen. Leonard Prochazka [Geier aus Stahl, Anm. d. Autoren] hat mir einen Track angeboten. Außerdem habe ich Conny Frischauf gefragt, ob sie nicht einen Track beisteuern möchte.

Was darf man sich von Goldgelb Records in diesem Jahr noch erwarten? Gibt es wieder „Tropische Nächte” oder führt die Reise woanders hin?

Julian Klien: Heuer veröffentliche ich noch Aufnahmen von Johannes [Piller aka Kobermann, Anm. d. Autoren], die letzten Sommer in einem Gewächshaus entstanden sind. Ein zweites Tape kommt von mir, welches ich unter meinem Künstlernamen Akrüül herausbringen werde. Ansonsten gibt es keinen fixen Plan. Goldgelb Records entwickelt sich organisch, ich probiere viel aus – und es wird kontinuierlich mehr. Schauen wir mal, wohin die Reise führt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser, Michael Franz Woels

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Release-Party
Goldrausch – Der Wien Sampler
20.03.2020 im SSTR6 (Schönbrünner Straße 6)
http://www.transformermusic.at/

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Link:
Goldgelb Records