„Ich wollte so dieses Strikte, Abgegrenzte aufbrechen“ – GINA SCHWARZ im mica-Interview

Mit ihrem Projekt Pannonica” (Cracked Anegg) beeindruckte GINA SCHWARZ schon als Stage-Band im Wiener PORGY & BESS. Nun hat sie die Musik des Nonetts auf zwei CDs gebannt. Herausgekommen ist Jazz mit zeitgenössischen und Worldmusic-Einflüssen, der gekonnt zwischen kompositorischer Eleganz und spannungsgeladener Improvisation hin- und herpendelt. Mit Markus Deisenberger sprach sie vor einigen Österreich-Terminen zur Präsentation der Doppel-CD über das Aufbrechen von Geschlechtergrenzen, beruhigende Erkenntnisse und heimliche Wünsche.

Das Projekt „Pannonica” startete als neunköpfige Stageband des Porgy & Bess. Wie kam es dazu?

Gina Schwarz: Mich hat erschreckt, dass es so viele Bands der jüngeren Generation gibt, die ausschließlich oder zumindest hauptsächlich aus männlichen Musikern bestehen. Da hatte ich spontan die Idee, etwas zu machen, das in eine andere Richtung geht. Also habe ich Christoph Huber vom Porgy & Bess kontaktiert und ihn gefragt, ob es für ihn passen würde, wenn ich die Stage Band mache. Er hat sofort ja gesagt. Daraufhin traf ich ihn, um zu erfragen, ob es dafür bestimmte Kriterien gibt. Das verneinte er. Sprich: Er gab mir völlig freie Hand. Und so beschloss ich, einerseits verschiedene Generationen miteinander zu mischen, und andererseits Männer mit Frauen. Ich wollte so dieses Strikte, Abgegrenzte aufbrechen. Es ist in Österreich ja oft so, dass ganz bestimmte Grüppchen miteinander spielen. Genau das, dieses Generationen- und Geschlechtsbezogene wollte ich aufbrechen. Die nächste Frage war dann, wen ich in diese Band reinnehme.

Und nach welchen Kriterien bist du da vorgegangen? 

Gina Schwarz: Hauptsächlich nach persönlichen. Ich habe geschaut, welche Personen besonders gut in ein Kollektiv passen. Mir war gar nicht so wichtig, welche Instrumente sie spielen, sondern ob sie mir als Typ, als Stimme in der Musik taugen.

Bild Gina Schwarz & Band
Gina Schwarz & Band (c) Hans Klestorfer

„Ich wollte die richtigen Leute. Menschen, die nicht unbedingt im Vordergrund stehen wollen.“

Was hat sich daraus ergeben? 

Gina Schwarz: (lacht) Eine tolle Band, für die es schwer ist, zu schreiben. Denn wenn man Cello, Posaune, und Klavier in einer Range hat, ist das kompliziert. Ich habe die Leute ja nicht nach ihren Instrumenten ausgesucht. Das hätte ich auch machen können, aber das wollte ich partout nicht. Ich wollte die richtigen Leute. Menschen, die nicht unbedingt im Vordergrund stehen wollen. Freilich sind sie gewissermaßen im Vordergrund, weil sie im Kollektiv das Beste rausholen. Aber das ist ein gänzlich anderes Konzept. Mir war wichtig, dass sie hören und sich in der Gruppe auch zurücknehmen können, dass sie – obwohl sie allesamt herausragende Solisten – nicht nur in der ersten Reihe stehen wollen, sondern auch den anderen den Platz geben, den sie brauchen.

Was, denkst du, ist für die strengen Gruppenbildungen verantwortlich? 

Gina Schwarz: Schwer zu sagen. Vielleicht ist es die Geschichte des Jazz, die nachwirkt. Am Anfang mussten sich Frauen ja verkleiden, um mit den Männern spielen zu können. Es ist schrecklich, dass das 2020 immer noch Thema sein muss, aber es ist noch Thema. Erst langsam wird es besser. Gerade unter den jungen Männern sehe ich mehr Toleranz. Ein Gefühl von Gleichwertigkeit kommt langsam auf.

Man muss kein Hellseher sein, um davon auszugehen, dass die Stage-Band gut funktionierte und gut ankam, sonst läge nun kein Doppelalbum vor. Welches Material habt ihr damals live gespielt? 

Gina Schwarz: Ich habe für diese Besetzung komponiert und arrangiert. Zusätzlich hatte ich eine Idee: Wenn du in einer Saison acht Konzerte im Porgy spielst, musst du den Club ja auch füllen, damit es lustig wird. Deshalb habe ich Gästinnen eingeladen, in diesem Fall wirklich nur Frauen. Es war jeden Abend eine andere Frau, die dazu stieß. Aus verschiedenen Ländern, an verschiedenen Instrumenten. Am besten, wenn sie auch einen anderen Zugang zum Jazz hatten als ich. Das war die Idee.

„[…] ich habe im Vorfeld auch darauf geschaut, welche meiner Kompositionen zum Typ der eingeladenen Künstlerin passen.“

Haben sich diese Gäste, darunter z.B. Ingrid Jensen oder Silvie Courvoisier, ins Kollektiv eingefügt oder haben sie für Überraschungen gesorgt? 

Gina Schwarz: Zuerst einmal muss man wissen, dass wir uns die Kompositionen geteilt haben, d.h. die Hälfte kam vom Gast, die andere Hälfte von mir. Insofern trug das ganze schon stark den Stempel der Gästinnen. Und ich habe im Vorfeld auch darauf geschaut, welche meiner Kompositionen zum Typ der eingeladenen Künstlerin passen. Ingrid Jensen etwa meinte nachher, dass sie ein bestimmtes Stück so gern mag. Das hat mich sehr gefreut, weil ich es auch eigens für sie komponiert habe. Das heißt, dass gab es auch: Dass ich für die Gästin eigens komponierte.

Wie leicht oder schwer war das Projekt finanziell zu stemmen? 

Gina Schwarz: Es gibt ein bestimmtes Fixum für die Stage Band. Zusätzlich dazu brauchte es aber Geld für die Leute, die ich eingeladen hatte. Flugreisen, Unterkunft etc. Und da kam die Universität MDW mit einer Kooperation ins Spiel, denn die von mir Eingeladenen gaben Workshops an der Universität. Es fand etwa ein Workshop mit Sylvie Courvoisier statt. So ergab sich eine Win-Win Situation für alle: Für die Musikerinnen und Musiker der Band, für das Porgy, für die MDW und für die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler.

Wie entstand dann die Idee, aus der live gespielten Musik ein Album zu machen?

Gina Schwarz: Sharon Anegg von Cracked Anegg Records sprach mich an. Sie meinte, es sei doch schade, wenn ich jetzt aufhöre. Wenn es nach so vielen guten Konzerten und so viel Arbeit nun vorbei sei. Da dachte ich: Ich könnte schon eine CD machen, aber nicht mit den Gästinnen. Das kann ich mir nicht leisten. Ich habe dann die Band, den Pool an Musikerinnen und Musikern genommen und Gott sei Dank Förderungen bekommen, sonst wäre es nicht gegangen.

„Und wenn du fertig bist, geht es schon wieder los […]“

Jetzt habe ich mir deinen Konzertkalender 2019 angeschaut. Der war voll, wenn nicht übervoll. Wie findet sich da überhaupt Zeit, ein Doppelalbum wie dieses aufzunehmen? 

Gina Schwarz: Wirklich heftig war es, Zeit, für das Komponieren während der Stage-Band-Phase zu finden. Sehr schwierig. Jeden Monat ein Konzert. Und wenn du fertig bist, geht es schon wieder los, wenn du etwas Neues bieten willst: Komponieren, Arrangieren. Es hört nie auf. Dazu muss man sagen, dass ich keine Nummer wiederholt habe. Keine einzige Nummer wurde zweimal gespielt. Danach war ich zufrieden, weil es eine tolle Zeit war, aber auch erleichtert, dass diese wirklich intensive Phase vorbei war. Die Aufnahmen zum Album dann fanden genau vor einem Jahr statt.

Wie hast Du dann die Nummern ausgewählt? 

Gina Schwarz: Einfach die, die mir am besten gefallen. Die erste CD enthält in erster Linie komponierte Stücke, CD Nummer 2 ist ganz anders. Ich bekam eine Förderung für vier Tage Studio im Radiokulturhaus. Das war für mich reserviert und bezahlt. Aber weil die Band so gut zusammengespielt ist, dachte ich mir schon beim Proben, dass wir unter Umständen mit dem, was ich für eine CD vorhabe, vor Ablauf der Zeit fertig sein könnten. Was dann? Was, wenn nach zwei Tagen alles im Kasten ist? Die restliche wertvolle Studiozeit einfach verfallen lassen wollte ich keinesfalls. Deshalb begann ich in der Woche davor noch zu komponieren, falls dieser Fall eintreten würde.

Und er ist eingetreten? 

Gina Schwarz: Genau. CD Nummer 2 ist fast nur – mit einer Ausnahme – von Tag Drei und Vier der Aufnahmesessions. Ich habe dafür Teile komponiert. Die waren aber nicht so durchkonzipiert wie auf der ersten CD. Mit diesen Ideen und Kompositionsteilen kam ich ins Studio. Gearbeitet wurde sehr spontan. Manchmal bekamen die Musikerinnen und Musiker auch gar keine Noten. Die Band hat sich insgesamt viel mehr eingebracht. Konzept war es, von A nach B zu gelangen. Wie genau, war offen.

Wir hat es funktioniert? 

Gina Schwarz: Dadurch, dass ich die Musikerinnen und Musiker ja genau danach ausgesucht hatte, dass sie für solche Situationen genial sind, ging es auch gut. Die Band war noch präsenter, und es entstanden wirklich coole Sachen. Bei der ersten CD hatte ich das Gefühl, dass es wirklich super ist. Bei Entstehung der zweiten, hatte ich das Gefühl, die Entstehung der Stücke war für die Beteiligten selber noch aufregender. Weil sie nicht wussten, wie es weiter geht und der Anteil der Mitbestimmung größer war. Es herrschte eine wirklich spannende Atmosphäre. Man ist am dritten und vierten Tag natürlich schon müde, aber dadurch, dass das genau die Tage waren, an denen wir besonders gefordert waren, kam keine Müdigkeit auf. Jeder in der Band dachte sich z.B. einen Begriff aus, es ging los und nach einer Minute wurde abgebrochen. Von diesen Cuts habe ich sechs ausgewählt. Bei „Bibliophobia” war es auch so, dass wir auf Handzeichen agierten. Ein Gitarrensolo reißt einfach ab und die Streicher setzen ein. Machen konnten die Musikerinnen und Musiker, was sie wollen. ein bisschen John Zorn-mäßig. Der hat das ja sehr stark ausgelebt. Wenn man das weiß, kann man die Übergänge in der Musik mitverfolgen.

Ganz zentral sind die schönen melodischen Bläsersätze, die trotz ihrer Schrägheit immer funky sind, oder umgekehrt trotz ihrer Funkyness immer schräg, bzw. insgesamt die feine Orchestrierung. Woher kommt die Faszination für Orchestrierung? Woher die die Faszination für das Zeitgenössische?

Gina Schwarz: Vielleicht, weil ich als Musikerin mit dem Akkordeon begann, es auch studierte. Dieses Instrument kann ganz schön orchestral sein. Ich habe nie Volksmusik gespielt, sondern bin gleich in die zeitgenössische Musik eingestiegen. Polnische, russische, skandinavische Komponisten. Während des Studiums mussten wir auch Orgelwerke, etwa von Bach, spielen. Das Orchestrale, das du hörst, kommt wahrscheinlich von dort.

In meiner gesamten Laufbahn als Akkordeonistin hatte ich einen einzigen Gig. Deshalb beschloss ich auszubrechen.

Wieso hast du das Akkordeon nicht weiterverfolgt?

Bild Gina Schwarz
Gina Schwarz (c) Hans Klestorfer

Gina Schwarz: Zuerst einmal war das Akkordeonspiel mit wahnsinnig viel Üben verbunden. Man musste einmal hundert Stunden investieren, um überhaupt herauszufinden, wie man so ein orchestrales Werk mit dem Akkordeon überhaupt spielt. Es gab kaum Aufnahmen, nur Noten. Dann hat man es irgendwann drauf, aber es stellt sich die Frage, wer es hören will. In meiner gesamten Laufbahn als Akkordeonistin hatte ich einen einzigen Gig. Deshalb beschloss ich auszubrechen. Ich wollte nicht stundelang im Kammerl Musik einstudieren, die eigentlich niemand hören will. Und da gab es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder ich spiele Akkordeon auf Jazz, d.h. ich spiele mit der linken Hand Akkordbegleitung, wie es der Jazzpianist macht, oder ich lerne ein anderes Instrument, um einen neuen, völlig freien Zugang zur Improvisation zu bekommen. Es ging mir darum, das Gefängnis aufzulösen. Am selben Instrument ist das sehr schwer, das sagten mir zumindest viele klassische Musiker, die das frei Gespielte oft einmal als kindisch empfinden, weil sie es gewohnt sind, einen perfekten Ton zu spielen und auch die schwierigsten Stücke perfekt einstudiert zu spielen. Wenn es simpel wird, kommen sie sich dumm vor und trauen sich nicht. Dieses leicht Verklemmte ist bei einem anderen Instrument leichter aufzulösen. Da denkt man sich: Ist doch egal. Bin ja Anfänger und spiele einfach ohne Noten drauflos. Ich habe überlegt, Saxophon oder E-Bass anzufangen. Geworden ist es der E-Bass, denn der hatte einen riesigen Vorteil: Ich hatte damals schon eine kleine Tochter und konnte nur nachts üben. Bass wollte ich zuerst nur nebenbei spielen. Aber es hat mich gleich gefesselt, und so begann ich neben dem Akkordeon Bass zu studieren. Als ich fertig war und mein Jazzdiplom erhielt, kam ich in die letzte Stunde, um mich zu verabschieden. Mein damaliger Lehrer ging kurz raus um zu telefonierten und kam ewig nicht mehr zurück. Ich wollte nicht unhöflich sein, also blieb ich, setzte mich ans Klavier, spielte ein wenig. Und da stand auch ein Kontrabass in der Ecke. Und weil mir so langweilig war, probierte ich ihn einfach aus. Ich habe ihn genommen und einen Blues in F gespielt, was sich als viel leichter herausstellte als gedacht.

Der Funke sprang sofort über?

Gina Schwarz: Das kann man wohl sagen. Mein Lehrer kam zurück und entschuldigte sich, aber das war mir egal. Ich fragte ihn, ob er einen Kontrabass hätte. Es stellte sich heraus, dass er gerade zufällig einen zuhause hatte, den er nicht benötigte. Ich tauschte meinen Musicman Stringray gegen den Kontrabass. Da war ich schon dreißig Jahre alt. Trotzdem fing ich mit Kontrabass an, und das lief auch gleich so gut. Ich musste schauen, dass ich das bewältigen konnte, was an Anfragen reinkam.

„Ich spiele eigentlich gerne Soli.“

Was mir auf den CDs aufgefallen ist, ist die Zurückhaltung. Die Stücke sind alles andere als um den Bass herumgebaut, sondern organische Kompositionen. Du bist eine Bandleaderin, die sich nie in den Vordergrund soliert. Ist das Absicht oder Teil deiner Persönlichkeit?

Gina Schwarz: Schwer zu sagen. Ich spiele eigentlich gerne Soli. Viele sagen, dass es ein Pluspunkt meines Spiels sei, dass ich melodisch solieren kann. Aber dadurch, dass ich, selbst als ich Akkordeon studierte, schon am Klavier komponierte und auch heute noch eher am Klavier komponiere, steht der Bass vielleicht bei den Kompositionen nicht so im Vordergrund.

Namensgeberin für das Projekt „Pannonica” war „Pannonica de Koenigswarter”, geborene Rothschild, eine der wichtigsten Förderinnen des Modern Jazz, die mit Art Blakey, Thelonious Monk auf Du und Du war. Wie bist du auf die illustre Baroness als Namensgeberin gestoßen?

Gina Schwarz: Ich habe auf Ö1 einen Bericht über sie gehört, bekam dann zusätzlich dazu noch ein Buch über sie geschenkt, in dem ihr bekannte Jazzer der damaligen Zeit ihre heimlichen drei Wünsche verraten. Jetzt gibt es auch eine aktuelle Biographie über sie. Die Baroness war eine Förderin der Szene. Eine faszinierende starke Persönlichkeit. Was mich stark beeindruckte, war, was die in dieser Zeit gemacht hat. Du musst dir vorstellen, dass sie sich als weiße Frau unter schwarzen männlichen Musikern bewegt hat. In der Community war sie voll anerkannt. Ungewöhnlich für eine weiße Frau. Auch ungewöhnlich, dass sie sich als reiche weiße Frau um schwarze Musik kümmerte. Sie war auch eine der ersten, die das Genie eines Monk erkannte. Ein Journalist, der die Szene in New York gut kennt, hat mir einmal erzählt, welche Ausnahmestellung sie Zeit ihres Lebens hatte. Sie hatte in der Szene eine besondere Stellung, saß etwa ganz hinten im Village Vanguard. In einer Pause hörte man eine Bemerkung von ganz hinten und jeder im Raum wusste, dass sie da war.

Jazz verkörperte für die Jazzbaroness Modernismus und Toleranz. Ist es das auch für Dich?

Gina Schwarz: Das wäre schön, wenn es so wäre. Mir kommt es im Moment aber nicht so vor. Teilweise ist der Jazz schon ein wenig verstaubt. Aber meckern nutzt nichts. Jeder kann einen Beitrag leisten, damit es besser wird.

Christoph Huber hat in den Liner Notes zur CD geschrieben, “Pannonica” offenbare einen “bewusst femininen Hörblick”. Wie sieht der aus? Gibt es so etwas überhaupt?

Gina Schwarz: Dadurch, dass du mehr Frauen ins Boot holst, kann es sein, dass die Musik sich ein wenig anders entwickelt. Manchmal kann man durchaus Unterschiede bemerken, finde ich.

Bild Gina Schwarz
Gina Schwarz (c) Hans Klestorfer

Welchen Stellenwert wird das Projekt “Pannonica” in deinem gesamten Oeuvre einnehmen?

Gina Schwarz: Ich werde das Album jetzt international bewerben. Für Radio und Zeitungen ist es unter meinen unterschiedlichen Formationen die mit Abstand am aufregendsten bewertete. Für mich ist das bisher dem Projekt entgegengebrachte Interesse großartig. In London wird das Album auf BBC gespielt. In Neuseeland wird es gespielt, obwohl noch nicht einmal rausgekommen. In Deutschland lief es u.a. auf Radio Bremen. Magazine und Radiosender schreiben zurück, zumindest zwischen 60 und 70%. Schwieriger ist es bei Veranstaltern. Da ist der Anteil, der sich zurückmeldet, deutlich geringer. Auf das Booking habe ich keinen Einfluss. wenn das so bleibt, ist es halt so, dass die CDs Dokument sind. Dann ist die Musik halt mehr für Magazine und Radio. Man muss das Schicksal so nehmen wie es kommt. Nichts ist ausgeschlossen. Ich hätte mir mit 30 ja auch denken können, ich sei zu alt für den Kontrabass. Habe ich aber nicht.

Empfindest du Jazz manchmal als Überlebenskampf?

Gina Schwarz: So weit würde ich nicht gehen. Was aber nervt, ist, dass es immer mehr in Richtung Marketing geht, und es teilweise nicht mehr auf die Musik ankommt, sondern die Hülle, das Produkt. Genau deshalb war ich so froh, dass der Response von den Radios und Magazinen so groß war, weil die nur die Musik hatten. Kein Gesicht dazu, kein Video. Nur die Musik. Das heißt…

… dass da draußen noch jemand Musik hört?

Gina Schwarz: Genau das. Eine schöne, beruhigende Erkenntnis.

Wir wirst du das Album jetzt auf die Bühnen hieven? Wird es eher das spannend-Unerwartete der zweiten CD oder das perfekt-Arrangierte der ersten den Vorrang haben? 

Gina Schwarz: Gute Frage. Darüber denke ich noch nach. Eine Idee ist, dass ich mit CD Nummer zwei beginne und die Reihenfolge auch genauso spiele, wie auf der CD, d.h. auch die einminütigen Cuts einhalte.

„Wenn die erste Nummer gleich dazu dient, dass sich die Musikerinnen und Musiker freispielen können, fühlt man sich als Band sicherer und besser.”

Und die erste CD? 

Gina Schwarz: Die käme dann im zweiten Set. Meine Überlegung war, dass es spannender ist, mit dem Unerwarteten, Impulsiven zu beginnen und erst danach das schön Arrangierte folgen zu lassen. Man würde eher das Gegenteil annehmen, ich weiß, aber mein Gefühl sagt mir das so. Wenn die erste Nummer gleich dazu dient, dass sich die Musikerinnen und Musiker freispielen können, fühlt man sich als Band sicherer und besser. Das befruchtet das ganze Konzert. Der Flow wird besser. Das ist der Plan Nummer eins, aber natürlich werden Pläne auch oft verworfen.

Wie die Baroness ihre Lieblingsjazzer, möchte auch ich dich abschließend fragen: Wenn du drei Wünsche frei hättest, welche wären das?

Gina Schwarz: Erstens: Gesundheit.
Zweitens: Intensität, Freiheit, Gleichwertigkeit & Gleichberechtigung trotz Unterschiedlichkeit.
Drittens: Offenheit gegenüber Neuem, den Mut, meine Visionen zu leben. Der dritte Punkt klingt im Englischen besser: enjoying being myself, believing in me, being open to others and sharing my vision even though I might be questioned or criticized.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Markus Deisenberger

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Gina Schwarz “Pannonica” live
28.02. Jazzit, Salzburg – Album Release Show
06.03. Step, Vöklermarkt
09.03. Porgy & Bess, Wien

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