Bild Alpine Dweller
Bild (c) Alpine Dweller

„Das große Kleid unserer Musik ist die imaginäre Folklore“ – MATTHIAS SCHINNERL (ALPINE DWELLER) im mica-Interview

Seit rund drei Jahren bilden MATTHIAS SCHINNERL (Gitarre, Ukulele, Gesang und Maultrommel), JOANA KARÁCSONYI (Cello, Gesang und Perkussion) und FLORA GEISSELBRECHT (Viola, Harfe) die Band ALPINE DWELLER. Nach einem fulminanten Konzert in der SARGFABRIK sprach Jürgen Plank mit MATTHIAS SCHINNERL über die Aufnahme der ersten EP und eine anstehende Tournee, die die Band nach Ägypten führen wird.

Wie kam es zur Gründung von Alpine Dweller?

Matthias Schinnerl: Alpine Dweller ist aus einem anderen Bandprojekt hervorgegangen, das Beyond The Trees hieß. Schon mit Beyond The Trees haben wir kreuz und quer in Österreich gespielt – mit zwei Gitarren und einem Cello. Eine Gitarre und ein Cello sind bei Alpine Dweller übrig geblieben, das ist Joana am Cello und ich an der Gitarre und Ukulele. Mit dabei ist auch Flora als Harfenistin und Bratschistin. Wir haben mit Beyond The Trees ein Konzert gespielt und Flora dazu eingeladen und das hat so gut funktioniert, dass wir sie immer wieder eingeladen haben.

Worauf verweist der Bandname Alpine Dweller?

Matthias Schinnerl: Alpine Dweller war für uns ein starker Name und er bedeutet uns auch viel. Der Name verweist auf jene Art von Steinschlichtung, die überall im alpinen Raum zu sehen ist. Das sind die sogenannten Steinmanderln.

Legen Sie musikalisch auch eine Schicht über die andere?

Matthias Schinnerl: Es sind auf jeden Fall mehrere Schichten da, musikalisch bewegen wir uns um eine Grundstruktur herum. Wir verwenden Versatzstücke, die aufeinanderprallen und einfach werden. Durch dieses zusammengewürfelte Musizieren haben wir unsere Musik immer mehr aufgebaut und machen jetzt dieses Steinmanderl größer.

„Wir haben die ersten zwanzig, dreißig Konzerte gespielt, ohne zu proben.“

Was bedeuten diese Steinschlichtungen noch?

Matthias Schinnerl: Für uns bedeuten sie: aus Stein, aber doch der Erosion unterworfen. Dieses Steinkonstrukt ist eine ganz feste Sache, aber es kann auch sein, dass da und dort ein Stein weggenommen wird, und es kann sein, dass das komplett zusammenfällt und sich erneut aufbauen muss. So bewegen wir uns auch auf der Bühne. Wir haben die ersten zwanzig, dreißig Konzerte gespielt, ohne zu proben. Die Bühne war unser Proberaum und da lernt man am besten den Umgang mit Live-Equipment.

Proben Sie noch immer nicht?

Matthias Schinnerl: Inzwischen sind wir alle in Wien, dadurch ergeben sich Proben in Wohnzimmern. Unsere Nachbarinnen und Nachbarn sind uns freundlich gesinnt.

Demnächst werden Sie in Ägypten spielen.

Matthias Schinnerl: Das ist über ein großes Netzwerk entstanden, das wir unser Eigen nennen können. Da die anderen beiden aus der symphonischen Richtung kommen, bestehen dorthin Beziehungskreise. Ich komme aus der sozialwissenschaftlichen Richtung, so ergeben sich andere Forschungsgebiete. Unsere Herangehensweise an Musik ist irgendwo auch Forschung. Wir erforschen uns selbst. Wir schauen, was wir können und wo wir ansetzen können.

Sind Sie auch musikethnologisch am Alpenraum interessiert?

Matthias Schinnerl: Eher weniger. Ich würde nur sagen, wir nehmen dieses Alpine stereotypisch her. Wir haben auch an „Sound of Music“ gedacht und daran, in Lederhosen aufzutreten. Wir sind aber nicht in österreichischen volkstümlichen Musikkreisen unterwegs.

Es gibt bei Alpine Dweller auch eine Verortung in Richtung Klassik, wie kommt das?

Matthias Schinnerl: Sicher. Flora hat auch ganz starke Anknüpfungspunkte zur Neuen Musik und zu experimenteller Musik. Diese neue Klassik möchten wir durchaus in unsere Musik einbringen.

Haben sich die Steinmanderln und die Neue Musik leicht miteinander verbinden lassen? Oder bewegen Sie sich in einem Spannungsfeld?

Matthias Schinnerl: Es gibt immer Grund zur Diskussion und das ist durchaus ein Spannungsfeld. Auf dieser gespannten Linie zu balancieren ist für uns relativ aufregend und das werden wir weiterhin machen.

Wie reagiert das Publikum bei Konzerten auf diesen Seiltanz?

Matthias Schinnerl: Relativ emotional. Wir sind selbst immer erstaunt, dass wir Leute auch zum Weinen bringen. Vielleicht auch, weil wir bei Auftritten auch selbst manchmal weinen, weil das Balancieren oft nicht ganz einfach ist.

Bild Alpine Dweller live
Alpine Dweller live (c) Jürgen Plank

„Es ist ein besonderes Erlebnis, dass wir uns musikalisch immer mehr finden.“

Ihre Band gibt es nun seit rund drei Jahren. Gab es ein besonderes Erlebnis in dieser Zeit?

Matthias Schinnerl: Es ist ein besonderes Erlebnis, dass wir uns musikalisch immer mehr finden. Es wird eigentlich immer mehr und nicht weniger, es wird Stein um Stein aufgebaut und das Ding ist noch nicht zusammengebröselt.

Sie haben bereits Aufnahmen auf CD und Vinyl veröffentlicht. Wie war die Aufnahmesituation dieser Lieder?

Matthias Schinnerl: Wir haben im Februar 2017 eine Demo-EP veröffentlicht, die haben wir in der Stube der Großmutter in Oberösterreich aufgenommen. Dort ist es heimelig und man fühlt sich wohl.

Wie haben Sie diese spezielle Raumsituation technisch gelöst?

Matthias Schinnerl: Wir hatten ein mobiles Aufnahmestudio, ein Kumpel hat das für uns aufgenommen und das hat alles gut funktioniert. Wir haben schon einzelne Spuren aufgenommen und diese dann in ein poppiges Kleid gesetzt. Am Album hört man ein bisschen das Feuer, Stereoaufnahmen vom Ofen sind mit ein, zwei Spuren auch drauf. Denn es lag eine Lagerfeuerstimmung im Raum und wenn man genau hinhört, wird man auch das Feuer in den Aufnahmen entdecken.

Ist die EP Ihre erste Veröffentlichung?

Matthias Schinnerl: Diese EP ist unsere allererste Veröffentlichung und ist der Versuch gewesen, etwas zu produzieren. Wir haben eine ganz kleine Vinyl-Auflage von 250 Stück gemacht. Wir haben die Platte selbst produziert, ohne Label oder sonstigen Hintergrund. Das war auch gut, um Erfahrungen mit der Materie zu sammeln. Wir sind bald im Studio, um ein ganzes Album aufzunehmen.

Was thematisieren Sie inhaltlich mit Ihrer Musik?

Matthias Schinnerl: Das große Kleid unserer Musik ist die imaginäre Folklore. Inhaltlich verwenden wir Versatzstücke von Themen, die uns berühren. Unsere Musik wird auch „Folk“ genannt, auch wenn wir uns nicht in Folkkreisen bewegen. Das ist eher transkulturell, würde ich sagen. Es ist ein Mischmasch aus verschiedenen Eindrücken und Situationen, die wir in unserem Leben aufnehmen und von denen wir glauben, dass sie es wert sind, weitertransportiert zu werden.

In einem Lied – „Naked Thoughts“ – ist die folgende Zeile enthalten: „We are waste in the ocean.“ Was steht dahinter?

Matthias Schinnerl: Das kann waste sein, das kann waves sein. Ich bin kein englischer Native Speaker, dadurch fällt es manchmal auch schwer, Worte in englischer Sprache richtig schön auszusprechen. Aber sie transportieren trotzdem immer eine Bedeutung. Die Idee dahinter: Ob es nun waste ist oder waves, es ist ein Treiben in der Welt. Wenn man das große Ganze als den Ozean sieht, sind wir ein kleiner Teil, der auch sehr viel weiterträgt. Ob es Müll ist oder ob es einfach ein Weg ist, auf dem wir uns befinden. Oder ob es die Welle an sich ist, die einfach weiterschiebt. Der Text ist auch schon öfter als „super sozialkritisch“ interpretiert worden. Auch das muss es nicht sein, es kann auch nur ein intimes Zusammensein sein.

Und bei einem Lied der EP haben Sie ein Gedicht von Emily Dickinson verwendet. Wie kam es zu dieser Auswahl?

Matthias Schinnerl: Emily Dickinson war eine sehr interessante Autorin, eine Dichterin. Sie war eine starke Frau und andererseits sind ihre Gedichte bezaubernd. Uns gefällt es auch, einen Ansatz zu finden, der sich über Generationen erstreckt. Wir spannen da einen breiten Bogen von Tradition und Geschichte bis in die Gegenwart. Und vielleicht auch in die Zukunft.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Jürgen Plank

Alpine Dweller live
30.03. El Gomhouria Theatre, Kairo (EGY)
02.04. Yellow Umbrella, Kairo (EGY)
06.04. Opera House Alexandria, Alexandria (EGY)
08.04. Cairo Jazz Club, Kairo (EGY)
12.04. Opera House Damanhour (Damanhour (EGY)
20.04. Rudolfstrasse – Ob`n, Linz (A)
21.04. Kunsthaus Nexus, Sallfelden (A)
22.04. Ladenbergen, Bergen (D)
23.04. TBA, (D)
24.04. Cube Club, Düsseldorf (D)
25.04. Kulturcafe Lichtung (D)
26.04. Links neben der Tanke, Chemnitz (D)
27.04. Lesecafe Odradek, Leipzig (D)
28.04. Culture Container, Berlin (D)
29.04. Donau 115, Berlin (D)
30.04. Gärtnerei, Hildesheim (D)
01.05. Passage 46, Freiburg (D)
02.05. Wohnzimmer, Lustenau (A)
03.05. TBA, Innsbruck (A)
04.05. Kulturhofkeller, Villach (A)
05.05. TBA, Graz (A)

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