„Dafür kann es keine objektive Definition geben” – SILVIA RIEF im mica-Interview

Die Soziologin SILVIA RIEF hat ihren Doktor über Clubkulturen gemacht. Wer könnte also besser beantworten, ob Gastronomie und Kommerz ein Teil von Clubkultur sind oder nicht? Spoiler, es ist kompliziert.

Was ist eine Subkultur?

Silvia Rief: Subkultur meint eine Form der Vergemeinschaftung, die sich über den symbolischen Widerstand gegen eine dominante Kultur definiert und dies über eine bestimmte Ästhetik ausdrückt – also entweder über Kleidungsstile, Musikgeschmäcker, bestimmte Kulturen und Rituale des Feierns, Sprachgewohnheiten – oder auch über ihre Art des sozialen Umgangs.

Sind Clubkulturen also Subkulturen?

Silvia Rief: Clubkulturen sehe ich heterogener. Es gibt Szenen, die eine Gemeinschaft konstituieren und sich über Musikrichtungen definieren. Aber diese sind weniger homogen als das Subkultur-Konzept nahelegt. Subkulturen vergemeinschaften viel stärker und sehen sich als Alternative zu einer dominanten Kultur. Deshalb war hinsichtlich der Clubkulturen in den 1990er Jahren ein anderer Begriff gebräuchlich, nämlich der Neo-Stämme. In Clubs kommen verschiedenste Gruppen und Grüppchen zusammen.

Dann wäre Freetek eine Subkultur, während sich im Volksgarten Neo-Stämme treffen?

Silvia Rief: Dem kann ich mich anschließen. Sobald eine kritische Praktik dahinter steht, ein alternativer Raum konstituiert wird, ließe sich das eher unter Subkultur einordnen. Das Ausgehen in der nächtlichen, städtischen Erlebnisökonomie hat zwar subkulturelle Wurzeln, aber bereits in den 1990er Jahren wurden diese sehr kommerzialisiert. Größere Unternehmen und Firmen hatten oder haben teils hunderte Clubs in ihrem Portfolio. Das ist sehr weit weg von Subkultur.

Warum ist es exakter, von Clubkulturen in der Mehrzahl zu sprechen?

Silvia Rief: Das Phänomen ist sehr heterogen. Sowohl international wie auch innerhalb von Städten gibt es ganz unterschiedliche Szenen. Worauf der Begriff verweist, unterscheidet sich und ebenso die Assoziationen, die er weckt. Was in London darunter verstanden wird, ist etwas anders als in Wien oder in Istanbul. Das Phänomen ist Chamäleon-artig geworden, Unternehmen haben sich diversifiziert, sind in die Kreativwirtschaft hinein diffundiert, clubkulturelle Events wurden mit Werbeformaten vermischt. Das Ziel war dann nicht mehr, eine Party zu veranstalten, sondern einer Firma ein Werbesetting und Zugang zu bestimmten Zielgruppen zu eröffnen, Business-Clubbings für die berufliche Vernetzung zu veranstalten oder Clubbing-Holidays auf Ibiza zu organisieren.

Was hat dann unter diesem Dach der “Clubkulturen“ Platz?

Silvia Rief: Das befindet sich als sozialer Definitionsprozess immer in Aushandlung. In Wien grenzt sich Clubkultur aktuell vielleicht von Disco Culture oder von der Gastronomie-Szene ab. Aufgrund solcher Distinktionsprozesse kann es dafür keine objektive Definition geben. Die Frage ist eher, wie definieren das verschiedene Akteurinnen und Akteure oder Gruppen in einem bestimmten Kontext und welche symbolischen Positionskämpfe spielen sich ab. Die Unterscheidung zwischen Clubkulturen und Disco hat auch in Großbritannien lange eine Rolle gespielt. Letztere wurde mit einer sexualisierten Meat-Market-Szene assoziiert. Ihr gegenüber positionierten sich die Clubszenen als Orte für genuin Musikinteressierte.

Worin unterscheiden sich subkulturelle und postmodernen Lesarten von Clubkulturen?

Silvia Rief: Die subkulturelle Lesart evoziert die Idee, dass es dabei um alternative, widerständige Ideen, Praktiken und Räume geht. Diese seien eben nicht durch kommerzielle Logiken geprägt. Eine postmoderne Lesart betont die Ästhetik der Dekonstruktion. Damit suggeriert sie die Destabilisierung sozialer Kategorien, das Spielen, Simulieren von Rollen und Identitätsschablonen, sowie temporäre Identifikationen, nicht die fixe Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

Hat sich eine durchgesetzt?

Silvia Rief: Die Subkulturtheorie ist erweitert und modifiziert worden. Einige Autorinnen und Autoren sprechen deshalb von “Post Subcultures”. Die postmodernen Konzepte von “Dekonstruktion”, “Hyperreality” und “Simulation” waren für mich andererseits zu abstrakt-diagnostische Begriffe, die das Phänomen als postmodern einordneten, ohne dass dies viel erhellte. Ich habe in meiner Forschung nach Konzepten gesucht, die es erlaubten, die jeweiligen empirischen Kontexte genauer zu durchleuchten. Was geht da vor? Welche Deutungsmuster und Interpretationsschemata manifestieren sich in diesen Szenen?

Ja?

Silvia Rief: Diese kultursoziologische Analyse rückte Prozesse der Grenzziehung in den Fokus, auf einer symbolischen, aber auch einer sozialräumlichen Ebene. Wie versuchen Veranstalterinnen und Veranstalter, sich in dieser größeren Szene zu positionieren? Welche Musik soll aufgelegt werden? Wie will man die Räume dekorieren? Welches Thema gibt man einer Party? Welche Zielgruppe will man ansprechen? Da passiert viel Symbolarbeit. Und das setzt sich – im britischen Kontext zumindest – an den Eingängen zu den Clubs fort. Die Leute, die hingehen, konsumieren gewissermaßen auch die Crowd. Sprich, sie lesen andere Personen und bewerten deren oder auch ihre eigene Zugehörigkeit und Passung mit den jeweiligen symbolischen Codes.

Worin unterscheidet sich das noch von Distinktion?

Silvia Rief: Es lässt sich insofern als Distinktion verstehen, wenn damit allgemein die Abgrenzung von anderen durch symbolische Unterscheidungen gemeint ist. Bei Bourdieu hat der Distinktionsbegriff jedoch eine spezifischere Bedeutung als eine differentielle Beziehung zu den Lebensstilen anderer Klassen, unabhängig vom bewussten Streben danach.

Dick Hebdige schreibt in den späten 1960ern, soziale Klasse wäre als Kategorie zu früh entsorgt worden.

Silvia Rief: Ja, das mag sein. Allerdings wurde sie nicht völlig entsorgt, sondern sie wird eher auf andere Art untersucht. Auch in der späteren Subkultur-Theorie der Birmingham Schule in den 1970er Jahren werden subkulturelle Widerstandsformen ja noch im Zusammenhang mit der Reproduktion sozialer Klassen thematisiert. Bourdieus „Feine Unterschiede“ waren von enormer Wirkung für eine auf Kultur und Lebensstile fokussierende Ungleichheitsforschung. In neueren Ansätzen zu Intersektionalität wird eher versucht, die Überschneidungen zwischen Klasse, Gender und Sexualität sowie ethnisierenden Kategorisierungs- und Unterscheidungsweisen in den Blick zu nehmen.

Sie schreiben: “Club cultures remain inflected by local histories, traditions, local class and gender relations.“ Was heißt das?

Silvia Rief: Clubbing-Szenen wurden in den 1990er Jahren von Großbritannien aus in die Welt exportiert. So hatte der Londoner Club Ministry of Sound eine Dependance in China, natürlich auf Ibiza und an weiteren Orten. Auch kleinere Veranstalterinnen und Veranstalter wurden in andere europäische Städte eingeladen, so etwa eine queere Partyreihe nach Warschau und Stockholm. Dieses Konzept – in London ein Angebot unter vielen – wurde in Warschau, so hat eine Veranstalterin berichtet, zu einem ‚Freedom Act‘, zu einem politischen Statement, weil dort das politische Klima viel konservativer war. In Stockholm wiederum wurde die Veranstaltung eher alternativ und antikapitalistisch gelesen. Je nach dem lokalen Kontext wurde das mit neuen Bedeutungen aufgeladen.

Identitätspolitik – oder identity politics – war früher eigentlich ein eher linkes Projekt, wurde aber von rechts vereinnahmt.

Identität ist eine politisch vereinnahmte Kategorie. Sie sprechen dagegen vom Spektakulären Selbst …

Silvia Rief: Identitätspolitik – oder identity politics – war früher eigentlich ein eher linkes Projekt, wurde aber von rechts vereinnahmt. Ich verwende den Begriff Identitätsprojekt aber in einem ganz spezifischen Sinn: Damit ist eine bestimmte narrative Selbstpräsentation gemeint. Manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Clubszenen – sicher nicht die Mehrheit – erzählten dies in den Interviews wie ein persönliches Entwicklungsprojekt. Nicht nur betonten sie den Wert dieser Erfahrungen für ihre persönliche Entwicklung, sondern auch, was sie dadurch erreicht, gelernt und bewältigt haben. Das waren sehr spezielle Narrative, die sich in normative Diskurse von Klasse und Geschlecht einschrieben.

Was meint “authentische Inauthentizität“ in Umfeld von Clubs?

Silvia Rief: Authentizität spielt in der US-amerikanischen Rockszene der 1980er Jahre eine große Rolle. Sie wird häufig betont, behauptet und ist gleichzeitig immer bedroht. Dabei geht es Grenzziehungen zu Spielarten der Rockmusik, die als zu verwässert, kommerzialisiert oder eben inauthentisch markiert werden. Den Begriff der “authentischen Inauthentizität“ hat der US-amerikanische Kommunikationswissenschaftler Lawrence Grossberg in seinen Studien dieser Szene geprägt. Er meint damit eine postmoderne Stimmung, die den Anspruch auf Authentizität bewusst parodiert. Man zitiert Stile und Ausdrucksformen, aber verwendet sie ohne tiefere Bedeutung, also ohne Identifikation und affektive Aufladung. Grossberg interpretierte dies als Ausdruck einer Diskrepanz zwischen den jugendlichen, populärkulturellen Affekt- und Erfahrungswelten und den ideologischen Angeboten der Gesellschaft. Im Kontext der Clubkulturen finden sich ähnliche Neigungen. Das stiftet manchmal Unklarheit, wie Situationen zu lesen sind, wie Menschen zu lesen sind.

Inwiefern sind in Clubkulturen Versionen des Religiösen zu finden?

Silvia Rief: Ich würde nicht ganz so weit gehen. Man kann das Phänomen als temporäre innerweltliche Transzendenz begreifen, als Distanzierung von der alltäglichen Wirklichkeit. Man taucht für eine Zeit in eine, v.a. die Körpersinne auf besondere Weise ansprechende Szenerie ein. Und manche kommen durchs Tanzen, laute, rhythmische Musik, Licht- und Lasershows, das Ritual des Feierns und durch Stimulanzien in Trance-ähnliche Zustände. Es gibt gewisse Parallelen zu spirituellen Erfahrungen und Praktiken. Das Religiöse im engeren Sinne bezieht sich aber auch auf Glaubensinhalte. Es geht dabei um die Orientierung des Handelns, um Kontemplation oder Meditation.

Dann ist Gott doch kein DJ?

Silvia Rief: Für manche mögen DJs eine Art Gottheit sein. Die Meinungen gehen vermutlich auseinander, je nachdem, was man unter Religiosität versteht und mit dem Göttlichen verbindet.

Im Club wird der Körper zu einem Fokus der Aufmerksamkeit.

Ein Kapitel ihres Buchs heißt “Sensing and Meaning The Body”. Es wird viel über die soziale und kulturelle Dimension geredet. Was aber ist die körperliche Dimension?

Silvia Rief: Das ist sehr zentral und vielschichtig. Ich würde dabei zwei Aspekte unterscheiden. Zum einen die Selbstdarstellung durch den Gebrauch von Zeichen, Symbolen und Gesten; also beispielsweise in Kleidungsstilen und Maskeraden oder in Tanz und Bewegung. Zum anderen die intensive Erregung der Sinne, etwa durch die Musik, die visuellen Effekte oder die taktilen Reize beim Tanzen in der Menge. Es geht dabei um eine Art kontrollierte Lockerung der Körperkontrolle. In alltäglichen Routinen, etwa in der Arbeitswelt, gerät der Körper als Wahrnehmungsobjekt oft in den Hintergrund. Im Club wird er zu einem Fokus der Aufmerksamkeit. Einerseits in der Zurschaustellung für andere und andererseits in der Hingabe an das leiblich-sinnliche Erleben.

Worin würden sie heute ihr eigenes Buch kritisieren?

Silvia Rief: Clubszenen sind so vielfältig, schon in einer Metropole wie London und erst recht im internationalen Kontext. Es ist nicht einfach, das Phänomen in den verschiedenen Ausprägungen zu erfassen, ohne sich dabei in den sozialweltlichen Distinktionsprozessen zu verfangen. Inwieweit greift man auf die Selbstbeschreibungen der Szenen zurück und wo distanziert man sich davon? Diese Gratwanderung ist schwierig. Vielleicht bleibt das Buch etwas zu vage oder enthaltsam was die Benennung verschiedener Szenen betrifft.

Sind Clubs utopische Orte?

Silvia Rief: Das ist sicher ein Topos, der immer wieder bemüht wird. Als utopische Orte würde ich sie nicht beschreiben. Utopia heißt ja eigentlich Nicht-Ort bei Thomas Morus, der ein ideales Gesellschaftsgebilde an einem vermeintlich fernen Ort skizziert, ein Ort, der aber nicht existiert. Clubs sind konkrete Orte, geknüpft an bestimmte Praktiken und Formen der Sozialität. Eher könnte man sie vielleicht als Heterotopien sehen, die gesellschaftliche Ideale repräsentieren, zugleich aber auch in Frage stellen oder umkehren.

Herzlichen Dank für das Interview!

Stefan Niederwieser

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Silvia Rief ist assoz.Prof. am Institut für Soziologie an der Universität Innsbruck. Ihr Buch “Club Cultures – Boundaries, Identities and Otherness“ ist bei Routledge erschienen.