"Breite, nicht Masse lautet das Credo!" – Matthias Kranebitter im Interview

Mit dem Festival „Unsafe & Sounds“ (6. bis 8. Juni) wollen die Veranstalter Matthias Kranebitter und Hui Ye ein breiteres Publikum ansprechen, ohne dabei Konzessionen an moderatere Hörgewohnheiten zu machen. Im Interview mit Curt Cuisine erklärt der sympathische Komponist Matthias Kranebitter, wie das gelingen soll.

Wie kam es zur Idee, ein „antidisziplinäres Festival für radikale Musik, Kunst und elektronische Tanzmusik“ zu veranstalten?
Matthias Kranebitter: Die Idee wurde voriges Jahr gemeinsam mit der Gründung des Vereins „moment collective“ geboren. Ich wollte meine musikalischen Ideen, die ein bisschen abweichen von dem, was man sonst in der Neuen Musik geboten bekommt, in ein Festival programmieren. Wichtig war mir, dass man aus dem geschlossenen Feld der zeitgenössischen Musik herauskommt und ein breiteres Publikum anspricht. Daher auch die Idee des „Antidisziplinären“. Es soll nicht bloß interdisziplinär sein, was natürlich ein bisschen eine Wortklauberei ist, denn darunter stelle ich mir etwas vor, was zwischen den Disziplinen liegt, also immer noch eingeschränkt ist. Antidisziplinär hingegen eröffnet Freiräume.

Kosmodisziplinär?

Je nachdem, wie man das betrachtet. Interdisziplinär ist doch meist als disziplinübergreifend gemeint, also ebenfalls eher befreiend. Bei „antidisziplinär“ kommt eine Haltung gegen etwas hinzu und schließt vielleicht erst recht wieder aus.
Matthias Kranebitter: Aber mit antidisziplinär meine ich, dass ich nichts mehr in Disziplinen fasse und damit nichts ausschließe. Damit wird alles möglich.

Vielleicht wäre kosmodisziplinär die bessere Bezeichnung gewesen.
Matthias Kranebitter: Vielleicht. Aber das ist ja nur ein Vermarktungsetikett, wichtiger ist die inhaltliche Öffnung. Dafür haben wir etwa den Kooperationspartner Cosmic gewinnen können, der die Eröffnungsparty mit DJ-Lineup am ersten Tag organisiert. Mit dabei Markus Meinhardt von Katermukke aus Berlin, Joyce Muniz, Electric Indigo, Laminat und Crazy Sonic. Electric Indigo wird auch gemeinsam mit Thomas Wagensommerer eine audiovisuelle Performance machen und es wird eine Vernissage von Kurt Prinz und Christopher Sturmer, dem Mitbegründer des Künstlerkollektivs Atzgerei, geben. Hinzu kommen am zweiten Tag Videoscreenings verschiedener Künstler, etwa Karl Salzmann, Franz Schubert, Christine Schörkhuber, Yin Yi, Benjamin Tomasi oder Brigitte Bödenauer. Das sind „Synchronized Reality Screenings“, wo es um die Erforschung der Wahrnehmung anhand der Synchronizität von Bild und Ton geht. Und natürlich wird zeitgenössische Musik gespielt. Das alles soll sich vermengen und die Grenzen aufweichen, damit die Disziplinen zu einem Ganzen verschmelzen.

Wii-Sensoren als Musikinstrumente

Welche Rolle spielt dabei das Black Page Orchestra am Eröffnungsabend?
Matthias Kranebitter: Das Black Page Orchestra ist unsere neue Formation, betitelt nach dem Frank Zappa Stück, bei dem es um die extreme Verdichtung von Klangereignissen geht, bis daraus eine schwarze Seite wird. Das entspricht auch der ästhetischen Ausrichtung unseres Ensembles, die ich als „Postmodern‐MashUp-Fluxus‐Noise‐HappyAnarchistic-BlackMidi‐DarkNintendoTrash-Soundwelten“ bezeichnen würde. Verdichtung ist das Stichwort insbesondere für das Stück von Hikari Kiyama, einem japanischen Komponisten, der in Holland lebt. Kiyama macht sehr interessante, aber auch sehr herausfordernde Stücke, vor allem für die Musiker, weil sie wahnsinnig viele Noten in kürzester Zeit zu spielen haben. Seine Musik werden wir zum ersten Mal in Österreich aufführen. Alexander Schubert wiederum arbeitet mit Wii-Sensoren. Bei seinem Stück „Point Ones“ koordiniert der Dirigent mit seinen Bewegungen nicht nur die Musiker, sondern zugleich auch die elektronischen Sounds. Weiters spielt das Black Page Orchestra noch zwei echte Uraufführungen von Peter Mayer und Hui Ye, die auch mit performativen Elementen und Video in ihren Stücken arbeiten. Auch meine „nihilistic study no7“, die letztes Jahr in New York uraufgeführt wurde, wird zum ersten Mal in Österreich gespielt. Die starke Einbeziehung neuer Medien, die Verknüpfung mit neuen Technologien, das ist generell unsere Spezialität, sowohl als Ensemble und natürlich auch das Festival betreffend.

Diese Verknüpfung schlägt sich vor allem in der Aufführungspraxis nieder. Der hörbare Unterschied ist bei manchen Kompositionen oft eher minimal, so mein Eindruck.
Matthias Kranebitter: Das mag stimmen, Mikrodifferenzierungen im Klang sind für viele Hörer nicht nachvollziehbar. Aber die Idee hinter den Black Page-Stücken liegt nicht in der reinen Beschäftigung mit dem Klang. Zudem hat der Einsatz neuer technologischer Komponenten ästhetische Konsequenzen, das führt auch zu neuen kompositorischen Zugängen. Hier hat sich die neue Musik in ästhetischer Hinsicht drastisch verändert, wie ich finde. Darauf muss man als junger Komponist reagieren. Was Alexander Schubert mit diesen Sensortechniken macht, das war vor zehn Jahren noch nicht denkbar.

Unübliche Aufführungsorte

Das Unsafe & Sounds Festival hat sich auch einen eher unüblichen Ort gesucht.
Matthias Kranebitter: Die Szene zeitgenössischer Musik in Österreich ist doch eher überschaubar, das ist nicht in ästhetischer Hinsicht gemeint, sondern bezieht sich auf das Publikum. Man trifft halt immer dieselben Leute. Darum ist es wichtig, neue, aufgeschlossene Leute zu finden. Auch Wien Modern hat voriges Jahr ganz massiv ein neues Publikum gesucht, mit Konzerten in für die zeitgenössische Musik eher unüblichen Locations wie dem Fluc oder der Grellen Forelle. So einen Ort zu finden, war für uns ebenfalls wichtig, wobei wir einen Ort wollten, der weder typische Konzertlocation noch typische Clublocation ist. Diesen Ort haben wir im Oben gefunden, einem vorübergehend genutzten Artspace gegenüber vom Semperdepot, der übrigens mit Ende Juli geschlossen wird, es ist die vorletzte Veranstaltung dort.

Da könnte man eine Abbruchparty im Zeichen der zeitgenössischen Klassik machen.
Matthias Kranebitter: Ja, das wäre wirklich antidisziplinär. Aber ich weiß nicht, ob ich das auf meine Kappe nehmen möchte, vor allem weil wir bislang noch nicht allzu großzügig gefördert werden – aber diesbezüglich will ich nicht ins Detail gehen. Es ist natürlich ein Nachteil, wenn man eine Location bespielt, die nicht auf Konzertbetrieb ausgerichtet ist, da hier viel Zusatzorganisation anfällt. Wir müssen eine Bestuhlung dafür organisieren, das Klavier hinbringen, die Akustik ist auch noch nicht optimal. Für das Videoscreening müssen wir auch die Fenster abdecken und außerdem muss der Raum für die Vernissage von Christopher Sturmer und Kurt Prinz präpariert werden.

New-Age-Motive und ironische Fetischisierungen

Am Samstag geht es dann teilweise mehr in die Performance Art?
Matthias Kranebitter: Eher in Richtung Soundart. Hugo Morales Murguia ist ein unglaublich interessanter Soundartist aus Mexico, der ebenfalls in Holland lebt. Er betreibt eine Art von Instrumentenhacking, indem er ein klassisches Instrument umbaut und elektronisch anzapft, so dass er andere Sounds bekommt. Es gibt ein Stück für Harfe von ihm, wo der Harfenist die Harfe nicht berührt, sondern über Pedale Ventilatoren steuert, die dann an die Saiten andocken und diese zu schwingen bringt. Das ist nicht nur spektakulär anzuschauen, sondern lockt auch ganz andere Sounds aus der Harfe. Bei uns spielt er ein Stück mit seiner Hybridgitarre und ein zweites Stück gemeinsam mit der Violinistin Barbara Lüneburg, bei dem die Violine sozusagen gehackt wird. Wie dieses Stück wird, weiß ich aber selbst noch nicht, denn das wird eine Uraufführung. Barbara Lüneburg spielt noch ein zweites Stück von Alexander Schubert und dann gemeinsam mit Jonathan Shapiro und Marko Ciciliani in einem Trio namens Bakin Zub. Das Trio spielt zwei postmoderne Werke von Ciciliani – wenn man das Wort überhaupt noch verwenden kann. Ciciliani pflegt eine sehr ironische Herangehensweise an Fetischierungen unserer spätkapitalistischen Gesellschaft. Ein Stück etwa handelt von plastischer Chirurgie („LipsEarsAssNoseBoobs“), das zweite Stück basiert auf New-Age-Motiven („Screaming my Simian Line“). Schließlich gibt es am Samstag noch den Soundartisten Uli Kühn zu bestaunen, bei dem Raumklang und Bastlerherz auf Medienkunst und DIY treffen.

Und was wird am Sonntag zu erleben sein?
Matthias Kranebitter: Mit Kompositionen von Julian Gamisch und Alessandro Baticci geht es in Richtung Theater. Baticci bezeichnet seine Werke als „Hörtheater“. Dafür wird von ihm selbst ein Bühnenbild gebaut – das weiß ich, weil ich mit ihm am Montag dafür Holz einkaufen gehe. Er baut Boxen, wo er die Musiker reinstellt, zwei Flötisten mit Elektronik und Sprecher, die im Raum verteilt werden. Bei Julian Gamisch wird das eher eine Lesung mit Musikbegleitung werden. Auch in diesen beiden Fällen weiß ich noch nichts Genaueres, aber ich habe vollstes Vertrauen in die Komponisten. Außerdem wird Ulla Rauter am Sonntag noch eine Performance mit ihrem Fingertip-Vocoder geben.

Die Faszination des Argen

Es wird aber trotzdem für viele Besucher ein anstrengendes Hörerlebnis bleiben, möglicherweise kommt also doch nur das übliche Publikum.
Matthias Kranebitter: Mit Alexander Schubert und Hubert Morales haben wir durchaus bekanntere Leute nach Wien geholt. Ihre Werke können in einem breiteren Kontext funktionieren, auch für Leute, die sich nicht mit zeitgenössischer Musik beschäftigen. Das heißt aber natürlich nicht unbedingt: leichter zugänglich. Ich stelle mir vor, dass die theatrale Inszenierung von Alexander Schubert mit den Wii-Sensoren, die ja viele Leute zuhause haben, ein Wow-Erlebnis auslösen kann: Da macht jemand etwas mit Sachen, die ich kenne. Das ist etwas anders, als wenn ich erkenne, dass der Komponist in seinem Stück über Charles Ives reflektiert. Man bekommt etwas geboten, das auffällig ist – die Energie, die von den Musikern transportiert wird, und natürlich auch eine große Virtuosität. Ich glaube, dass das Festival durch diese Aspekte zu einem Ereignis wird, ohne dass man den ästhetischen Geschmack des Publikums treffen muss. Aber diese Offenheit muss schon da sein: Okay, das klingt jetzt irgendwie arg, ich bin aber trotzdem fasziniert davon, wie das gespielt, wie das erzeugt wird.

Man muss also auf jeden Fall auch hingehen und das sehen, oder?
Matthias Kranebitter: Auf jeden Fall!
Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien.

http://themomentcollective.wordpress.com/unsafesounds/