Black Metal – Eine Annäherung mit Abigor

Seit geraumer Zeit ist Black Metal wieder in aller Munde. Nicht zuletzt wegen Bands wie “Liturgy” oder “Wolves In The Throne Room”, die sich gewissen Stilelementen & Ästhetiken bedienen und diese Mixtur aus nordischem Black Metal, Thrash Metal, Noise Rock und Shoegaze einem breiteren Publikum servieren. Für Außenstehende mag sich das wie Black Metal anfühlen, für langjährige Mistreiter des Black Metal hat diese Neuinterpretierung aber nichts mit der ursprünglichen Intension und Motivation zu tun. Diesen Ausgangspunkt haben wir genutzt, um mit einem langjährigen Protagonisten der österreichischen Black Metal Szene zu sprechen: TT von Abigor – eine Band, die schon zu Beginn der 1990er Jahre das Genre wesentlich mitprägten – ist uns Rede und Antwort zu allen möglichen Themen rund um Black Metal gestanden. Ein Versuch, auch für Außenstehende, etwas tiefer in dieses spannende Universum einzutauchen. Abigor haben dieser Tage auf dem französischen Label “End All Life Productions/NED” die 2CD “Quintessence” veröffentlicht, die Demos von 1993 und 1994 beinhaltet, sowie eine Neuinterpretation des Albums “Channelling The Quintessence Of Satan”. Ein Stück Black Metal Geschichte, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Das Interview führte Peter Balon.

Dietmar Dath hat in der Testcard #9 in seinem Beitrag “Die Ambivalenz der Moderne” sinngemäß geschrieben, dass durch eine Entpolitisierung von Burzum der Blick auf ein ungeheures musikalisches Innovationspotentail frei werden kann. Wie siehst du das?

Das ist meiner Meinung nach ein katastrophaler Zugang, weil sich BURZUM eben auch über Politik definiert. Für Count Grishnackh ist das ein unglaublich wichtiger Punkt, weil seine Musik mittlerweile politisch ist und er politische Ziele verfolgt, im Gegensatz zu seinem satanischen Frühwerk. Und überhaupt: BURZUM hat zwischen 1991 und den späten 1992ern stattgefunden, danach war BURZUM vorbei. Das war vor fast 20 Jahren. Sicher, die ersten beiden Alben waren eine der besten Black-Metal Releases überhaupt und enorm wichtig.

Aber wenn man versucht, Black Metal nur auf Innovationen herunter zu brechen, dann spielt BURZUM überhaupt keine Rolle mehr. Überhaupt finden die Innovationen zu 99 Prozent nicht mehr bei den Leuten statt, die früher Black Metal waren. Jeder von den großen norwegischen Black Metal Namen der frühen 90er Jahre, also DARKTHRONE, BURZUM oder beispielsweise IMMORTAL, ist entweder uninteressant geworden, verschwunden, siehe THORNS oder MYSTICUM, oder ist zum kompletten Rock’n’Roll Clown mutiert, schlechte Motorhead-Kopien darstellend wie Abbath und co. Davon geht überhaupt keine Innovation mehr aus. Aber es ist wie in jeder Kunstrichtung: man kommt erst wirklich zu den interessanten Dingen, wenn man sich damit ausgiebig beschäftigt, den ´Underground´ durchforstet.

Wie stehst du zu Bands wie “Wolves In The Throne Room”, “Liturgy” oder “Krallice”, die sich oft einer spirituellen Naturverbundenheit verschrieben haben und sich musikalischen Stilelementen des Black Metal bedienen? Beschäftigst du dich damit und hat es Einfluß auf eure Musik?

Das finde ich alles schön und gut, dennoch ist es unhaltbar, dass sich sowas als Black Metal definiert. Da kommt jemand her und bedient sich einzelner Stilelemente und stellt sich als großer Erneuerer des Black Metal dar. Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Und das gilt für jede Kunstform und jede Musikrichtung. Die Dinge sind die, die sie sind. Black Metal ist halt nicht nur Musik, sondern eine Einheit aus Verschiedenem. Black Metal muss per se satanische Inhalte haben, ist spirituelle, bestenfalls religiöse Musik, oder befasst sich zumindest mit theologischen Themen. Textlich lasse ich ULVER´s ´The Marriage Of Heaven And Hell´, also Texte auf Basis William Blake´s Werk, als Beispiel dafür eintreten. Das Album ist hundertmal mehr Black Metal als dieser ´Steine haben eine Seele´ Darkthrone Kopie Kram.

Also haben diese neuen Strömungen keinen Einfluß auf euch?

Im Black Metal lebst du deine Spiritualität aus, es ist vergleichbar mit der Kirchenmusik als Dienst an Gott. Das ist die Basis jegliches BM. Warum macht man BM? Weil es eine Beschäftigung mit seiner Religion ist. Wie kann dieses dunkel romantische Inhalt genug sein? Ist ja kein Gothic Metal. Lieber gleich JOY DIVISION hören. Auf uns hat das jedenfalls keinen Einfluss, all die oberflächlichen Dingen, die sich seitwärts abspielen, in der `Szene´. Außer dass man sich natürlich unmittelbar maßlos ärgert, wenn man sowas liest, aber ohne Bezug auf die eigene Sache. Der reziproke Prozess des gegenseitigen Austauschs mit Bands, die uns wichtig sind und nahestehen, sehr wohl, das hat immensen Einfluss, trägt zu unserer Entwicklung mehr bei als würden wir isoliert versuchen, taub und blind vorwärtszukommen.

Black Metal war aufgrund seiner Radikalität und seinem Hang zu politischen Extrempostionen als musikalisches Genre immer sehr abgekapselt, vor allem wegen einigen Vertretern, die offen mit dem Nationalsozialismus kokettierten?

Natürlich, das ist gar keine Frage, aber wir reden da auch von Zeiten, lange bevor es NSBM als Begriff gegeben hat. Black Metal war zu Beginn viel “Trial and Error”, ein Versuch, sich auf extremste Weise zu artikulieren. Man hat natürlich alles durchexerziert: was genau ist das Christentum, was dessen Gegenpol? Licht und Dunkelheit, damit auch Negativität schlechthin, alles Blasphemische, also alles, was in diese Richtung ging, wurde aufgegriffen und durchgespielt. Man blieb nicht in der Metaphysik, die an sich ja schon genug Realität wäre, sondern ging in banalste Details, daher die frühen Posen des niemals lächelnden im dunklen Wald lebenden Einsiedlers.

Also ging und geht es um Provokation?

Nein, schon lange nicht mehr, das wäre ein primitives Anfangsstadium, und damals natürlich auch nicht ausschliesslich, sondern all das waren eben Experimente mit dem Thema Negativität, die als sehr wichtiger Teil des Inhalts galt. Christliche Moral, Straight Edge Hardcore, Bermuda shorts Death Metal aus Florida, das waren die Feindbilder. Zum Beispiel EMPEROR: “Samoth, the Lord that never laughs”.  Das hat ja extreme Formen angenommen. Die waren damals späte Teenager, wie auch wir, vieles davon ist aus heutiger Sicht natürlich lächerlich, nicht aber die Essenz und die Werke, also die Alben und der Gesamteindruck. Jedenfalls spielte natürlich auch jede Form politischer Negativität mit. Alles was Unterdrückung, Hass und Gewalt zum Thema hatte, ist gepusht worden. Man hat also versucht, Negativiät als Teil des Bösen zu verstehen, und das ´Böse´ wiederum oft nur als Widersacher des christlichen Guten. Vieles davon ist ad absurdum geführt worden. Aber wo würde das letztlich enden, bei Pädophilie, Tierquälerei und jeglicher Verweigerung? Also Negativität ins Unendliche multipliziert hat natürlich überhaupt keinen Sinn. Black Metal ist Satanismus und zu 90 Prozent sind Bands, die guten Black Metal machen, meiner Meinung nach jene, die sich mit Satanismus beschäftigen. Natürlich gibt es Ausnahmen, die ebenfalls höchst wertvoll sind.

Es ist jedenfalls nicht ernsthaft und nicht spirituell, wenn man in schwarzen Klamotten, langen Haaren und Band T-Shirts böse schauend im Supermarkt steht und seinen Schokoriegel einkauft. Das hat auch lange gedauert bis man sich von seinem Klischee und von dem zwanghaften Metalbild lösen konnte. Black Metal zu machen ist so, als würde man in die Kirche gehen und seinen Glauben zelebrieren – mit grosser Ernsthatfigkeit und absoluter Kompromisslosigkeit Musik als Medium zu verwenden, nicht unähnlich den religiösen Werken zeitgenössischer Komponisten wie Ligeti, Gubaidulina, Penderecki. Aber das bedeutet nicht, dass alles andere im normalen Leben nicht möglich ist, die Beschäftigung mit anderen Musikrichtungen oder anderen Kunstformen, um es provokant zu formulieren, mit einer ´positiv anmutenden´ Lebensführung.

Also Black Metal ohne einen satanischen Hintergrund gibt es laut deiner Definition nicht?

Diese ganzen Suicide, Darkness, Wald und Wiesen-Pagan Bands haben nichts mit Black Metal zu tun. Nein, der Hintergrund ist immer satanisch, alleine schon geschichtlich bedingt, wenn man die alten norwegischen Bands zitiert. Nimm dir Interviews von 1992 her, auch die griechischen oder finnischen Altvorderen wie BEHERIT oder NECROMANTIA, oder exotischere wie MYSTIFIER, die Inhalte waren immer satanischer Natur. Das hat sich in den letzten 20 Jahren so entwickelt und daraus ist eine ernsthaftere Form geworden, siehe “End All Life” und “Norma Evangelium Diaboli”. Es gibt natürlich auch welche, deren Schaffen sich aus dem Kontext etwas heraus löst, aber trotzdem ist Satanismus immer der Ausgangspunkt. Ich habe eine ganz enge Definition von Black Metal und ich bin überzeugt, das ist die einzig zulässige. Alles was sich außerhalb dieser Definition bewegt interessiert mich überhaupt nicht. Im Gegenteil, man muss sich nur unnötig aufregen, wenn man sich damit beschäftigt. Bis auf sehr wenige Ausnahmen, ich habe zum Beispiel gerade das geniale bald erscheinende Album der Band MEMBARIS gemastert, inhaltlich ganz woanders und trotzdem eines der besten Dinge, die ich in letzter Zeit gehört habe. Es gibt in Deutschland eine handvoll Bands denen ich mich verbunden fühle ohne textlicher Gemeinsamkeit, das war´s dann auch schon mit ´Ausnahmen bestätigen die Regel´.



Was mir oft auffällt ist, dass zu Black Metal schon sehr viel geschrieben wird, aber es gibt kaum Interviews mit Menschen, die in der Szene schon jahrelang verhaftet sind. Wie erklärst du dir das?

Es ist halt in der Mainstream Presse so, dass es sehr wenig Leute gibt die verstehen wollen, was hinter dem ganzen Ding steht, die beschäftigen sich lieber mit den Tonnen von Promos, die sie zugeschickt bekommen. So läuft das heute, Werbung schalten gegen Interview und Review. Und Leute, die sich nicht damit beschäftigen, sehen natürlich nur den an der Oberfläche treibenden, grausigen Matsch. Wenige machen sich die Mühe, da durch zu dringen und das Wesentliche rauszufiltern.

Was siehst du jetzt persönlich die Entwicklung des Black Metal in den nächsten Jahren?

Mein großes Ziel ist es, BM langfristig etabliert zu sehen, lass mich erklären, was ich damit meine. Dass BM zu 100 Prozent für sich steht, als Stilrichtung und damit Kunst, die ernst genommen werden kann, allgemein, keine nerdige Heavy Metal Spielart. Dass es selbstverständlich wäre, auch Zusammenarbeiten mit Künstlern wie Nitsch oder ´E Musik´ Komponisten oder wem auch immer einzugehen, ich könnte mir viele interessante Projekte vorstellen. Dorthin ist es noch ein halbwegs langer Weg. Momentan existiert noch immer das Bild des mit lineal lustig geschminkten Metal Musikers a la IMMORTAL, mit unverständlichen Vocals und Rollenspiel-Fantasy Inhalt. Jedoch mit fundierten Texten, wahrlicher Spiritualität statt image, musikalischer Ernsthaftigkeit und Kompromisslosigkeit ist das möglich. Echte Kunst ist immer allgemein gültig in ihrer Aussage und Rezeption, es verlangt keine Szenekennerei, um dem einen Wert beizumessen. Nimm ein extremes Bild von Brus her, zeig´ es irgendwem auf der Strasse, viele werden es hassen, aber niemand lächerlich finden. Genauso muss BM gesehen werden, es muss sich seiner Lächerlichkeit entledigen, seiner Rüschenhemden, Fantasy Covers, und den drittklassigen Bands.

Wie klingt für dich eine innovative Black Metal Band?

Die Frage stellt sich für mich nicht, weil Qualität nicht zwangsläufig etwas mit Innovation zu tun haben muss. Ich kann mit den meisten Bands, die auf Biegen und Brechen innovativ sein wollen, nichts anfangen. Und ich höre auch zum Grossteil ´primitiven´ BM. Wahrscheinlich 90 Prozent der sehr guten Bands sind mehr in der Tradition verhaftet als oberflächlich innovativ. Aber es gibt genug, die auf jeden Fall einen, sagen wir mal, innovativen Ton haben, der jetzt aber nicht modernistisch ist, sondern sie lassen Elemente aus anderen Richtungen einfliessen, die wesentlich älter sind als BM. Innovativ ist hier der falsche Begriff. Entweder ist es fundiert, gut und kompromisslos, oder nicht. Anders als zum Beispiel in der bildenden Kunst, wo Innovation eine extrem wichtige Rolle spielt, ist es im BM nicht so. Die ersten BM Meilensteine 1992 ´De Mysteriis Dom Sathanas´, ´Det Som Engang Var´, ´A Blaze In The Northern Sky´ waren alle musikalisch unglaublich innovativ damals 1992, aber aus einer Selbstverständlichkeit heraus, sicher sogar unbeabsichtigt, und nicht der Innovation wegen. Eigenständigkeit ist jedoch wichtig.

Wie stehst du eigentlich zu den Entwicklungen, die im Zuge des Internet passiert sind, auch was das Aufbrechen des Albumformats anbelangt?

Wenn eine ganze Generation heranwächst, die es verlernt hat, sich mit einem Album zu beschäftigen, die irgendwelche schlecht gerippten MP3s wahllos durcheinander hört, da stellt sich dann schon auch die Frage des Veröffentlichen an sich, also des Verbreitens seiner Werke. Da kann ich mir schon vorstellen, dass wir zukünftig nur mehr Alben herausbringen, die in einer Auflage von 50 handgemachten Covers bestehen und als Tape verkauft werden, nur als Beispiel. Und das ist es dann. Die Leute vergessen einfach, was da für ein Aufwand dahinter steht und ich sehe es als eine Frechheit an, darüber zu diskutieren, ob Musik gratis zum Downloaden angeboten werden soll. Wie kann es überhaupt sein, dass irgendjemand über mein geistiges Eigentum verfügt. Selektiver Kommunismus als Vorwand zum Abzocken von Musikern? Das sind Dinge, die ich kreiert habe, wo ich sehr viel Zeit und Mühe reingesteckt habe. Wie respektlos damit umgegangen wird ist schon zum Kotzen. Wer ´Quintessence´ in der Hand hält weiss, wie ein richtiges Album sich anfühlen muss, das ist durch nichts zu ersetzen, auch wenn Music-Distribution im Netz mal funktionieren würde.

Wie sieht eigentlich dein musikalischer Werdegang zum Black Metal aus?

Das war eine lineare Entwicklung vom kindlichen Iron Maiden Fan hin zu den ersten Slayer und Bathory Platten, immer die eindeutigen Alben, was Texte und Covers betrifft. Daneben hat auch immer Thrash und Ende der 1980er auch Death Metal eine Rolle gespielt. Aber danach hat es nur mehr Black Metal für mich gegeben. Natürlich gab es bei mir fast immer schon unzählige andere musikalische Interessen parallel dazu, aber um jetzt Metal spezifisch zu bleiben. Anfang der 90er war die Tapetrader Szene extrem wichtig. Man hat sich mit Leuten aus ganz Europa per Briefkontakt vernetzt und sich gegenseitig Reherseals und Demos geschickt, auch fanzines und flyer. Und, die Faszination des, sagen wir mal, Okkulten war seit Kindertagen immer schon immanent, Platten, die solche Inhalte hatten, auch Bücher und Filme. All das kulminierte in der Anfang 90er Black Metal Welle auf die man gefühlsmässig schon immer gewartet hat, ganze Welten brachen da auf.

Hat dich Punk und Hardcore zu dieser Zeit nie interessiert?

Wenn man als kleines Kind vom ziemlich sauberen und komplizierten Metal kommt, ist es relativ schwierig, zu rohen und primitiven Strukturen zu finden. Komischerweise ist ja BM immer als primitiv und räudig bezeichnet worden, vor allem der traditionelle BM. Und das stimmt überhaupt nicht. Die oben genannten Meilensteine von MAYHEM, DARKTHRONE und BURZUM waren melodisch und harmonisch gesehen sehr progressiv. Es sind ein paar CELTIC FROST und natürlich BATHORY Riffs vorgekommen, aber das sind ja auch die BM Ursprünge und wurden halt zitiert. Aber in Wirklichkeit war es trotz des technisch primitiv scheinenden Sounds sehr gut gemacht. Mein Zugang zu primitiver Musik kommt eher von frühen Begegnungen mit elektronischer Musik, die Anfang der 90er Jahre richtig gross wurde, also Techno und Electro, in der Reduktion ein wichtiges Element war. Also, ´wie kann ich mit einfachen Mitteln arbeiten, effektiv und emotionell tiefgehend, und dabei aber jeden Kitsch über Bord werfen´. In den frühen Tagen des Techno gab es minimale Spielarten, wo sämtliche Verzierungen und Ausformungen unnötig wurden. Lustigerweise habe ich 1982 parallel zu meinen ersten Iron Maiden und Judas Priest Alben ´Killers´ respektive ´Unleashed In The East´ auch Kraftwerk´s “Radio Aktivität” kennen gelernt, das waren meine 3 Lieblingskassetten, die ich überallhin mitgenommen und ununterbrochen gehört habe.

War es akzeptiert, als du begonnen hast, elektronische Musik zu machen?

Ich hab da eher von Beginn an eine “Fuck Off”-Einstellung gepflegt. Und ich glaube nur, wenn man 100prozentig, und hier wieder die Mantra artigen Schlüsseladjektive, kompromisslos und ernsthaft in seiner Kunst ist, kann man sich alles erlauben und vor sich selbst rechtfertigen, ohne einem Image hinterherzulaufen oder sich dauernd zu hinterfragen. Dann muss man natürlich auch nicht drüber nachdenken, wie einen andere Leute beurteilen. Es ist jeder eingeladen, sich die letzten Alben anzuhören, Texte zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen, und wenn ich mich jetzt auf die Kärntner Strasse mit einem Hasenkostüm stellen würde dann hat das genau gar nichts damit zu tun, welche Musik Abigor macht, oder ob ich in meiner Musik integer bin. Diese Verbindung zwischen ´der hat das und das gemacht´ und meiner spirituellen Artikulation lasse ich nicht gelten. Ich bin äusserst engstirnig und sehr intolerant was BM anbelangt, dogmatisch in vielen Beziehungen, aber was meine Persönlichkeit betrifft, ist das nicht so. Wäre auch gar nicht möglich, bei meinen Interessen, die von den französischen Dadaisten und Surrealisten der 20er und 30er Jahre über Wiener Aktionismus oder Zeitgenossen wie Gilbert & George, Rauschenberg, zu verschiedenster elektronischer (Club) Musik und zu Regisseuren wie Jarmusch oder Tarkowski gehen, Bilder, Musik, Filme, Bücher, Space Age Design, Architektur, soll ich noch stunden lang weitermachen, alles, was Kunst betrifft ist mir wichtig, ich bin richtig süchtig danach. Also, das Gegenteil vom Wald und Wiesen Einsiedler Klischee des BM Musikers. Aber genau die Bands und Individuen, die den ´Black Metal lifestyle pur´ zelebriert haben, haben sich im Nachhinein oft als der größte Fake herausgestellt und ihre Musik war nur Pose.

Von außen betrachtet, stellt sich Black Metal immer wie eine geschlossene Einheit dar. Also es gibt da eine gewisse Vorstellung, wie es zu funktionieren hat und wie es klingen muss, es gibt sozusagen einige Parameter, an die man sich halten soll. Wie siehst du das von innen heraus?

Ja, diese Vorstellung des BM als Ganzes ist auch wichtig. Seit der Jahrhundertwende, sagen wir mal, seit Anfang des 20. Jahrhunderts, seit dem Expressionismus, Kinetismus, Futurismus, später De Stijl oder dem Bauhaus, ist spannende Kunst ist immer nur in engen Gruppenverbänden entstanden, denen auch theoretische Ideen zugrundelagen, der Wiener Aktionismus ist auch ein gutes Beispiel. In der Neuen Musik, mit Lehrer und Schüler Beziehungen, noch viel mehr. Die Vernetzung und der Diskurs standen da im Mittelpunkt. Ich denke, die epochalen Dinge, die etwas bewegt haben, funktionieren genau so. Und das fehlt meiner Meinung nach derzeit im BM. Der skandinavische BM Anfang der 90er untermauert das, er ´passierte´ weil die Leute so intensiv miteinander gearbeitet haben. Heutzutage dagegen kochen die Leute ihr eigenes Süppchen. Geniale einzelne Speerspitzen, aber insgesamt für den Lauf der Dinge unerheblich. Was mich aber doch sehr beeindruckt und inspiriert hat waren Mitte der 2000er speziell französische, schwedische und deutsche Bands. Das hat zumindestens von außen den Anschein gehabt, als würde es einheitlich Sinn machen und Grösseres zustandebringen. Jetzt wäre es an der Zeit, wieder etwas zu verändern. Wenn ich mir die damalige Fanzine und Tapetraderszene Anfang der 1990er ansehe und wieviel Herzblut da drin gesteckt ist, woraus auch die ganze BM Szene inklusive Norwegen entstanden ist, und andererseits heutzutage, wo jeder mit einem Mausklick sofort 10 GB unreflektiert Musik runtersaugt und 3 Millionen Schreiberlinge, 10 Millionen ´professionelle Rezensenten´ unterwegs sind, die alle glauben, ihren gedanklichen Müll kundtun zu müssen und damit auch alles andere überfluten und begraben, dann ist das schwer, nicht nostalgisch zu sein.

Mit welchen Bands aus der BM-Szene beschäftigst du dich derzeit?

Die internen Verbünde eingefleischter BM Protagonisten verfallen etwas, es findet immer weniger Austausch und Zusammenschluss statt, aber gerade jetzt würden die Reihen dichter geschlossen gehören. Und was das Internet und ´neue Entwicklungen in der Szene´ betrifft bin ich halt nicht sehr optimistisch, deshalb konzentriere ich mich auf die Bands, die ich großartig finde, also Peste Noire, Deathspell Omega, Katharsis, Diapsiquir, Svest, Ride For Revenge, Kriegsmaschine, Blackdeath. Ich ziehe mich momentan etwas zurück, das meine ich auch im Hinblick auf zukünftige Veröffentlichungen. Wir versuchen lieber, unser Album so aufwendig und speziell wie möglich zu gestalten, was die Form betrifft, siehe ´Quintessence´. Die Zeiten der großen Verkäufe sind vorbei, die 90er hatten andere Prioritäten, all das muss sich auswirken, wenn man keine Hobbykeller band ist sondern alles investiert, das man hat. Das beobachte ich auch bei anderen, speziell Labels.

 

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