Argentinien – Interview mit Christof Kurzmann

Der österreichische Pionier experimenteller Elektronik, Christof Kurzmann, verbringt seit mehreren Jahren die Wintermonate in Argentinien. Dort hat er eine – oder besser gesagt viele – Szenen experimenteller Musik im weitesten Sinne entdeckt und so manche positive Überraschung erlebt. Nina Polaschegg hat mit ihm über seine Erfahrungen und seinen Blick auf improvisierte, experimentelle und elektronische Musik in Argentinien und Südamerika gesprochen und hat so eine Reihe an Entdeckungen machen können.

Nina Polaschegg: Wie kamst Du auf die Idee, die Wintermonate ausgerechnet in Buenos Aires zu verbringen? Wie hast Du dortige Improvisierende entdeckt?

Christof Kurzmann: Anfang der 2000er hat es eine kleine Szene von Argentiniern gegeben, die begonnen haben, mehr und mehr nach Europa zu kommen. Davon hat einer, Lucio Capece, zu der Zeit schon in Paris gewohnt. Mit ihm hörte ich damals Sergio Merce, der sehr viel mit Capece gemacht hat, dann Gabriel Paiuk, einen Pianisten und den Trompeter Leonel Kaplan. Das waren die vier, die ich als erste kennen gelernt habe und wo zuerst einer, dann zwei, schließlich vier nach Europa gekommen sind zu Festivals oder Clubkonzerten. Das war meine erste Begegnung mit argentinischer improvisierter Musik in Europa.

Diese kleine Szene war sehr interessant. Sie hat sich stilistisch überschnitten mit der Berliner Reduktionsszene. Vielleicht hat man allerdings bei den Argentiniern damals noch mehr gehört, dass sie aus dem Jazz kommen, was ja bei den Berlinern meist nicht der Fall war. Bis auf den Gabriel Paiuck sind die argentinischen Improvisatoren damals alles aus dem Jazz gekommen. Gespielt haben sie schon damals mit Axel Dörner, Andrea Neumann etc. Dann hat sich die Szene leider ein bisschen zerstritten. Vermutlich, weil der eine dem anderen ein wenig geneidet hat, dass er nach Europa kann. Und umgekehrt war es wohl so, dass die Europa-Reisenden sich damit hervor getan haben, dass sie schon mit Axel Dörner und xy gespielt hatten, statt in Interviews zu sagen, schaut es, in Argentinien gibt’s noch sieben Mal mehr so Leute wie mich, Argentinien ist spannend!  Und dadurch ist die Szene irgendwie verschwunden.

Vor 10 Jahren hat es noch einen Blog gegeben, der voll war mit Improvisationskonzerten in Argentinien, der von den Musikern in Selbstverwaltung geführt wurde. Vergleichbar etwa mit der hiesigen Plattform www.klingt.org oder dem Berliner  Echtzeitmusikkalender. Dieser Kalender fiel diesen Debatten auch zum Opfer und bis heute gibt es außer Facebook keine Plattform, wo man sich erkundigen könnte, was in Buenos Aires läuft.  Eine Szene gibt es inzwischen aber wieder. Sie ist viel jünger und den Reduktionismus streift sie höchstens. Und mit Jazz haben diese jungen MusikerInnen gar nichts am Hut. Sie kommen eher aus dem Rock und aus dem Noise-Bereich, der in ganz Lateinamerika sehr beliebt ist und aufmerksam verfolgt wird. Das sind Leute zwischen 17 und 27, die letztlich sehr verschiedene Formen von Improvisation verfolgen. Es kann Reduktionismus sein, es kann Rock-Beeinflusstes sein, etwa das, was in den 1980ern in New York „New York Noise“ genannt wurde. Aber sie treffen sich in der Improvisation. Es ist spannend, das, was da passiert, zu hören und zu beobachten. Jazz selber, ist, warum auch immer, ich habe es nie erfahren können, fast ein Schimpfwort geworden in Argentinien. Nur in Argentinien allerdings.

In Chile sieht es da ganz anders aus. Wenn in Argentinien allerdings das Label Jazz drauf steht, ist es meist auch wirklich langweiliger alter Jazz, auch ich würde den hassen. Und so nehmen die Leute Jazz offenbar wahr, was mich erstaunt hat. Denn der vermutlich bekannteste Jazzer Lateinamerikas ist ja der Gato Barbieri und er ist ja  Argentinier. Über den, hätte ich gedacht, läuft so was weiter, aber da sagen alle, dass er privat eine unmögliche Person war, dass sich niemand auf ihn beziehen will. Da gibt’s offenbar einen Bruch in der Tradition und keiner will damit etwas zu tun haben. Das geht soweit, dass ich, wenn ich z.B. mit dem Tobias Delius in Buenos Aires aufgetreten bin, die Konzerte nicht unter dem Label Jazz angekündigt habe, sondern als „avancierte Musik“. Da kommen die Leute, sagen, das ist toll, was  Du machst und wenn Du dann sagst, das ist Jazz, dann sagen sie, naja, eigentlich war es kein Jazz, aber es war gut. Oder weil es gut war, kann es kein Jazz gewesen sein.

Nina Polaschegg: Diego Chamy, Leonel Kaplan waren beide Jazzer, spielen Jazz typische Instrumente. Wie sieht es da in der jungen Generation aus, die ja nicht Jazz sozialisiert sind?

Christof Kurzmann: Ein weitaus beliebteres Instrument als hier ist die Gitarre, aus dem Rock kommend. Aber es kann in der Regel sind es selbstgebaute Devices, die zunächst einmal Krach machen. Daher kommt alles und dann beginnt man, sich zu verfeinern. Eines der im Moment hippsten Dinge ist Circuit Bending, das wäre jetzt natürlich elektronisch, aber was das Wesentliche dran ist, ist nicht, dass es elektronische Musik ist, sondern dass man zuhause bastelt. Zuhause basteln sich Leute Instrumente aus Federn, Streichholzschachteln und was auch immer. Natürlich ist es vermutlich auch in Zusammenhang mit der ökonomischen Situation zu sehen. Denn traditionelle Instrumente sind teuer und für viele unerschwinglich. Auch Laptops. Der Computer, der in den USA grad rauskommt, kostet in Argentiniern dreimal so viel! Und viele, die sich einen Computer kaufen möchten, fliegen in die USA, weil er dort plus Flug billiger ist als in Argentinien und schauen, dass sie nicht vom Zoll erwischt werden. Das war schon vor mehreren Jahren so, nicht erst jetzt, wo Buenos Aires so teuer geworden ist. Und kaum jemand hat einen neuen Mac, wenn, dann benutzen sie ältere Laptops.

Nina Polaschegg: Vom Instrumentarium zur Inspiration: Improvisierte Musik in Argentinien, wenig Geld für Reisen. Und dennoch eine blühende Szene, die hierzulande noch viel zu wenig bekannt ist. Woran orientieren sich die MusikerInnen?

Christof Kurzmann: Die Orientierung läuft heute natürlich anders als früher. Auch hier kann man ja nicht mehr länderspezifische Idiome ausmachen. D.h. Die Argentinier orientieren sich nicht an Szenen in diesem oder jenem Land. In Wirklichkeit ist Fixpunkt heute das Internet und das ist ein grenzenloses Land geworden. Was im Internet grad da ist, hört man und daran orientiert man sich . Egal ob das jetzt USA oder Europa ist. Da muss man staunen, wie gut sie in Argentinien informiert sind. Ich kann mich erinnern, als ich das erste mal hingefahren bin, da habe ich gedacht, na gut, die werden wohl eher weniger schräge, improvisierte Musik hören und habe so eher mein Popwerk mitgenommen. Das haben sie dort schon gekannt. Aber noch weit mehr: Ich kann mich erinnern, als ich vor ca. zehn Jahren in Chile gespielt habe, ist jemand zur Bühne gekommen und hat gesagt, was ich dich eigentlich fragen wollte, ist, warum hast du noch nie eine Platte mit dem Franz Hautzinger aufgenommen? Da war ich baff. Dann wundert man sich, woher kennt er mich, woher den Franz Hautzinger? Wieso hat er sich Gedanken gemacht, warum ich mit ihm noch nie aufgenommen habe, ich selbst habe ich mir noch nie Gedanken gemacht dazu. So gut waren die informiert und erzählten mir, was sie alles von mir gehört hatten. Ich hatte ja nur meine Popsachen mit und merkte aber, dass sie sich schon für die anderen Sachen auch sehr interessieren. Ich wollte das dann auch das unter die Leute bringen und konnte beim googeln feststellen, dass es von mir, zum Glück, nichts gibt, was man nicht gratis runter laden kann. Ich habe dann meine eigenen CDs runter geladen und gebrannt und den Leuten geschenkt. Das war ein sehr schönes Erlebnis.

Doch kurz zurück zu den Orientierungen: Abgesehen vom Internet gibt es andere Trends und Wege, die die Musiker in Argentiniern gehen. Ich sage mal, den Wire lesen dort weniger als hier und wenn der Wire am Covertitel xy hat, dann wird das in Europa einen Boom auslösen, wird wegweisend sein für das, was runter geladen wird. In Argentinien wird ein anderer Musiker hip sein. Aber verfügbar ist es genauso. Von daher ist diese unendliche Bibliothek und Phonothek auch nutzbar.

Letztlich findet alles im Netz statt, es gibt z.B. viele Blogs, zu jedem Thema und zu jeder Richtung experimenteller und improvisierter Musik.

Nina Polaschegg: Wie sieht es mit Konzerten aus? Welche Clubs, Konzertorte oder sonstige Locations gibt es? Und wie werden sie kommuniziert?

Christof Kurzmann: Das hat sich ein bisschen verändert. Es war bis vor 2 Jahren gab es in Buenos Aires ganz viele Orte, die man nutzen konnte. Es war mit Berlin vergleichbar, es gab kein Geld, nichts zu verdienen, aber, wenn Du wolltest, konntest Du 7x die Woche spielen und experimentieren, kein Problem. Das haben auch viele gemacht. Aber es hat sich geändert, wie so oft, wenn eine konservative Stadtregierung an die Macht kommt. Wenn wir z.B. Wien mit Berlin vergleichen: In Berlin stellt man 2 leere Bierkisten in den Raum, legt ein Brett drüber und sagt, die Bar ist eröffnet, in Wien würde sofort die Polizei kommen und den Laden räumen und diese Wendung hat Argentinien oder Buenos Aires genommen in letzter Zeit. Seit die Regierung Macris dran gekommen ist, der ein Verhinderer von Kultur war und  leider noch ist. Dadurch sind viele Plätze in die Illegalität abgedriftet. Manche Veranstalter haben es gleich aufgegeben, manche haben sich noch eine Zeitlang dagegen gestemmt. Aber die Situation ist in den letzten 2 Jahren schlechter geworden. Es gibt noch genug, aber dieses gar nicht nachdenken, wo und wann veranstalten und spielen, das ist nicht mehr ganz so einfach.

Nina Polaschegg: Sieht es aus Deiner Sicht in anderen Ländern Südamerikas ähnlich aus?

Christof Kurzmann: Das ist schwer zu sagen. Es gibt schon diverse Unterschiede. I Brasilien zum Beispiel ist einiges anders, auch die Grundvoraussetzungen. Brasilien hat einfach Geld; Brasilien ist eins der reichsten Länder der Erde zurzeit und zahlt tolle Gagen. Da können Europäer hinfahren und Geld verdienen, wenn sie eingeladen werden und wenn sie wollen. Es gibt dort also einiges zu Hören, auch aus Europa. Aber ich habe das Gefühl, das Vieles, was von außen kommt, sehr an der Oberfläche wahrgenommen wird. In Wirklichkeit ist der / die BrasilianerIn immer noch mit der eigenen Kultur beschäftigt, angefangen vom Bossa Nova bis was weiß ich wohin. Hier liegt das Haupt-Interesse. Ich habe vor einigen Jahren den Veranstalter getroffen, der vor 10 Jahren Nick Cave und Blixa Bargeld in Brasilien veranstaltet hat und es waren gerade einmal 70 Leute gekommen!  Das ist vermutlich weltweit einzigartig und gleichzeitig Brasilien-typisch. Solche Konzerte würden wahrscheinlich in allen anderen Ländern Lateinamerikas überlaufen sein, in Brasilien interessiert es die Leute generell weniger. Dann gibt’s natürlich unterschiedliche kulturelle Backgrounds. Argentinien ist seit jeher immer schon traditionell an Europa gebunden gewesen. Es ist ja ein Land, das von Europäern quasi annektiert wurde und die haben ihre Kultur zur Hauptstadtkultur erklärt. Und das ist ganz anders als in Peru z.B. In Peru gibt’s auch eine spannende Improvisationsszene, die aber aus einer ganz anderen Tradition kommt. Die kommen aus einem Psychedelischen Rock und es gibt auch einen Rückbezug auf Brasilianische ältere Rockmusik, diese psychedelischen Sachen, die auch in Europa grad boomen. Moderne klassische, neue Avantgarde, elektroakustische Musik, die gibt es auch und ist auch bemerkenswert, aber sie hat nie diese Bedeutung gehabt, wie in Argentinien. In Argentinien gibt es Opernhäuser, Theater, da wurde das quasi tagtäglich aufgeführt, auch wenn der Kagel da nicht zustimmen würde, denn er musste ja ausreisen, um akzeptiert zu werden.

Es gibt schon einen größeren Unterschied zu Chile, Peru u.a. Ländern Lateinamerikas zu Argentinien. Man kann es auch von einer anderen Seite her aufzäumen. Argentinien ist das einzige Nicht-Latino-Land, Argentinier sind keine Latinos, sie sind umgeben von Kolumbien, Brasilien, sehr Latino bis runter nach Chile. Chile ist anders, aber auch Latino. Da hat man eine ganz andere Affinität zum Rhythmus und zur afrikanischen Tradition. Wenn man in Kolumbien ist, lebt man so wie in Afrika, die Rhythmen sind dieselben. Das macht was ganz anderes mit dir, eine ganz andere Inspiration für moderne Musik als wenn Du in Buenos Aires schon mit dem Tango, der letztlich ja auch eine europäisierte Kunstmusik ist, aufwächst.

Nina Polaschegg:
Nehmen wir Chile als Vergleich. Wie sieht aus Deiner Erfahrung und Deiner Sicht die Situation improvisierter und experimenteller Musik in Chile aus?

Christof Kurzmann: Hm, es ist nicht ganz einfach, es genau festzumachen. Aber wenn Du Glück hast, hast Du in Chile die meisten Leute für diese Musik. Mehr als in allen anderen Ländern. In Chile gibt es seltsamerweise doch eine Jazztradition, da gibt es auch guten Jazz im Gegensatz zu Argentinien. Es gibt auch eine sehr starke elektroakustische Komponistenszene – es gibt Elektroakustikinstitute auch in Buenos Aires oder La Plata, aber die sind sehr konservativ geworden, während sie in Chile viel moderner sind. Irgendwie habe ich auch den Eindruck, dass es einen Unterschied im Verhalten gibt zwischen Latino und Europäer in Buenos Aires: Der Europäer ist eher ein Snob und der Snob orientiert sich an dem, was am „besten“, also am angesagtesten ist, während die Chilenen im mehr Internet nach Dingen suchen, die sonst niemand findet – also diese Suche scheint  der Wettbewerb zu sein – und in Argentinien ist der Wettbewerb „am Meisten vom Besten hören“. Nehmen wir z.B. Fred Frith als Beispiel. Fred Frith spielt in Santiago de Chile, eine weit kleinere Stadt als Buenos Aires, vor 1200 Leuten und in Buenos Aires vor 300 Leuten, weil in Chile die Leute wissen, was er gemacht hat in den 70er Jahren und wissen, was er heute macht. Während in Buenos Aires die Leute nur wissen, dass er mit John Zorn gespielt hat. Das ist dieser kulturelle Snobismus, der ein und denselben Musiker oder dieselbe Musik anders wahrnehmen lässt. Der Kontext spielt eine Rolle.
Gleichzeitig, warum auch immer, wirken auf mich die Chilenen so ein bisschen wie die Österreicher in den 70er Jahren waren, sie bringen nichts auf die Reihe. D.h. sie sind gut, aber sie trauen sich nichts zu. Ich kann es aber nicht wirklich beurteilen, es ist ein Eindruck, denn ich bin ja kein Chilene oder Argentinier. Aber Argentinier z.B. kommen ja doch gelegentlich nach Europa, Chilenen hört man hier kaum.

Nina Polaschegg: Ja, hierzulande hört man wenig Südamerikaner, gelegentlich einmal bei einem Festival, von denjenigen einmal abgesehen, die inzwischen in Europa leben wie Diego Chamy oder Lucio Capece. Welche sollten wir uns hier auch einmal anhören?

Christof Kurzmann: Zum einen gibt’s die No Hermanos Carrasco, das ist der Edén und Nicolás Carrasco, die sind keine Brüder und widmen sich derselben Musik. Der Nicholas ist Musikwissenschaftler, der auch an der Universität unterrichtet. Er spielt Violine und im weitesten Sinne selbstgebaute Elektronik. Der Eden ist ein Saxophonist, der, würde er in Europa leben, wahrscheinlich einer der wichtigsten Protagonisten der Szene wäre. In Chile kann er sich aber kaum mehr bewegen, weil er alles erreicht hat, was es zu erreichen gibt. Seit drei Jahren fährt er regelmäßig nach Kolumbien und lernt die Gaita. Nach Europa kommt er nicht, er wollte, er hat es versucht, aber es gibt keine Unterstützung von seitens Chile für solche Ambitionen. Er wollte hier weiter studieren. Und hier in Europa wird aber Geld verlangt, um Musik zu studieren und das ist für ihn nicht finanzierbar gewesen. Es gibt noch viele andere Musiker, Bands, viele Perkussionisten, auch Computermusiker. Ich kann sie gar nicht alle aufzählen. Das Problem ist letztlich der eurozentristische Blick auf Alles. Ich war einmal auf einem Festival in Südafrika eingeladen und da war plötzlich 5 Musiker aus Europa, 5 aus den USA, aber da war auch ein Iraner, ein Inder, 3 Afrikaner, Lateinamerikaner und solch bunte Festivals gibt es in Europa nicht. Die westliche Welt trifft sich auf den Festivals und wenn dann mal einer eingeladen wird, der nicht dazu gehört, dann, weil man aus irgendeinen Sondertopf Geld bekommen hat, um einen „Exot“ zu präsentieren. Letztlich sind wir die Krankheit Argentiniens. Daran liegt es, dass wir so gar keine Informationen haben. Denn die Argentinier wissen durchs Internet alles über uns.

Nina Polaschegg: Die Argentinier sind gut informiert über das, was in Europa, den USA oder sonstwo passiert. Gib uns doch noch ein wenig Nachhilfe, ein paar Namen, so dass das wir hier zum genaueren Recherchieren verlockt werden.

Christof Kurzmann: Also neben den oben schon besprochenen, ein wenig arrivierteren Musikern, die auch schon ab und zu in Europa waren, gibt es noch eine ganze Reihe spannender Protagonisten in Lateinamerika. Da ist zum Beispiel Fernando Perales, ein Gitarrist, der früher auch bei der Metal-Noise-Kult Band „Reynols“ gespielt hat und deren Zusammenarbeit mit Pauline Oliveros sie ja dann auch über die Grenzen hinaus bekannt machte. Fernando ist ein ziemlicher Tüftler was Spieltechniken am Instrument angeht. Er präpariert die Gitarre mit Schrauben, Nägeln, Metallplatten, Blech u.s.w. und widmet sich in seinem Solo eher der experimentelleren Musik. Teilweise immer noch Noise, aber Noise der nicht mehr nur durch den Parameter Lautstärke determiniert wird. Er komponiert zum Teil sehr feine Klanggebilde und suitenartige Stücke. Sein ehemaliger „Reynols“ Bandkollege Allan Courtis soll hier aber auch nicht unerwähnt bleiben. Er ist so eine Art Star und wie Fernando gibt er auch viele Workshops, an denen sich die Jüngeren orientieren können. Beide haben es in den letzten Jahren geschafft immer wieder nach Europa zu kommen.

Dann gibt es da eine Formation namens „Ricarada Cometa“, ein Trio, das mich von Anfang an erstaunt hat. Es sind wirklich sehr, sehr junge Leute. Die Trompeterin Tatiana war, als ich sie das erste mal sah, gerade mal 17 Jahre alt. Um so erstaunter war ich, als ich gesehen habe, mit welcher Selbstsicherheit die drei auf die Bühne gegangen sind und ihre Version reduktionistischer experimenteller Musik vorgetragen haben. Lulo (Vitale), der Bassist, ist Sohn eines sehr bekannten argentinischen Indie-Musikers (Lito Vitale) und hat die Musik offensichtlich schon seit frühesten Jahren in all ihren Facetten aufgesogen. Er könnte sofort in vielen europäischen Improvisationsformationen mitmachen, aber von Peter Kowald zum Beispiel hatte er, bis ich ihn danach gefragt habe, noch nie gehört. Jorge (Espinal), der Gitarrist ist Peruaner, hat dann eine Weile in Chile gelebt und ist heute einer der wesentlichen Protagonisten der Szene. Übrigens haben „Ricarada Cometa“ inzwischen die Transformation von elektroakustischer Improvisation zu experimental Rock vollzogen ohne dabei ihr innovativen Qualitäten zu verlieren.

Dann würde ich gerne noch die beiden Pianistinnen Fabiana Galante und Adriana De Los Santos erwähnen. Beide eher im Bereich der „Neuen Musik“ zwischen Komposition und Improvisation angesiedelt. Fabiana leitet eine der wichtigste Konzertreihen der Stadt. „Instantes Sonores“ im Domus Artis, einem kleinen Theater in Buenos Aires. Adriana ist so was wie ein Urgestein der Szene, sie scheint schon immer da gewesen zu sein, ist politisch aktiv, um die Rahmenbedingungen für Kunst zu verbessern und interessiert sich trotz des Altersunterschiedes immer noch dafür was die jungen machen. Ein Pendant zu Sven-Åke Johansson in Berlin.

Einer der wesentlichen Netzwerker, Mediakünstler und Musiker Argentiniens aber ist gar nicht in „Capital“, sondern in Cordoba zu Hause: Jorge Castro aka Fisterni. Er ist ein sehr interessanter Elektroniker, der vom intelligentem Techno bis zur Avantgarde überall beheimatet ist. Nebenher organisiert er Konzerte und Multimedia Events in „La Cupula“, einem sehr, sehr schönen privaten Kuppeldachgeschoß in Cordoba und gibt die großartige CD Reihe „Sud America“ heraus, welche die spannendsten Beiträge elektronischer Musik am ganzen Kontinent repräsentiert.

Natürlich gibt es auch in den übrigen Ländern Latein Amerikas spannende Künstlerinnen und Formationen, wie in Chile etwa Toto Alvarez. Ein Gitarrist, der in seinen besten Momenten wie eine die Begegnung von Derek Bailey mit Burkhard Stangl klingt. Und auch in Peru, Kolumbien, Brasilien und Uruguay gibt es die, die sich für anderes interessieren als den künstlerischen Mainstream. Zu viele um sie jetzt aufzuzählen.

Nina Polaschegg:
Nun, das ist schon eine ganze Reihe! Vielleicht noch ein Schlusswort, nicht nur von Dir, sondern auch über Deine eigenen Aktivitäten in Argentinien, denn es gibt ja einige Projekte, in denen Du entweder mit Argentiniern zusammenarbeitest oder aber Dich auf Literatur aus Argentinien beziehst.

Christof Kurzmann: Meine Aktivitäten in der Stadt waren ja, erst einmal zu schauen, was es gibt und ich könnte jetzt, nach neun Jahren immer noch morgen in ein Lokal gehen, wo ich noch nie war und eine neue Szene entdecken. Vor 2 Jahren z.B. habe ich nochmal eine Szene entdeckt, von der ich noch gar nichts gewusst habe. Es gibt viele Leute, die was machen, aber so groß, dass es unübersichtlich ist. Sie kennen sich auch nicht alle. Es gibt keine Anerkennung.

Ich selbst habe im Moment einige Projekte die direkt auf den Einfluss dieser Stadt zurückzuführen sind. Zum einen ist da mein Duo mit Leonel Kaplan, welches wir ja schon in Ulrichsberg und am Musikprotokoll vorstellen durften zum anderen ein Trio. Ebenfalls mit Leonel und dem Chilenen Edén Carrasco am Saxophon und der Gaita.

Direkten Bezug hat natürlich auch meine Formation „El Infierno Musical“, welche vor 2 Jahren mit Ken Vandermark, Eva Reiter, Clayton Thomas und Martin Brandlmayr ein von mir komponiertes Programm zu Texten der argentinischen Poetin Alejandra Pizarnik erstellt, aufgeführt und veröffentlicht hat.

 

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