Der junge Klagenfurter Künstler Aki Streeter betreibt – ausgestattet mit einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie – uneitel, aber durchaus ernsthaft Musik und betätigt sich u. a. auch als Kurator, Schriftsteller und bildender Künstler. Seine Musik bezeichnet er als postapokalyptischen Provinz-Punk. Über seine Band “Heimwerker”, laufende und anstehende Kooperationen, Einflüsse und den roten Faden in seinen Projekten sprach er mit mica.
Die Selbstbetitelung als “schlechteste Band des Universums”, ist das nur eine – anscheinend erfolgreiche – Marketing-Masche, oder steckt da mehr dahinter, zum Beispiel Punk-Attitüde, Ablehnung des Handwerks?
Aki Streeter: Die Heimwerker betiteln sich bereits seit vier Jahren als schlechteste Band des Universums, und was dahinter steckt ist möglicherweise, dass mir verschiedene Band-Interviews eine Stufe zu selbstverliebt waren. Das hat in mir was ausgelöst, wo ich mir gedacht habe, nein, das ist etwas, das noch irgendwie keiner kritisiert, aber ich wollte es kritisieren. Ich nenne jetzt absichtlich keine Namen, aber es gibt doch echt hochnäsige Leute, wo ich mir dann gedacht habe, ja, okay, ihr seid nicht besser als andere Menschen. Und das hat dazu geführt, dass ich gesagt habe, wir nennen uns nicht die beste Band, nein, wir sind einfach die schlechteste Band, aus.
Du nennst die Musik ja postapokalyptischen Provinz-Punk.
Aki Streeter: Genau, kurz “PAPP”.
Ist die Punk-Attitüde nicht auch: “Wir können nichts, aber es ist uns egal”?
Aki Streeter: Das ist ganz, ganz, ganz abhängig vom Projekt. Ob das die generelle Punk-Attitüde ist – man kann jetzt natürlich nicht alles in einen Topf werfen. Es gibt auch ziemlich arge, hochmusikalische Punks, es gibt Avantgarde-Punk und was auch immer, wo der Punk dann praktisch nur mehr etwas Visuelles ist, also zu einer Ästhetik wird. Aber so grundsätzlich der Punk, ja, entweder absichtlich schlecht spielen, oder möglichst minimalistisch sein, damit die Musik praktisch die Message trägt, die die Musik aussagen möchte, das kann man schon so nennen. Problem, bei uns trifft das teilweise zu, teilweise nicht. Wir haben in der Band wirklich gute Musiker und wir haben aber – tut mir leid, mein lieber Schlagzeuger – auch sehr schlechte Musiker. Also z. B., nur so als Randinfo, der Gitarrist in meiner Band, Redlight Alley, ist eigentlich gelernter Jazz-Pianist, kommt aus Köln, hat sich beim Konzert vor mich hingestellt und gesagt, Aki, ich hasse Punk, aber bitte lass mich in deiner Band spielen. Jetzt ist er bei uns seit drei Jahren. Er ist hochmusikalisch, das muss ich ihm lassen.
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Welches ist denn dein Hauptinstrument?
Aki Streeter: Das Hauptinstrument ganz klar der E-Bass, das habe ich musikschulmäßig gelernt, jetzt schon in meinem zehnten Jahr. Selbst beigebracht habe ich mir Gitarre und Schlagzeug, auch schon in verschiedenen Projekten gespielt, und am Synthesizer experimentiere ich ebenfalls. Und ich mache auch Hintergrundgesang bei den Heimwerkern.
Das heißt, z. B. auf “Mystic Punk”, wer ist da der Lead-Sänger?
Aki Streeter: Das singt der beinahe 60-jährige Sänger der Heimwerker.
Coole Stimme.
Aki Streeter: Oh ja, der Kami (Kami Kaze alias Kamran Gharabaghi).
Apropos Apokalypse – welche Rolle spielt die Mystik in deiner Kunst?
Aki Streeter: In meiner ganzen Kunst, wurscht jetzt, ob es eine Ausstellung ist, die ich konzipiert habe, wurscht, ob es ein Kurzfilm ist, wurscht, ob es ein Album ist, es gibt einen roten Faden, und zwar eine von mir und einem ehemaligen Bandkollegen erdachte “Weltanschauung”, die entweder bedrohlich oder satirisch zu verstehen ist, ganz wie man es möchte.
Das nennt man konzeptuelle Kontinuität.
Aki Streeter: Ja, das ist es, wenn man diesen Wortschatz besitzt (lacht). Diese “Weltanschauung” stammt wie gesagt von mir und dem ehemaligen Keyboarder/Synthesizer-Spieler von Heimwerker, der auch unser Logo- und visueller Designer war, ein guter alter Freund von mir, Nikolas Moser. Wir zusammen haben uns die Weltanschauung ausgedacht vor — das muss schon einige Jahre her sein, wo ein alleinstehender Nerd mit dem Namen Dave das Multiversum auf seinem Laptop programmiert hat. Diese Weltanschauung, die in sehr viele tiefe Details geht, hat sich bei mir schon durch alle möglichen wahnsinnigen Projekte durchgezogen.

Du bist ja nicht nur Musiker…
Aki Streeter: Genau, ich schreibe und habe auch schon einige Lesungen gehalten, unter anderem als die Kunstfiguren, über die ich schreibe. Ich switche gerne zwischen Projekten, weil ich bin kein Mensch, der was fertig macht, sondern einer, der ganz viel Zeugs langsam fertig macht und dann einen Haufen an Zeugs hat. Das aktuelle Schreibprojekt ist die Autobiografie über Alois Rieder, als Rieder-Lois bekannt, ein teilfiktiver Musiker aus dem Gailtal. Es hat diesen Mann gegeben. Alois Rieder war in den 50er, 60er, 70er Jahren der erste Mann im Gailtal mit langen Haaren. Er war aber kein Musiker, sondern hat im Sägewerk gearbeitet. Die alten Hermagorer haben halt ganz viele lustige Geschichten über ihn, und da habe ich mir gedacht, ich mache aus ihm einfach ein kärntner-slowenischen, fiktiven Musiker und schreib ein Buch über ihn. Nächstes Jahr plane ich eine Art kleine Lesetour und möchte zu dem Buch über Alois Rieder ein Konzeptalbum schreiben und aufnehmen.
Das Gailtal, muss man dazu sagen, ist charakterisiert wodurch?
Aki Streeter: Durch fehlende Eisenbahninfrastruktur, durch den Fakt, dass jeder zweite Mensch im Umkreis von Hermagor (Bezirkshauptstadt, Anm.) mit mir verwandt ist – und durch Speck.
Also quasi die Provinz der Provinz?
Aki Streeter: Es ist die Provinz der Provinz, der Bezirk Hermagor ist der am schwächsten besiedelte in Kärnten.
„Am liebsten wäre mir: in jedem Land ein musikalischer Kollege, der mal was mit mir gemacht hat. Das wäre das Allerlustigste.“
Was bedeutet die Figur Alois Rieder für dich?
Aki Streeter: Der Typ hat mir eine Chance gegeben, mir eine Person auszudenken, über die ich mein sehr eigenes Gefühl bezüglich meiner Heimat im Gailtal irgendwie ausdrücken kann. Das ist für mich so eine Gelegenheit, sich crazy Geschichten auszudenken und das dann trotzdem mit diesem Gefühls-Vibe, den ich vom Gailtal bekomme, irgendwie zu mischen.
Ich habe noch keinen passenden Titel, weil mir fallen ganz viele Wortspiele ein, z. B. “Jetzt geht’s Lois”, oder “Heut säuft er sich nieder, der Lois Rieder” und so Sachen halt, Namensspiele. Und es geht im Großen und Ganzen darum, er wurde am 31.12.1945 in Flitsch in Slowenien geboren – heute als Bovec bekannt, der alte verdeutschte Name. Früh von zu Hause weg, obdachlos, Musiker kennengelernt, Weltreisen, aber immer, immer wieder ins Gailtal zurück.
Das ist ja vielleicht ein bisschen auch das, was du dir vorgenommen hast.
Aki Streeter: Am liebsten wäre mir: in jedem Land ein musikalischer Kollege, der mal was mit mir gemacht hat. Das wäre das Allerlustigste. Dass ich sagen kann, ich habe in 120 Ländern in vier Städten gespielt, bei irgendeinem Musiker geschlafen und ein Album aufgenommen. In den kleinsten, komischsten Städten, wo ein Provinzler aus Klagenfurt wie ich niemals daran denken würde, dort zu landen. So etwas motiviert mich.
Deswegen suchst du die Kooperation mit anderen Musikern.
Aki Streeter: Jetzt zum Beispiel im November kommen die Musiker Martin Philadelphy und Alex Deutsch zwei Tage zu mir nach Klagenfurt für ein freies Improprojekt. Mit mir, als Punkmusiker!
Was ich sehr ansprechend finde, dass Humor und Ironie in deiner Kunst eine Rolle spielen, kann man das so sagen?
Aki Streeter: Das tut es allemal, also wirklich, ich nehme mich auch im Privatleben selber echt selten ernst. Dieses an die Sache Herangehen als “schlechtester Musiker” nimmt viel Last von der Schulter. Leute, die mit mir arbeiten, dürfen sich von Haus aus nichts “Normales” vorstellen. Und ich weiß von vornherein, dass viele Kritiker meine Arbeit nicht verstehen und meinen Zugang kritisieren. Ich finde ehrliche Kritiker, die mir sagen, dass mein Zeug schlecht ist, viel sympathischer als ein trockenes “mir gefällts” ohne jegliche Begründung.

Das hast du ja vorhin angesprochen, dass sich manche Leute zu ernst nehmen. Da lässt du schon von vornherein die Luft raus.
Aki Streeter: Oh ja, das würde ich sagen, das ist das Leben nicht wert. Das erspart einem vermutlich viel Schmerz und viele Enttäuschungen.
Wo kann man dich und deine Band in Zukunft sehen?
Aki Streeter: Wir haben mit den Heimwerkern Anfang November eine Slowakei-Tour. Problem: der Drummer ist letzten Donnerstag ausgestiegen. Das heißt, jetzt haben wir die ganzen Schlagzeug-Spuren digital reinprogrammiert und setzen entweder eine Mumie oder eine Sexpuppe ans Schlagzeug. Und so werden wir dann – zumindest bis wir einen Ersatz-Drummer haben – arbeiten. Am 8. November spielen wir in Bratislava in der Location Pink Whale (auf einem Schiff auf der Donau), und am Tag darauf in der Stadt Zilina, mitten in der Slowakei, für den Radiosender Radio X.
Am 28. November spielen wir dann mit Heimwerker wieder in Wien im Café Carina. Die Woche darauf spielen wir in Klagenfurt mit meinem Poetry Grind Projekt Spuktum. Das bin ich, der Gitarrist von Heimwerker und der in Klagenfurt lebende Künstler Erich “Ygitt” Pacher, der die letzten Jahre mehrmals den 2. oder 3. Preis beim Kärntner Lyrikpreis gewonnen hat, so gut wie nix sehen kann und beschlossen hat, mit mir zusammen eine Band zu gründen, und nix am Hut hat mit harter Musik, aber sich gedacht hat, wurscht, er will, dass wir was total Heavy-es spielen, damit er seine Gedichte drüber bringen kann. Das steht so die nächsten Wochen an. Weiters habe ich ein Projekt mit einem Neuseeländer, einem Wissenschaftsnerd, der beschlossen hat, mit mir ein Album über die Metalle im Periodensystem zu machen. Ich weiß auch nicht, wie sowas zustande kommt. Manchmal schreibe ich Menschen an und ein halbes Jahr später kommt dann auf einmal irgendeine Rückmeldung und ich erinnere mich nicht einmal mehr dran.
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Ihr schreibt Lieder über die chemischen Elemente?
Aki Streeter: Ja, zumindest für das Album.
Heißt du wirklich so, oder ist es ein Künstlername?
Aki Streeter: Mein Geburtsname ist Arkadi Strasser, halb Russe. Aki ist immer schon mein Spitzname und Streeter habe ich gedacht, ist vielleicht lustiger, wenn ich jetzt zum Beispiel Menschen in Neuseeland anschreibe, hat man gleich mehr im Kopf als bei “Strasser”. Das war meine Überlegung. Aber musikalisch arbeite ich nur unter dem Namen.
„Da tragen wir auf der Bühne auch keine Helme und schauen total anders aus. DAs trennen wir streng.“
Was hat es mit der “Nebenband” von Heimwerker auf sich?
Aki Streeter: Jetzt aktuell ist gerade die Postproduktion vom nächsten Heimwerkeralbum, wobei das kein Heimwerkeralbum ist, das ist ein Geheimwerkeralbum. Es gibt praktisch eine Nebenband von unserer Band. Es gibt die Heimwerker, das ist die Punkband, und es gibt die Geheimwerker, das ist irgendwas zwischen Punk und Rock. Der Gedanke war, wenn wir jetzt als volle Punk-Metal-Band einfach sagen, es gibt von uns eine ruhige Nebenband, dass wir damit einerseits die Punk-Fans irgendwie enttäuschen, und andererseits auch die Fans der ruhigen Musik. Da tragen wir auf der Bühne auch keine Helme und schauen total anders aus.
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Ihr tragt Helme als Heimwerker?
Aki Streeter: Genau, auf der Bühne. Ich meine, auf der Bühne habe ich mittlerweile einen Umhang, einen BDSM-Anzug und einen Helm. Da hat jeder so seine Figur. Bei den Geheimwerkern haben wir alle total andere Figuren. Ich habe meine Haare zusammengebunden, eine runde Brille, ich trage auch ein lila Hemd. Das trennen wir streng.
Von welchen Künstlern bist du in erster Linie beeinflusst?
Aki Streeter: Auf die Frage habe ich mich die ganze Fahrt im Zug von Hermagor vorbereitet, weil ich mir gedacht habe, vielleicht kommt das – Gott, ist das spezifisch. Ich würde sagen, visuell und im Auftreten beeinflusst hat mich der amerikanische Gitarrist Buckethead, eher einfach ästhetisch, als Figur. Mein Bass-Spielen ist ganz stark beeinflusst von der Band Primus. Die haben als komischste Band gegolten, die je auf MTV gespielt wurde, und die haben einen ziemlich argen Ruf. Der Bassist hat auch Bass gespielt auf einigen Alben von Tom Waits, der lustigerweise auch eine große Inspiration für mich ist – seine spätere Phase. Wer mich noch groß inspiriert, ist Frank Zappa, ganz weit oben. Vor allem auch was Albumkonzipierung und Instrumentierung betrifft. Dann Lounge Lizards, mit dem Saxophonisten John Lurie, der ganz viele oage Nebenprojekte hat und der japanische Noise-Künstler Merzbow (Masami Akita). Und, wer es glaubt oder nicht, Drahdiwaberl.
Fuckhead?
Aki Streeter: Ja, natürlich Fuckhead, warum nicht? Nur, dass ich ein Schmerzempfinden hab, anders als der Frontmann von Fuckhead. Meine lustigste Zusammenarbeit, die jetzt übrigens vielleicht entstehen wird, ist mit Alf Poier. Das wird echt spannend, weil ich echt nicht weiß, was da passieren wird.
Wie schwierig ist es heutzutage, für Konzerte gebucht zu werden?
Aki Streeter: Es ist sehr schleppend, heutzutage Konzerte auszumachen, es ist ein bisschen frustrierend. Man kriegt dann doch hin und wieder Zusagen, aber dafür freut man sich dann ziemlich stark drüber.
Viel Erfolg und danke für das interessante Gespräch!
Philipp Tröstl
++++
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