Wenn eine Band nach 20 Jahren immer noch fähig ist, ein Album als Statement zur Zeit herauszubringen und dabei auch musikalisch nach vorne zu schauen, dann kann schon von einem „Meisterwerk“ (Deutschlandfunk) gesprochen werden. Und ein solches haben Kreisky in „klassischem Rock-Line-up“, bestehend aus Helmuth Brossmann (Bass), Klaus Mitter (Schlagzeug), Martin Max Offenhuber (Gitarre) und Franz Adrian Wenzl (Gesang und Keyboards), mit „Adieu Unsterblichkeit“ (Wohnzimmer Records) geschaffen. Zwar geizen sie nicht mit klassischen Kreisky-Elementen, aber irgendwie haben sich die vier dabei auch selbst neu erfunden. Das schlägt sich nicht nur in euphorischen Kritiken nieder – FM4 nennt „Adieu Unsterblichkeit“ „ein dunkles, musikalisch geniales Machwerk!“ – und in der Wahl zum Album der Woche durch den „Zündfunk“ (Bayern 2 Radio), der sogar von „einer düsteren und beeindruckenden Messe“ spricht. Vor allem aber zeigen Kreisky, wie Popmusik auch 2025 noch eine Art Rettungsgasse für das Nichtangepasste, das Widerspenstige und Unkonventionelle sein kann. Dass das Album dabei deutlich „sehr laut“ ist, versteht sich von selbst. Für mica hat sich Didi Neidhart mit Klaus Mitter und Franz Adrian Wenzl zu einem ausführlichen Interview getroffen.
Kreisky gibt es jetzt schon seit 20 Jahren. Ich frage jetzt nicht direkt nach dem Erfolgsgeheimnis dahinter, aber damit eine Band so lange existiert, muss es ja Gründe geben. Mich würde da vor allem interessieren, wie ihr für euch die Dialektik zwischen einer gewissen, auch erwartbaren Kontinuität (was Sounds, Lyrics und Grooves betrifft) und den steten Neuerfindungen (z. B. in Form von musikalischen Veränderungen) seht. Passieren diese (Ab-)Änderungen ehemaliger Konzepte einfach so, oder sind das eher Effekte dessen, was im Country & Western als „The Cold Hard Facts of Life“ besungen wird?
Franz Adrian Wenzl: Ich denke, die Veränderungen passieren bei uns eher organisch. Was interessiert uns gerade, was hören wir gerade? Oder einfach: Hat jemand ein neues Instrument? Natürlich steckt man sich auch immer einen gewissen Rahmen. Bei der Platte „Blitz“ haben wir zum Beispiel fast alles im Studio geschrieben und gleich aufgenommen. Intro – Strophe – Refrain, geht schon! An den neuen Nummern haben wir wieder länger herumgebastelt. Nachdem die ersten Lieder dann alle einen finsteren Grundton gehabt haben, haben wir irgendwann gesagt: Gut, dann wird das eben unsere finstere Platte – da kommt jetzt bewusst auch keine Happynummer mehr dazu. Aber unser Langlebigkeitsgeheimnis ist einfach, dass wir das gern machen und uns untereinander gut verstehen.
Klaus Mitter: Ein gesundes Band-Setup ist auch nicht verkehrt. Vor zwanzig Jahren haben wir den Rat bekommen: Teilt alles durch vier – auch die Tantiemen, auch die Lyrics-Tantiemen. Alle sollen gleich viel in die Band stecken und auch gleich viel herausbekommen. Dass die 50/50-Teilung von Text und Musik sich an klassischen Songwriter-Setups orientiert, ist ja kein Geheimnis, aber in der Realität von Bands wie uns, wo alles von Grund auf aufgebaut wird, hat das kein Gewicht.
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„Nicht den Welthit, aber die Gedanken an Beständigkeit schwingen immer mit.“
Inwieweit korrespondiert der Albumtitel „Adieu Unsterblichkeit“ mit 20 Jahren Kreisky? Ist das einem generellen Band-Feeling geschuldet, oder geht es hierbei auch um persönliche Erfahrungen? Als Band oder generell als Artist bist du ja eher auf „Unsterblichkeit“ aus.
Franz Adrian Wenzl: Ich würde das als altersgemäßes Sinnieren sehen – und das betrifft nicht nur mich als Fast-Fünfziger, wo ja auch erstmal der Gedanke aufkommt: Naja, uff, die erste Lebenshälfte ist wohl jetzt schon vorbei. Und mit der Band ist es nicht viel anders – die wird es auch nicht ewig geben.
Mit dem Streben nach künstlerischer Unsterblichkeit ist es auch so eine Sache. Ich meine, wir kommen ja eigentlich aus so einem DIY-Kassetten-Selfmade-Ding heraus – da fängt man eh nicht mit dem Gedanken an einen Welthit an.
Klaus Mitter: Nicht den Welthit, aber die Gedanken an Beständigkeit schwingen immer mit. Die Latte, die wir uns legen, ist schon die, dass das eine Gültigkeit über die üblichen Rezeptionslängen hinaus hat.
Geht es nicht auch darum, dass es in einer Welt „Out of Joint“ (aka Zeitenwende, aka Dauerausnahmezustand) gar nicht mehr möglich ist, eindeutige Positionen zu vertreten? Der Song beginnt ja auch mit einer Art Prog-Rock-Synth (plus Laufband-/Hamsterrad-Groove), der sich jedoch schnell Richtung Synth-Wave windet und dann in einer Art halluzinierendem Delirium endet.
Franz Adrian Wenzl: Mit den eindeutigen Positionen habe ich mir eh immer schon schwergetan – darum gibt es ja seit jeher in meinen Texten Rollen und Figuren. Aber ja, das wird schon immer schwieriger. Ich meine, eine Position, die für unsere Generation eine sichere Bank war, ist die des Pazifisten. Nicht einmal das ist mehr ohne „Aber“ vertretbar. Ah ja – der Synth bei der Nummer ist übrigens ein Bass-Synthesizer.
Wie sehr geht es dabei eigentlich auch um Weltflucht? Eine Strophe wie „Ich komme der Welt abhanden / und die Welt kommt mir abhanden“ erinnert ja schon auch schwer an Ludwig II., andererseits versucht die Musik nicht, die Bodenhaftung zu verlieren (was ihr mal gelingt, mal wieder nicht).
Franz Adrian Wenzl: Bis zum Ludwig II. geht es nicht zurück, aber die Zeile ist natürlich an Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ angelehnt. Dieses seltsam altertümliche Abhandenkommen hat mir als Steigerung des Gefühls, dass man die Welt nicht mehr versteht, dass man den Tritt verliert, gut gepasst. Und natürlich steckt da auch ein bisschen Pop-Mythos drin – so wie der Major Tom nicht einfach wegfliegt und stirbt, sondern transzendiert, was immer man sich darunter vorstellen will.
Mir fällt dazu immer auch der quasi Gegenpol ein – nämlich die Untoten, also die lästigen Widergänger:innen. In „Ein fertiges Leben“ sprecht ihr diesen Aspekt ja auch dezidiert an, wenn es heißt: „Nichts ist tot, alles ist untot.“ Ist nicht auch die ewige Wiederkehr von jeder Menge Bullshit dafür verantwortlich, dass wir in einer – wie von euch beschriebenen – „blöden Welt“ leben? Oder wieso macht ihr aktuell „kathartische Musik zur verschissenen Zeit“?
Franz Adrian Wenzl: So weit haben wir das gar nicht gedacht. Wir haben irgendwann festgestellt, dass das eine recht finstere Platte wird – und zur Unterstützung, aber auch als comic relief, wenn man so will, haben wir ein paar textliche und musikalische Gothic-Marker eingebaut. Ein Theremin-Synth hier, eine Geistergitarre dort, Untote, Kannibalen. Im entsprechenden Lied geht es ja um vorgefertigte Lebensentwürfe, die nicht so recht passen wollen – und da ist das Untote ein schöner Begriff dafür.
Klaus Mitter: Der Nukleus des Albums waren vier Stücke, die sehr dunkel geraten sind. Eigentlich wollten wir die zweite Hälfte dann als eine Art Opposition anlegen, wo Platz ist, das möglicherweise zu konterkarieren. Es ist dann aber doch eher die schiefe Ebene Richtung Dunkelheit geworden. All in, quasi.
Jetzt kippt ja nicht nur beim Titeltrack die Stimmung Richtung Wahnsinn, sondern Wahnsinn (bzw. Wahn, Paranoia, Bewusstseinstrübungen etc.) scheint ein immer wiederkehrendes Thema quer durch einige Songs zu sein. Das reicht vom Gesang über die sonischen (Gitarren-)Attacken bis hin zu den Arrangements. Fressen nennt ihr selbst einen „Kannibalen-Torch-Song“, und „Geh mir aus der Sonne“ scheint mir mit seiner Mischung aus Nietzsche („Geh weg mit deinen Bergen“) und radikaler Gottessuche schon „im Wahn“ („Brenn dein Haus nieder“) geschrieben worden zu sein. Würdet ihr sagen, dass „Wahnsinn“ eher eine Reaktion auf die Erkenntnis „Adieu Unsterblichkeit“ ist, oder ist das eine Reaktion des lyrischen Ichs aufgrund genauer Beobachtung dessen, was uns heutzutage so als „Reality“ begegnet?
Franz Adrian Wenzl: Naja, unsere Musik ist ja recht laut – dazu muss man schreien. Und um das Schreien zu rechtfertigen, braucht es auch etwas Ekstatisches im Text, ein Ausrasten. Ich kann ja schlecht das Telefonbuch schreien. Inhaltlich sehe ich das aber nicht unbedingt als Wahnsinn im klinischen Sinn, sondern das folgt oft einer Traumlogik. Also nicht als Traum per se, sondern ein bisschen wie bei Kafka, wo Traum und Wirklichkeit auch eins sind und die Wirklichkeit traumhafte Sprünge macht, die aber in sich schlüssig sind.
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Interessanterweise kommt mir das lyrische Ich immer dort am klarsten vor, wo es sich seines Wahnsinns (bzw. seiner perversen Lüste) am bewusstesten ist. Das findet sich nicht nur bei Fressen, sondern vor allem auch beim Song „Nachtstück“. Ihr selbst sagt dazu „The Dark Side of the Mensch“ (was gleichzeitig auch als „Überthema der Platte“ angegeben wird), und es entsteht dabei mit Lyrics wie „Die Insekten sind unruhig, ich selber bin ganz ruhig / Oh, ich bin ruhig, heute ist es so weit“ eine unheimliche, zwischen dem kosmischen Horror von Lovecraft, Hitchcock (Psycho), aber auch Thomas-Bernhard’scher Weltverachtung pendelnde Stimmung. Wie sind solche „True-Crime“-Anwandlungen zu verstehen?
Franz Adrian Wenzl: Da kann ich zur Frage fast gar nichts mehr ergänzen. Das sind derangierte Charaktere – wobei der bei „Fressen“ ein bisschen spielerischer gedacht ist –, die auch eine gewisse Überheblichkeit haben, weil sie mehr wissen oder ahnen oder moralisch mehr dürfen als die anderen. Das macht sie auch heutig. Zu den Beispielen fällt mir noch „Cocktail für eine Leiche“ von Hitchcock ein, oder Edgar Allan Poes „Verräterisches Herz“. Oder natürlich Hannibal Lecter.
Bei „Die Idee war gut“ heißt es u. a. „Einer sagt Yes / und einer sagt No / einer sagt Lieber nicht“, und dann gibt es auch noch die Zeile „Und dem Zwang des Moments konnten wir nicht widerstehen“.
Ist das, grob gesagt, auch die Art und Weise, wie eure Songs bzw. die Alben entstehen?
Franz Adrian Wenzl: So habe ich das noch nicht betrachtet, aber zumindest diese Zeilen passen nicht so schlecht. Bei uns ist es wirklich oft ein Hin und Her, viel an Details diskutieren – und dann auch wieder euphorisch drauflos. Auf jeden Fall entsteht bei uns alles gemeinsam im Proberaum. Natürlich habe ich Textfetzen oder mal einen halbfertigen Text dabei, oder jemand hat einen Rhythmus oder ein paar Akkorde vorbereitet. Aber das Abklopfen, was zusammenpasst oder was nicht, das passiert gemeinsam.
Aktuell wird eure Musik im PR-Text ja sehr treffend als „angespitzter Kunst-Rock“ bezeichnet. Nun war Art-Rock ja immer sehr nahe an Positionen angesiedelt, in denen sich Pop (auch) als Konzeptkunst verstanden hat – also nicht als etwas, wo einfach drauflosgespielt wird. Beim schon erwähnten „Die Idee war gut“ klingt das im Satz „Spontan improvisiert, leider explodiert“ ja auch etwas durch. Viele Sounds (vor allem von Bass und Gitarre) klingen für mich ein bisschen so, als wären sie aus zuvor explodierten Partikeln (konzeptuell) wieder zusammengesetzt worden. Wie seht ihr diesen Kunst- und Konzeptaspekt bei Kreisky?
Klaus Mitter: Unser Selbstverständnis als Band war zu Beginn eindeutig, eine Live-Band zu sein. Die ersten drei Alben wurden auch in die Richtung gedacht – den brachialen und rohen Live-Sound auf eine Studioaufnahme zu übertragen, aber das Albumformat halt schon auch mitzudenken. Später haben wir das dann recht stark aufgebrochen, denke ich. Da ging es dann öfter darum: Was braucht der einzelne Song, was stellen wir nach vorne in die Auslage? Und oft ist es halt auch banal: Der Bassist kauft sich ein neues Effektkastl – und los geht’s!
„Kunst ist ja eine Art Forschung im nicht messbaren Bereich“
Nietzsche hat mal die Kunst per se als eine Art Gegenentwurf zu „der wissenschaftlichen Wahrheit“ und als „ganz anders geartete ‚Wahrheiten‘“ postuliert. In Zeiten von „alternative facts“ klingt das jetzt jedoch nicht mehr ganz so cool. Ihr scheint euch aber auch mit dieser Thematik zu beschäftigen. „Die Pedale“ enden in „alternative realities“ („Ein Monat hat sieben Wochen / Ein Jahr hat sieben Monate / Ein Jahrzehnt hat sieben Jahre“) inklusive eines verschwörungstheoretisch „wissenschaftlich belegten“ Beweises dafür („Natürlich! – Sieben! – Primzahl!“).Gleichzeitig stellt ihr bei „Was ist das für eine Welt“ grundsätzliche Fragen nach der gesellschaftspolitischen Funktion naturwissenschaftlicher Erkenntnisse („Was ist das für eine Physik?“, „Was ist das für eine Logik?“, „Was ist das für eine Mathematik?“).Seht ihr euch da (im besten Pop-Sinn) als stellvertretend Fragende und Zagende?
Franz Adrian Wenzl: Ich bin da ganz bei Nietzsche. Kunst ist ja eine Art Forschung im nicht messbaren Bereich – da kann ich so viele und so krude Hypothesen aufstellen, wie ich will. Das Problem mit den alternativen Fakten ist aber, dass sie das auch in der Naturwissenschaft probieren. Die Veränderungen im Klima aber, beispielsweise, sind keine Geschmacks- oder Gefühlssache.
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Wie gestaltet sich eigentlich die Themenauswahl angesichts einer allgemeinen Hyperaktivität in Bezug auf Information Overload, Brainrot und Doomscrolling?
Franz Adrian Wenzl: Themenauswahl gibt es keine, sondern das baut sich oft aus einer ersten Idee auf oder folgt aus der Musik. Bei „Die Pedale“ zum Beispiel habe ich mir nicht vorher überlegt, worum es geht – da war einmal ein Rhythmus, der ist so dahingeklackert. Also habe ich mir überlegt: Das bietet sich an für einen Roadmovie-Song, in dem ein Protagonist unterwegs Beobachtungen macht und etwas erlebt. Seltsamkeiten, ein bisschen wie Alice im Wunderland. Und der Rhythmus hat gut zu einem Radl gepasst. Außerdem hatten wir das Auto schon einmal – nämlich bei „Glitzer“ auf unserer zweiten Platte – und den Zug bei „Lonely Planet“ auf der letzten.
Klaus Mitter: Jetzt seh ich’s erst – wir haben mit Auto, Eisenbahn und Fahrrad endlich die Kraftwerk’schen Fortbewegungsmittelsongs durch! Und noch dazu in der gleichen Reihenfolge. Das war nicht beabsichtigt – was es noch schöner macht!

Franz Adrian Wenzl: Jedenfalls habe ich mir dann den Radlfahrer vorgestellt, wie er da reintritt. Anstrengend! Tretmühle! Na, der arbeitet sicher bei so einer großen Firma – in einem Bullshit-Job im Mittelbau oder als ITler an irgendeinem Thema, das kein Mensch in seinem Umfeld versteht. Das ist dann schon ein recht heutiger Typ.
In meinen Notizen habe ich dann eine Szene gefunden, die ich wirklich vor etlichen Jahren mal in München beobachtet habe, wo ein paar so Buben geredet haben, wie ihre Bande heißen soll – und ein Vorschlag war „Die Nazis“. In echt war das eigentlich recht süß, aber mit der richtigen Beleuchtung ist das ein schönes Menetekel für diese, ich sag mal, neue rechte Normalität. Na, und dass da der Radlfahrer ein bissl austickt, das ist ja dann verständlich – und folgt auch stark den Steigerungsmöglichkeiten in der Musik und so weiter.
„Wenn man singt, singt man Texte, und im Idealfall sollen die halt nicht zu deppert sein.“
Songs wie „Ein fertiges Leben“, „Die Pedale“ oder das vom Tatort her bekannte „Was ist das für eine Welt“ handeln von den Zurichtungen, denen Menschen als „Humankapital“ im vom britischen (Pop-)Theoretiker Mark Fisher postulierten „kapitalistischen Realismus“ ausgesetzt sind. Inwieweit seht ihr euch hierbei selbst als „politische Band“?
Franz Adrian Wenzl: Eigentlich sehen wir uns gar nicht als politische Band, denn wenn wir eine Agenda hätten, würden wir in die Politik gehen oder in den investigativen Journalismus. Wir wollen aber einfach Rockmusik machen – mit Gesang –, und wenn man singt, singt man Texte, und im Idealfall sollen die halt nicht zu deppert sein. Aber unser Fokus ist das nicht.
Sowieso werden Texte überbewertet. Wenn der Andreas Gabalier eine LGBTQ-Nummer macht, dann ehrt ihn der Versuch – das möchte ich jetzt gar nicht geringschätzen –, aber bei seinen Hörer:innen flutscht das mit durch. Ein paar schiefe Akkorde würden sie dagegen sofort verstören. Form und Sound sind eigentlich viel stärker.
Diesmal ist mir auch ein eigentümlich stärkerer Fokus auf Theatralik und Pathos aufgefallen. Gerade wenn es um eher „politische“ Themen geht, vermeidet ihr jeglichen Naturalismus und Abschweife in die Sozialpornografie. Was ermöglicht dieses Pathos, also das Übertriebene? Pop meinte ja immer auch bigger than life und bezog sich dabei auch auf die Darstellung des Tragischen und Melodramatischen, die – wie etwa bei den Melodramen von Douglas Sirk oder einigen Filmen von Fassbinder – in bunteren und grelleren Farben meist noch unguter daherkommt als in simplem Schwarz-Weiß. Oder sind all die Pathosformeln nur ein verzweifeltes Anschreien gegen die Musik, die – in Erinnerung an ein berühmtes Zitat aus dem Film Jubilee von Derek Jarman (1978) – deshalb so laut ist, damit wir nicht mitkriegen, wie die Welt um uns herum zusammenbricht?
Franz Adrian Wenzl: Über die Jahre haben wir uns natürlich etliche Eigendefinitionen zurechtgelegt – und eine davon war oder ist, dass wir eine Popband sind, die mit Rockmitteln arbeitet. Ich glaube, das trifft es auch. Auch wenn mal etwas gerade dahinrockt, braucht es ein bisschen einen Dreh, eine Verfremdung, die es für uns interessant macht. Also schon Blut, Schweiß und Tränen – aber den Schweiß und die Tränen soll man gefälligst auch sehen, und das Blut darf auch mal Kunstblut sein. Vielleicht haben wir uns das Theatralische auch angewöhnt, weil wir ja in den letzten Jahren zwei Theaterstücke am Rabenhof gemacht haben. Aber nein, wir sind schon grundsätzlich auch eine Showband.
Klaus Mitter: Hauptsache nicht dogmatisch oder gar fundamentalistisch – denn das ist das wahre Elend der Welt. Eine reine Showband wäre grässlich, aber genauso schrecklich ist letztendlich eine 1:1-Nachahmung einer – Hausnummer – britischen Postpunk-Band aus 1980 in Bild und Ton. Überlappungen, Rekombinationen, Zettelkasten, Mash-up … alles hundertmal interessanter.
Auffällig sind diesmal aber auch die Synthesizer-Einsätze. Die sind mir von früher nicht ganz so prominent in Erinnerung, wiewohl es auf dem Vorgängeralbum „Atlantis“ einige Synth-Soli gab. Passend zu den Songthematiken wissen die aber auch nicht immer, wohin. Dafür gwängeln sie in einer eher verbeulten Art und erinnern teilweise ebenso an 1980er-Größen wie John Foxx/Ultravox, aber auch an Prog-Synth-Soli einer Garagenband. Wie kam es dazu – bzw. stecken da auch konzeptuelle Überlegungen dahinter und nicht nur rein musikalische?

Franz Adrian Wenzl: Da muss ich ein bisschen ausholen. Wir kommen ja alle so ein bisschen aus dem DIY-Bereich. Der Martin und ich haben schon vor Kreisky ein Homerecording-Duo gehabt namens Gelée Royale, und das war ganz klassisch auch mal mit Tape-Verfremdungen und Schlumpfenstimmen usw.
Als wir dann Kreisky gemacht haben, waren wir auf den ersten Platten recht streng, konzeptuell: dass das eine „amtliche“ Rockband ist – mit Anzügen und finsterem G’schau. Für mich als Teilzeit-Keyboarder hat das geheißen: nur Orgel, Klavier, E-Piano. Über die Jahre hat sich das aber gelockert, und jetzt scheint öfter einmal die alte DNA durch. Heute sehe ich meine Aufgabe eher darin, mit ungewöhnlichen oder komischen Sounds den Raum ein bisschen aufzumachen. Wobei ich dazusagen muss, dass gerade der Lelo auf der Platte am Bass auch viel mit Verfremdungen und Bass-Synthesizer arbeitet.
Eine Band, die mir diesmal immer wieder als (grober) Referenzrahmen in Bezug auf Dringlichkeit, Sounds, Rhythmik, Grooves und die Art, wie eine E-Gitarre bearbeitet und modifiziert werden kann, eingefallen ist, sind Gang of Four. Die waren ja auch nicht gerade unpolitisch, haben aber ebenso einen unbarmherzigen Groove (gegen dystopische Zeiten) zwischen Krautrock-Reduktionen und Funk-Minimalismus gepredigt. Würdet ihr dem zustimmen, oder liege ich da falsch?
Franz Adrian Wenzl: Das haben wir schon ein paar Mal gehört, wobei witzigerweise keiner von uns eine Gang of Four-Platte daheim hat. Komisch eigentlich. Vielleicht kommen wir durch die Schnittmenge unserer Hörgewohnheiten genau dort raus – so wie ich als Kind einmal Haferflocken und Milch zusammengemischt habe und geglaubt habe, ich hätte jetzt ein neues Rezept kreiert. Dabei habe ich nur ein zweites Mal das Müsli erfunden.
Neben all den irren Gitarreneffekten ist diesmal auch der Bass merklich modifiziert. Das klingt teilweise nach Bunker-Funk, aber gerade bei „Nachtstück“ und „Ein sauberes Hemd“ schon auch ein wenig nach Pink Floyds „One of These Days“ – auf dem Weg hin zu Throbbing Gristle oder Joy Division. Ich nehme jetzt mal an, dass es sich hierbei nicht einfach um eine Art Zitat-Pop handelt. Dazu passen diese Sounds ja inhaltlich auch zu gut. Aber wie entsteht so etwas – bzw. wie wird dann dabeigeblieben, trotz der offensichtlichen Referenzen? Oder stehen Kreisky für eine mittlerweile gar nicht mehr ganz so heimliche Liaison zwischen Progrock und Post-Punk?
Klaus Mitter: Der Schlüssel liegt am ehesten bei „Was ist das für eine Welt“. Zusammengeleimt aus drei Soundtrack-Stücken für den Tatort desselben Namens, bei dem ein neuer Bass-Synth von Lelo die Richtung vorgab, Franz mit seiner La-Boum-Orgel Zärtlichkeit und Verwirrung reinlädt, das Ganze in Krautrock-Rhythmik aufgeht – um am Ende eine Rampe zu bauen für großen, existenziellen Pathos. Vielleicht ist das ein Bild dafür: von Liane zu Liane schwingen, nie abstürzen – und dabei idealerweise noch lässig ausschauen.
Als fast „frech“ würde ich hingegen das AC/DC-Zitat bei Nachtstück beschreiben. Das schiebt sich quasi in eine Sixties-(True)Crime/Mystery-Thriller-(Surf)-Gitarre rein und verwirrt mächtig. Wer kam denn auf diese Idee?
Franz Adrian Wenzl: Naturgemäß der Gitarrist!
Klaus Mitter: Im Gegensatz zu Gang of Four haben wir tatsächlich ein paar AC/DC-Alben zuhause herumkugeln. Neben all den Albernheiten und den teilweise laffen Texten ist bei ihnen halt schon auch sehr viel geile, präzise Musik rausgekommen, die uns schon von klein auf mitgeprägt hat.
„Was ist das für eine Welt“ nennt ihr „unsere Krautrock-Epos“. Jetzt würde mich interessieren: Was macht Krautrock für euch so spannend – worunter mittlerweile ja fast jede Band, die in den 1970er-Jahren in der BRD Musik gemacht hat, subsummiert wird? Liegt das an der Struktur von Aufbau, Dynamik, Steigerungen bzw. dem Verzicht auf einen Spannungsaufbau durch schneller werden und zu einem Klimax hinhecheln? Bei euch geht es ja auch eher darum, eine Spannung zu halten (Keep the Groove) und dann eben zum Implodieren. Oder hängt das auch irgendwie mit euren (heimlichen) Progrock-Vorlieben zusammen?
Franz Adrian Wenzl: Also, ich meine, wenn ich Krautrock sage, dann eigentlich immer Can – also eine spezifische Stilistik, die es in Teilen auch bei Cluster, Kraftwerk, Amon Düül oder Popol Vuh gibt, aber archetypisch zu hundert Prozent bei Can. Dazu gehört auch der Jaki Liebezeit-Schlagzeugstil, der vor etlichen Jahren viel kopiert worden ist: so mit angezogener Handbremse dahincruisen, während die Kupplung heiß rennt.
Übrigens haben meine Bandkollegen ja mit der Gruppe Mord einmal ein paar Konzerte mit dem Can-Sänger Damo Suzuki gespielt – dafür beneide ich sie immer noch sehr. Der Damo Suzuki dürfte übrigens, der Erzählung nach, ein großer Leberkäs-Fan und überhaupt Fleischtiger gewesen sein. Damit rechnet man dann auch nicht.
Klaus Mitter: Und das in Kombination mit Jackie-Cola aus der Dose auf einer Tankstelle um zehn Uhr vormittags. Das hat uns Fanboys gleichzeitig verwirrt und beeindruckt!
Auf was können wir uns bei der bevorstehenden Tour besonders freuen?
Franz Adrian Wenzl: Ich könnte das jetzt irgendwie hochjazzen, aber es wird leider das Normalste von der Welt: die meisten Nummern der neuen Platte, die meisten Publikumsfavoriten der alten Alben, ein, zwei Nuggets. In der Hinsicht arbeiten wir ganz nach dem goldenen Schnitt!
Danke für das Interview!
Didi Neidhart
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KREISKY – Adieu Unsterblichkeit Österreich-Tour // Support: The Scarabeusdream
26.11. Wien, WUK
27.11. Graz, Orpheum
28.11. Salzburg, Arge
29.11. Linz, Stadtwerkstatt
17.12. Innsbruck, Treibhaus
18.12. Dornbirn, Spielboden
19.12. Ebensee, Kino
20.12 Steyr, Röda
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