„Zum ersten Mal fühlt es sich an wie eine richtige Geschichte, als hätte ich alles gesagt und endlich zu Ende erzählt.“ – ONK LOU im mica-Interview

Im Hause ONK LOU hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Er trennte sich von seinem Management, gründete sein eigenes Label und tat sich musikalisch erstmals seit einer Ewigkeit erstmals wieder mit seinem Bruder und Produzenten Konstantin Weiser zusammen. Mit „Midnight“ erschien vor Kurzem das erste Album dieser neuen künstlerischen Ära des stimmstarken Liedermachers. Und was für eines. Musikalisch zeigt sich der aus Niederösterreich stammende Liedermacher so vielseitig wie vermutlich noch nie zuvor. Sein Ziel war es, die Energie, die seine Songs auf der Bühne entfalten, auf Platte zu bannen und sich – losgelöst von allen Zwängen – kreativ in alle Richtungen auszutoben. Und genau das ist ihm in eindrucksvoller Manier gelungen. Er lässt es rocken, lädt gleichzeitig zum nächtlichen Abtanzen ein und überzeugt auch mit leisen, gefühlvollen Tönen. Im Interview mit Michael Ternai spricht ONK LOU über den Befreiungsschlag, den er mit seinem neuen Album vollzogen hat, über die erstmalige Zusammenarbeit mit seinem Bruder Konstantin Weiser nach acht Jahren und darüber, welchen Einfluss diese auf das musikalische Ergebnis hatte.

Nach dem Durchhören deines neuen Albums bekam ich irgendwie den Eindruck, dass es im Vergleich zu deinem letzten auf vielen Ebenen breiter ist. Die musikalische Abwechslung ist großer, es wirkt so, als zeigst du dieses Mal mehr Facetten von dir. Wenn ich nur an den Opener denke, mit dem du richtig rockig startest. Das hat man von dir so davor noch nicht gehört.

Onk Lou: Es ist witzig, dass du sagst, dass du meine rockigen Nummern noch nicht kennst. Tatsächlich sind meine Livekonzerte extrem rockig. Bis zu diesem Album ist es mir allerdings nie gelungen, diese Energie auf einer Aufnahme einzufangen. Genau das war diesmal mein großer Versuch – die Liveenergie mitzunehmen und auf Audio zu bannen.

Die Vielfalt auf dem Album liegt ein bisschen daran, dass ich dieses Mal einfach mehr Zeit hatte. Nicht, weil ich mir bewusst mehr Zeit genommen hätte, sondern weil ich sie aus diversen Gründen nehmen musste.

Meine Alben waren schon immer sehr eklektisch. Auf meinem ersten Album waren 16 Songs, und ich hatte nie wirklich das Gefühl, dass da ein roter Faden erkennbar war. Beim zweiten Album habe ich dann versucht, genau das zu erreichen. Aber irgendwann wurde mir das zu langweilig, und deswegen musste es wieder in eine andere, abwechslungsreichere Richtung gehen.

Aber in wieweit spiegelt dieses Album mehr als die anderen deine Persönlichkeit wider?

Onk Lou: Ich glaube, ich war noch nie so stolz auf etwas, das ich veröffentlicht habe. Zum ersten Mal fühlt es sich an wie eine richtige Geschichte, als hätte ich alles gesagt und endlich zu Ende erzählt.

Es liegt mir auch deshalb besonders am Herzen, weil ich Dreiviertel des Albums gemeinsam mit meinem Bruder aufgenommen und produziert habe. Mit ihm hatte ich acht Jahre lang nichts mehr zusammen gemacht, weil mir das immer wieder von den Managements ausgeredet wurde. So auf die Art, so etwas macht man nicht.

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Es war auf jeden Fall extrem spannend: Nach acht Jahren sitzt man plötzlich wieder gemeinsam im Studio. Er weiß inzwischen besser, was ich will. Und ich weiß inzwischen auch besser, was ich will – und kann das klarer kommunizieren. Plötzlich gehen die Songs richtig flott von der Hand, alles ist im Flow, und der Prozess macht richtig Spaß. So sollte es eigentlich immer sein. Aber das ist es meistens nicht, weil Musik eben auch ein Geschäft ist. Oft muss man seelenlose Sessions machen mit Leuten, die man kaum kennt. Dabei versucht man, seine Seele zu Papier zu bringen – nur um dann zu erleben, wie das Material von anderen in vier Stunden fertiggestellt wird, weil danach schon die nächste Session ansteht.

Dieses Mal war es anders. Es war sehr viel Selbstverwirklichung dabei. Momentan habe ich kein Management, das mir sagt, was geht und was nicht. Ich bin mein eigener Chef und ich habe auch mein eigenes Label. Und ja, ich hoffe, dass man diesen Befreiungsschlag hört und spürt.

Ohne es jetzt von deinem Befreiungsschlag gewusst zu haben, hatte ich beim Durchhören des Albums schon stark das Gefühl, dass du dich bei diesem Album in keinster Weise einschränken hast lassen.

Onk Lou: Ich muss dazusagen, dass ich hier über mein letztes Management spreche. Zuvor habe ich lange Zeit mit Bernhard Kaufmann zusammengearbeitet, und ihm habe ich extrem viel zu verdanken. Er hat vieles für mich möglich gemacht: Mein Standing in der Musikszene gestärkt, mich mit den richtigen Leuten vernetzt und dafür gesorgt, dass meine Lieder im Radio gespielt wurden. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Vor drei Jahren trennten sich unsere Wege, und ich wechselte zu einem anderen Management. Leider habe ich dort sehr viel Zeit verloren. Im Grunde ist nichts passiert. Gleichzeitig steckt man in einem Managementverhältnis, in dem viele Meetings abgehalten werden – mit null Outcome.

Vielleicht waren diese zwei Jahre trotzdem wichtig, weil ich dabei gelernt habe, meine Sachen selbst in die Hand zu nehmen oder mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich lange kenne und denen ich vertraue. Ich weiß, dass ich Fehler machen werde. Aber ich weiß auch, dass ich es kaum schlimmer machen kann, als es in dieser Zeit war.

Ich finde, wenn etwas schiefläuft, braucht es die Disziplin, wieder aufzustehen, sich abzustauben und weiterzumachen. Die einzige Sache, mit der ich in meinem Leben nicht umgehen kann, ist Stillstand – dieses Gefühl, sich überhaupt nicht mit der Welt messen zu können und nicht zu wissen, was gut und was schlecht ist.

Bild Onk Lou
Onk Lou (c) Philip Pesic

Wenn man zwei Jahre nur zu Hause sitzt, glücklicherweise von den Tantiemen leben kann, aber ansonsten nur geredet wird, ohne dass etwas passiert, dann weiß ich: So beschissen, wie ich es erlebt habe, kann ich es gar nicht machen.

Ich habe jetzt innerhalb eines Jahres gemeinsam mit meinem Bruder Konstantin Weiser und Andi Häuserer ein Album aus dem Boden stampft, auf das ich sehr stolz bin. Wir haben außerdem viele Konzerte und Festivals gespielt und werden das im kommenden Jahr fortsetzen. Aktuell arbeiten wir auch an neuen Sachen, die ebenfalls nächstes Jahr erscheinen sollen. Im Moment fühlt sich alles extrem gut an.

Das vermittelt das Album auch. Es wirkt so, als wäre Leichtigkeit und der Spaß zurückgekehrt.

Onk Lou: Definitiv. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich meinen Bruder natürlich schon mein ganzes Leben kenne. Und das ist auch irgendwie schräg. Man arbeitet einfach ganz anders zusammen, weil man vieles nicht mehr sagen muss. Gleichzeitig teilen wir den gleichen Schmäh und den Spaß an der Sache.

Aber es war natürlich auch die Freude am Kreieren, die alles einfacher gemacht hat. Wir sind wirklich flott vorangekommen, ohne uns zu viele Gedanken zu machen oder alles fünfzigtausendmal aufzunehmen. Wenn ein Take gepasst hat, dann hat er eben gepasst. Nachdem ich meine Parts eingesungen hatte und nach Hause gegangen bin, hat sich mein Bruder wahrscheinlich oft noch hingesetzt und die Nummern weiter zurechtgebogen.

Das ist einfach die Art und Weise, wie ich Geschichten erzählen und Songs schreiben will. Ich habe Riffs, unzählige Memos und ein gutes Gespür dafür, wenn etwas funktioniert. Ich habe in meinem Leben schon viele Songs geschrieben und mittlerweile die Routine entwickelt, zu erkennen, worum es bei einem Song wirklich geht.

Gleichzeitig klingt das Album auch sehr reif und durchdacht. Man merkt, dass es von jemanden, der weiß war er tut.

Onk Lou: Ich möchte die Sachen, die ich davor gemacht habe, auf keinen Fall schlechtreden. Aber es wäre auch komisch, wenn ich sagen würde, die neuen Songs seien genauso gut wie die alten. Man könnte natürlich auch behaupten, dass ich das jetzt alles sagen muss, weil ich dieses Mal alles alleine gemacht habe. Aber irgendwie trifft das alles nicht zu.

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Zum ersten Mal hat sich alles wirklich sinnvoll angefühlt. Ich liebe es, wenn ein Album eine Geschichte erzählt und einen Spannungsbogen hat. Für mich war von Anfang an klar, dass „Midnight Hour“ der zweite Song auf dem Album sein muss – genauso wie es selbstverständlich war, dass „Saturday“ an vierter Stelle kommt.

In den letzten Jahren habe ich viel gelernt, und diese Erfahrungen fließen natürlich in eine Produktion mit ein. Insofern kann man durchaus sagen, dass ein gewisses Maß an Reife hinter diesem Album steckt.

Diese musikalische Vielfalt, die sich auf deinem Album vorfindet, entsteht ja nicht aus dem nichts. Was waren in der Zeit der Entstehung von „Midnight“ deine Inspirationsquellen?

Onk Lou: Ich denke, die Inspiration hat sich irgendwie über die letzten vier Jahre angesammelt. Ende 2019 waren mein Schlagzeuger Thomas und ich damit beschäftigt, ein Duo-Set vorzubereiten. Gedacht war es für Konzerte, bei denen wir als Support auftreten würden – dafür erschien uns das praktisch. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Thomas und ich uns nach jeder Probe in den Armen lagen und meinten: Irgendwann wird sich das hoffentlich nicht mehr so scheiße anhören. Und das Ding hat sich tatsächlich entwickelt.

Ich spiele seit zehn Jahren mit Thomas zusammen und mittlerweile viel im Duo. Und ich muss sagen, dass ich es gerade auch gar nicht anders machen möchte, weil es einfach eine Herausforderung ist. Ich experimentiere mit verschiedenen Geräten, zum Beispiel einem Octaver, und auch Thomas spielt nicht nur Schlagzeug.

Bild Onk Lou
Onk Lou (c) Philip Pesic

Ich finde, das war eine riesengroße Inspiration. Vor allem auch für das Songwriting. Ich musste plötzlich nicht ausschließlich für ein Duo-Set schreiben, sondern etwas größer denken. Das war ein großer Step.

Was die Einflüsse betrifft, ist – wenn man von Gitarre und Schlagzeug spricht – jemand wie Danko Jones nicht weit weg. Den liebe ich schon ewig. Sein Konzert war auch mein erstes größeres, das ich besucht habe. Da war ich so 15.

Außerdem höre ich extrem viel Soul, zum Beispiel Bobby (?). Allerdings muss ich sagen, dass ich oft sehr viel das Gleiche höre. Es gibt ein paar Alben, die sich richtig in mein Herz geschlichen haben. Eines davon ist „Gone Now“ von den Bleachers – ein unglaublich gutes Album, obwohl die Band mit ihren darauffolgenden Alben deutlich berühmter geworden ist.

Wie bist du eigentlich auf das Thema „Nacht“ gekommen.

Onk Lou: Das mag jetzt vielleicht etwas weit hergeholt sein, aber für mich stehen 24 und 0 Uhr für eine Art Neuanfang – für diese Twilight Zone. Lustigerweise wollte ich schon vor zwei Jahren ein Album namens „Midnight“ machen. Letztlich ist daraus eine EP mit dem Titel „Before Midnight“ geworden, die letztes Jahr erschienen ist. In gewisser Weise hat sich das also schon angekündigt.

Dann hat sich die Situation mit dem Label verändert, und ich konnte die Songs der EP nicht mehr für das Album verwenden. Zum Glück wusste ich aber bereits, was die Überschrift des Albums sein sollte, und konnte die Songs entsprechend schreiben. Meistens läuft es ja andersherum.

Auf jeden Fall hatte ich schon vor zwei Jahren die Idee, ein Album namens „Midnight“ zu machen – als eine Art Neuanfang. Aber auch, weil all meine Songs in der Nacht entstehen. Das ist einfach die Zeit, in der ich am kreativsten bin.

Ich finde außerdem, dass die echten Abenteuer meistens in der Nacht passieren. Und wenn ich eines liebe, dann sind es Abenteuer. Dieses Gefühl vermittelt auch die richtige Atmosphäre für ein Album, das Spaß machen soll. In der Nacht ist alles ein bissl freier.

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Du bist jetzt schon seit einigen Jahren erfolgreich im Geschäft. Deine Alben wurden gut aufgenommen, und deine Songs liefen auch im Radio. Dein neues Album wirkt in diesem Sinne auf mich aber doch etwas gewagter. Es scheint nicht unbedingt darauf ausgelegt zu sein, von kommerziellen Radiostationen rauf und runter gespielt zu werden.

Onk Lou: Während wir hier sitzen, läuft gerade ein Song von mir auf Ö3. Noch nicht rauf und runter, aber immerhin. Er wird angespielt und ist sogar in die Tagesrotation gekommen. Es ist allerdings ein Song, mit dem ich nicht unbedingt gerechnet hätte – ich hätte nicht gedacht, dass gerade der ausgewählt wird.

Radio ist, finde ich, irgendwie ein Glücksspiel, fast wie ein Lottospiel. Du hast eine Nummer, von der du glaubst, sie passt perfekt und wird sicher funktionieren, aber dann geht sie einfach unter. Und dann gibt es Songs, die vielleicht nicht so offensichtlich sind, die dir aber Spaß machen – und genau das spüren dann auch die anderen, weshalb sie plötzlich zünden.

Ich erinnere mich noch genau, wie schräg das mit der Nummer „Like 16“ war. Wir hatten damals das Album veröffentlicht und den Song auch den Radiostationen angeboten. Er wurde zwei Wochen lang gespielt, ebbte dann aber ab. Ich dachte mir: Okay, schade, das war wohl nichts.

Doch Mitte März 2021 schreibt mir plötzlich meine Mutter, dass ich in den Ö3-Hörercharts auf Platz zwei bin. Ich fragte sie, mit welchem Song – schließlich waren doch alle, die wir rausgeschickt hatten, schon tot. Ich erzählte das sofort einem Freund, der meinte, ich wäre in den Austrocharts sogar auf Platz eins. Und tatsächlich: Ich war 16 Wochen in Folge auf Nummer eins mit einer Nummer, die eigentlich längst durch war. Radio ist echt schräg.

Aber du hast recht – es ist ein gewagtes Album. Meine Strategie ist im Moment ein bisschen anders. Letztes Jahr habe ich fast gar nicht live gespielt, dieses Jahr dafür schon mehr als 60 Shows in vier Ländern, mit wirklich coolen Supportacts. Das ist meine Strategie. Natürlich versuche ich, wie alle anderen, auch auf TikTok viral zu gehen und so weiter. Aber ich finde, das ist als Plan viel zu dünn.

Das ist auch nicht der Grund, warum ich Musik mache. Ich schreibe keine Songs, um irgendjemandem zu beweisen, wie gut ich Songs schreiben kann, oder um im Radio zu landen. Nein, ich schreibe Songs exklusiv fürs Livespielen. Auf der Bühne zu stehen, ist meine Droge.

Ich habe jetzt ein Album herausgebracht, das sich extrem gut live spielen lässt. Und genau über die Konzerte möchte ich eine Fanbase aufbauen, die mich auch dann unterstützt, wenn ich keinen Radiohit habe.

Herzlichen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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Onk Lou live
20.11. ppc, Graz,
21.11. Chelsea, Wien

23.11. Kulturhof:villach, Villach

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