Bild Wüst
Bild (c) WÜST

WÜST – „Deform“

WÜST ist ein steirisches Exil-Ehepaar, welches seine musikalischen Visionen und Outputs nach Leipzig verfrachtet hat. KATHARINA und ANDREAS KLINGERKRENN veröffentlichen mit ihrem Debüt „Deform“ (Hoermirzu Records) auf ihrem eigenen Label ein Album, das fein säuberlich die meisten Konventionen moderner Pop-Musik zerlegt und dekonstruiert. Zwischen Wahnsinn und Ideenvielfalt entsteht ein höchst interessantes musikalisches Kleinod.

Im Opener „Adapt“ werden sogleich die meisten Klangfacetten der Band dargeboten: schräge Stimmen, noch schrägere und vielfältige Sounds, gefinkeltes Schlagzeugspiel und der Wille musikalische Rahmen zu sprengen. „Deform“ sprüht gerade nur so vor Ideen, und zwar vor Ideen wie populäre Konventionen des Songwritings auseinanderzunehmen sind. Allerdings passiert das nicht rein destruktiv, sondern höchst kreativ. Wann immer man glaubt, das Chaos nimmt überhand, liefern WÜST doch einen Part, der beim Zuhören Halt gibt, nur um im nächsten Moment die Struktur wieder niederzureißen. Noisige Krach-Parts wechseln sich also geschmeidig mit melodiöseren und etwas geradlinigeren, groovigeren Parts ab. Die Übergänge von einem irrwitzigen Part zum nächsten sind tatsächlich bemerkenswert.

Eine Abrechnung mit populärer Musik

Albumcover Deform
Albumcover “Deform” by Johann Schreier

Es ist beinahe ironisch, dass die erste Textzeile mit der sich Sängerin Katharina Klingerkrenn zu Wort meldet „I spit in your face“ ist – schwierig zu sagen, ob sie sich an die zu diesem Zeitpunkt bereits nach Orientierung hechelnde Zuhörerschaft wendet oder an die Entität namens „Populärmusik“, auf deren prospektiven Grab WÜST nun schon ein paar Tracks lang tanzen. Das Duo Klingerkrenn wird auf dem Album vom Schlagzeuger Thommy Poller unterstützt. Und diese Erweiterung zum Trio macht sich wahrlich bezahlt: Das filigrane und virtuose Schlagzeugspiel ist exquisit und gibt den oft wüsten Nummern von WÜST die nötige Struktur, die bei etwas chaotischen musikalischen Ideen umso wichtiger ist. Aber auch viele andere Klangfacetten geben „Deform“ einen unverkennbaren eigenen Stempel. Die Stimme von Andreas Klingerkrenn etwa hat eine gehörige Portion Charakter und erinnert in seinen besten Momenten an einen der Meister der Avantgarde-Musik: Scott Walker. „Funderground“ zeigt dann auf, dass WÜST nicht nur mit vieler gängiger Musik nicht einverstanden sind, sondern auch mit gewissen Ausläufern der westlichen Gesellschaft. „I can do whatever I want because I’m a white guy“, wird hier eindringlich geschmettert. Und zwar von einer Frau. Die sozialkritische Botschaft ist klar.

Ein weiteres Merkmal der Band sind ausufernde und überlange Kompositionen die bisweilen mit dem Stilmittel der Monotonie arbeiten („Undetected“) oder einfach zeigen wie viele unterschiedliche Sounds und Klänge man in einen Song stecken kann, wie bei beim Closer „Differ“, der auch mit einem eindringlichen Gesangs-Duett der beiden Protagonisten aufwartet.

WÜST sind womöglich nicht jedermanns Sache, wer allerdings ein wirklich erfrischendes Stück experimenteller Musik von Idealisten hören will, sollte bei „Deform“ unbedingt reinhören und sich an dem Mut der Band zu Neuem erfreuen.

Sebastian J. Götzendorfer

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