„Human“ heißt das zweite, auf Las Vegas Records erschiene, Album der Wiener Band Safari schlicht und ergreifend, und es bietet schnörkellosen, melodiösen Pop mit ernsten, teilweise düsteren Texten, was dem Projekt eine wohltuende Tiefe verleiht. Markus Deisenberger traf die beiden Brüder Daniel und Tobias Hämmerle dort, wo die Songs entstanden und aufgenommen wurden – in ihrem Studio am Gelände der alten WU, Campus Althangrund, der sich in den letzten Jahren zu einer Art Künstler-Biotop entwickelt hat – allerdings mit Ablaufdatum, da schon 2027 die Bauarbeiten für einen neuen Universitäts-Campus beginnen. Ein Gespräch über Menschlichkeit, den besten Sommer des Lebens und die Ups and Downs in schwierigen Zeiten.
Eigentlich ist euer neues Album „Human“ eine Sommerplatte, finde ich. In den Songs geht es zwar um ernste Themen wie Liebe, Verlust, Depressionen, Angst und Zorn, aber auch um Hoffnung, und die Songs kommen durchwegs in melodiösem Pop-Kleid daher. Wieso bringt ihr sie im Herbst raus?
Daniel: Gute Frage. Warum eigentlich?
Tobias: Es hat sich halt terminlich so angeboten.
Daniel: Wir waren ja schon früher mit dem Album fertig, aber das Label hatte auch andere Releases in Planung. Dass wir in den Herbst geschoben wurden, hat aber auch etwas Gutes. So hatten wir genug Anlaufzeit.
Tobias: Und das Album mitten im Sommer zu releasen, wenn alle auf Urlaub sind, wäre auch nicht so gelungen gewesen.
Das Album hat einen ganz speziellen Sound, finde ich. Hattet ihr da etwas Bestimmtes vor Augen bzw. Ohren?
Tobias: Nicht unbedingt. Wenn man es mit dem ersten Album vergleicht, waren wir dieses Mal viel mehr auf Spaß aus. Wir sind ein bisschen zu dem zurückgegangen, was wir früher selbst gerne gehört haben.
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Daniel: Ich nehme den Sound als mehr verwurzelt wahr. Und persönlicher als auf unserem ersten Album. Unser erstes Album war noch ein wenig unsicherer. Das jetzt ist viel direkter. Besonders zu wirken, ist uns nicht mehr wichtig. Wir wollen einfach das machen, was uns Spaß macht. Das macht das Ganze kompromissloser. Vom Songwriting ist es viel kompakter und authentischer als unser erstes Album.
Die Wahl des Titels „Human“ war absichtlich, nehme ich an?
Tobias: Ja. Nach Corona war plötzlich alles anders und musste erst einmal verarbeitet werden. Wir sind älter und erwachsener geworden. In den 30ern wird man mit vielen Dingen konfrontiert, die das Menschsein ausmachen. Wir haben all das einfließen lassen – positive, nostalgische und auch negative Eindrücke.
Daniel: Der Anfang des Songwriting-Prozesses spiegelt das sehr gut wider. Unser erstes Album ist 2019 erschienen, und eigentlich hatten wir danach viele Konzerte geplant. Wegen der Lockdowns fiel jedoch das meiste ins Wasser. Darauf waren wir nicht vorbereitet und haben stattdessen beschlossen, neues Material zu sammeln.
In der ersten Songwriting-Session waren wir hoch motiviert und haben uns riesig darauf gefreut, neu zu starten. Doch ausgerechnet an diesem Tag brach der Ukrainekrieg aus. Die Entstehungsgeschichte des Albums spiegelt also die Ups and Downs wider, mit denen wir in diesen schwierigen Zeiten alle zu kämpfen hatten.
„Summer will be nothing like this, my dear – never again” heißt es da. Es schleichen sich in die süßen Melodien immer wieder melancholische Schatten ein, eine gewisse Bitterkeit.
Tobias: Wir haben einen Indie-bedingt melodiösen Sound. Dieses Verspielte, die Melodien mit ihren oft fröhlich klingenden Hooklines, steckt ganz tief in uns. Aber die Themen sind ernst – es geht um das, was den Menschen und das Erwachsenwerden ausmacht.
Daniel: Weil du gerade den Song „We’re Getting Higher“ ansprichst: Das ist im Grunde etwas sehr Positives, aber durch den Blick zurück entsteht eine gewisse Ambivalenz. Das Reflektieren über das Positive relativiert das Positive.

Tobias: Es geht ja um den Moment direkt nach dem Schulabschluss – die letzten Sommerferien, bevor man ins Erwachsenenleben eintritt. Alles ist offen, alles scheint möglich. Zugleich mischt sich aber eine bittersüße Note hinein, weil man genau weiß: Es steht etwas bevor, es wird ernst. Es ist also beides – die größtmögliche Freiheit auf der einen Seite und das Heraufdräuen des Ernstes auf der anderen.
Daniel: Diese nostalgische Verklärung, dass das der beste Sommer des Lebens war, relativiert ja alles, was danach kommt – und das ist irgendwie auch traurig.
Wie habt ihr als Brüderpaar eigentlich musikalisch zusammengefunden? War schon früh klar, dass ihr gemeinsam Musik machen wollt?
Tobias: Wir machen schon sehr lange gemeinsam Musik, ja.
Daniel: Und das immer mehr und immer intensiver. Eigentlich haben wir im Kinderzimmer schon angefangen, gemeinsam zu musizieren.
Als Referenzen habt ihr selber im Pressetext die Shout Out Louds und Vampire Weekend ins Spiel gebracht. Könntet ihr auch mit den Sparks – ein Brüderpaar, das gemeinsam eine Vielzahl schräger Popperlen in die Welt geschickt hat – oder mit Aha leben?
Daniel: Aha kenne und verstehe ich.
Tobias: Damit können wir durchaus leben.
Daniel: Nicht bewusst, aber Aha verstehen wir sofort.
Der Bandname Safari suggeriert, dass ihr die Hörer:innen auf eine erlebnisreiche Ausfahrt mitnehmt. Eine, die man so schnell nicht vergessen wird. Wollt ihr das so verstanden wissen?
Daniel: Nein, wir wollten einfach einen Namen, der furchtbar für jede Internetsuche ist. Und da sind wir auf den gestoßen.
Tobias: Es war 2016, als wir die ersten Sachen sammelten und mit Peter Paul (Aufreiter, Anm.), mit dem wir auch dieses Mal wieder zusammengearbeitet haben, an die Arbeit gingen. Wir waren daheim beim Aufnehmen und haben gerätselt, wie die Band heißen soll. Es war alles fertig, das EPK, alles, nur Namen hatten wir noch keinen. Da ist der Name aufgepoppt.
Daniel: Tobias trug damals ein Hemd mit Tigern und anderen Tieren drauf. Und da hat unser Produzent gemeint: „Wieso nennt ihr euch nicht Safari?“ Ja, warum eigentlich nicht?
Peter Paul Aufreiter hat euch von Anfang an begleitet?
Daniel: Ja. Erst als Produzent, und dieses Mal auch als Songwriter.
Tobias: Er ist ein super Mensch, ähnlich sozialisiert wie wir, und er versteht immer sofort, worum es uns geht.
Daniel: Als wir ihn das erste Mal getroffen haben, hat es sofort geklickt. Und mittlerweile hat er auch eine therapeutische Funktion. Soll heißen: Er ist ein guter Mediator.
Tobias: Als Brüder zusammen Musik zu machen, ist schön – aber man kann sich dabei auch oft streiten. Wir sind es gewohnt, miteinander zu diskutieren. Als Bruder weißt du ja ganz genau, wo du hinstechen musst, um den anderen zu treffen und eine Reaktion auszulösen.
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Ihr seid also sehr unterschiedlich?
Daniel: Wir haben oft unterschiedliche Denk und Sichtweisen. Da ist es schon gut, wenn man jemanden dabeihat, der ein wenig außenstehend ist und uns trotzdem gut kennt. Das war von Anfang an der Peter.
Was hat es mit dem „Nordlicht“ und der „Morgenröte“ auf sich?
Tobias: Unsere Mutter kommt aus Schweden, Schwedisch ist unsere Muttersprache. Da geht es um den Sehnsuchtsort, vor allem für den Norden. Es ist so lange dunkel, dann kommt das Nordlicht und erhellt alles.
Das Album soll „menscheln“ ist im Pressetext zu lesen. Wir leben in einer Zeit, in der durch Krieg und technologische Entwicklung Menschlichkeit immer mehr auf der Strecke zu bleiben scheint. Wie stellt man Menschlichkeit musikalisch her?
Tobias: Zunächst einmal durch die Themen. Alle Facetten des Menschseins – Höhen und Tiefen – werden auf dem Album verhandelt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk. Gleichzeitig ist aber auch viel mehr von uns als Menschen darin. Was macht den Menschen aus? Gerade in Zeiten, in denen Dinge, die uns früher selbstverständlich waren – wie eine gewisse Fortgehkultur oder das eigene Texte-Schreiben – plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind. Umso wichtiger ist es, menschlich zu sein.
Daniel: Wenn man sich alte Stones-Platten anhört, ist da nichts perfekt. Keith Richards spielt nicht immer „on point“ – aber genau das ist das Besondere. Ein bisschen war bei uns auch der Gedanke, nicht alles tipptopp aufzuräumen, sondern etwas drin zu lassen, das schreit, das Aufmerksamkeit braucht. Viel Musik, die frisch herauskommt, ist generisch; sie plätschert. Genau das wollten wir nicht sein.
Was uns zur KI-Band „Velvet Sundown“ bringt.
Daniel: Ein gutes Beispiel. Das hört sich erst mal gut an, ist aber platt. Beim Kochen kann ich mir das vielleicht anhören, aufmerksam aber nicht. Auch Aha ist ein gutes Beispiel: „Take on me“ ist schon ein Hit, ja, aber der schreit auch.
Die Masken auf dem Cover habt ihr gezielt eingesetzt, nehme ich an?
Tobias: Das ist das einfachste Sinnbild. Hinter einer Maske versteckt man sich. Gleichzeitig sind es die Augen, in denen man sich trotzdem wiederfinden kann.
Wie kann man sich die Arbeit am Album vorstellen? War das ein einfacher oder komplizierter Vorgang?
Tobias: Das war ein relativ langer Prozess. Wir haben schon 2022 angefangen.
Daniel: Mich persönlich hat der Ausbruch des Krieges ziemlich mitgenommen. Es war ein langes Finden. Gefühlt haben wir wieder bei null angefangen.

Tobias: Der ganze Prozess war ein sehr intensiver.
Daniel: Es gibt nichts Schöneres als mit unterschiedlichen Künstler:innen zu arbeiten. Wir haben das Privileg, das machen zu können. Das Witzige ist, dass dieser Prozess zum Großteil hier stattgefunden hat.
Tobias: Wir sind hier eingezogen und haben angefangen. Jetzt ist der Prozess zu Ende, das Album erscheint und Ende des Jahres müssen wir raus aus diesen Räumlichkeiten. Das heißt, es ist ein Lebensabschnitt, der mit Release und Auszug sein Ende findet.
Daniel: Sonst verläuft Zeit ja immer sehr unbemerkt. Plötzlich sind es zwei, dann vier Jahre. Wenn Abschnitte eine klare Zäsur haben wie hier und jetzt, dann ist das schon spannend.
Wo geht ihr hin?
Tobias: Wir haben noch keine Ahnung, das wird sich hoffentlich weisen.
„I believe in you“ besingt ihr die Angst.
Daniel: Ja, aber nicht hur negativ. Wenn das Menschlichsein etwas definiert, dann, dass man immer weitermacht, aneinander glaubt und sich gegenseitig unterstützt. Wir sind so aufgewachsen, dass wir miteinander reden und reflektieren.
„Let´s stay in bed“ verhandelt Depressionen. Robert Rotifer hat neulich gemeint, dass es früher einmal einfacher war, Nick Drake zu sein, im Bett zu bleiben und dort sein bestes Album zu schreiben. Wie lebt ihr zwischen notwendiger Abschottung für den kreativen Prozess und dauernder Verfügbarkeit im Social Media-Zeitalter?
Daniel: Ich beschäftige mich sehr intensiv mit diesem Thema und verspüre eine wachsende Unlust auf permanente Präsenz. Vielleicht ist das aber auch nur mein Empfinden.
Tobias: Auch ich habe eine gewisse Aversion gegen soziale Medien entwickelt. Dieses ständige Präsentieren und Hochladen von Ramsch hat ja eigentlich nichts mit dem zu tun, was wir gemeinhin unter „sozial“ verstehen. Beim Unterrichten beobachte ich, dass die Leute früher geselliger waren – sie haben sich nach den Vorlesungen getroffen und mehr miteinander kommuniziert. An dieser Entwicklung, denke ich, haben soziale Medien einen großen Anteil. Als Privatperson bin ich gar nicht darauf aktiv. Für das Kunstwerk ist es aber wichtig. Da muss man sich dann der Tools bedienen, denen man eigentlich kritisch gegenübersteht.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
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