Die Linzer von SERGEANT STEEL sind in den 80ern hängengeblieben – und das seit mittlerweile 10 Jahren. PHIL VANDERKILL, JACK POWER, CHUCK BOOM, BEN BATEMAN, RONNY ROXX und CØSY CØXX – so die mutmaßlichen bürgerlichen Namen der ganzen Mannschaft – liefern Hard Rock der klassischen Sorte inklusive quietschender Gitarrensoli, Texte voller Klischees und gekonnt komponierter Gute-Laune-Hymnen en masse.
Im Jahre 2007 hervorgegangen aus der Heavy Metal-Band Blood Stained – passenderweise in der Stahlstadt Linz – verstehen sich Sergeant Steel seitdem als Aushängeschild der heimischen Hard Rock-Szene, oder um den Slogan der Band zu zitieren „Austria’s Hard Rock Band Nr.1“. Klotzen statt Kleckern lautet also das Credo der Band und dieses findet sich an allen Ecken und Enden im Sound und Text der Band wieder. Auch Jack Power, der Hauptsongwriter der Band, verkörpert diese Einstellung: „Generell finde ich die Bezeichnung mit Nr.1 sehr treffend – hab mich umgesehen – wir sind die Geilsten hier!“ Unabhängig dieser Attitüde stellt sich die Frage, warum Musiker im 21. Jahrhundert in Österreich den amerikanischen Hard Rock der 1980er Jahre mit so viel Herzblut zelebrieren. Der Gitarrist und Mastermind der Band meint dazu: „Wir haben alle einen unterschiedlichen musikalischen Background: Ragtime, New Orleans Jazz, Weltmusik, Walgesang – einen tut uns aber die Liebe zu Stromgitarre, schicken Melodien und tanzbaren Grooves. Das alles gibt’s beim 80er Hard Rock.“ Dass diese Mischung sogar erfolgreich funktioniert, unterstreicht umso mehr das Können und den Enthusiasmus der Musiker. Nach dem Debütalbum „Lovers and Maniacs“ aus dem Jahr 2009, welches stellenweise noch mehr Metal-Anleihen in Anlehnung an die Vorgängerband hatte, folgten im Jahre 2013 „Men on a Mission“ und 2015 „Riders of the Worm“, mit denen die Band endgültig zu ihrem eigenen, kompromisslosen Hard Rock und Hair-Metal Sound fand. Die Qualität dieser Alben machte nicht nur vermehrt Fans der alten Schule auf Sergeant Steel aufmerksam, sondern mündete auch in hochkarätigen Zusammenarbeiten.
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Zusammenarbeit mit Michael Wagener und Beau Hill
Nachdem bereits das Erstlingswerk der Band von niemand geringerem als Beau Hilll, dem legendären LA-Produzenten von Bands wie Alice Cooper oder Europe, an den Soundreglern veredelt wurde, verschlug es Sergeant Steel für ihre nächsten beiden Alben endgültig zum Ursprung aller harten Gitarrenmusik und allen Übels nach Amerika. In Nashville, nach wie vor eine der Musikmetropolen der USA, trafen die Oberösterreich auf Michael Wagener, der nach Bands wie Metallica oder Ozzy Osbourne nun auch bei ihnen das Mixing und Mastering übernimmt. Wie es genau zu dieser Zusammenarbeit gekommen ist, wird von Jack Power folgendermaßen erklärt: „Es ist kaum vermeidbar, dass Legenden auf Legenden treffen. Michael war vor allem von der liebreizenden Aura Phils (Sänger der Band, Anm.) angetan, aber auch von meinem Modestil und meinen Boots. Die Musik hat ihm natürlich auch zugesagt.“ Die Kooperation hat nicht nur zu besseren Soundqualitäten und neuen Fans geführt: „Arbeiten tut er natürlich auch hervorragend. Echt erstaunlich, dass er in seinem Alter noch so topfit mit seinen Knöpfen hantiert. Mit Michael verbindet uns mittlerweile auch eine sehr schöne Freundschaft!“ Das alles ist hörbar in den wirklich gekonnt arrangierten und sehr eingängigen Songs des letzten Albums „Riders on the Worm” (Boyztime Records). Songs wie „Silver Spoon“ oder „Happy Time (Love on Demand)“ bestechen mit Hooklines mit Wiedererkennungswert und vorzüglicher instrumentaler Arbeit. Die Gitarristen dürften wohl Zeit ihres Lebens einige Stunden täglich im stillen Kämmerchen verbracht haben, um sich diese Solos aus dem Handgelenk schütteln zu können.
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Love, Girls, Hearts und Rock
Führt man sich die drei Alben von Sergeant Steel zu Gemüte, fällt bei ein gewisses Themen-Übergewicht auf: eine kurze Recherche hat ergeben, auf insgesamt 34 Songs verteilt gibt es sechs, die das Wort „Love“ beinhalten oder auch sechs weitere die Alternativen von „Girls“ anbieten. Zu den Favoriten gehören zweifelsohne Titel wie „Hammer Of Love“, „Gods of Love“, „Mama Horny“, „Hot Widow“ oder „Only Good Girls (Love A Rock ‚n’ Roll Boy)“. Bärtige Männer als Frauenversteher oder werden hier womöglich nicht zeitgemäße Frauenbilder transportiert? Darauf angesprochen meint Jack Power: „Ich bin da ganz bei Helge Schneider: Sie riechen gut und ihre kleinen Hände passen perfekt in die Ecken zum Putzen. Nein, aber jetzt mal im Ernst: Wir sind absolute Feministen. Unsere Frauen können das bezeugen, die tragen wir auf Händen! Unsere Texte behandeln sehr kritische Themen, wie das Frauenbild im I Ging, dem Buch der Wandlungen, und den Genderbegriff unter Mao Tse Tung. Wer das nicht herauslesen kann, der versteht unsere Musik einfach nicht.“ Zum überschwänglichen Pathos und der Suche nach Liebe gehört eben immer auch eine gehörige Prise Ironie – womöglich insbesondere, wenn man kein Glück in der Liebe hat.
Unabhängig der Thematiken der Songs versprühen die Songs von Sergeant Steel permanent Lebenslaune. Wenn man sich alsbald dabei ertappt die Refrains ihrer Gute-Laune-Chöre mitzusingen, fühlt man sich selbst auf der Mariahilferstraße so, als würde man am Sunset Boulevard in Los Angeles dahinspazieren und eine der Sonnenstunden des Lebens erwischt haben. Insbesondere für Fans von Rock und Metal der alten Schule und LiebhaberInnen organischer Produktionen, bei den man noch wirklich die Musiker am Werk hört und spürt, sind Sergeant Steel als eine Perle der österreichischen Musikszene mit Alleinstellungsmerkmal eine uneingeschränkte Empfehlung.
Sebastian J. Götzendorfer
Sergeant Steel – live:
10.11.17 – Bambi Galore, Hamburg (GER)
