“Wir predigen nur die Wahrheit” – GEBENEDEIT im mica-Interview

“Missgeburt. Macht eine Messe” heißt das Album der Wiener Kirchenkapelle GEBENEDEIT, das zu Allerheiligen auf PROBLEMBÄR RECORDS erschien. Als mit der Wahrheit Gesalbte sprengen LYDIA HAIDER, JOSUA OBERLERCHNER und JOHANNES OBERHUBER allen Ungläubigen den Schmalz aus den Ohrwascheln, kippen Messwein nach und verstopfen den Schaß mit zwölf Semestern im Priesterseminar – bevor man durch paradigmatische Titel wie »Die Viren sollen krepieren« im liturgischen Kreuzfeuer aufgeht. Wieso die Menschen keine Erlösung suchen, die Erleuchtung ein Blackout und der Stephansdom für immer entweiht ist, haben die drei Gebenedeiten im Gespräch mit Benjamin Stolz und Christoph Benkeser erklärt.

Den Ausdruck „gebenedeit” kennt man aus dem „Ave Maria” und verbindet man mit kirchlichem Zeugs. Wie passt ihr da rein?

Lydia Haider: Ich war katholisch. Da weiß man das eh.

Josua Oberlerchner: Ich komme aus dem protestantischen Eck. Mein Vater war Pfarrer und ist jetzt im Ruhestand. Im Protestantischen ist das differenzierter, ohne Rituale. Da wird man subtil Gehirn gewaschen, dafür effektiver und nachhaltiger.

Johannes Oberhuber: Ich decke dafür den freikirchlichen Bereich ab, der ähnlich ist wie der protestantische und sehr auf die persönliche Beziehung zu Gott abzielt.

Wann kam die Abkapselung? Mit dem ersten Mal Punk?  

Josua Oberlerchner: Eher Black Metal.

Black Metal hat auch etwas Religiöses.   

Josua Oberlerchner: Ja, aber es deckt die komplette Gegenseite ab. Das ist pubertäres Aufbegehren. Natürlich sucht man sich da das Extremste raus. Das ist halt norwegischer Black Metal mit Kirchen anzünden und so. Schirche Covers, verkehrte Kreuze und überall die 666. Da war sie irgendwie aufgelegt, die Rebellion.

Lydia Haider: So einfach ist es zu rebellieren.

Johannes Oberhuber: Früher war das einfach.

Mittlerweile schert das niemanden mehr. 

Lydia Haider: Naja, wenn man eine Kirche anzündet schon. Generell, wenn man etwas anzündet.

Josua Oberlerchner: Der Stephansdom ist so schwer zum Anzünden. Der ist aus Stein.

Lydia Haider: Aber darum geht es uns ja gar nicht. Wir wollen weder etwas anzünden noch irgendwas gegen etwas machen. Wir sind die Überhöhung des Ganzen. Wir sind das Christliche.

Also die totale Überaffirmation.

Lydia Haider: Von außen kann man das so beschreiben, aber innen ist es anders.

Wie ist es innen?  

Lydia Haider: Innen ist es die Wahrheit, dieses im Volk, im Christlichen sein. Zu diesem Ausbreiten auf alle anderen, die den Funken noch nicht haben oder spüren – dazu könnte man vielleicht ‘anzünden’ sagen. Natürlich wollen nicht alle die Erlösung. Aber die sind selber Schuld.

Wieso wollen manche Leute keine Erlösung?  

Lydia Haider: Warum wollen die Leute nicht dorthin abbiegen, wo’s richtig wäre, warum biegt die Menschheit immer wieder falsch ab? Vielleicht braucht das der Mensch, weil es sonst zu leicht wäre. Man geht lieber den steinigen Pfad. 

Zum Beispiel in einer Messe. Die ist nicht nur religiöser Ritus, sondern auch ein musikalisches Kunstwerk. Wie mächtig sind Form und Inhalt, speziell in eurer Musik? 

Josua Oberlerchner: Ich finde Form extrem wichtig. Wir haben das ganze Album live aufgenommen – mit Orgel und Schlagzeug. Den Aufbau und das Rituelle kann man nur live mitbekommen.

Lydia Haider: Dass man Inhalt und Form trennt, stört mich generell. Das ist etwas typisch Männliches, etwas typisch aus der Geschichte so Übernommenes. Wir vereinen beides. Ich arbeite daran, dass man die Trennung von Inhalt und Form überhaupt nicht mehr denkt.

Johannes Oberhuber: Ich glaube auch nicht, dass man das trennen kann. Bei einem Kirchengebäude geht das eine ohne das andere nicht. Die Sachen gehören zusammen und sind nur so zu verstehen.

Lydia Haider: Kein Gebäude ohne Messe und keine Messe ohne Gebäude.

Johannes Oberhuber: Die Form muss eine Autorität vermitteln und die inhaltliche Ebene genauso. Dort, wo die Form filigraner wird, kommt der Inhalt stärker durch. Das changiert hin und her und ist in Summe eine sehr mächtige Erscheinung.

Was changiert bei euch?  

Lydia Haider: Da changiert gar nichts, bei uns ist alles eins. Man muss das viel mehr mit Emotionen angehen und nicht mit Verstand, muss das Ganze in der Emotion verstehen und sich darin weiden und baden, als würde man ein gerade geschlachtetes Schaf aufmachen und sich hineinlegen. Es geht gar nicht mehr darum, was wichtiger ist – das Schaf oder ich –, weil da ist man eins.

Josua Oberlerchner: Gebenedeit ist sehr inklusiv und offen für alle, nicht exklusiv wie die Kirche. Jede*r kann kommen.

Bei österreichischen Künstler*innen, die sich in Form mit Inhalt von kirchlichen Inhalten auseinandersetzen, ist uns das „Halbe Doppelalbum” von Werner Pirchner eingefallen. 

Lydia Haider: Werner wie?

Werner Pirchner, ein Tiroler. 

Lydia Haider: Bei uns gibt es nur eine einzige Inspirationsquelle: wir selbst.

Inspiration ist ja eine überbewertete Eigenschaft.  

Lydia Haider: Dieses Musen-Ding, mit dem haben wir überhaupt nichts am Hut.

Josua Oberlerchner: Wir kommen aus unterschiedlichen Musikrichtungen, sind alle unterschiedlich sozialisiert worden.

Ihr kennt euch aber schon ewig und seid miteinander verwandt.  

Lydia Haider: Wir sind eine Familienband, deswegen schauen wir auch so ähnlich aus.

Johannes Oberhuber: Alle haben blonde, lange Haare.

Wie haben sich die Gebenedeiten zur Familienkapelle zusammengefunden?  

Lydia Haider: Wir lagen 2017 betrunken unter dem Christbaum und da ist gebenedeit entstanden. Danke Weihnachten!

Wie verbringt ihr Weihnachten?  

Josua Oberlerchner: Betrunken unterm Christbaum.

Johannes Oberhuber: Mein Christbaum ist ein Avocadobaum.

Lydia Haider: Wir haben einen Christbaum aus Besenstielen. Sterben wird wegen uns sicher nichts.

Apropos Sterben: Roland Barthes hat den Autor schon vor 50 Jahren für tot erklärt. Trotzdem tun sich österreichische Journalist_innen und Literaturkritiker_innen extrem schwer, die Person Lydia Haider und die Erzählerin in den Texten zu trennen. Könnt ihr euch das erklären?  

Lydia Haider: Der Autor ist gestorben. Die Autorin ist noch lange nicht tot. Der Autorin traut man diese Trennung nur nicht zu, weil: Die Autorin ist immer zu deppert. Die hat ja gar keinen Verstand. Die schwimmt in der Emotion rum. Würde ich meine eigenen Sachen analysieren, dann wäre ich wahrscheinlich morgen in Steinhof. Deshalb verwehre ich mich, meine eigenen Sachen zu interpretieren. Muss ich auch nicht. Es gibt ja andere, die das machen.

Philipp Tingler, ein Juror bei den Tagen der Deutschen Literatur 2020, hat das nach deinem Text genau nicht gemacht und dich gebeten, ihm den Text zu erklären. War das eine Watsche für dich? 

Lydia Haider: Die Watsche hat er sich selber verpasst. Wo ist denn ein Kritiker noch ein Kritiker, wenn er die Literatin fragen muss, worum es geht. Die bekommen die Texte schon Monate im Voraus. So innovativ war der Text nicht, dass man keine Intentionen herauslesen hätte können.

“Die Erleuchtung ist eigentlich ein Blackout.”

Ja, du eignest dir in deinen Texten mit einer ähnlichen Herangehensweise die Sprache der Faschisten an und unterwanderst sie damit. Was verlangt dir dieses Annehmen der Sprache ab?

Lydia Haider: Das kann man nicht beschreiben. Das ist wie eine Wolke am Himmel, wo ein Strahl aufgeht und dann scheint der Strahl auf irgendeine Sprache oder Sprachart und man muss dann genau das nehmen. Oder der Strahl scheint auf den Nazi-Nachbarn. Dann muss man natürlich das, was er gesagt hat, verwenden. Es ist eigentlich sehr trivial und einfach. Das fühlt sich erleuchtet an.

Wie fühlt sich die Erleuchtung an?  

Lydia Haider: Schwer zu sagen, weil meistens bin ich betrunken und weiß es am nächsten Tag nicht mehr.

Josua Oberlerchner: Die Erleuchtung ist eigentlich ein Blackout.

Das heißt, der Wein führt doch in die Wahrheit, in die Erleuchtung?  

Lydia Haider: Nein, es ist eher „die Ausweitung der Dunkelphasen”, wie es Schlingensief sagte. Aber man soll es nicht dabei belassen, sondern auch helle Phasen haben.

Wie schauen die hellen Phasen aus? Sind das die nüchternen Phasen?  

Lydia Haider: In den hellen Phasen proben wir. Das würde ich gar nicht als ‘nüchtern’ bezeichnen, also man kann man nicht trennen in nüchtern und nicht nüchtern, Arbeit und nicht Arbeit, erleuchtet und nicht erleuchtet.

Ich meinte eher ‘nüchtern’ im Sinn von ‘weg vom Affekt’, von der Emotion.  

Lydia Haider: Vom Verstand weg ist schwierig, wenn es um religiöse Bereiche gibt. Da gibt es den Verstand ja überhaupt nicht, sonst wäre es keine Religion.

Und man landet in der Häresie.  

Lydia Haider: In der wo? In der Serengeti?

In der Häresie. Haben bei euch nicht schon ein paar kirchliche Institutionen angeklopft zwecks Messbegleitung?  

Johannes Oberhuber: Eigentlich warten wir auf die Anfrage von Stephansdom.

Lydia Haider: Nachdem der Philipp Hochmair dort war, ist er entweiht und entwürdigt für die nächsten 150.000 Jahre. So kann man nichts mehr machen dort.

Was war mit Philipp Hochmair?  

Lydia Haider: Der ist im Stephansdom aufgetreten.

Josua Oberlerchner: Mit der Elektrohand Gottes.

Lydia Haider: Wenn man eine Kanalratte dorthin einlädt, dann kann man dann auch gebenedeit dorthin einladen.

Bild gebenedeit
gebenedeit (c) Julien Segarra

Lasst uns von der Kirche zum Hass übergehen. Dieses Jahr hast du das Buch „Und wie wir hassen!” herausgebracht. Im Band findet man verschiedene Textsorten von verschiedenen Autorinnen – lustige, traurige, nachdenkliche, wütende Texte. Wie bist du auf die Idee gekommen, „Hass als Medium” fungieren zu lassen, wie du es einmal selbst erklärt hast?  

Lydia Haider: „Hass als Medium”, das verstehe ich erstens nicht und zweitens finde ich das falsch formuliert. Der Hass ist in diesem Buch überhaupt kein Medium, sondern ein Abbild oder eine Spiegelung für eine Zeit vor Corona. Das Medium wären eher die Autorinnen, die mitgeschrieben haben. Frauen sind die kunstvoll Hassenden, weil sie die typischen Emotionalen sind. Die Frauen können ja gar nichts anderes als emotional sein.

Johannes Oberhuber: Aber meintest du nicht auch, dass du den Hass nicht an politische Lager verlieren willst und das eine Form der Rückaneignung ist?

Lydia Haider: Doch, aber es ist trotzdem nichts Affirmatives und Reproduktives, sondern schon eine ganz eigene Art, mit dem Hass umzugehen.

Du sagst, es geht um Hass vor Corona. Der Hass hat sich doch seitdem nicht in Luft aufgelöst.   

Lydia Haider: Ja, man müsste sich fragen, wo er hingegangen ist, der Hass. Vielleicht hat er sich irgendwo unter die Decke verkrochen. In Verschwörungstheorien …

Josua Oberlerchner: Jetzt werden wir emotional mit Verschwörungstheorien. Die sind auch so religiös und nur auf einer emotionalen Ebene.

Wie würde eure perfekte Verschwörungstheorie ausschauen?  

Johannes Oberhuber: Keine Ahnung, wir predigen nur die Wahrheit.

Lydia Haider: Dieser verdammte Wahrheitsbegriff. Wenn er nicht so schön wäre. Man sollte ihn meiden. Wir haben die Wahrheit, die allerletzte Wahrheit. Jeder, der sie nicht versteht, ist außerhalb der Wahrheit und wird niemals in der Wahrheit sein. Wir hätten euch gerne glücklich und verstandesbereit in der Wahrheit. Wenn man sich gleich von vornherein abgrenzt und sagt, jeder hat die Wahrheit, dann ist man natürlich am falschen Dampfer.

Dann ist die Wahrheit also gar nicht inklusiv.  

Lydia Haider: Die endgültige Wahrheit ist immer inklusiv für alle, die sie haben wollen.

In Interviews fragt man dich gerne, wovor du Respekt hast. Respekt kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie Zurückblicken. Ziemlich konservativ … Sollte man da nicht auch mal drauf scheißen?  

Lydia Haider: Wir sind die oberste Instanz von Respekt. Wir propagieren ja den Respekt und wollen den Respekt überstülpen über alle respektlosen Menschen. Es ist die Kategorie zusätzlich zur Wahrheit. Man muss ihn weder irgendwem nehmen noch geben, weil die kriegen den ja eh mit über den Respekt, der von uns gegeben ist. Sanft und nicht übergriffig.

Als Trio könntet ihr auch in anderen Wissensbereichen sanfte Aufklärungsarbeit leisten. Josua, du bist Chemiker und du, Johannes, Hobby-Imker.  

Johannes Oberhuber: Wir sind beide Hobby-Imker und bündeln das. Ich komme aus dem Sozialbereich. Das ist immer gut für den Austausch.

Der Bienenstock gilt seit der Antike als Vorbild einer Gesellschaft. Was kann man denn von Bienen fürs Leben lernen?  

Johannes Oberhuber: Das Matriarchat kann man von den Bienen lernen.

Josua Oberlerchner: Die perfekte Demokratie auch. Ein Bienenstock ist perfekt demokratisch organisiert.

Johannes Oberhuber: Man wird nie ganz aufdecken, wie es funktioniert, aber es funktioniert.

Und du, Lydia, hast in deiner Dissertation das Verhältnis zwischen Rhythmus und Inhalt untersucht. Auch in deinen (Song-)Texten spielt Rhythmus eine große Rolle. Was kann kann man mit Rhythmus in einem Text anstellen?  

Lydia Haider: Der Rhythmus ist die kleinste sinnstiftende Instanz in der Sprache. Ich habe in den Texten von Thomas Bernhard und Ernst Jandl untersucht, wie im Text evozierte Mündlichkeit durch den Rhythmus gebrochen wird. Wenn man einen Rhythmus einsetzt, hört man das beim Lesen. Eine Betonung auf der Eins habe ich ‘trochäisches Pattern’ genannt. Der ‘Trochäus’ kommt aus der Literaturwissenschaft und das ‘Pattern’ aus der Musik. Wenn der Inhalt, zum Beispiel irgendwas Erzählendes, dem Rhythmus entgegensteht, nenne ich das den „subversiven Rhythmus”.

Subversiv wie: Im Weidinger sitzen und Hardcore-Metal während des Schreibens hören. 

Lydia Haider: Meine innere Stimme soll dadurch abgeschaltet werden. Würde man in den grauslichen Freudianischen Kategorien denken, könnte man es mit einem „Es” beschreiben. Schreiben ist eine Vertrauenssache in dieses „Es”, weil: Es schreibt immer das Volk.

Bist du dann manchmal überrascht, was du geschrieben hast?  

Lydia Haider: Ja, manchmal sogar so überrascht, dass ich es mehrere Tage oder Wochen gar nicht lesen will – als hätte man einen mehrwöchigen Kater. Das kann sehr spannend sein.

Gesegneten Dank für diese Messe!

Benjamin Stolz, Christoph Benkeser

 

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