„Wir leiden darunter, dass wir zwischen Kunst und Wirtschaft hängen.” – GEORG TOMANDL im mica-Interview

GEORG TOMANDL ist Geschäftsführer von Sunshine Mastering, Vize-Obmann im Fachverband der Film-und Musikwirtschaft und Obmann des Österreichischen Musikfonds. Unmittelbar nach der Konferenz der österreichischen Musikwirtschaft sprach er mit dem mica über das neue Selbstbewusstsein der Branche und die Herausforderungen, der sich die heimische Musikwirtschaft derzeit gegenübersieht, von Streaming bis KI.

„Österreichs Musikwirtschaft habe ein neues Selbstbewusstsein” war in der Vorberichterstattung zur Bzzz – Konferenz der österreichischen Musikwirtschaft zu lesen. Diese Headlines zur Ankündigung der Konferenz haben mich wohlig erschauern lassen, denn das hat man in den letzten Jahren und Jahrzehnten so nicht oft gehört. Verantwortlich für das neue Selbstbewusstsein ist vor allem eine Studie zur „Wertschöpfung der Musikwirtschaft in Österreich 2024“, die zeigt, dass die heimische Musikwirtschaft bisher völlig unterschätzt wurde. Sie ist bei der Wertschöpfung mit 7,5 Milliarden Euro die drittstärkste Branche des Landes und erwirtschaftet stolze 2,8 Prozent des BIP. Ihr verhältnismäßig kleiner Kern von 7.000 kreativen Musikproduzenten und Musikschaffenden sichert insgesamt 117.000 Arbeitsplätze und sorgt für eine Bruttowertschöpfung von 7,5 Milliarden Euro pro Jahr. Jeder Musikschaffende generiert 16 weitere Jobs. Das bedeutet, dass mehr Investitionen in den Musikbereich die gesamte österreichische Wirtschaft nachhaltig stärken würden. Ein Euro, den ich in die Musikwirtschaft investiere, generiert 57 Cent in musikfernen Branchen. Das sind Zahlen und Fakten, die man nicht oft genug wiederholen kann, oder?

Georg Tomandl: Ja. Aber in der Musik ist es halt nicht so leicht ersichtlich wie etwa in der metallverarbeitenden Industrie, wo man die Effekte, die Investitionen auslösen, leichter verfolgen kann. Musik ist sehr verflochten, sie ist überall, und es ist nicht so leicht, sie systemisch zu analysieren. Das haben wir aber im Zuge unserer Studie mit der Methode der Satellitenkonten gemacht. Wir haben uns genau angeschaut, wo Musik ist und wo sie mit österreichischer Wertschöpfung zusammenhängt – und zwar Wertschöpfung, die aus direkten Effekten resultiert, etwa wenn jemand wie ich ein Tonstudio betreibt, aber auch Wertschöpfung durch indirekte Effekte, die dann erzielt werden, wenn z.B. jemand sich vor oder nach einem Konzert von Andreas Gabalier eine Schinkensemmel in einem Supermarkt kauft. Auch das ist von Musik ausgelöste Wertschöpfung. Der Bogen ist also weit gespannt. Nicht enthalten sind aber Lizenzen, die ein Stream erzeugt, von dem die Gebühren ins Ausland gehen, weil keine österreichische Urheberschaft vorliegt. Wo die Wertschöpfung abfließt, wurde auch nichts erfasst. Wenn man sich die Mühe macht und sich das alles genau anschaut, findet man überall Musik und es ist unglaublich, wie hoch die Wertschöpfung ist, wenn man alles zusammenrechnet.

Ist das neue Selbstbewusstsein jetzt etwas, das nur auf dem Papier existiert oder ist sie für einen Kenner der Szene wie dich auch spürbar? Immerhin sollten Zahlen wie diese doch die Verhandlungsposition der gesamten Branche gegenüber der Politik deutlich verbessern, oder?

Georg Tomandl: Das Selbstbewusstsein müssen wir uns selber schaffen. Ich habe das Gefühl, dass das Selbstbewusstsein in der Musikbranche geringer ist als in der Filmbranche, weil der österreichische Film schon länger im internationalen Schaufenster steht und man das auch zu feiern und auszunutzen weiß. Die österreichische Musikbranche ist dagegen sehr kleinteilig strukturiert. Leute arbeiten alleine, manchmal im Keller, manchmal auch nicht im Keller, vor sich hin und haben auch ihre Erfolge, sind aber insgesamt nicht oder zu wenig vernetzt und wissen teilweise gar nicht, wie viel sie in Summe schaffen und wie viel innovative und kreative Kraft sie entwickeln. Das Selbstbewusstsein sollte, falls es noch nicht da ist, genau jetzt kommen, weil jetzt sichtbar geworden ist, was wir alles schaffen.

Ziel der Konferenz war es, die gesamte österreichische Musikbranche weiter zusammenzubringen, die Musikszene nachhaltig zu stärken und die Weichen für die Zukunft der österreichischen Musik zu stellen. Ist das gelungen?

Georg Tomandl: Teilweise. Ich fand das Themen-Setting sehr gut. Es gab sehr interessante Diskussionen. Was uns nicht ausreichend gelang, ist, die gesamte Branche zu versammeln. Meiner Meinung nach lag das am Termin. Anfang September kamen viele erst aus dem Urlaub zurück. Der Rahmen war schön und gut, aber wir haben nicht alle Menschen versammelt, die wir gern versammelt hätten. Deshalb wollen wir nächstes Jahr einen anderen Termin finden. Gelungen ist, einen Schwerpunkt zu setzen und zu sagen: „Seht her, es gibt uns. Das sind die Hauptthemen der Musikwirtschaft. Wir müssen die Musikproduktion stärken, die Sichtbarmachung vorantreiben und medial präsenter werden.” Auch der Ö3-Chef war da, und wir haben das altbekannte Thema der Präsenz österreichischer Musik auf Ö3 und den anderen Sendern des ORF besprochen, und, wie es mit Gleichberechtigung und Diversität aussieht und wie es um die Filmmusik bestellt ist – ein Panel, das ich leiten durfte. Die verschiedensten Aspekte des Musikschaffens und der Musikwirtschaft wurden also beleuchtet bzw. dargestellt. Und natürlich ist auch immer wichtig, dass sich alle neben den Panels treffen und sich unabhängig davon austauschen und einander kennenlernen.

Du hast die Präsenz österreichischer Musik im Radio angesprochen. Dem frisch erwachten Selbstbewusstsein stehen auch beharrende Kräfte gegenüber. In den nationalen Radiostationen würde man weiterhin vorwiegend auf Altbekanntes oder internationale Hits setzen und die positive Strahlkraft österreichischer Musik bislang unterschätzen, meinte AKM-Präsident Peter Vieweger im Vorfeld. Wie siehst du das?

Georg Tomandl: Wir haben vor fünfzehn Jahren die Plattform SOS Musikland gegründet, deren Sprecher ich bin. Wir haben es damals geschafft, in einer freiwilligen Vereinbarung mit dem ORF, die wir dann mit dem jeweiligen Generaldirektor und der Beihilfe der jeweiligen Kultur- und Medienpolitik immer wieder erneuert haben, bei Ö3 von 4,5% auf 18% Anteil österreichischer Musik zu kommen, was nicht schlecht ist. Aber wir sind natürlich immer noch weit von dem entfernt, was wir brauchen…

…oder was FM4 macht.

Georg Tomandl: Genau. Bein FM4 haben wir keine freiwillige Vereinbarung, weil sich die Zusammenarbeit sowohl quantitativ als auch qualitativ sehr gut darstellt. Aber wir haben eine konkrete Abmachung für Ö3, Radio Wien und den gesamten ORF inklusive der Regional-Radios. Da sind wie bei einer Gesamt-Quote von 33%, die auch eingehalten wird. Und bei Ö3 sind wir wie gesagt bei 18% und bei Radio Wien bei 15% stehengeblieben. Da geht es aber um Komposition und Interpret:innen, was etwa um ein Drittel mehr als die reinen Urheber:innen ist.

Um das zusammenzufassen: Da hat sich in den letzten Jahren einiges getan, aber es ist noch Luft nach oben?

Georg Tomandl: Ich finde, dass sich die Musikwirtschaft und die Musikschaffenden sehr gelduldet haben und damit zufrieden waren, lieber jedes Jahr ein halbes oder ein dreiviertel Prozent zu steigern als gar nicht. Und wir akzeptieren natürlich auch, dass ein Sender so programmieren will, wie er das für richtig hält. Aber ein öffentlich-rechtlicher Sender muss sich auch an Rahmenbedingungen halten, die ihm durch das ORF-Gesetz gegeben sind. Das tut der ORF, aber in den letzten drei Jahren wurden die vereinbarten Anteile nicht mehr gesteigert, was uns sehr weh tut, weil wir akzeptiert haben, dass der Anteil österreichischer Musik langsam, aber kontinuierlich gesteigert wird, bis wir zu einem europäischen Mittel kommen.

Natürlich ist es schwer, dieses Mittel zu bemessen, weil in jedem Land sehr unterschiedliche Voraussetzungen gegeben sind. Aber egal wie man das berechnet: Wir sind noch einen großen Schritt vom europäischen Mittel entfernt, was die Präsenz heimischen Musikschaffens im Radio anbelangt. Ich verlange daher eine weitere Steigerung!

„Wenn wir ein starker, angesehener Musikstandort und eine ‘Kulturnation’ sein wollen, müssen wir neben der klassischen Musik mit Mozart, Haydn, Bruckner oder Strauss auch in zeitgenössischen Genres selbstbewusster sein, uns mehr zutrauen und aus Österreich herausgehen”, meinte Musikmanager Hannes Tschürtz. Die Struktur dahinter werde insgesamt noch zu wenig unterstützt wird und Künstlerinnen und Künstler blieben sich meist selbst überlassen, so Tschürtz. Was die Förderschiene anbelangt, haben wir in Österreich derzeit den SKE, den Musikfonds, dessen Obmann du bist, und wir haben den Musikexport und Waves Vienna. Was braucht es darüber hinaus?

Georg Tomandl: Was ganz klar ist und auch bei dieser Konferenz wieder herausgekommen ist: Wir sind strukturell zu schwach aufgestellt. Wir brauchen Labels und Verlage mit einer gewissen Schlagkraft, damit sie sich auf dem Streaming-Markt durchsetzen können, der noch kompetitiver ist als es der Tonträgermarkt war. Oder an einem Beispiel festgemacht:  An der CD-Wand beim Libro hatte man als Österreich:in vielleicht noch einen kleinen Vorteil, bei den großen Streaming-Plattformen hast du keinen Vorteil, und es ist in einem kleinen Land wie diesem schwieriger, Strukturen aufzubauen. Dafür haben wir im Musikfonds die Verwertungs- und Vermarktungsförderung geschaffen. Das ist zwar keine Strukturförderung, aber eine Projektförderung, die den Strukturen entgegenkommt, weil Leistungen, die Strukturen anbieten, gefördert werden. Ich finde, wir haben die richtige Mühle aufgestellt, aber es rinnt zu wenig Wasser drüber. Wir haben die Zielsetzung, dass die Förderung zeitgenössischer Musik in Österreich ca. 5 Mio. Euro brauchen würde. Und da sind wir gerade mal bei der Hälfte angelangt, was bei den Förderwerbern für eine gewisse Frustration sorgt.

Da haben wir zu wenig Geld und deshalb zwei Vorschläge: Erstens eine “Investment-Obligation”, d.h. eine pauschale Streaming-Abgabe, wie es sie in anderen Ländern schon gibt. Da haben wir Gespräche geführt, und es gab auch schon Vorschläge für eine gesetzliche Umsetzung in dieser Legislaturperiode, aber es ist dann letztlich aufgrund der Terminknappheit gescheitert. Hier bräuchte es eine zweckgebundene Abgabe in den österreichischen Musikfonds, um dort den erfolgreichen neuen Programmen mehr Kraft zu verleihen. Das Zweite, worüber wir mit dem Wirtschaftsministerium Gespräche geführt haben, ist: Die Studie hat ja gezeigt, was die Musik für einen wichtigen Faktor darstellt, dass Investitionen daher kein Geschenk an die Branche sind, sondern sich wirklich auszahlen.

Das FISAplus-Filmförderungsprogramm, das seitens des Fachverbandes vor zwei Jahren angestoßen wurde, war ein großer Erfolg. Wir haben in der Evaluierung gesehen, wie die Filmbranche dadurch stärker wurde, während andere Branchen eine Talfahrt hinlegten. Das macht Sinn! Als Musikland Österreich sollte man sich dessen bewusst sein, dass man kreative Kräfte stärken muss.

Braucht es eine gemeinsame minsterienübergreifende Kulturstrategie?

Georg Tomandl: Ja, natürlich. Das wäre großartig. Ich glaube auch, dass Musikförderung viel weiter greifen muss. Dass man in der Kindheit schon beginnen müsste. Es ist zwar schön, wenn wir Förderprogramme für Strukturen auflegen, die sich schon geschaffen haben. Aber in Wirklichkeit geht es darum, Musik in die Köpfe der Menschen zu bringen – und das in einem Land, das eine große musikalische Tradition hat. Der Zugang zur Musik sollte einfach erleichtert werden, in der Freizeit, in der Schule, überall. Den Samen, den man da säht, kann man später ernten. Ich sehe das weiter als nur Förderprogramme für bereits professionalisierte Künstler:innen aufzulegen. Und das Zweite ist: Wir leiden darunter, dass wir zwischen Kunst und Wirtschaft hängen. Im besten Fall werden wir von beiden Seiten gesehen, im schlechtesten Fall sitzen wir zwischen zwei Stühlen. In Österreich werden wir von der Kunst sehr wohl gesehen. Was uns abgeht, ist die Unterstützung der Wirtschaft, d.h. des Wirtschaftsministeriums.

Welche weiteren Forderungen bzw. Wünsche hast du an die kommende Regierung?

Georg Tomandl: Wir haben gerade heute im Fachverband einen Forderungskatalog formuliert. Wir wollen eine Investitionsverpflichtung für Film und Musik, eine Erhöhung des Anteils österreichischer Musik beim ORF, die Einführung einer gesetzlichen Regelung für Transparenz, Rechtssicherheit und Abgeltung urheberrechtlicher Werke im Rahmen der Nutzung von KI, Gleichberechtigung und Diversität. Und wir wollen eine eigene Zuständigkeit für die Musikwirtschaft auf Regierungsebene, d.h. dass eine verantwortliche Stelle für Musikwirtschaft im Wirtschaftsministerium geschaffen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger