Mel*E haben vor zwei Jahren als Band zusammengefunden und erweitern auf Ihrem Debüt „Proud“ durch einen intensiven musikalischen Dialog die Grenzen des Jazz in Richtung Club-Musik und Indie-Rock. JUDITH SCHWARZ (Extended Drumset), VIOLA HAMMER (Keyboards, Synthesizer) und JUDITH FERSTL (Kontrabass, Bass Synth) erschaffen in den sechs Stücken des Albums einen spannenden Klangraum in dem akustische und elektronische Elemente zu einer hypnotischen, treibenden Musik verschmelzen. Gleichzeitig steht „Proud“ als wichtiges Manifest für künstlerische Selbstbestimmung, für das bewusste Sichtbarmachen weiblicher Kreativität und ist ein Album, das Haltung zeigt und zugleich zum offenen Hören einlädt. Mehr über Mel*E erzählen JUDITH SCHWARZ und JUDITH FERSTL im folgenden Interview.
Wie habt ihr euch kennengelernt bzw. wie kam es zur Gründung von Mel*E?
Judith Schwarz: Judith Ferstl und ich haben in der Vergangenheit schon in sehr vielen Projekte gemeinsam gespielt. Von dem ersten Projekt, dem Maria Salamon Quartett, hin zur Band Chuffdrone, oder einer längeren gemeinsamen Phase im Orjazztra von Christian Muthspiel. Immer wieder ist uns der Gedanke gekommen, dass wir etwas Neues starten wollen und dabei musikalisch an dem Punkt ansetzen, an dem wir gerade aktuell stehen.
Wie ging es dann weiter?
Judith Schwarz: Auf Ö1 konnte ich einmal ein Duo-Konzert von Viola Hammer, gemeinsam mit dem Schlagzeuger Philipp Kopmajer, hören. Ihr gemeinsames Spiel war extrem toll und hat mir sehr imponiert. Neben ihrem Spiel, war ich auch von ihren Arrangement-Ideen und Kompositionen sehr beeindruckt. Viel später erst, lernte ich Viola endlich persönlich kennen und zwischen uns hat es sofort gefunkt. Da kam die Idee auf, dass es spannend wäre, wenn man uns drei zusammenfügt.
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„WIR VERFOLGTEN ALLE EINEN ANSATZ: NEHMEN WIR UNS FÜR DIESE NEUE BAND ETWAS VOR, DAS WIR BISLANG NOCH NICHT AUSLEBEN KONNTEN ODER AUSPROBIERT HABEN“
Wie waren dann eure ersten Schritte in Richtung musikalische Zusammenarbeit?
Judith Schwarz: Zu Beginn stellten wir uns grundsätzliche Fragen: Wo stehen wir alle drei gerade aktuell musikalisch bzw. was würden wir gerne ausprobieren bzw. was für einen Sound könnten wir uns für die Band vorstellen? Wir verfolgten alle einen Ansatz: Nehmen wir uns für diese neue Band etwas vor, das wir bislang noch nicht ausleben konnten oder ausprobiert haben.
Judith Ferstl: Zu Beginn haben wir recht viel telefoniert um uns auszutauschen und Ideen zu sammeln. Judith und ich leben in Wien, Viola in Graz. Wir haben uns Musik hin und her geschickt, die uns gerade inspiriert, wie z.B. Thom Yorke, Jamie Branch, oder Stromae. Außerdem haben wir uns gerade alle zu dem Zeitpunkt neue zusätzliche Instrumente gekauft, die wir in diesem neuen Kontext probieren wollten – z.B. ein Prophet Synthesizer und einige Effektgeräte. Wir hatten alle Lust darauf, auch mal was Lautes und Tanzbares zu machen.
Wie sind die sechs Kompositionen entstanden, die auf „Proud“ zu hören sind?
Judith Ferstl: Wir schreiben alle Stücke gemeinsam. Jede Musikerin bringt etwas Neues in den Proberaum mit: manchmal nur kleine Skizzen, manchmal größere Teile. Es wird in der gemeinsamen Probenarbeit immer geschaut, was man noch alles daraus machen kann. Es kann sein, dass jemand zu einem bestehenden Stück noch einen neuen Teil dazu komponiert. Oder es ergibt sich etwas beim gemeinsamen Jammen im Proberaum. In jedem Stück von „Proud“ ist immer eine gemeinsame Stimme zu hören. Genremäßig wollen wir uns als Band so wenig wie möglich einschränken. Wir experimentieren viel herum und lassen uns vor allem auch von Klangfarben und Effekt-Ideen inspirieren.
Habt ihr die Tracks dann quasi live aufgenommen oder später noch länger daran herum gefeilt?
Judith Ferstl: Wir nehmen uns im Proberaum viel Zeit um die Stücke schon ziemlich genau auszuarbeiten. Es gibt für jeden Track eine bestimmte Dramaturgie, daneben aber immer Platz für Freiraum. Wir wollen mit „Proud“ anhand von musikalischen Bildern eine Geschichte erzählen, die viel Platz für eigene Interpretationen lässt.
Ja, was sind das für Bilder zum Beispiel?
Judith Schwarz: Bei „Ha!“ war es für mich das Bild einer Protestbewegung. Hier geht es für mich eigentlich thematisch darum: Wie kann man sich gemeinsam stark fühlen? Beim Versuch, dieses Gefühl auszudrücken, kam mir meine eigene und schließlich unsere gemeinsame Stimme in den Sinn. Ich habe das bei Mel*E zum ersten Mal ausprobiert, weil ich normalerweise als Drummerin ja meine Stimme nicht verwende. Was macht das mit einem, wenn man mal einfach schreit? Ich hatte aus den letzten Jahren Bilder von Menschen im Kopf, die mit Töpfen Protestparolen aus dem Fenster rufen. Das sind Szenarien aus verschiedenen Kontexten und Ländern, die glaube ich, jedem noch recht präsent sind. Diese sind immer wieder aufgetaucht. Auch beim Spielen oder beim Arrangieren. Die gebündelte Energie, die gemeinsame Vision und der Wille im Kollektiv etwas zu verändern. Ein treibender Puls, den man spürt, wenn Leute auf die Straße gehen und demonstrieren. Eine besondere Stärke, die man als Gruppe entwickeln kann.
„ICH HATTE IMMER HÄUFIGER DAS BEDÜRFNIS, MIT MEINER MUSIK WIEDER STÄRKER AN DAS ANZUKNÜPFEN WAS GERADE IN DER GESELLSCHAFT PASSIERT“
Stichwort Bild einer Protestbewegung. Es ist euch also wichtig, dass Mel*E bzw. eure Musik die aktuellen Strömungen in der Gesellschaft widerspiegelt, wie es das in der Rock- und Jazz-Musik der 60er u. 70er-Jahre noch eher üblich war?
Judith Schwarz: In meiner Wahrnehmung hat Jazz über lange Zeit hinweg neben der Musik auch den aktuellen Stand der Gesellschaft widergespiegelt. Während meines Musikstudiums und auch danach, als man sich größtenteils in verschiedenen Jazzkellern und Lokalen aufhielt bzw. stark in der eigenen Bubble abgeschottet war, hatte ich immer wieder das Gefühl, von der Außenwelt nicht mehr so viel mitzubekommen. In mir wuchs das Bedürfnis, mit dem, was ich künstlerisch mache, grundsätzlich wieder stärker an das anzudocken, was gerade in der Gesellschaft passiert. Diese Auseinandersetzung finde ich sehr spannend: Welche Themen beschäftigen uns heutzutage? Wie kann man mit dem eigenen künstlerischen Schaffen Teil davon sein, konfrontieren und einen Beitrag leisten?
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Diese Woche ist das erste Musik-Video zu einem Track von „Proud“ veröffentlicht worden, ich habe gehört da kommt noch mehr. Wie geht ihr mit der Herausforderung um, beim Produzieren von neuer Musik zusätzlich gleich die visuelle Umsetzung mitzudenken, weil man das heutzutage für die Präsentation auf Social Media etc. benötigt?
Judith Ferstl: Es ist nicht leicht, so ein Projekt wie Mel*E zu Beginn finanziell gut aufzustellen. Wir hatten durch die Unterstützung des Österreichischen Musikfonds, über den wir sehr dankbar sind, die Möglichkeit Musikvideos zu drehen und auf diesem Weg unserer Musik noch eine visuelle Perspektive hinzuzufügen. Gemeinsam mit dem wunderbaren Filmemacher und Kameramann Simon Zauner ist eine Video-Trilogie entstanden. Der erste Teil „Proud I“ ist gerade erschienen. Wir spielen dabei mit dem Bild, uns zuerst als Superheldinnen zu zeigen und nach und nach immer mehr unsere Masken abzulegen. Die Dreharbeiten haben großen Spaß gemacht, es gibt viel Nebel und Stroboskop-Effekte zu sehen (schmunzelt).
Euer Debüt-Album Album heißt „Proud“, inwiefern ist der Titel zu verstehen?
Judith Ferstl: Wir haben lange überlegt, wie wir das Album nennen wollen. Wir haben mit Wörtern und deren Bedeutung gespielt und dann kam der Begriff „Proud“ auf. Stolz ist für uns ein recht behaftetes Thema. Wir sind so sozialisiert worden, dass wir lieber nicht laut sagen: „ich habe etwas gut gemacht“, weil das ja vielleicht hochmütig wirken könnte. Da kommt gleich das überzogene Ego ins Spiel, die Überheblichkeit. Aber es gibt ja auch einen ganz anderen, einen authentischen Stolz. Ich glaube, wir sind darauf gekommen, nachdem wir gemerkt haben, dass wir einfach wahnsinnig stolz darauf sind, was wir da gerade als Band machen. Wir finden das gerade gut, und können das auch sagen und dazu stehen!
„WIR SIND AUCH STOLZ DARAUF DASS WIR DREI FRAUEN IN EINER BAND SIND. ES IST GUT UND WICHTIG, DASS DAS ÜBERHAUPT KEIN GROßES THEMA SEIN MUSS, SONDERN EINFACH SUPER SELBSTVERSTÄNDLICH IST. ABER AUCH DARAUF KÖNEN WIR STOLZ SEIN, ES FEHLT UNS HIER LEIDER IMMER NOCH STARK AN VORBILDERN“
Gibt es noch weitere Aspekte von Mel*E auf die ihr besonders stolz seid?
Judith Ferstl: Wir sind auch stolz darauf, dass wir drei Frauen in einer Band sind. Es ist gut und wichtig, dass das überhaupt kein großes Thema sein muss, sondern einfach super selbstverständlich ist. Aber auch darauf können wir stolz sein, es fehlt uns hier leider immer noch stark an Vorbildern. Wenn man sich die Line-Ups von Festivals und Clubs ansieht, sieht man immer noch, dass wir da noch längst nicht bei 50/50 angekommen sind. Vor zehn Jahren war die Situation noch eine andere, aber auch damals haben wir schon einige Privilegien erfahren und mussten nicht mehr die ganze Zeit um Anerkennung und Respekt kämpfen, wie viele Frauen vor uns. Aber es gibt noch einiges zu tun!
Judith Schwarz: Für uns persönlich ist das Album „Proud“ ein sehr starkes Werk. Wir haben lange daran gearbeitet, viel ausprobiert und dabei große Freude an der Entstehung gehabt – und uns auf diese Weise selbst und als Trio neu erfunden.
Was ist für euch als Musikerin die größte Herausforderung?
Judith Schwarz: Einerseits ist es so, dass wir in Österreich noch eine privilegierte Situation vorfinden: Es gibt (zumindest bislang) Förderungen im Kulturbereich, sodass wir die Möglichkeit haben, Projekte einzureichen und umzusetzen. Wir haben geeignete Plattformen und bekommen die Chance, unserer Musik eine Bühne zu geben – mit dem, was wir uns ausdenken und woran wir sehr hart arbeiten. Und es geht sich aus. Andererseits sind da all die zusätzlichen Aufgaben: Förderanträge für Touren, CDs/Vinyl und generell viele zusätzliche Kosten für Räume, die gesamte Logistik, die dahintersteckt – all das zu organisieren und zu beantragen, kann sehr anstrengend sein. Das sind einfach unglaublich viele Jobs. Nicht zu vergessen ist auch die Promotion, die für eine neue Band essenziell ist. Diese ganzen Dinge, die man neben der Musik noch stemmen muss, nehmen manchmal einfach zu viel Raum ein.
Judith Ferstl: Ich würde mir wünschen, dass wieder mehr Fokus darauf gelegt wird, wie wichtig Kunst und Kultur für die Gesellschaft ist. Dass erkannt wird, welche Räume sich auftun, wenn Menschen zu Konzerten gehen können, und sich das auch leisten können. Inspiriert zu werden, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, Raum für Neues aufzumachen, ein bisschen aus dem ganzen Irrsinn, der sich gerade in der Welt abspielt auszusteigen und Zuversicht tanken zu können!
Vielen Dank für das Interview!
Robert Fischer
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Mel*E live:
09.05.26 Wien, Rhiz – Album Präsentation „Proud“
20.06.26 St. Pölten, Solektiv
24.07.26 Gmünd/České Velenice Festival „Prechody/Übergänge“
20.08.26 Saalfelden, Jazzfestival
28.08.26 St. Pölten, Jazz im Hof
16.09.26 Graz, Café Wolf
23.09.26 Wien, Club Lucia – Synesthetic Wednesday
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Links:
https://linktr.ee/mel_e.music
https://www.instagram.com/mel_e.music
https://www.youtube.com/@MELE-b5g
Judith Ferstl
https://www.violahammer.com
https://www.judithschwarz.at
