„REGELN GIBT ES AUCH IN DER KULTUR” – ANNA SZIKSZAY VOM RUNDPUNKT 11 IM MICA-INTERVIEW

Text: Christoph Benkeser

Am Gaußplatz war über dreieinhalb Jahrzehnte ein Grätzel-Epizentrum des gepflegten Dagegenseins. Unter dem Label Aktionsradius wurde hier der Widerstand kuratiert. Es war die Ära der großen Gesten und der Bürgerinitiativen, ein Biotop für Menschen, die das Wort „System” grundsätzlich mit einem skeptischen Unterton aussprachen. 

Nun aber: Schichtwechsel. Der Name weicht, die Energie bleibt. Nur die Geometrie ändert sich. Aus dem Radius wird ein Punkt. Der Rundpunkt 11. Die neue Leiterin ANNA SZIKSZAY spricht über den alten Geist am Gaußplatz und weiß, wie man neue Freiheit möglich machen kann.

Im Rahmen der Eröffnung des RundPunkt 11 hast du gesagt: Das Herz hat sofort zugesagt – der Kopf hat noch eine Nacht gebraucht. Warum?

Anna Szikszay: Die Entscheidung, aus der Corporate World auszusteigen, hatte ich schon vor der Zusage am Gaußplatz getroffen. Ich hatte also eine Veränderung gesucht und eine Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin begonnen. Meine Einstellung war aber immer: Das Andere wird kommen. Man muss nur bereit sein, es im richtigen Moment zu sehen. Als mich Uschi Schreiber (Gründerin des Aktionsradius, Anm.) gefragt hat, ob ich den Aktionsradius übernehmen möchte, war dieser Moment gekommen. 

Du kommst aus der Corporate World. Dort spricht man oft von ‘Culture’ als Tool zur Mitarbeiterbindung. Am Gaußplatz ist Kultur seit 37 Jahren Widerstand und Reibung. Wie fühlt es sich an, wenn Kultur plötzlich kein Mittel zum Zweck mehr ist, sondern der Zweck selbst?

Anna Szikszay: Der Kontrast zwischen Unternehmenswelt und Kulturarbeit könnte nicht größer sein. Allein schon wegen der Gehaltsstrukturen oder der Jobsicherheit. Trotzdem bleibt meine Aufgabe in gewisser Weise ähnlich: Ich muss dafür sorgen, dass es – auch mit limitierten Ressourcen – möglich ist, eine gehaltvolle Arbeit zu machen. Außerdem hat mich immer interessiert, wie Menschen zusammen funktionieren und kommunizieren. Austausch vermeidet Konflikte. Wenn man miteinander spricht und verschiedene Perspektiven einnimmt, kann man auch eigene verändern. 

Im Personalmanagement  geht es darum, Menschen in Rollen zu pressen, damit das System funktioniert. Im RundPunkt 11 triffst du auf Lebensentwürfe, die sich auch mal gegen das System stellen. Wie ist es, Menschen nicht mehr managen zu müssen, sie also eher sein zu lassen?

Anna Szikszay: Natürlich ist vieles anders. Und doch: Manche Dinge sind ähnlich: Ich arbeite mit kreativen Menschen und habe die Aufgabe, sie kreativ sein zu lassen. Natürlich muss ich sie koordinieren und ihnen Steine aus dem Weg räumen. Im Corporate-Kontext war das aber nicht anders. Man sollte den Mitarbeitenden die Möglichkeit geben, ihre Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen. Regeln gibt es nämlich auch in der Kultur.

https://www.instagram.com/p/DWn3rDpgNGl/ (Rundpunkt 11)

Der alte Name suggerierte eine Bewegung in den Raum hinaus. Der neue Name wirkt zentrierter. Ist das ein Rückzug auf das Wesentliche oder eine bewusste Abgrenzung zum ehemaligen Expansionsdrang?

Anna Szikszay: Wir hatten nicht einmal zwei Wochen Zeit, einen neuen Verein zu gründen und einen Namen zu finden. Dahinter steckt also keine Strategie, eher eine emotionale Entscheidung. Und: Dass wir den Namen geändert haben, hat sich zuerst gar nicht richtig angefühlt. Dieses Gefühl, dass es die richtige Entscheidung war, stellt sich erst ein. Übrigens nicht nur bei mir.

Der Aktionsradius hat früher für politische Mitbestimmung gekämpft. Wird der RundPunkt 11 unter deiner Leitung politischer Akteur bleiben oder eher zum ästhetischen Kurator des Grätzels?

Anna Szikszay: Ich wurde oft auf den neuen Namen angesprochen, schließlich ginge mit dem Aktionsradius das Aneckende verloren. Darüber habe ich viel nachgedacht. Natürlich mag man Dinge mit Anecken verändern können. Aber man bewegt auch mit runderen Bewegungen. Außerdem bin ich kein aneckender Mensch. Ich versuche durch Gespräche weiterzukommen. Kultur ist Nahrung für Geist und Seele. Wie wir unseren Geist füttern, beeinflusst unsere Persönlichkeit, unser Denken, unsere Handlungen. Diese Möglichkeit muss ein Kulturort wie hier am Gaußplatz anbieten.

„DER RAUM HAT EINEN BESTIMMTEN WERT. DEN MÖCHTE ICH NICHT VERKAUFEN.”

Im Interview mit dem Augustin erwähnst du die massiven Kürzungen der Stadt Wien. Als HR-Consultant weißt du: Mit 30 Prozent weniger Budget kann man nicht dasselbe liefern. Was stirbt zuerst: Der Anspruch an die künstlerische Qualität oder die soziale Niederschwelligkeit?

Anna Szikszay: Ich will Künstler:innen fair bezahlen und niederschwellig Kultur anbieten. Das ist ein Balanceakt. Allerdings bin ich derzeit nicht bereit, hier Kompromisse zu machen. Ich stelle mir eher die Frage: Wo kann ich noch Geld generieren, um so wenig Kompromisse wie möglich zu machen. 

Der Aktionsradius war stolz auf seine Unabhängigkeit. Wirst du neue Wege der Finanzierung gehen, auch wenn das bedeutet, dass ein Firmenlogo auf dem Programmheft steht?

Anna Szikszay: Nein, das sehe ich im Augenblick nicht. Der Raum hat einen bestimmten Vibe. Den möchte ich nicht verkaufen. Trotzdem muss ich verschiedene Möglichkeiten erkunden. Eventuell kann man mit anderen Vereinen veranstalten, die in diesen Raum passen. Jedenfalls ist wichtig, dass wir als Team des RundPunkt 11 hinter einer Veranstaltung stehen können, ohne unsere Werte zu verkaufen. Das mag naiv sein, aber: Mit dieser Perspektive trete ich auf den Plan, den Kulturraum zur Verfügung zu stellen.  

Und wenn das nicht funktionieren sollte?

Anna Szikszay: Dann muss ich mich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern man Sponsoren oder Förderer finden kann, die zu diesem Ort passen. Und zwar ohne, dass wir uns abhängig oder in unseren Programmentscheidungen beeinflussbar machen. Ich sage aber dazu: Dort sind wir noch nicht. Im Augenblick mache ich mir über Sponsoring, das über unsere kulturelle Förderung hinausgeht, keine Gedanken.

Du hast Jus studiert, in Frankreich gearbeitet, warst bei Microsoft. War die Übernahme des RundPunkt 11 eine Flucht aus dieser Welt, oder ist es der Versuch, diese beiden Welten zu versöhnen?

Anna Szikszay: Es war zwar keine Flucht aus der einen in die andere Welt, aber: Die Erfahrung aus 20 Jahren Corporate World und das Aufwachsen im kulturellen Bereich – sie finden im RundPunkt 11 zusammen.

Das Auftreten und die Social-Media-Präsenz wirken jedenfalls moderner als zuvor im Aktionsradius. Hast du Angst, dass durch die neue Professionalität die Ecken und Kantenverloren gehen, die den Ort für die ursprüngliche Nachbarschaft so wichtig gemacht haben?

Anna Szikszay: Auch das durfte ich in der Corporate World oft genug beobachten: Wenn neue Führungskräfte übernehmen, wollen sie oft alles neu machen. Es ist aber wichtig, dass man versteht, was da ist. Ansonsten schraubt man irgendwann an der falschen Schraube, und das Konstrukt fällt auseinander. Mein Zugang ist deshalb: Gutes bewahren und optimieren. Tabula rasa ist nämlich nicht mein Stil.

Danke für deine Zeit!

Christoph Benkeser



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