„WIR HABEN AUCH EIGENE STÜCKE, DIE VON NORDISCHER MUSIK BEEINFLUSST SIND“ – PAUL SCHUBERTH UND CARLES MUÑOZ CAMARERO IM MICA-INTERVIEW

Befreundet waren PAUL SCHUBERTH und CARLES MUÑOZ CAMARERO seit dem Studium an der Bruckner-Universität in Linz. Vor rund eineinhalb Jahren haben sie beschlossen miteinander Musik zu machen, jetzt liegt das Debüt-Album vor. Jürgen Plank hat mit den beiden umtriebigen Musikern über die Musiktraditionen gesprochen, auf die sie sich beziehen und nachgefragt, wie sie zum Thema kulturelle Aneignung stehen. Auf der Debüt-CD „Windfliegen“ finden sich eigene Kompositionen, Improvisationen und neue Arrangements von Traditionals, insbesondere aus Skandinavien. Auch die Nyckelharpa, ein traditionelles Instrument aus Schweden ist dabei. Die beiden erzählen im Interview zudem, welche Lieder von ARIK BRAUER sie bereits gespielt haben.

Ihr habt vor rund eineinhalb Jahren beschlossen, miteinander Musik zu machen: wie seid ihr vorgegangen?

Paul Schuberth: Im Grunde hat jeder zur ersten Probe Stücke mitgebracht, aber die meisten Stücke sind so entstanden, dass Carles in den Pausen etwas für sich gespielt und improvisiert hat. Und ich habe gesagt: was ist denn das? Das müssen wir spielen! Ich habe die Stücke zum Teil bis heute nicht verstanden und spiele halt irgendwie dazu.

Carles Muñoz Camarero: Ich habe wie Paul seit vielen Jahren eine große Faszination für skandinavische Musik. Ich habe ihm beim Jammen immer wieder Stücke vorgeschlagen, die ich schon gekannt habe, um diese auszuprobieren. So ist unser Projekt entstanden. Wir haben auch eigene Stücke, die von nordischer Musik beeinflusst sind. Paul mag auch irische und schottische Musik und kann sehr gut diese Akzente beim Sprechen nachmachen, das ist sehr witzig.

Das erste Stück am Album geht in Richtung Nordeuropa: „Brudmarsch efter Anders Kengo“. Anders Kengo ist ein finnischer Geiger des 19. Jahrhunderts, aus dessen Repertoire bis heute gerne Stücke gecovert werden. Warum habt ihr den Marsch ausgewählt?

Carles Muñoz Camarero: Das Stück habe ich in einem Workshop mit einem Geiger gelernt. So lernt man meistens traditionelle Musik. Das war der finnischer Geiger Antti Järvelä von der Band Frigg, er ist ziemlich bekannt und hatte einen Workshop in Vorarlberg im Rahmen des Walserherbst Festivals. Dort habe ich mehrere Stücke von ihm gelernt und dieses Stück habe ich besonders gemocht. Das ist ein ziemlich dramatischer Brautmarsch. Ich hoffe, dass die Braut nicht gelitten hat und nicht gezwungen wurde, zu heiraten.

Bild des Duos Schuberth & Muñoz Camarero bei den Europäischen Literaturtagen-Sascha Osaka
Das Duo Schuberth & Muñoz Camarero bei den Europäischen Literaturtagen © Sascha Osaka

Noch ein Traditional ist auf eurem Album: was könnt ihr über den „Vinndans i Jo’Ansjaløen“ erzählen?

Carles Muñoz Camarero: Das ist ein Stück aus Norwegen. Das habe ich von meinem Cello-Kollegen vom Lofoten Cello Duovor vielen Jahren gelernt. Ich mochte die Melodie und habe den Text nicht verstanden. In unserer neuen Version haben wir keinen Text dabei, weil wir bei der Aussprache zu weit vom Original weg wären. Aber das Stück ist ein Beispiel dafür, wie die Aussprache die Melodie und den Rhythmus beeinflusst. Je nach der Region ist die Sprache in Norwegen anders.

Paul Schuberth: Ich habe bei dieser Nummer mit der irischen Bouzouki gespielt, die hat Carles für mich im Studio vor der Aufnahme noch gestimmt.

Carles Muñoz Camarero: Ich habe gewusst, dass Paul sehr gut irische Bouzouki spielt und es war mein Wunsch, dass er das bei diesem Stück macht.

Wenn ihr euch durch die traditionelle Musik von Skandinavien oder von Irland spielt: inwiefern ist das eine kulturelle Aneignung? Der Begriff wird eher negativ konnotiert, auch wenn es schon früher jodelnde Japaner:innen gegeben hat. Wie würdet ihr das diskutieren?

Paul Schuberth: Theoretisch kann ich der Diskussion natürlich einiges abgewinnen, besonders wenn es um Machthierarchien oder um Profit geht. Und so viel Erfolg werden wir mit dieser CD wahrscheinlich nicht haben, sodass man nicht sagen wird, wir hätten Finnland und Schweden ausgesaugt. Wenn ich mich da selbst freisprechen wollte, kann ich sagen, dass ich von meinen finnischen und schwedischen Freund:innen immer wieder um Absegnung bitte. Wobei die interessanterweise viel weniger an ihrer Volksmusik interessiert sind als ich. Bei mir ist es auch so: ich erschließe mir die österreichische Volksmusik Schritt für Schritt. Da kommt noch dazu, dass Carles wie ein Wahl-Skandinavier ist, der bei allen möglichen Workshops die Stücke aus erster Hand lernt. Von ihm habe ich wiederum gelernt, im Umgang mit dem Material nicht zu schüchtern zu sein. Auch mal frei mit dem Material umzugehen.

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„DIE MUSIK GEHÖRT LETZTLICH NIEMANDEM“

Inwiefern frei?

Paul Schuberth: Ich hatte das Gefühl, dass ich die Polskas nicht begleiten kann, weil ich nicht mal weiß, wo der erste Schlag ist. Und Carles hat mit dem Wissen aus Hunderten Workshops für skandinavische Musik gesagt: das ist egal! So einen Zugang zur Musik liebe ich halt. Die Musik gehört letztlich niemandem.

Carles Muñoz Camarero: Es gibt in jeder Musik-Szene so genannte Polizei-Abteilungen, die Musik-Polizei, die sehr auf Traditionen achtet. Ich bin immer wieder in solchen Kreisen, auch bei Jams und ich finde traditionelle Musik gleichsam in ein Museum zu stellen und zu archivieren ist zwar wichtig. Aber für mich ist es viel spannender etwas Eigenes daraus zu machen. Ich mache das mit extrem viel Respekt und finde, das ist keine Aneignung, sondern ich bin da eine Art Botschafter dieser Musik. Und es stimmt, was Paul sagt: ich war mit der Nyckelharpa unterwegs und habe sogar Straßenmusik gespielt. Und es gibt viele Menschen in Stockholm, in Schweden, die haben keine Ahnung, was eine Nyckelharpa ist. Und das ist ihr Nationalinstrument, sozusagen. Aus Uppsala und Umgebung und Uppsala ist nicht so weit weg von Stockholm. Genauso gibt es auch Menschen in Österreich, die keine Ahnung haben, was eine Kontragitarre ist.

Über Skandinavien haben wir schon gesprochen und Finnland hat natürlich eine lange Grenze mit Russland. Heißt ein rhythmisch-komplexes Stück von euch deswegen „Kalter Krieg“?

Carles Muñoz Camarero: Genau, rhythmisch ist es komplex. Das ist eine Komposition von mir. Es ist gut, dass du es so gesehen hast, das war nicht die Absicht. Die Idee ist auf einer Reise entstanden, die ich in die ungarische Pampa gemacht habe. Ich war in einem kleinen Ort am Land, im Haus von einem österreichischen Komponisten mit ungarischen Wurzel, Iván Eröd. Dort habe ich keinen Handyempfang gehabt, ich hatte nur die Nyckelharpa dabei. Aber ich habe einen Roman über die DDR, über Spion:innen und so weitergelesen. Und irgendwie ist mir diese musikalische Idee gekommen, denn man hat am Land in Ungarn noch immer gespürt, dass da eine Spannung in der Luft ist. Wie damals, als Ungarn noch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs war. Die Parallelen zur Situation in Finnland oder in den baltischen Ländern, wo ich auch war, finde ich sehr passend.

Bild des Duos Schuberth & Muñoz Camarero bei den Europäischen Literaturtagen
Das Duo Schuberth & Muñoz Camarero bei den Europäischen Literaturtagen © Sascha Osaka

„ICH HABE BEIM STÜCK ‘KALTER KRIEG’ NICHT NUR JEAN LE CARRÉ, SONDERN AUCH BÉLA BARTÓK IM HINTERKOPF GEHABT“

Gibt es, Paul, Volksmusiktraditionen, die euch noch interessieren? Für ein etwaiges nächstes Album? Vielleicht aus Regionen außerhalb von Europa?

Paul Schuberth: Bei der Autofahrt zum jüngsten Konzert habe ich zu Carles gesagt: jetzt ist die CD draußen, wir müssen unbedingt die nächste CD machen. Und wir haben jetzt ein paar Stücke aus dem klassischen Repertoire gespielt: es ist Franz Schubert vorgekommen, es ist Manuel De Falla vorgekommen. Und all diese Sachen klingen auf der Nyckelharpa so, als ob sie schon immer zu diesem Instrument gehört hätten. Also, ich glaube: wenn es eine nächste CD gibt, dann ist sie vielleicht eine kurze Verabschiedung von den volkstümlichen Traditionen, das stelle ich jetzt so in den Raum.

Carles Muñoz Camarero: De Falla basiert auch auf spanischer Folklore. Also, de facto machen das ähnlich wie die Leute damals. Ich habe beim Stück „Kalter Krieg“ nicht nur Jean Le Carré, sondern auch Béla Bartók im Hinterkopf gehabt. Béla Bartók oder Zoltán Kodály und so weiter. Das ist eine ähnliche Herangehensweise wie damals. Auf jeden Fall mit Respekt.

Bild des Duos Schuberth & Muñoz Camarero bei den Europäischen Literaturtagen © Sascha Osaka
Das Duo Schuberth & Muñoz Camarero bei den Europäischen Literaturtagen © Sascha Osaka

Improvisation ist auch ein Element bei euch. Wie setzt ihr eure Musik live um?

Paul Schuberth: Ich muss sagen, die CD-Aufnahme war von der Stimmung her fast wie ein Konzert. Das Verhältnis zwischen Improvisation und Festgeschriebenem ist ungefähr gleich. Aber live ist unser Repertoire ein bisschen anders. Da fahren wir irgendwie noch mehr quer durch die Welt und sind je nach Anlass vielleicht auch ein bisschen experimenteller unterwegs.

Wie zum Beispiel? Wohin in der Welt schaut ihr noch?

Paul Schuberth: Was auf der CD zum Beispiel nicht drauf ist, sind Songs aus der irisch-schottischen Tradition. Oder wir hatten dann auch mal Arik-Bauer-Songs im Repertoire. Auch Schubert und Jazz-Traditionals.

Welches Lied von Arik Brauer könnte es in Zukunft live von euch zu hören geben?

Paul Schuberth: Bisher haben wir gespielt: „Rostiger die Feuerwehr kommt“, „Der Spiritus“ und „Die Wadlbeißer-Serenade“. Und wir haben auch schon „Sie hab’n a Haus baut“ geprobt.

Carles Muñoz Camarero: Paul ist mit diesem Vorschlag der Arik Brauer-Lieder gekommen, weil ich ihm erzählt habe, dass ich vor einigen Jahren im Rabenhof Theater die Musik für ein Stück über das Leben von Arik Brauer gespielt habe. Ruth Brauer hat mitgespielt und ich habe in einem kleinen Ensemble die Musik gespielt. Und so bin ich zu diesen Protest-Songs gekommen, die leider immer noch sehr aktuell sind.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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