Alphörner und großes Orchester, Sitcom und Oper, Richard und Johann Strauss/Strauß. Was nach Widersprüchen klingt, fand bereits in der ersten Woche des Festivals Wien Modern zu einer mal mehr, mal weniger gelungenen Verbindung. Die Halbzeit bietet Gelegenheit, eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen.
Alphörner und großes Orchester, Sitcom und Oper, Richard und Johann Strauss/Strauß. Was nach Widersprüchen klingt, fand bereits in der ersten Woche des Festivals Wien Modern zu einer mal mehr, mal weniger gelungenen Verbindung. Beginnen wir mit den Alphörnern: Diese traditionellen Instrumente der alpinen Berglandschaft sind nicht die einzigen, ursprünglich der Volksmusik entlehnten Klangerzeuger, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemeinsam mit Zither, Akkordeon und Co ihren Weg in die Neue Musik gefunden haben. Und doch mutet den überdimensionalen Hörnern auf der Bühne des Musikvereins und umgeben vom Orchester eine ungewöhnliche Aura an. Aber weniger die teils pompöse Exotik ist es, die die Werke des Schwerpunktkomponisten der heurigen Wien-Modern-Ausgabe Georg Friedrich Haas zu etwas Besonderem macht. In seinem Fall ist es der Umgang mit dem Material – etwa mit den sechs im Zwölfteltonabstand gestimmten Klavieren, wiederum mit Orchester –, mit denen Haas mittels Obertonakkorden eine feinsinnige Klangwelt eröffnet. Schwebungen bauen sich auf, lenken die Aufmerksamkeit auf die kleinsten Veränderungen und sensibilisieren so auf die Reibungen der Tonhöhen, die Haas als ein menschliches Grundbedürfnis versteht. Gespräche mit und Einführungen durch den Komponisten gaben kurzweilige Einblicke in die Herangehensweise des Komponisten, die die Sinnlichkeit selbst in seinem letzten seriellen Werk aus dem Jahr 1991 sowohl in der Konzeption – Ausgangspunkt waren die sechs Zahlen, die die Telefonnummer seiner damaligen Geliebten bildeten – als auch in der Interpretation der drei Akkordeonisten intensiv spürbar werden ließ.
Ein weiterer Schwerpunkt des „Festivals für Gegenwartsmusik“, wie es sich den Slogan selbst an die Seite stellt, gilt diversen Verbindungen von Musik und bewegten Bildern. Mit Filmen wie etwa Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ wurde etwa die Musik von Aram Chatschaturjan und György Ligeti einem ungeahnt breiten Publikum zugänglich gemacht. Bei der Eröffnung des Festivals mit Bernhard Langs „Monadologie XXIII … for Stanley K.“ jedoch waren es vor allem die bekannten Klänge von Johann Strauß und Johanne Strauss, die der Komponist in seiner Strategie, vorhandene Werke durch ein Computerprogramm verändert in neuer Gestalt erklingen zu lassen, in der Manier von Versatzstücken aneinanderreihte. Dem Einsatz von Klängen kann bei Filmvorführungen nachgegangen werden und sensibilisiert dafür, wie Neue Musik gelegentlich über die Hintertür und oft unbewusst ihr Publikum findet.
Ein anderer Bezug zum Bildschirm aber zeigt sich in der ungewöhnlichen Verbindung zweier auf den ersten Blick nur wenig verbindenden Genres Oper und Sitcom in Bernhard Ganders „Das Leben am Rande der Milchstraße“. Dass die Sitcom mit ihrem aus mehr oder weniger überzeichneten Personenkonstellationen erwachsenden Humor bestens der Zerstreuung dient, macht eines der wesentlichen Genremerkmale aus. Um aber das Publikum auch dazu zu bringen, trotz oft stagnierender Handlung immer und immer wieder einzuschalten, verlangt den Drehbuchautoren besonderes Geschick ab. Aus einer zunächst im Spaß geborenen Idee machten Intendant Matthias Losek und Komponist Bernhard Gander ernst. Doch blieb es leider aufgrund des an Pointen für eine Sitcom (und selbst für manche Opera buffa) zu armen Librettos. Die ersten zwei der drei Staffeln fanden bereits ihre Realisierung, bei der reichlich mit Bezügen gespielt wurde – sei es in der Konzeption der exzentrischen Personen des Büros für Zukunft als Verweis auf die Sitcom (und auch in vielen Bereichen der Oper zu finden) oder dem musikalischen Karikieren von Koloraturen als zeitgenössischer Seitenhieb auf die tradierte Gattung. Fehlen aber durften natürlich auch die Anklänge an Heavy Metal nicht. Wie es nicht nur um die Zukunft des Büros für Zukunft steht, sondern auch um die Zukunft der Sitcom-Oper, kann man am 21. November beim Finale herausfinden.
Foto Georg Friedrich Haas: Nafez Rerhuf
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