Wien Modern Opening: Free Radicals 07

Am Donnerstag, den  1. November steigt im Großen Saal des Wiener Konzerthauses als Opening des Festivals Wien Modern ein ganz besonderes Ereignis. Free Radicals ist ein Cross-Over-Projekt zwischen Musik und Film, das gemeinsam vom Klangforum Wien und dem Film-Laboratorium der Amour Fou Filmproduktion mit der Filmregisseurin Bady Minck entwickelt wurde.

Mit den Augen hören, mit den Ohren sehen: Konzert und Kinematographie in schneller Stakkatoabfolge, und nicht zuletzt Arbeiten, die im regulären Konzert- und Kinobetrieb nur selten zu hören und zu sehen sind. Auf dem bereits bei der Biennale di Venezia mit großem Erfolg uraufgeführtem Programm der Soiree stehen (kurze) musikalische Meisterwerke des 20. und 21. Jahrhunderts und Kurzfilme von Man Ray bis Bady Minck, die durch ihre Kombination neue Rhythmen, Spannungsbögen und Interferenzen zwischen Klang und Bild ermöglichen sollen. Die Idee zu diesem Projekt stammt vom Klangforum-Klarinettisten Bernhard Zachhuber, der gemeinsam mit Andreas Lindenbaum auch die Musikauswahl vorgenommen hat, und der in Wien und Luxemburg lebenden Künstlerin und Filmemacherin Bady Minck. Sie hat die gezeigten Filme ausgewählt und von ihr stammen auch zwei eigens für dieses Programm entwickelte Filmproduktionen mit Beat Furrer, der das Projekt auch dirigiert, und den Musikern des Klangforum Wien als Hauptdarstellern.

 

Aus der  Projektbeschreibung von Bady Minck: Zur Aufführung gelangen Filme mit und ohne Ton sowie Musikstücke mit und ohne filmische Visualisierung. Ein häufiger Wechsel zwischen Hören und Sehen soll die Wahrnehmung schärfen. Der Reiz und die Herausforderung lag darin, jedes einzelne Werk (ob Musik oder Film) in seinem vollen künstlerischen Gehalt erfahrbar zu machen und die Arbeiten gleichzeitig rhythmisch so zu kombinieren, dass im Aufeinandertreffen von Bildern und Tönen eine neuartige Einheit entsteht.

 

Beginnend mit Arnold Schönberg und Man Ray, dem Pionier des surrealen Kinos, wird eine Zeitreise von der Avantgarde der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hin zu den aktuellsten Strömungen audiovisueller und musikalischer Kreation unternommen. Zu Man Rays dadaistischem dreiminütigen  Kurzfilm “Le retour de la raison”, den man drei Mal sehen und – infolge der Begleitmusik – jedes Mal als einen wieder völlig anderen Film wahrnehmen wird, wurden an Theo Verbey, Misato Mochizuki und James Clarke drei Kompositionsaufträge vergeben.

 

Expanded Cinema

Eine weitere Wahrnehmungsachse in der Komposition des Abends bilden die beiden neuen Filme von Bady Minck, die den Schöpfungsprozess Musik und Film umgekehrt als üblich anging: Ausgangspunkt für ihre Filme ist die Musik. Der Kurzfilm “Schein Sein” zu dem  Stück “Madame Press died Last Week at Ninety” von Morton Feldman spielt mit Wahrnehmungsebenen zwischen Hören du Sehen, der Täuschung von Augen und Ohren und wird als Film-Performance im Sinne des Expanded Cinema realisiert.

 

Der zweite Film “Das Sein und das Nichts” entstand zu Beat Furrers “Ein Lied, das über das Ende des Liedes hinaus ein anderes Ende finden wollte”. Hier wird Entstehung von Musik sichtbar gemacht, Musik wird in Bilder gegossen: what you see is what you hear. “Der Film zeigt die Dominanz der Musik über die Körper, ihre Anwesenheit und ihr Verschwinden. Der Dirigent Beat Furrer tritt auf als Dompteur der Zeit und als Herr über die Stille. Die voranschreitende Dekonstruktion der Musik wird visuell von einem dekonstruierten Bild begleitet” (Bady Minck).

 

Die exquisiten weiteren Musikbeiträge stammen u. a. von Iannis Xenakis, Karlheinz Stockhausen, Harrison Birtwistle, Witold Lutoslawski, Luciano Berio und Georges Aperghis; auf der Filmseite sieht man Bildmusik-Kompositionen aus den 1930er Jahren von Oskar Fischinger, eine Kamera-Choreographie von Maya Deren (USA 1945), ein visuelles Pop-Art-Gedicht von Robert Breer (F 1957) sowie neuere und auch etliche ganz aktuelle Arbeiten von FilmkünstlerInnnen wie Pipilotti Rist, Peter Tscherkassky, Karoe Goldt oder Barbara Doser (hr).

 

Fotos Free Radicals © Bady Minck