„WIEN GIBT MIR DIE FREIHEIT, FÜR WOCHEN ZU VERSCHWINDEN” – HARRY DEAN LEWIS IM MICA-INTERVIEW

HARRY DEAN LEWIS hört sich an wie ein Name, den man unter Hollywoodsternen ritzt. Oder auf Postern für Stadiontouren liest. Zumindest aber in Wien schonmal gehört haben sollte. Denn HARRY DEAN LEWIS ist vor allem ein sehr guter Musiker. Einer, der Soul hat. Vernünftig rappen kann. Und also etwas macht, was in Wien schon länger niemand gemacht hat. Das mag daran liegen, dass HARRY ein paar Tausend Kilometer von hier herkommt. Oder einfach nur daran, dass er schon ein bisschen was gesehen hat. Eine Aufklärung mit Christoph Benkeser.

Wie bist du dahin gekommen, wo du heute bist?

Harry Dean Lewis: Ich erzähl’ dir die ganze Geschichte. Meine Familie kommt eigentlich aus Sydney, aber ich bin in Canberra geboren – mein Vater war Journalist, und Canberra ist ja sozusagen unser politisches Zentrum …

Die Hauptstadt, die keiner kennt – zumindest in Europa glauben ja alle, dass …

Harry Dean Lewis: Selbst Leute aus Sydney denken oft, Sydney sei die Hauptstadt. Canberra wurde ja extra zur Hauptstadt gemacht, um die Rivalität zwischen Sydney und Melbourne zu entschärfen. Es ist ein seltsamer Ort zum Aufwachsen – aber auch ziemlich durchmischt und multikulturell, mit weniger klarer Klassentrennung. Ich hatte Glück, im öffentlichen Schulsystem zu landen. Unsere Schule hatte sowohl Geflüchtete als auch Kinder von Franchise-Unternehmern – alle in einem Klassenzimmer. Trotzdem war’s gut, irgendwann nach Sydney zu ziehen. Canberra hat starke Dorf-Vibes und ist gleichzeitig auf komische Weise ziemlich gewalttätig. Also generell: Australien hat eine sehr macho-geprägte Kultur …

Ja?

Harry Dean Lewis: Du würdest dich wundern, wie aggressiv Surfer sein können. Jedenfalls bin ich dann nach Sydney gezogen und hab angefangen, in kleinen Bars zu spielen – nebenbei hab ich 80-Stunden-Wochen auf Baustellen, in einem Gitarrenladen und in Bars gearbeitet. Ich hab ordentlich Geld gespart und bin dann nach Europa gekommen. Eigentlich wollte ich nur drei Monate bleiben – aber das war schnell klar: Das reicht hinten und vorne nicht. Aus fünf Kilo Gepäck wurde irgendwie ein ganzes Leben.

Also hast du schon Musik gemacht, bevor du nach Europa kamst?

Harry Dean Lewis: Ich war mein ganzes Leben von Musik umgeben. Mein Vater kommt aus einer musikalischen Familie. Seine Eltern haben sich in einem kommunistischen Chor kennengelernt – beide waren Sänger und Aktivisten. Meine Oma war übrigens die erste Frau in Australien, die an der Uni Hosen getragen hat. Musik war bei uns also früh ein großes Ding.

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Was ist deine erste Musik-Erinnerung?

Harry Dean Lewis: Ich hab mich neulich bei einem Festival beworben, da wurde ich gefragt, ob es diesen einen Moment gab, der alles verändert hat. Aber ehrlich gesagt: Ich wurde schon so früh auf Konzerte mitgenommen, dass ich mich gar nicht an ein erstes Mal erinnern kann.

Musik war einfach immer da?

Harry Dean Lewis: Ja, ich hab Klavier gespielt, mein Vater war auch Drummer. Ich hab dann also Schlagzeugunterricht bekommen – das war so unsere gemeinsame Sprache. Und ein paar seiner alten Musikfreunde haben mir mit 15 geholfen, erste Songs aufzunehmen. Ich war aber viel zu schüchtern, um die zu herzuzeigen. Einmal hab ich sogar ein Word-Dokument offen gelassen, und als die Freundin meines Freundes fragte, von wem der Song sei, hab ich gelogen.

Was waren das für Songs?

Harry Dean Lewis: Damals wurde ich mit Keziah Jones verglichen. Es ging schon in Richtung soulige, rootsige Mischung aus Hip-Hop und R’n’B. Rückblickend passt das gut: Ich bin mit Joss Stone aufgewachsen – mein Vater war besessen von ihr. Dazu The Roots, Jurassic 5, viel Funk, Soul, Hip-Hop. Und Bowie war auch ein Gamechanger …

„WIR HABEN GÄRTEN IN BOTSCHAFTER-RESIDENZEN GEMACHT.”

Und dann kam Europa …

Harry Dean Lewis: Genau, ich bin 2012 nach Berlin gezogen, wohnte am Boxi. Zwei Häuser weiter war ein besetztes Haus – da kam ich schnell in Kontakt mit vielen Protesten. Manchmal auch gegen mich selbst, weil ich ja irgendwie Teil der Gentrifizierung war. Das hat mir die Augen geöffnet. Erst kommen die Künstler:innen, weil es billig ist – die machen den Ort dann bewohnbar, sicher, spannend. Und dann kommen die Immobilienhaie …

Und da hast du beschlossen, Popstar zu werden?

Harry Dean Lewis: Im Gegenteil, ich hab mich in Berlin ein paar Jahre komplett verloren. Keine Grenzen, keine Regeln – ich hab alles aufgesogen, was ging. Allerdings war ich da schon in diesem rootsy Vibe und hab irgendwie den Bassisten von The Cinematics kennengelernt. Kennst du das Snow-Patrol-Lied, das davon handelt, wie der Gitarrist von The Cinematics ihm die Freundin ausgespannt hat? Der war das. Jedenfalls, dieser Typ hat mir einen Job in der privaten Gartenpflege vermittelt. Total surreal – wir haben Gärten in Botschafter-Residenzen gemacht.

Warte, du hast den Garten für reiche Leute gemacht?

Bild des Musikers Harry Dean Lewis
Harry Dean Lewis © Alexander Boulton

Harry Dean Lewis: Ja, absurd, aber irgendwie auch schön. Ich hatte dadurch einen Bezug zur Natur. Und wir haben dann auch zusammen Musik gemacht. Ich wusste damals noch nicht genau, was für Musik ich machen wollte. Also haben wir einfach rumprobiert. Ich hab angefangen, eher narrativ zu schreiben – wie früherer Britpop. Ein bisschen Disco war auch drin. Und ich hab Sex, Drugs & Rock’n’Roll ziemlich glorifiziert, weil ich ehrlich gesagt einfach vor mir selbst weggelaufen bin.

Du warst Anfang 20 – wer weiß da schon …

Harry Dean Lewis: Eben. Ich hab mir aber eingeredet, reifer zu sein, als ich war. Weil ich so weit weg von zu Hause lebte, musste ich das irgendwie glauben – sonst hätte mich die Angst gefressen. Also hab ich viel ausprobiert: verschiedene Projekte, verschiedene Gigs. Eins davon hieß Continental Breakfast, das war sehr Neo-Soul. Darüber kam ich wieder mehr zu jazzigem Songwriting. Und dann kam ich nach Österreich …

Vor fünf Jahren, oder?

Harry Dean Lewis: Genau. Ich fing an, Synth-Musik zu machen – wahrscheinlich, weil ich Berlin vermisst hab. Hab dann eine Single mit den Leuten von Praterstrasse und Superfly rausgebracht (Sunshine Enterprises). Aber ziemlich schnell gemerkt: Das ist nicht mein Sound. Ich war total lost – bis ich meinen Drummer getroffen hab: July Skone von Gudrun von Laxenburg. Der macht auch ein Solo-Hip-Hop-Projekt – und das hat mich total zurück zu meinen Rap-Wurzeln gebracht. Er hat mir ein paar Tracks geschickt, ich hab Vocals draufgepackt – und es kam alles so natürlich. Kurz danach hab ich Joe Traxler in der Audio Manufaktur kennengelernt – und da hat plötzlich alles Sinn ergeben.

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Du hast deinen Sound gefunden.

Harry Dean Lewis: Ich liebe eingängige Hooks und Rap-Strophen – und hab kapiert: Ich darf genau das machen.

Das funktioniert auf deinem Album „Three Sides to a Coin” sehr gut.

Harry Dean Lewis: Das Album war, glaube ich, mein größter Hilferuf – ich hab’s nur damals noch nicht kapiert. Erst ein halbes Jahr später, beim Hören, hat’s mich emotional richtig getroffen. So viel Einsamkeit, so viel Traurigkeit in den Texten – plötzlich konnte ich das alles verstehen. Das hat mich zur Therapie gebracht. Und dafür bin ich unfassbar dankbar. Ich konnte da endlich auf verstaubte, alte Emotionen schauen, die ich vorher nie zugelassen hab.

War das so, man rennt lange vor etwas weg, bis man merkt: Dieses Etwas bist du selbst.

Harry Dean Lewis: Genau das. Heute gönn ich mir bewusst auch mal einen Tag im Bett. Manchmal muss man einfach …

Im Bett bleiben?

Harry Dean Lewis: Traurig sein dürfen. Ich hatte jahrelang Schlafstörungen. War immer der Typ, der noch geschrieben hat, wenn alle schon längst nach Hause gegangen sind. Das war einsam – aber ich hab es mir immer als künstlerisch verkauft. Dabei war es einfach kräftezehrend. Rückblickend: Das Album war ein Spiegelbild. Ich konnte mich erst sehen, als ich bereit war.

„ICH SEHE DAS UNTERBEWUSSTSEIN WIE EINEN OLYMPIA-ATHLETEN.”

Also war das alles schon da – du musstest nur hinschauen?

Harry Dean Lewis: Ich seh das Unterbewusstsein wie einen Olympia-Athleten – immer einen Schritt voraus. Und du rennst ihm hinterher, versuchst die Spuren zu deuten. Je näher du kommst, desto wohler fühlst du dich. Desto mehr bist du wieder im eigenen Körper.

Bist du heute in deinem Körper angekommen?

Harry Dean Lewis: Ich hatte mal Angst, dass ich keine Texte mehr schreiben kann, wenn ich mich selbst verstehe. Aber das Gegenteil ist passiert. Viele glauben ja, dass man leiden muss, um kreativ zu sein. Dieses Bild vom „zerbrochenen Künstler” wird total romantisiert. Aber: Du musst kein Wrack sein, um gute Musik zu machen. Klar hilft Schmerz dabei, Mitgefühl zu entwickeln. Aber Kunst muss nicht aus Zerstörung kommen.

Trotzdem hält sich das als Narrativ.

Bild des Musikers Harry Dean Lewis
Harry Dean Lewis © Alexander Boulton

Harry Dean Lewis: Total. Aber die Erkenntnis, dass es anders geht, war wie eine Explosion. Seitdem bin ich extrem produktiv. Ich arbeite gerade an vier EPs. Eine mit Joe, kommt am 20. Juni raus. Dann hab ich eine Solo-EP fertig gemischt, produziere eine für Sleep in the Shine – und eine weitere mit July unter seinem Namen Girondolini.

Viel davon hängt mit dem Label Futuresfuture zusammen, oder?

Harry Dean Lewis: Ja, ich kam über Bountydave kam ich dorthin, wir haben zusammengearbeitet und ich hab dann bei ihnen unterschrieben. Aber der ganze Kreis um die Audio Manufaktur war das Entscheidende – da hab ich die meisten Leute kennengelernt, mit denen ich heute arbeite.

Ist es in Wien einfacher, sich zu vernetzen als in Berlin?

Harry Dean Lewis: Gesehen zu werden – ja. Aber vernetzen hängt von dir selbst ab. In Berlin war ich nicht wirklich offen dafür. Ich hab mit tollen Leuten gearbeitet, klar. Aber hier kommt man leichter ins Tun. Es gibt mehr Raum zum Sein, zum Ausprobieren. In Berlin hatte ich oft das Gefühl, ich muss eine coole Version von mir performen. Hier darf ich einfach ich sein.

Du musst dich nicht mehr verstellen?

Harry Dean Lewis: Berlin hat alles – das macht es schwer, sich besonders zu fühlen. Ich hatte oft das Gefühl, nur auf was aufzuspringen, was es schon gibt. In Wien kann ich mein Ding machen, ohne Druck. Klar, ich bin manchmal neidisch, wenn ich einen Song hör und denk: „Shit, den hätte ich gern selbst geschrieben.” Aber dann frag ich: „Willst du was zusammen machen?” Der Vibe hier ist kollaborativ. Und das Tempo lässt einen atmen.

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Berlin hat dich nicht atmen lassen?

Harry Dean Lewis: Ich wirke nach außen sehr offen, aber in Berlin hatte ich eine Mauer hochgezogen. Ich komm aus einer sehr sozialen Familie – aber Berlin war cliquig. Man musste in bestimmte Schubladen passen – Techno oder dies oder das. Das hat sich für mich nie richtig angefühlt. Jetzt genieße ich sogar das Alleinsein. Wien gibt mir die Freiheit, für Wochen zu verschwinden, ohne mich schlecht zu fühlen. In Berlin hatte ich ständig FOMO. Wien erlaubt mir, zu gehen, zu denken, zu existieren. Es ist schön, verbunden, und alles ist in 30 Minuten erreichbar – das verändert, wie man Zeit und Energie wahrnimmt.

Klingt so, als hättest du den Umzug wirklich gebraucht.

Harry Dean Lewis: Auf jeden Fall. Und das hört man auch in meiner Musik. Mein letztes Album kam aus einem Zustand von Unklarheit. Jetzt schreibe ich viel direkter, verletzlicher. Ich kann traurig sein, ohne daraus Wut zu machen. Ich kann Wut fühlen – und versteh, woher sie kommt. Das alte Album war wie eine staubige Platte, die ich erstmal spielen musste. Jetzt fühlt sich das Schreiben klarer an – weniger schmerzhaft.

„HIP-HOP IST KEIN KÄFIG.”

Musste der Schmerz erst da sein, damit du ihn gehen lassen konntest?

Harry Dean Lewis: Vielleicht. Aber das Ganze war auch sehr therapeutisch. Man sieht oft erst mit Abstand, was los ist. Ein Album hilft dabei. Wie Therapie: Man redet über etwas, das noch diffus ist – schreibt Tage später drüber – und plötzlich ergibt es Sinn.

Führst du ein Journal?

Harry Dean Lewis: Ja, es hilft mir, zu akzeptieren, dass ich nicht sofort alle Antworten haben muss. Als Kinder lernen wir oft das Gegenteil – und das macht Druck. Aber genau im Fehler-Machen, im Experimentieren lebt Kreativität. „Das innere Kind bewahren” heißt ja nicht, naiv zu sein – sondern offen für Neues.

Also ist dein Projekt im Kern ein Wachstumsprozess?

Harry Dean Lewis: Genau. Das macht Kunst nachhaltig. Wenn ich heute behaupten würde, alles zu wissen – was mach ich dann in sechs Monaten? Diese Haltung hält mich in Bewegung. Vor allem im Rap, wo ich mich total frei fühle. Schau dir Tyler, the Creator an – Hip-Hop ist kein Käfig. Es ist riesig. Und ja, auch Kanye – bei allem Drumherum – seine Produktionen sind nach wie vor krass.

Und dein Name klingt sowieso schon nach Hollywood: Harry Dean Lewis!

Harry Dean Lewis: Ich fand den früher etwas komisch – vor allem im Hip-Hop-Kontext. Aber Namen wachsen mit einem. Ich hab überlegt, ihn zu ändern – aber alle merken sich den. Ein Typ in einer Bar hat mich mal Monate nach einem Gig nur am Namen erkannt. Der bleibt hängen. Übrigens: Ich heiße eigentlich Harry Dean Singleton Lewis. Singleton ist der Mädchenname meiner Mutter. Mein Vater hieß ursprünglich Levin, das wurde zu Lewis, nachdem seine Familie aus Osteuropa fliehen musste. Mein Name ist also auch eine Geschichte – und die wächst mit mir.

Danke für deine Zeit!

Christoph Benkeser

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Links: 
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