„Wie komme ich eigentlich dazu, mir vorschreiben zu lassen, wann meine Karriere vorbei ist?“ – PAENDA im mica-Interview

Mit ihrer neuen EP „Too Young to Feel Old, Too Old to Feel Young“ (Sick Kick Records / VÖ: 13.03.26) zeigt sich PAENDA einmal mehr als Popkünstlerin mit klarer Haltung. Zwischen druckvollen Beats, schillernden Synthflächen und eingängigen Hooks entfaltet sich ein großer, tanzbarer Sound, der zugleich Raum für ruhigere, nachdenkliche Momente lässt. Inhaltlich kreist die EP um das Lebensgefühl einer Generation, die sich irgendwo zwischen Aufbruch und Erwartungsdruck wiederfindet – zu alt für jugendliche Klischees, aber längst nicht bereit, sich von fremden Rollenbildern ausbremsen zu lassen. Im Interview mit Michael spricht PAENDA über die Rolle, in die weibliche Popkünstlerinnen über dreißig gedrängt werden, über das Selbstbewusstsein, das sie sich erst über Jahre erarbeiten musste, und darüber, warum sie Mainstream-Pop liebt und sich deshalb nicht als Alternative-Artist sieht.

Ich habe nachgesehen, wann ich zum allerersten Mal über dich geschrieben habe. Das war 2016 – vor zehn Jahren. Damals warst du 27. Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Du bist keine blutjunge Musikerin mehr, die das Leben in vollen Zügen auskostet und alles ausprobiert, aber du gehörst in keiner Weise zu einer älteren Generation. Du bist irgendwo dazwischen. Und genau das ist auch das Thema der EP. Wenn du auf deine Anfangstage zurückblickst: Was hat sich für dich verändert? Worin bist du anders geworden? Bist du kämpferischer, routinierter – oder vielleicht vorsichtiger im Hinblick auf die Zukunft? Gerade Frauen im Pop-Business haben es, wenn sie älter werden, oft schwerer. Oder ist das inzwischen nur noch ein Klischee?

PAENDA: Nein, nein, die Klischees stimmen tatsächlich noch immer. Man merkt das nach wie vor. Das war auch ein Mitgrund, warum ich die EP so genannt habe. In der Vergangenheit gab es Momente, in denen ich mir dachte: Jetzt höre ich auf. Vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, um Schluss zu machen. Ich habe mich dann aber immer wieder bewusst dafür entschieden, weiterzumachen – gerade auch, weil ich mich gefragt habe: Wie komme ich eigentlich dazu, mir vorschreiben zu lassen, wann meine Karriere vorbei ist? Und warum kennen wir so wenige Frauen Anfang dreißig, die erfolgreich auf den Bühnen stehen? Mir ist klar geworden, dass Frauen in ihren Dreißigern medial oft in eine bestimmte Rolle gedrängt werden – gewissermaßen ins Private, nach Hause, zu ihren Kindern. Ich habe mir gedacht: Ich möchte für all jene Frauen stehen, die in ihren Dreißigern noch nicht bereit sind, ihre Träume aufzugeben und ihre Karriere aus den Augen zu verlieren – egal, ob sie eine Familie haben möchten oder nicht. Meiner Meinung nach geht beides.

Und weil du vorher „kämpferisch“ gesagt hast: Das bin ich definitiv geworden. Als ich angefangen habe, habe ich ja überhaupt nicht richtig verstanden, was da eigentlich passiert. Als ich damals begann, selbst zu produzieren, tat ich das auch, weil ich nicht ständig auf andere warten wollte, um Musik machen zu können. Ich dachte mir: Ich bringe mir das einfach selbst bei. Diese Idee hatten zwar auch andere, aber ich glaube, nicht wenige nutzen diesen Aspekt ihrer Arbeit durchaus als Marketinginstrument. Bei mir war das damals eher eine Notlösung, heute ist es ein fester Teil meines Musikschaffens. Deshalb war ich oft überfordert – mit den Erwartungen, die an mich gestellt wurden, mit den Dingen, die mir gesagt wurden, mit Situationen, in denen ich eigentlich gar nicht genau wusste, was ich da tue. Und trotzdem schauen dir alle auf die Finger. Das verunsichert natürlich.

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Und hat sich das geändert?

PAENDA: Das hat sich auf jeden Fall stark gelegt. Ich merke, dass ich innerlich ruhiger und bedachter geworden bin. Und ich habe weniger Angst davor, Fehler zu machen. Ich habe auch weniger Stress mit dem Gedanken, dass es irgendwann vorbei sein könnte. Denn ich habe gemerkt: Jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt ist es zu Ende, ging es doch weiter. Und ich möchte ja weitermachen. Die Routine kommt mit der Zeit ganz von selbst. Wenn man viel erlebt und viel gemacht hat, erreicht man einen Punkt, an dem man schon vieles gesehen hat – und man weiß, dass nervenaufreibende Phasen oder Stresszeiten auch wieder vorbeigehen. Ich habe einfach weniger Angst, zu dem zu stehen, wer ich als Person wirklich bin und wer ich als Musikerin sein möchte, als ich es am Anfang hatte. Ich bin auf jeden Fall gefühlt nie authentischer gewesen.

Ich habe dich eigentlich immer als sehr authentisch empfunden. Schon allein deshalb, weil du von Anfang an fast alles selbst gemacht hast – vom Einspielen über das Einsingen bis hin zur Produktion. Für mich warst du immer eine Künstlerin, die herausgestochen ist – und das nicht nur wegen der blauen Haare. Du hast dein Ding eigentlich immer durchgezogen. Wie schwer war es für dich, diese Eigenständigkeit zu bewahren?

PAENDA: Das war wahnsinnig schwierig. Es war tatsächlich eine der härtesten Aufgaben, die ich zu bewältigen hatte. Ich glaube auch, dass sich deshalb so viel verändert hat – von dem, was ich am Anfang gemacht habe, bis zu dem, was ich heute mache. Da war gefühlt alles dabei, irgendwo zwischen Dance-Pop, ein bisschen Alternative-Pop und klassischem Mainstream. Teilweise war das wirklich schwierig, weil immer wieder neue Leute dazukamen und jede und jeder einen anderen Input hatte. Dann stellt sich schnell dieses Gefühl ein: Vielleicht ist das doch nicht ganz richtig, vielleicht sollte ich wieder anders klingen. Und dann probiert man wieder einen Ausflug in eine andere Richtung.

Irgendwann habe ich aber gemerkt: Hey, eigentlich ist das total dumm. Warum mache ich nicht einfach das, was ich selbst will? Das war dann auch irgendwie der Anfang der EP. Ich habe mir gesagt: Ich mache jetzt einfach komplett das, was ich fühle – ohne irgendwelche Zwänge. Und ich denke nicht mehr darüber nach, ob das irgendjemand anderer cool findet. Ich muss es selbst cool finden. Dieses Gefühl hatte ich irgendwann ein bisschen verloren, speziell nach dem Song Contest. Da stellte sich plötzlich die Frage: Okay, wohin jetzt und was kommt als Nächstes? Und auf einmal hatte wirklich jede und jeder eine Meinung dazu – das kann man sich kaum vorstellen.

Gerade beim Song Contest fühlen sich unglaublich viele dazu berufen, ihre Meinung kundzutun und dir zu sagen, was du jetzt tun solltest und was angeblich das Beste für dich wäre. Für mich ging es dann darum, wieder an den Punkt zu kommen, an dem ich sagen kann: Hey, es ist cool, dass du das so siehst, und dein Input ist auch spannend – aber ich mache mein Ding. Wenn es von der Stimmung her passt, greife ich das vielleicht auf. Aber ich weiß, was ich fühle und was ich in mir höre. Dorthin wollte ich wieder zurück.

Ich habe das Gefühl, dass ich seit zwei, drei Jahren wieder an diesem Punkt bin. Und skurrilerweise ist das jetzt einfach Mainstream-Pop. Was ich daran lustig finde: Bei den meisten habe ich das Gefühl, ihnen wird eher nahegelegt, sie sollten ein bisschen mainstreamiger werden, damit ihre Musik irgendwo stattfindet. Bei mir war es genau umgekehrt. Ich musste mich erst von diesem Druck freikämpfen – von Sätzen wie: Warum kannst du nicht wieder ein bisschen edgier sein? Oder alternativer? Und vielleicht auch noch cooler? Irgendwann habe ich mir dann gesagt: Aber ich bin gar nicht cool – ich bin es einfach nicht. Ich höre unglaublich viel Verschiedenes gerne, eben auch tanzbaren Mainstream-Pop. Im Grunde musste ich mich davon befreien, dass mir ständig gesagt wurde, ich solle anders sein, als ich eigentlich sein möchte.

Bild der Popkünstlerin PAENDA
PAENDA © Lukas Plöchl

Die EP ist als auch als Befreiungsschlag zu verstehen.

PAENDA: Eigentlich hat es schon früher angefangen – Anfang letzten Jahres mit der Single „Up and Down“. Das war der erste Song, bei dem ich mir gesagt habe: So, ab jetzt mache ich bedingungslos das, was ich machen möchte. Und das ist diese Musik. Wenn es irgendjemandem nicht passt, weil er oder sie das so nicht im Mainstream hört, dann ist mir das egal – mir gefällt es. Und wenn jemand in mir diese coole Tante sehen möchte, die mit 27 zum Beat herumgesprungen ist und eigentlich keinen Plan von irgendwas hatte, dann kann man sich ja gern die ersten beiden Alben anhören. Aber ich will das jetzt einfach nicht mehr. Ich will das machen, woran ich gerade Spaß habe. Der Prozess hat also eigentlich schon letztes Jahr begonnen. Es hat sich dann einfach weiterentwickelt, und ich glaube, jetzt bin ich so ein bisschen am Höhepunkt dieser Entwicklung angekommen.

Die EP ist als auch als Befreiungsschlag zu verstehen.

PAENDA: Eigentlich hat es schon früher angefangen – Anfang letzten Jahres mit der Single „Up and Down“. Das war der erste Song, bei dem ich mir gesagt habe: So, ab jetzt mache ich bedingungslos das, was ich machen möchte. Und das ist diese Musik. Wenn es irgendjemandem nicht passt, weil er oder sie das so nicht im Mainstream hört, dann ist mir das egal – mir gefällt es. Und wenn jemand in mir diese coole Tante sehen möchte, die mit 27 zum Beat herumgesprungen ist und eigentlich keinen Plan von irgendwas hatte, dann kann man sich ja gern die ersten beiden Alben anhören. Aber ich will das jetzt einfach nicht mehr. Ich will das machen, woran ich gerade Spaß habe. Der Prozess hat also eigentlich schon letztes Jahr begonnen. Es hat sich dann einfach weiterentwickelt, und ich glaube, jetzt bin ich so ein bisschen am Höhepunkt dieser Entwicklung angekommen.

Es ist auf jeden Fall eine wirklich groß produzierte Pop-EP. Die Songs sind laut und energetisch. Zwar gibt es auch eine langsamere Nummer, eine Ballade, aber ansonsten ist der Bass fett und die Beats kicken ordentlich.

PAENDA: Da bin ich total schlecht. Ich versuche zwar immer wieder, auch einmal etwas weniger Energetisches zu machen, aber am Ende komme ich immer wieder drauf: Ich kann es einfach nicht. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich als Millennial in den 1990ern groß geworden bin, aber bei mir wird es trotzdem immer wieder sehr energetisch. Wenn es ruhiger wird, habe ich oft das Gefühl, dass etwas fehlt. Dann gehe ich erst recht wieder dorthin, wo die Energie ist. Ruhige Nummern sind für mich wirklich eher die Ausnahme.

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Ich finde es sehr cool bei dir, dass du – wie du selbst sagst – Mainstream-Pop machst, der bei dir aber trotzdem eine sehr authentische Note hat. Deine Musik geht schon auch in die Tiefe, vor allem textlich. Gerade auch auf dieser EP behandelst du das Thema des Dazwischenseins. Inwieweit ist Musik für dich auch ein Vehikel für deine Gefühle?

PAENDA: Voll. Sagen wir es mal so: Manchmal ist es schon ein bissl schwer. Ich schreibe mittlerweile auch ganz viel für andere und mit anderen, und ich merke schon, dass mich das extrem beeinflusst – also wie ich denke und wie ich schreibe. Deshalb brauche ich es für mich, dass ich auch einmal selbst reflektiere und überlege, was eigentlich meine eigenen Themen sind. Wenn man sich konstant mit den Themen anderer Menschen beschäftigt, ist es oft schwierig, wieder zu den eigenen zurückzufinden. Und die sind mir extrem wichtig. Ich merke nämlich, dass es für mich total schwer ist, hinter einem Song zu stehen, wenn ich nicht das Gefühl habe: Das denke ich mir jetzt wirklich.

Deshalb ist mit „Fires“ auch nur eine ruhige Liebesnummer auf der EP. Sonst findet sich auf „Too Young to Feel Old, Too Old to Feel Young“ kein Liebessong, weil das einfach nicht meine Themen sind. Obwohl es eigentlich recht leicht von der Hand geht, solche Songs zu schreiben, ist das überhaupt nicht meins. Mich beschäftigen ganz andere Dinge, und die packe ich dann halt in meine Songs. Und ich glaube, das machen 90 Prozent der Leute im Mainstreampop nicht. Dort haben Songs fast immer etwas mit Liebe zu tun – aber das fühle ich halt nicht.

Die Welt des Mainstream-Pop ist ja eine sehr, sehr große. Was braucht es deiner Meinung nach, um darin herauszustechen? Hast du da ein Geheimnis?

Bild der Popkünstlerin PAENDA
PAENDA © Lukas Plöchl

PAENDA: Ob ich wirklich heraussteche, weiß ich gar nicht. Was ich aber schon gemerkt habe: Dadurch, dass ich selbst produziere und schon auch versucht habe, Leute dazuzuholen, die mich unterstützen, bin ich am Ende doch oft wieder bei dem gelandet, was ich alleine gemacht habe – und genau das hat dann auch funktioniert. Ich glaube deshalb, dass es viel mit meiner Soundauswahl zu tun hat. Die klingt einfach anders als bei vielen anderen.

Es war eigentlich schon von Beginn an so: Ich höre Dinge anders als andere, greife zu anderen Sounds und gehe mit Sounds anders um als andere. Das ist vielleicht so mein Ding. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal für jemand anderen produziert habe und die Aufnahme zu Weihnachten zu Hause vorgespielt habe. Meine Mama, die gar nicht wusste, dass ich für die Produktion verantwortlich war, meinte nach dem Anhören sofort: „Das hast doch du produziert!“ Mein Sound dürfte also schon etwas Wiedererkennbares haben.

Was ich aber dazu sagen muss, ist, dass das für mich schon wahnsinnig viel Stress bedeutet. Ganz oft denke ich mir, wie genial das für andere Artists ist, die das abgeben können und sich auf andere Dinge konzentrieren können. Für mich bedeutet es enormen Stress, die Produktionen fertigzustellen, zu mischen und darauf zu achten, dass das Endprodukt so wird, wie ich es mir vorstelle. Was normalerweise jemand anderes übernehmen würde, mache ich halt selbst, und das nimmt mir extrem viel Zeit. Andererseits bekommt das Ganze dadurch natürlich auch meinen persönlichen Touch.

Gibt es bei deiner Arbeit eigentlich auch noch Raum fürs Experimentieren? In den Anfangstagen hast du mit Sicherheit viel am Sound herumgetüftelt. Tust du das immer noch?

PAENDA: Ja, doch – aber anders. Ganz einfach deswegen, weil ich mich als Produzentin weiterentwickelt habe und inzwischen so viel mehr Know-how habe als am Anfang. Und wie es halt so ist: Je mehr man weiß, desto weniger “frei“ fühlt man sich manchmal, als wenn man Dinge noch nicht weiß. Aber ich versuche immer wieder, mich davon zu befreien und zu fragen: Okay, was kann man denn eigentlich noch machen? Wie kann es noch klingen?

Dementsprechend ist zum Beispiel die Gitarre jetzt wieder dazugekommen. Und ich hatte auch die Idee, dieses Mal einen echten Bass einzuspielen. Das ist gerade meine neuestes “Favorite thing”. Ich habe festgestellt, dass das eigentlich kaum noch jemand macht – aber mir macht es einfach Spaß. Ich glaube, ich bin jetzt vielleicht nicht mehr die klassische Sound-Tüftlerin wie früher, sondern denke heute eher ganzheitlich.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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PAENDA live
24.4. B72, Wien, EP-Release-Konzert

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