LEYYA (c) Gabriel Hyden

„Wer nach Substanz sucht, wird sie bei uns finden“ – LEYYA im mica- Interview

Mit „Spanish Disco“ veröffentlichten LEYYA 2016 ihr Debütalbum und reüssierten damit weit über die österreichische Landesgrenze hinaus. Schon mit der Single „Superego“ hoch oben in den FM4 Charts zu finden, erklommen sie heuer sogar den Alternative-Olymp und wurden mit dem FM4 AWARD ausgezeichnet. Wer hätte gedacht, dass Oberösterreich zum Imperium des Erfolgs avanciert und nach BILDERBUCH eine weitere Bandformation hervorbringt, die international aufhorchen lässt? MARCO KLEEBAUER und SOPHIE LINDINGER sprachen mit Julia Philomena über Ambition und Fleiß, den Schmäh im Popgeschäft und billige Instrumente als Inspiration.

Vergangenes Jahr war Leyya für den FM4 Award im Rahmen des Amadeus Austrian Music Award nominiert, dieses Jahr wurden Sie mit der Trophäe ausgezeichnet. Welche Rolle spielt ein Preis für Sie?

Marco Kleebauer: Für uns bedeutet der FM4 Award, dass Leute mitbekommen, dass wir Musik machen und unsere harte Arbeit auf Resonanz stößt. Der Amadeus ist, man kann es nicht leugnen, der wichtigste österreichische Musikpreis und der FM4 Award mit Sicherheit der coolste, den wir uns vorstellen können. FM4 liefert einen großen Beitrag für die musikalische Infrastruktur, ohne diesen Sender wären wir nicht dort, wo wir sind.

Sophie Lindinger: Wenn wir nicht gewonnen hätten, hätten wir wahrscheinlich genauso weitergemacht wie zuvor. Aber es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass die Musik gut ankommt. Es ist eine Bestätigung, dass sich Ambition und Fleiß auszahlen.

„Es ist eine Challenge für uns geworden, Tiefgang und Komplexität mit dem Pop zu vereinen[…]“

Vom Teenie-Rock aus Eferding zu erfolgreichem Alternative-Pop, der weit über die österreichische Landesgrenze hinaus funktioniert – eine öffentliche Sound-Entwicklung, die mit jedem Video auf mehr Professionalität verweist. War es eine bewusste Entscheidung, zugänglicher zu werden?

Sophie Lindinger: Wenn man mit zwölf Jahren anfängt, Musik zu machen, hat man einen Keller, eine Gitarre und eine Stimme. Da kommt das dabei heraus, was man selbst gerne hört – und das war in unserem Fall Rockmusik. So wie wir selbst größer geworden sind, ist auch die Musik mit uns gewachsen. So wie wir uns weiterentwickeln werden, wird sich auch die Musik weiterentwickeln.

LEYYA (c) Gabriel Hyden

Marco Kleebauer: Es ist eine Challenge für uns geworden, Tiefgang und Komplexität mit dem Pop zu vereinen, sodass die Hörerinnen und Hörer das Konstrukt dahinter nicht mehr klar erkennen und sich fallen lassen können. Das ist natürlich die Königsdisziplin – aber egal wie gut wir darin jemals sein werden, ein großer Sender wie beispielsweise Ö3 wird uns wahrscheinlich nie spielen.

Sophie Lindinger: Für Ö3 werden wir immer zu schräg sein.

Marco Kleebauer: Man kann nicht allen gefallen. Leyya würde vielleicht gar nicht schlecht aufgenommen werden, sondern im Gegenteil die Aufmerksamkeit der Leute für neue und andere Musik schärfen.

Sophie Lindinger: Aber der Großteil würde sich damit schwertun, dass wir nicht glanzpoliert sind. Unsere Akustik ist bewusst edgy und passt nicht in eine saubere Ö3-Soundscape.

Auf diversen Internetplattformen, wie beispielsweise Wikipedia oder oe1.orf.at, findet man den Hinweis, Leyya sei nach dem Wort der Inuit für „Vermarktungsstrategie“ benannt.

Marco Kleebauer: Da haben wir uns einen Schmäh erlaubt. Ich musste einmal einen Text über unsere Band formulieren und fand das so lächerlich, dass ich etwas Lustiges behaupten wollte. Ich habe mir gedacht, dass man sich mit einer merkwürdigen Angabe vielleicht länger mit uns beschäftigt. Mir hat die Idee gefallen, dass Leyya etwas bedeuten könnte. Es bedeutet nämlich in Wirklichkeit überhaupt nichts [lacht]. Leyya hat einfach keine Google-Search-Konkurrenz, und das war damals die Hauptsache.

Sophie Lindinger: Ich weiß nicht, wer diesen Wikipedia-Artikel verfasst hat, aber ich finde es sehr lustig, wie kommentarlos die Angabe übernommen wurde. Im Nachhinein ist sie ja nicht einmal abwegig, weil unser Konzept ja glücklicherweise wirklich aufgegangen ist.

Marco Kleebauer, Sie sind auch Mitglied des Duos ANT ANTIC und haben Ihr Soloprojekt Karma Art. Sophie Lindinger, Sie leihen dem Wiener DJ MOTSA gelegentlich Ihre Stimme. Bleibt neben dem Leyya-Erfolg nach wie vor Zeit für Nebenprojekte?

Marco Kleebauer: Ich versuche, einige Dinge abzugeben, die mich nicht über alle Maßen interessieren. Zum Beispiel das Management oder Social-Media-Angelegenheiten. Es bleibt neben Leyya nicht mehr viel Zeit und wenn ich dann doch die Möglichkeit habe, mich in meinen anderen Projekten zu verwirklichen, dann möchte ich mich ganz auf die Musik konzentrieren.

Sophie Lindinger: Es gibt Phasen, da geht sich neben Leyya überhaupt nichts mehr aus. Die meiste Energie verwenden wir für unsere Band. Aber die Abwechslung hilft, frischen Wind zu gewinnen. Durch andere Projekte kommen neue Ideen. Viele Farben sind wichtig für den Kopf.

Viele Farben und ein buntes Feuerwerk bietet auch der Eurovision Song Contest, der heuer am 13. Mai in Kiew zum 62. Mal stattfand und bei dem der Portugiese Salvador Sobral zum Gewinner gekürt wurde. Wäre Leyya an der Teilnahme eines solchen Wettbewerbs interessiert?

Marco Kleebauer: Niemals! Niemals! Niemals! Das hat auch einen ganz banalen Grund: Wir sind keine interessanten Charaktere. Wenn ich mich dort auf die Bühne stelle, sieht man mich gar nicht. Beim Song Contest geht es um Entertainment. Das ist auch nicht verwerflich, nur können wir das nicht. Wenn Musik eine gute Geschichte braucht, um zu überleben, faszinierende Personen in Glitzerkostümen, dann kann Leyya einpacken.

Sophie Lindinger: Dass Salvador Sobral gewonnen hat, liegt wahrscheinlich daran, dass er herzkrank ist und dazu mit seiner Ballade aus der Masse herausgestochen ist. Wenn alles im musikalischen Sumpf verschwindet, richtet man den Fokus natürlich auf die interessanteste Person. Das haben wir ja schon bei Conchita Wurst gesehen.

Marco Kleebauer: Der sportliche Charakter eines Wettbewerbs oder einer Castingshow ist generell zu hinterfragen. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann muss das so viel Relevanz haben, dass es sich von allein nach außen trägt. Der Prozess ist dann vielleicht langwieriger, aber der Erfolg dafür dauerhafter.

„Es gibt so viele gute Musiker, die keine Schleuse finden“

Mit der nötigen Ausdauer schafft es Ihrer Meinung nach jede und jeder zum Erfolg?

Marco Kleebauer: Natürlich ist ein großer Glücksfaktor dabei. Die Aussage war sehr überspitzt formuliert. Wille und Wunsch tragen sich leider nicht von selbst nach außen. Es gibt so viele gute Musikerinnen und Musiker, die keine Schleuse finden. An uns hat auch jahrelang niemand Interesse gezeigt.

Leyya hat sich im Laufe der Zeit nicht nur akustisch, sondern auch optisch verändert. Denken Sie, dass ein ansprechendes Aussehen zu Ihrem Anklang beiträgt?

Sophie Lindinger: Die ersten Pressefotos haben wir vor drei Jahren geschossen. Damals bin ich gerade nach Wien gezogen und war sehr schüchtern und zurückhaltend. Ich hatte keine Lust, mich zu inszenieren. Mit den Liveauftritten ist das Selbstbewusstsein größer geworden und der Mut gekommen, neue Dinge auszuprobieren.

Marco Kleebauer: Bei mir war das eigentlich genau umgekehrt. Am Anfang dachte ich mir, dass es wichtig ist, wie die Haare sitzen und das Hemd aussieht. Mittlerweile konnte ich die Maske ablegen. Ich bin, wie ich bin, und ich bin in puncto Mode sicher kein Vorreiter. Vielleicht wird dieses mittlerweile authentische Auftreten als ansprechend empfunden.

Sophie Lindinger: Wir ergänzen uns da gut. Bei mir ist es das ehrliche Interesse für Mode, bei Marco die ehrliche Gleichgültigkeit [lacht].

„Sich niemals zu ernst nehmen. Das ist wichtig!“

Ähnlich wie bei der amerikanischen Pop-Königin Lana Del Ray stehen bei Ihnen inhaltlich nicht Sonnenschein und fröhliches Kinderlachen im Vordergrund, sondern durchaus ernste Themen. Im aktuellen Musikvideo „Zoo“ wird zudem visuell mit der Rollenaufteilung von Mann und Frau gespielt.

Marco Kleebauer: Uns geht das omnipräsente Vorurteil auf die Nerven, dass der Mann das Instrument spielt, produziert, eigentlich die Hauptarbeit leistet, während die Frau ein bisschen ins Mikrofon summt. Das stimmt einfach nicht. Wir machen dieselbe Arbeit. Sie produziert genauso, wie ich es tue. Darauf basiert die Idee des Videos – dass man ein bisschen mit Vorurteilen und dem Kategorisierungswahn spielt. Das haben wir in der Umsetzung dann übertrieben. Ich überzeichne das Singen stark, die Sophie spielt plötzlich auch Saxofon und dazu noch die Lyrics „Don’t believe what they say“ [lacht].

Sophie Lindinger: Sich niemals zu ernst nehmen. Das ist wichtig! Ich werde in meinen Lyrics zwar immer für uns bedeutsame Themen verarbeiten, aber so, dass sie nicht überhandnehmen, sondern im Hintergrund mitschwingen. Man kann uns konsumieren, wie man möchte. Aber wer nach Substanz sucht, wird sie bei uns finden.

Laut Spotify werden Leyya am häufigsten in Berlin gehört. Warum denken Sie, dass Ihre Musik dort am besten funktioniert?

Marco Kleebauer: Berlin ist eine progressive Stadt mit einer Herde von jungen Menschen. Das ist wahrscheinlich der Hauptfaktor. Unsere Zielgruppe sind Studentinnen und Studenten. Es ist klar, dass wir in Osnabrück oder Kitzbühel nicht viele Rezipientinnen und Rezipienten finden werden.

Sophie Lindinger: Außerdem gibt es natürlich aufgrund der Größe des Landes einige deutsche Radiosender, die uns spielen. In Österreich ist es in erster Linie nur FM4.

Marco Kleebauer: Das Phänomen der Neugier dem Fremden gegenüber ist ja bekannt. Wären wir eine Berliner Band, würde Leyya wahrscheinlich in Wien am besten funktionieren. Distanz ist reizvoll.

Gibt es für Leyya einen künstlerischen Bezug zur Heimat Eferding?

Marco Kleebauer: Inhaltlich und akustisch spielt Heimat keine Rolle für uns. Sozialisiert wurde ich, wie 90 % unserer Generation, mit amerikanischer und britischer Musik. Meine Eltern haben die Beatles gehört und keine Schlager. Viel Österreichisches hätte ich in die Musik also gar nicht mitnehmen können.

Sophie Lindinger: Schon sehr prägend war die Musikschule. Fast alle oberösterreichischen Kinder werden von den Eltern in eine Musikschule gesteckt und somit sehr früh mit Instrumenten und Gesang konfrontiert. Ohne Vorkenntnisse hätte ich viel später angefangen, Musik zu machen. Der frühe Einfluss hat meine Entwicklung sicher positiv beschleunigt.

Marco Kleebauer: Meine Kritik gilt dabei vor allem der Flöte. Das ist nämlich das erste Instrument, das man in der Musikschule in der Regel lernen muss. Meiner Meinung nach ist nichts sinnbefreiter als die Flöte. Hätte ich meine jugendliche Euphorie der Flöte schenken müssen, hätte ich später nie Musik machen wollen. Aber dank meiner wunderbaren Eltern hatte ich das Glück, dem Flöten-Trauma zu entkommen und gleich Schlagzeug spielen zu dürfen. Das war für mich sicher auch von großem Vorteil und sehr wegweisend. Zwar schräg, wenn man mit 15 Jahren weiß, was man sein restliches Leben machen möchte, dafür antreibend.

Was dient Ihnen als Inspiration?

Marco Kleebauer: Ein Haufen billiger Instrumente. Und momentan jegliche Musik, die nicht aus Europa, aus unserem Kulturkreis kommt. Beispielsweise befasse ich mich gerade intensiv mit indischer Musik. Da geht es nicht um brave Noten, sondern um Gefühl.

Sophie Lindinger: Wir versuchen gerade beide, neue Zugänge zu finden. Andere Stimmungen, die auf unserer zweiten Platte zur Geltung kommen werden. Ganz fertig sind wir noch nicht, aber wenn alles gut geht, kommt die neue Scheibe diesen Herbst heraus.

Vielen Dank für das Gespräch.

Julia Philomena

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