„WENN ICH MICH NICHT DAFÜR SCHÄME, KANN ICH ES VERÖFFENTLICHEN“ – MAGIC DELPHIN IM MICA-INTERVIEW

Nach den Alben „Leben am Mars“ und „Milde Sorte“ serviert uns der Ex-POND-PIRATES-Sänger BENJAMIN LAGEDER mit „Kopf hoch Tinderboy“ ein weiteres Gustostückerl in Sachen leicht verschrobener Weltenflucht zwischen retrofuturistischen Synthesizer-Sounds und wild ineinander verschlungener Psychedelic-Melodien. Auch diesmal generiert dieser Mix kongeniale Pop-Songs in sympathisch verspulter Schräglage, die sich diesmal sogar auch ein klein wenig ins Schlagergenre wagen, ohne an Doppelbödigkeiten und einer gewissen bohemistischen Lazyness einzubüßen. Für mica hat sich Didi Neidhart mit BENJAMIN LAGEDER aka MAGIC DELPHIN zum ausführlichen Gespräch getroffen.

Dein Debüt „Leben am Mars“ kam 2017 heraus, dann folgte ein Jahr später „Milde Sorte“ und nun hat es bis zu deinem aktuellen Album „Kopf hoch Tinderboy“ doch fast drei Jahre gedauert. War das (abgesehen von Corona) das berühmte „schwierige“ dritte Album?

Benjamin Lageder: Nein, eigentlich gar nicht. Ich hatte das Meiste schon relativ lang fertig und das Album hätte eigentlich Frühling/Sommer 2020 erscheinen sollen, aber dann kam ja bekanntlich Corona. Wir haben dann aus Pandemie bedingter Langeweile sogar probiert, die Songs nochmal und noch besser aufzunehmen, aber das hat nicht funktioniert. Ich bin auf jeden Fall froh, wenn das Album jetzt dann endlich draußen ist. Es erscheint übrigens auf unserem neuen Label „Label Records“ das ich zusammen mit Robert von Flirtmachine und Sebastian von Eleven Empire gegründet hab.

Wie bist du auf den Titel „Kopf hoch Tinderboy“ gekommen?

Benjamin Lageder: Ganz unspektakulär in einem Chat mit einem zu dem Zeitpunkt durch Tinder traurigen Freund aus Schweden. Ich dachte damals, das ist ein guter Albumtitel. Mittlerweile finde ich ihn nicht mehr ganz so gut, aber hey, scheißegal!

Das Abhauen scheint immer noch ein Thema deiner Songs zu sein. Zwar nicht ganz planlos, weil es gibt immerhin schon gewisse Destinations („Afrika“, „Ozeanien“). Aber zum einen erscheint das dann „hart aber wunderbar“ und zum anderen ist ja auch nie klar, ob es sich dabei nicht eh (nur) um künstliche Paradise handelt. Die Weltflucht also nur via Kunst. Wirklich ganz aussteigen will man nicht. Wie siehst du das?

Benjamin Lageder: Flüchten will ich natürlich oft. Manchmal reicht dann eine Survival-Doku im TV, die irgendwo im menschenleeren Alaska spielt. Ein anderes Mal muss ich halt irgendwo hinreisen, um zu erleben, dass Leute wo anders auch scheiße sind. Zum Glück gibt es da aber immer noch die Natur, die schöne, gute, erbarmungslose Natur. Wenn ich gut drauf bin, ist Flucht für mich selten ein Thema. Die Weltflucht in Kunst oder Drogen ist für mich immer eine gute Option.

„Im Grunde geht es schlicht darum, einfach ein bisschen Indie-Pop zu machen und ein schönes Leben zu leben.“

Wie entstehen eigentlich deine Texte? Vieles auf „Kopf hoch Tinderboy“ klingt sehr aus dem Moment heraus formuliert, aber hinter solchen Sachen können ja dennoch größere Überlegungen und Umarbeitungen stehen? Was ist da zuerst da? Der Text oder die Musik, oder geht es eher um Eindrücke, Ideen, die dann halt quasi von selber zueinander finden?

Benjamin Lageder: Ich mache immer zuerst die Musik und die Texte sind dann die harte Arbeit. Musikmachen tu ich lieber, aber nachdem ich niemanden habe, der mir die Texte schreibt, muss ich das dann selber machen. Es gibt aber kein größeres Konzept dahinter. Ich bin so froh, wenn mir irgendwas einfällt, was ich dann aufschreiben kann. Die Inhalte ergeben sich ja meist auch zufällig. Deshalb habe ich jetzt auch keine Message, die ich unter die Menschen bringen will. Im Grunde geht es schlich darum, einfach ein bisschen Indie-Pop zu machen und ein schönes Leben zu leben.

Du arbeitest ja sehr markant, aber nicht platt mit cheesy Synth-Sounds, die ihre 80ties-Patina gar nicht erst verstecken wollen. Das ist mitunter ein bissl fremdschämig cringe (wenn etwa bei „Ozeanien“ Toto kurz mit Sound-Partikeln von „Roseanna“ und „Africa“ vorbeischauen) und hat so einen diffusen Barbapapa- & Teletubbies-Appeal. Es erinnert manchmal auch (sympathisch) an (selbstgestrickte) Pullover mit schrecklichen Farbmustern (z.B. das Saxofon bei „Schocki Schocki“ und „Sie träumen noch“).

Benjamin Lageder: Das ist halt so das Ding. Ich find solche Pullis einfach wunderschön! Ich kaufe die immer am Flohmarkt und finde sie auch 50-Mal besser als die langweiligen Markenpullis in Beige. Ich versuch jetzt aber auch nicht, irgendwie nach 80iger zu klingen! Ich mache einfach Sounds, die mir gefallen und die ich sehr gut finde. Aber nachdem ich halt auch sehr auf Trash stehe, zieht sich diese Vorliebe scheinbar bis zu den Synthesizern durch. Zudem wüsste ich auch gar nicht, wie ich ein Saxofon unkitschig einsetzen könnte. Der Sound ist doch dafür gebaut.

„Früher habe ich zum Spass öfter mal Schlager gemacht.“

Jetzt sind cheesy 80ties/90ties-Styles ja aktuell auf fast jedem TikTok-Video zu sehen. Du beackerst dieses Feld aber schon länger und vor allem scheint dein Zugang ein eher unironischer zu sein. D.h., du stehst schon zu deinen guilty pleasures. Was gefällt dir daran, bzw. wie entscheidest du da, wann es too much ist und es okay ist, etwas an-, aber nicht auszuspielen? Bzw. wie lange schraubst du an einen Sound herum?

Benjamin Lageder: Bei mir ist das generell so, und das gilt auch für die Texte: Wenn ich mich nicht dafür schäme, kann ich es veröffentlichen. Aber wo da jetzt die Schwelle liegt und vor allem wie die sich ergibt, da habe ich keine Ahnung. Scheinbar liegt die Latte sehr tief… [lacht]

Früher habe ich zum Spass öfter mal Schlager gemacht. Ein Song wurde sogar zum Hit in meinem damaligen Stammlokal, dem Denkmal falls das noch wer kennt. Das war dann so die Nummer, die nach der Sperrstunde aufgelegt wurde und alle haben dann mitgesungen. Der Text war: „Wir umrunden die Welt, ich zeig dir Sterne und den hellsten reservier ich für dich. Baby bist du bereit, zeig dir die Wunder der Erde. Ein Blick in deine Augen und ich war verloren.“ Eine Wahnsinns-Nummer halt.

Magic Delphin (c) Sebastian König

Könnte diese „Cheesiness“ auch als ein Statement gegen tradierte Rockverständnisse von dem, was so ein „Boy“ (oder „Man“) sein soll interpretiert werden?

Benjamin Lageder: Für mich war das nie ein Thema, wie ich als Mann sein muss und ich bin mir als weißer, mitteleuropäischer Cis-Mann über dieses Privileg sehr bewusst. Mir ist aber auch das Rockverständnis von irgendwelchen Typen, die ich nicht kenn, auch ziemlich scheißegal.

Macht es dir eigentlich Spass einen (schon etwas teureren) Moog-Synthesizer „billig“ klingen zu lassen?

Benjamin Lageder: Das ist Ansichtssache. Für mich sind meine Sounds unbezahlbar!

Musikalisch können deine Songs ja im weiten Feld zwischen „Psychedelic Pop“ und „Dream-Pop“ angesiedelt werden. Bei einigen verschlungenen Gitarrenlicks und kurzen Melodie-Parts fällt die Entscheidung schwer, ob das jetzt eher ganz späte (und eben auch cheesige) Beatles, ein aufgeräumter Frank Zappa (ohne seine typische Pop-Allergie) oder die Beach Boys plus Primal Scream zu „Screamadelica“-Zeiten sind („Früher war hier Eis“). Ergibt sich so was irgendwie, oder stecken dahinter aktuelle Beschäftigungen bzw. Konzepte?

Benjamin Lageder: Ich kenne die Beatles und die anderen, aber in letzter Zeit hab ich eher zeitgenössisches Zeug wie Thundercat, Beach House oder The Voidz gehört. Zappa finde ich super, aber den hör ich eher relativ selten und die Beach Boys eigentlich nie. Ich weiß auch nicht, wieso sich das so anhört für dich, freut mich aber.

Naja, Thundercat ist ja eh wie Beach Boys plus jazzy HipHop-Gefrickel.

Benjamin Lageder: Da schau her. Muss ich mal nachhören.

Fast all deine Songs kommen als quasi mosaikhafte Fleckerteppiche daher, als unhektisches Patchwork diversester Stile, Genres und Einflüsse. Wenn du das mit Samplern und nicht mit Instrumenten in Echtzeit live im Studio einspielen würdest, könnte deine Musik auch Hyper-Pop genannt werden. Beziehst du viele Einflüsse auch aus dem Internet? Ein Begriff wie „Tinderboy“ lässt ja auch darauf schließen.

Benjamin Lageder: Puh, ja natürlich. Ich höre ja Musik hauptsächlich übers Internet oder live und der Algorithmus zeigt mir dann öfters auch mal ähnliche Bands, die ich dann gut find. Der Algorithmus sagt mir, was ich tun soll, ich mach das dann, er beeinflusst mich, er macht das toll.

Was schon immer ein Kennzeichen deiner Musik war, ist die Tatsache, dass deine Songs zwar um die „Geschichtlichkeit“ ihrer Sounds wissen, dabei jedoch nie in die Retrofalle tappen. Da ist alles immer in der Jetztzeit. Diesmal habe ich mir aber gerade bei Songs wie „Lass los“, „Sie Träumen noch“, oder „Ozeanien“ plötzlich auch die Frage gestellt, wie sich solche Songs eigentlich zum Schlager positionieren, weil ich da schon auch immer wieder an die Münchner Freiheit denken musste (die ja auch in Indie-Kreisen einen sehr guten Ruf besitzen). Gibt es da Bezüge?

Benjamin Lageder: Ich kannte die Münchner Freiheit bis vor Kurzem nicht, dann hat Agnes die Nummer „So lang’ man Träume noch leben kann“ in ihrer Performance verwendet und da war ich verloren. Ich bin in der Nacht oft aufgewacht und hatte die Melodie im Kopf, hab den Song sogar auf der Gitarre gelernt! Und sowas passiert sehr selten bei mir, dass ich andere Songs nachlerne! Aber eine super geile Nummer. Die muss ich mir bald wiedermal anhören! Gut, dass du sie erwähnt hast. Aber ich glaub, für Schlager ist Magic Delphin noch ein bisschen zu schräg. Da gibt es immer noch deutlich zuviel Maj7-Akkorde. Aber wer weiß, was noch passiert. „Sag niemals nie“ sag ich immer!

Magic Delphin (c) Sebastian König

In „Früher war hier Eis“ singst du „Verschwende deine Zukunft“. Ist das ein direkter Bezug zu „Verschwende deine Jugend“ von DAF?

Benjamin Lageder: Das sollte eher in Richtung Soren Kierkegaard „Entweder / Oder. Ein Ekstatischer Vortrag“ gehen, ist aber nicht so geglückt, wenn ich jetzt so drüber nachdenke. Es folgt ein Zitat: „Lache über die Torheit der Welt / du wirst es bereuen; weine darüber / du wirst es auch bereuen; lache oder weine über die Torheit der Welt / du wirst beides bereuen; entweder du lachst über die Torheit der Welt, oder du weinst darüber / bereuen wirst du beides…“ Das gefällt mir sehr gut. Verschwende deine Zukunft oder verschwende sie nicht, du wirst beides bereuen.

„Ich bin einfach auch öfters melancholisch und das lässt sich leichter in Songs verpacken.“

Auch wenn Abhauen, oder Rumstehen und Zeittotschlagen bei dir durchaus auch als „cool“ codiert sind, hängt über dem ganzen Album nun doch auch eine gewisse Melancholie, die mir in dieser Form früher noch nicht so stark aufgefallen ist. Wie kam es dazu, oder ist das halt der genial „doppelte Boden“, den wir dann ja auch bei jenen Schlagern entdecken, die uns (heimlich oder offen) gefallen?

Benjamin Lageder: Ich bin einfach auch öfters melancholisch und das lässt sich leichter in Songs verpacken, als wenn ich wieder mal voller Freude mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre und an einem sonnigen Sommerabend das Heizkraftwerk Mitte in der Abenddämmerung bewundere. Obwohl, das nächste Album wird wieder mehr happy werden. Das verspreche ich.  

Bei „Wildlife“ singst du davon, wie „sinnlose Worte“ Halt geben können und schwärmst von „genialen Freaks“ und einer damit verbundenen „Magic“. Aber gibt es überhaupt noch „Freaks“? Wird dieser Begriff aktuell noch verwendet? Oder gibt es dieses „Wildlife“ nur noch im Museum oder im audio-visuellen Video-Zoo von Youtube in Form von ausgebleichten VHS-Videos?

Benjamin Lageder: Oh Mann, die Sprachverständlichkeit, ich weiß. Ich singe „Das hier geht an alle Freaks“, egal ob genial oder nicht. Habe ich wohl verpasst, dass man den Begriff „Freaks“ nicht mehr verwendet [lacht]. Ich liebe Freaks. Freaks! Freaks! Freaks! Der Song ist ein Beispiel dafür, wie Füllwörter oft einen ganzen Text von mir prägen können. Ich singe immer erst in Fantasiesprache über die Songs, um eine sehr gute Gesanglinie zu finden und bei „Wildlife“ kam irgendwann das Wort „Wildlife“ aus mir heraus. Wahrscheinlich war das in meiner Tierdokuphase.

Du hast Anfang Oktober in Zusammenarbeit dem Salzburger Toihaus Theater ein Indie-Pop-Konzert im Rockhouse für Kinder entwickelt. Zuvor hast du ja schon beim Kinderstück „Die Schnecke im Universum“ mitgearbeitet und bei der Theater-Performance „Die Infantin trägt den Scheitel links“. Wiesehr haben sich diese Sachen auf deine Pop-Sachen ausgewirkt?

Benjamin Lageder: Während jeder Probenphase kam es bei mir bis jetzt immer mal zu dem Punkt, an dem ich mir gedacht habe, „Oh Mann, ich kann eigentlich gar nichts! Was mach ich hier? Ich sollte das alles eigentlich lassen.“

Und am Ende steht man dann vor strahlenden glücklichen Gesichtern, die dir applaudieren und man freut sich, dass man jahrelang in dunklen Zimmern Instrumente gelernt hat und jetzt für Geld Musik machen kann. Dieses Ausgeliefertsein, dieses sich Unperfekt zu zeigen während den Proben, dass kannte ich vorher nicht so. Bei meinem Pop-Zeug arbeite ich ja zuerst alleine an einer Nummer. Wenn ich sie dann kann, dann erst gehe ich damit in den Proberaum zu den Kollegen oder nehme sie auf. Und erst dann wird solang daran gearbeitet, bis sie perfekt ist. Dann kommt die Veröffentlichung oder das Live-Konzert.

Ich will auf jeden Fall so viel wie möglich weiter im Theater etwas machen! Mir gefällt das sehr. Wie sich das auf meine Pop-Musik auswirkt, kann ich erst in der Zukunft sagen. Die letzten zwei Produktionen waren sehr aufwendig und haben keine Zeit für neue Delphin Songs gelassen.

Wird es zu „Kopf hoch Tinderboy“ auch Konzerte geben?

Benjamin Lageder: Ja wir spielen am 9. Dezember im Kramladen in Wien und am 10. Dezember im Jazzit in Salzburg.

Danke für das Interview.

Didi Neidhart

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