Die Wiener Band WERCKMEISTER stellt auf ihrem neuen Album „Maruschka“ in eindrucksvoller Weise ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis. War die Musik auf dem Vorgängeralbum „Kairos“ (2022) noch in klare Songstrukturen gefasst, im gitarrengeprägten Bandsound gehalten und im Ton eher dunkel, so zeigen sich die neuen, einmal mehr charakterstarken Songs der Truppe rund um den Sänger und Songschreiber DAVID HOWALD in ihrem Klang nun deutlich reduzierter und in der Stimmung heller und versöhnlicher. Im Interview mit Michael Ternai erzählen David HOWALD und FLORIAN HÜMMER über den Bruch mit dem Rock ‘n’ Roll, ihren neuen musikalischen Ansatz und die Hinwendung nach außen.
Hört man sich euer letztes Album „Kairos“ an und euer neues „Maruschka“ wird sofort klar, dass ihr musikalisch einen etwas anderen Akzent setzt.
David Howald: Das Album ist auf jeden Fall reduzierter, wobei es von der Produktion her ausdifferenzierter und vielschichtiger ist. Außerdem ist der Elektronik-Anteil höher als noch auf dem Vorgängeralbum. Ich würde sagen „Maruschka“ ist im Ganzen etwas aufwendiger produziert. Das letzte haben wir im Grunde ja live eingespielt.
Beim neuen Material war der Anspruch, etwas zu schaffen, das sich mehr in sich selbst dreht, langsam entfaltet und vertieft – und das nicht über die üblichen Tricks und Songstrukturen, sondern mehr in kreisförmigen, mantrischen Mustern vorgeht. Die Lieder enthalten auch weniger Gitarren, wodurch sie sich noch weiter von Rock ‘n’ Roll-Klischees entfernt haben, als das auf dem ersten Album noch der Fall war.
War dieser Bruch mit dem Rock ‘n’ Roll mit dem gleichzeitigen Vorhaben, sich in eine andere Richtung zu bewegen, eine bewusste Entscheidung?
Florian Hümmer: Eine bewusste Entscheidung, mit dem Rock ‘n’ Roll zu brechen, gab es nicht. Es war vielmehr so, dass die ersten beiden Songs des neuen Albums, die mehr in die elektronische Richtung gehen, bereits recht früh vorhanden waren. Sie waren schon im Frühstadium so gut produziert, dass wir keine große Veranlassung sahen, aus ihnen jetzt noch eine Bandversion zu machen. Damit hat sich, glaub ich, die musikalische Richtung des Albums dann von selbst ergeben. Kannst du das unterschreiben, David?
David Howald: Ja, das kann man so sagen. Generell würde ich sagen, dass wir dieses Mal den Mut hatten, die Songs auf dieser eher kargen und unaufgeregten Ebene zu belassen und den elektronischen, teilweise repetitiven Beats, Sounds und Loops Raum zu geben. Es ist manchmal einfach besser, die Dinge in einer minimalistischen, vermeintlich primitiveren Form stehenzulassen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Ich finde, dass die Songs aufgrund der vielen kleinen Details viel durchdachter wirken.
David Howald: Normalerweise ist es ja so, dass eine Songidee zweimal verwässert wird. Einmal, wenn du ihn mit der Band übernimmst, und dann noch einmal, wenn du ihn im Studio aufnimmst. [lacht] Dieses Mal gibt es – wenn überhaupt – nur einen Verwässerungsschritt bzw. Relfexionsschritt. Oder eben auch gar keinen. So gesehen würde ich sogar sagen, dass das neue Album weniger durchdacht ist. Es kommt aber ein bisschen konzentrierter bzw. zielgerichteter daher, da es dieses Mal nur sieben Songs sind. Wobei sich zwischen diesen genremäßig schon eine ordentliche Kluft auftut. Die musikalischen Brüche sind auf „Maruschka“ also vielleicht gerade wegen der Verknapptheit noch härter und spürbarer.
War diese musikalische bzw. stilistische Offenheit einer der Grundidee für das Album?
David Howald: Wie schon beim letzten Album hatten wir viel Songmaterial zu unseren Händen. Das Ziel war es, eine stimmige Auswahl zu treffen, die trotz ihrer Heterogenität in eine unverkennbare und authentische Richtung arbeitet. Unserem ersten Album wurde ja vorgeworfen, zu vielfältig zu sein. “Maruschka” ist in vielerlei Hinsicht noch vielfältiger. Also wünsche ich allen, die mit dem Debüt bereits Probleme hatten viel Freude damit. [lacht]
„Das Album ist somit sicher auch ein authentischer Abriss von dem, was wir über die Jahre musikalisch inhaliert haben.“
Florian, du kennst und arbeitest mit David schon ewig zusammen. Was war für dich an der Entstehung dieses Albums anders?
Florian Hümmer: Dass sich alles irgendwie zwischen den Extremen abgespielt hat. Einerseits gibt es zum Beispiel diesen einen zentralen, wenn auch an letzter Stelle platzierten Song, „Im Frühling der Chimäre“, den wir mit der Band fast aus dem Nichts erschaffen haben. Andererseits gibt es die stärker produzierten Songs, die Elektronik-lastig sind und erstmal nicht viel Zeit im Proberaum in Anspruch genommen haben, dafür jedoch umso mehr Zeit im Studio, bei der Suche nach den passenden Sounds, benötigten. Diese beiden Schienen sind eben auf diesem Album vertreten und oft gar verschränkt.

David Howald: Aber man muss schon auch ehrlich sagen, dass das die Musik ist, die wir hören. Wir haben ja mittlerweile doch ein paar Jahre der Musik-Rezeption auf dem Buckel und viele Vorlieben. Der Song „Paloma“ ist ein klassisch-analoger Song, der auch in den siebziger Jahren hätte aufgenommen werden können. Bei dem hört man leicht den Velvet Underground-Einfluss heraus. Andere Vorbilder wie Björk oder Autechre schlagen sich in den abstrakteren Stücken und in den Bausteinen bestimmter Stücke nieder. In der heutigen Zeit, finde ich, kann das alles nebeneinander und ineinander existieren. Wenn man es so macht, dass die analogen Songs nicht wie nostalgische Vignetten, sondern offen daherkommen, dann geht das. Und das war auch ein wenig das Ziel. Das Album ist somit sicher auch ein authentischer Abriss von dem, was wir über die Jahre musikalisch inhaliert haben.
Ich finde spannend, dass ihr zu dem steht, woher ihr musikalisch kommt und auch nicht verleugnet, dass eure Vorbilder sehr wohl Einfluss nehmen auf eure Musik. Kommt nicht oft vor. Aber wie sehr glaubt ihr, ist dieses Album der nächste Schritt hin zum wirklichen Werckmeister-Sound?
David Howald: Es ist auf jeden Fall ein Schritt dorthin. Ich hoffe jedoch gleichzeitig, dass wir nie dort ankommen werden. [lacht]
Florian Hümmer: Uns ist es im Grund nicht möglich diese Einflüsse zu kappen. Das, was man hört, kommt natürlich in der eigenen Musik heraus. Und je vielschichtiger die Einflüsse sind, die man hat, desto vielschichtiger wird auch die eigene Kunst. Das spiegelt sich natürlich alles irgendwie wider. Ich bin überhaupt der Meinung, dass nicht nur diese ganzen Genreeinteilungen heutzutage zusehends verschwinden, sondern auch mehr und mehr die diskret abgeschlossenen Medien und Disziplinen.
David Howald: Ja – eigentlich müsste man sich bewusst einschränken, um das zu vermeiden. Was wir tun, ist, nach einer eigenen Synthese zu suchen, nach einem Sound, den es so noch nicht gibt. Und ich glaube, dass uns dieser Schritt mit dem neuen Album gelungen ist. Es ist auf seine Weise irgendwie extremer als das erste, vor allem wegen der Zusammenstellung. Gleichzeitig ist es paradoxerweise aber auch zugänglicher, finde ich.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Was sind die Themen, die ihr in euren neuen Songs behandelt. Auf dem letzten Album war zum Beispiel ein großes Thema, dass du, David, Vater geworden bist.
David Howald: Beim letzten Album war es tatsächlich das Vaterwerden und die damit verbundenen Gefühle, die einen guten Strang der Songs schufen. Der andere Strang war eine starke Introspektive. Die Texte glichen oft einer Art innerem Monolog, einer Kontemplation, die sicherlich auch durch die damaligen äußeren Umstände – Pandemie, Lockdowns etc. – beeinflusst wurden. Jetzt ist es mehr eine Hinwendung nach außen. Viele der Songs auf dem neuen Album sind im weitesten Sinne Liebeslieder. Man könnte sagen, die Songs sind kleine Oden an die Menschen, die um mich herum sind und mich begleiten. Der Song “Wenig bis Nichts” zum Beispiel handelt von einem Freund, der sehr jung verstorben ist. Das ist schon lange her, aber es ist etwas, das wieder hochgekommen ist. Andere Lieder handeln auch schlicht von der romantischen Liebe, wie etwa von der Beziehung zu meiner Freundin. Und diese Themen wiederum, übten natürlich auch einen Einfluss auf die Musik und den farbenreichen Sound des Albums aus.
Wenn es um das Ausarbeiten der Songs geht, wie sehr, David, hörst du eigentlich auf die Band und deren Input. Wie kann man sich das bei euch vorstellen?
David Howald: Es gibt natürlich gewisse Songs, die ich geschrieben habe und welche die Band umsetzt. Manches entsteht auch direkt im Kollektiv, wie eben bei “Im Frühling der Chimäre”. Grundsätzlich ist es bei uns jedoch ähnlich, wie in vielen anderen Bands: Es gibt einen Hauptsongwriter. Aber ich habe das Gefühl, je länger wir gemeinsam spielen, desto weniger gebe ich noch irgendwelche Anweisungen. Im Grunde spielt Florian ohnehin das, was er will, und Bernhard ebenfalls. Die hören sowieso gar nicht mehr auf mich. [lacht]
Florian Hümmer: Wenn man länger zusammenspielt, verselbstständigen sich die Dinge. Jeder hat seine Rolle im Bandgefüge, sein eigenes Muster, von dem die anderen wissen, dass es funktioniert.
David Howald: Es passiert sehr viel einfach schon von alleine. Man hat eine gemeinsame Grammatik erarbeitet und kann auf alle möglichen Farben zurückgreifen und mischen, wie man will. Das war als wir anfingen auf jeden Fall noch ein viel langwierigerer und wortreicherer Prozess.
Herzlichen Dank für das Interview!
Michael Ternai
++++
Werckmeister live
05.10. Café Wolf, Graz
13.10. Hafenstadt, Klagenfurt
20.10. Album-Releaseshow, RKH, Wien
++++
Links:
Werckmeister
Werkmeister (Facebook)
Werckmeister (Instagram)
