„WÄHREND DER PANDEMIE KAM DIE IDEE AUF, EINEN TEXT VON BUKOWSKI INS WIENERISCHE ZU ÜBERTRAGEN“ – FAIRWAY IM MICA-INTERVIEW

Die Band FAIRWAY besteht, die Vorgänger-Formationen mitgerechnet, schon seit den 1980er-Jahren: Heuer haben FAIRWAY ihr sechstes Album „Glückwunsch, Chinaski“ veröffentlicht, auf dem sie ins Wienerische übertragene Gedichte von CHARLES BUKOWSKI vertonen. Jürgen Plank hat mit Walter Kuhn (Schlagzeug) und Walter Glößl (Bass) über das Album und die Bandgeschichte gesprochen. Die beiden thematisieren auch, welche Verbindungen sie zwischen Bukowskis Texten und dem Wienerlied ausgemacht haben und nennen ihre Lieblingsbücher des amerikanischen Autors: Mit dabei ist „Der Mann mit der Ledertasche“, in dem Bukowski auf tragisch-komische Weise seine Zeit als Briefträger beschreibt.

Wie kam es, dass ihr Texte von Charles Bukowski übertragen und vertont habt?

Walter Kuhn: Unser Konzept bei Fairway ist, dass wir Texte von englischen, amerikanischen, schottischen und irischen Dichtern vertonen. Das war von Anfang an so, seit 1980. Mit der Zeit haben wir dann drei Bukowski-Texte im Original vertont. Während der Pandemie kam die Idee auf, einen Text von Bukowski ins Wienerische zu übertragen. Ich habe das in meinem Heimstudio gemischt und das hat eigentlich ziemlich gut funktioniert. Von den drei Bukowski-Texten ausgehend, ist diese Idee immer mehr gewachsen. Unser Sänger und Multiinstrumentalist Karl Stepan hat dann relativ schnell zehn Nummern gehabt und er hat die Texte sinngemäß ins Wienerische übertragen. Auf der CD haben wir jetzt elf Texte von Bukowski.

Wie seid ihr bei der Musik vorgegangen?

Walter Kuhn: Karl hat die Musik gemacht. Wir haben dann gemeinsam arrangiert und wollten die Musik ein bisschen reduziert anlegen, kammermusikalisch. Auf der CD haben wir dann mit Keyboards und so ausgeschmückt, aber es sollte der Text im Vordergrund sein.

Sind die drei Originaltexte von Bukowski Gedichte oder Kurzgeschichten?

Walter Glößl: Das waren Gedichte: „The Riots“, „Relentless is the Tarantula“ und „Congrats, Chinaski“. Die spielen wir in der wienerischen Version im Live-Programm und auf CD.

Fairway
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„DAS KÖNNTEN AUCH ALTE, ÜBERLIEFERTE WIENERLIEDER SEIN.“

Wieso heißt die CD im Untertitel „Charles Bukowski und die dunkle Seite von Wien“?

Walter Glößl: Wir waren überrascht, dass diese morbide, versoffene, deprimierende Art, die Bukowski an den Tag gelegt hat, die aber trotzdem zutiefst menschlich ist, im Wienerischen total gut funktioniert hat. Das könnten auch alte, überlieferte Wienerlieder sein. So schwarz, teilweise sehr traurig und trotzdem poetisch. Das hat einfach gepasst.

Ich finde, Bukowskis Texte haben trotz der Brachialität und Härte auch etwas Zartes. Wie habt ihr versucht diese Mischung rüberzubringen?

Walter Kuhn: Mit den Melodien. Der Karl ist sehr melodisch unterwegs, muss ich sagen. Dann gibt es halt die Bridge, die immer anders ist, und das Outro. Diese Bukowski-Nummern sind sehr genau durcharrangiert. Ich merke es am Schlagzeug: Ich spiele nach Noten, weil da wirklich jeder Takt anders und jedes Becken genau gesetzt ist. Unsere anderen Nummern sind Rocksongs mit Strophe, Refrain, Solo, Strophe, Refrain und Outro. Und die Bukowski-Sachen sind ganz anders arrangiert.

Ihr habt zu den Stücken eurer Bukowski-CD ganz genaue Partituren erarbeitet. Steht das nicht im Gegensatz zum dreckigen Underground-Image von Bukowski?

Walter Glößl: Die Nummern sind komplexer, die enthalten verschiedene Teile und Tempi-Wechsel. Wir hatten immer den Hintergedanken, dass wir zum Beispiel ein Cello oder ein Streichquartett dabeihaben könnten und dass wir die Partituren weitergeben können – deswegen haben wir hier eine andere Basis geschaffen. Teilweise spielen wir die Stücke auswendig, es gibt auch Stellen, an denen wir wie ein Orchester zusammen sein müssen. Das ist einfach eine andere Art zu spielen.

Die Querverbindung zu Wien und zum Wienerlied verwundert mich nicht, denn es geht bei Bukowski oft um menschliche, alltägliche Dinge und die sind vermutlich überall ähnlich. Bukowski hat alle möglichen Jobs gemacht, hauptsächlich war er Briefträger. Ich musste an das Singspiel „Schaffnerlos“ von Ambros, Tauchen und Prokopetz denken, in dem es, verkürzt gesagt, um die so genannte Unterschicht und um prekäre Arbeitsverhältnisse geht. Habt ihr auch solche Assoziationen?

Walter Glößl: Ja, im Endeffekt ist es vielleicht noch allgemeiner. Sicher, der frühe Wolfgang Ambrosund die Texte von Joesi Prokopetzund Georg Danzer, die passen da total dazu: „De Kinetten wo i schlof“ zum Beispiel.Vergleiche sind ja immer schwierig, aber mir fällt dazu Der Nino aus Wien ein, der Ernst Moldenund der frühe Austropop. Der Molden hat, glaube ich, auch Goethe oder Schiller-Gedichte ins Wienerische übertragen. Der hat auch schon ein bisschen was in die Richtung gemacht und das passt. Und der Wolfgang Ambros mit den Liedern von Tom Waits und den Bob Dylan.

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Bukowski hat sein Leben lang geschrieben und hat als Alkoholiker in einfachsten Verhältnissen gelebt. Seht ihr Parallelen zu der Blase, in der ihr seid?

Walter Kuhn: Eigentlich ist es bei uns genau das Gegenteil. Vielleicht ist das eine Sehnsucht nach etwas, das man selbst nicht kennt.

Walter Glößl: Wir sind dagegen sehr bieder unterwegs. Sicher, wir waren früher auch jung und haben die Nächte durchgemacht, aber wir haben uns nie völlig betrunken oder sind in diese Richtung abgerutscht. Wir hatten nicht so tragische Schicksale wie er.

Charles Bukowski wurde zwar in Deutschland geboren, hat aber die meiste Zeit seines Lebens in Kalifornien verbracht. Habt ihr euch musikalisch von West-Coast-Bands wie Los Lobos oder The Blasters inspirieren lassen?

Walter Kuhn: Allein durch die Geige hat man einen Einfluss von einer typischen West-Coast-Band, It’s A Beautiful Day. In den 1960er-Jahren, mit David LaFlamme an der Geige, wir klingen schon ein bisschen so.

Walter Glößl: Auch die langen Soli dieser Zeit. Ein Einfluss für uns ist auf jeden Fall Fairport Convention, Richard Thompson und solche Sachen. Das war damals ein schönes Erlebnis: Als Milica Theessink noch Folk-Festivals gemacht hat, haben wir auf der Donauinsel im selben Programm wie unsere Heroes gespielt. Steeleye Span war damals eine britische Folk-Rock-Band, oder Lindisfarne und Richard und Linda Thompson. Das war für uns toll. Und in Hallein haben wir mal vor The Chieftains gespielt. Bei uns gibt es insgesamt also eher britische Einflüsse als Einflüsse von der West-Coast.

Was sind eure Lieblingsbücher von Charles Bukowski?

Walter Kuhn: Mein Lieblingstext ist „Der Mann mit der Ledertasche“. Das Buch ist so kurzweilig, ich kann gar nicht aufhören, das zu lesen. Seine Gedichte gefallen mir punktuell. Ich habe ein Buch von ihm, in dem es nur Texte über Katzen gibt.

Walter Glößl: Das wollte ich auch sagen, wir mögen nämlich Katzen. Man kann sich an diesem Buch weiden.

Im autobiographischen Film „Barfly“, zu dem Bukowski das Drehbuch geschrieben hat, fällt der Satz, man könne in Ruhe keine guten Texte schreiben. Wie seht ihr das?

Walter Glößl: Der Karl ist ein rastloser Typ, privat hat er viel um die Ohren, mit seinen Enkeln und so weiter. Und ich glaube daher ist das Schreiben von Texten auch ein Ventil. Es ist ein Gegenpol, ich sage es einmal so, es ist einfach ein Kanal. Wir sind kreative Menschen. Ich bin oft für die Melodieeinwürfe zuständig. Ich schreibe keine ganzen Nummern momentan, aber die Mittelteile, die sind dann von mir. So hat jeder seine Aufgabe. Und es ist ein Ventil. Wenn man kreativ ist, ich glaube, das kennst du eh, dann muss das einfach raus. Bei uns ist die Basis sicher nicht ein tragisches Leben oder so. Ich muss ehrlich sagen, wir sind situiert, uns geht es auch finanziell nicht schlecht. In diesem Sinne könnten wir uns zurücklehnen und in der Hängematte liegen. Aber im Kopf sind wir immer kreativ gewesen.

„DAS ALLERERSTE ALBUM HABEN WIR IN ZWEI TAGEN IM ROSENHÜGEL-STUDIO EINGESPIELT“

Wenn ihr das neue Album in euer Werk einordnet: welche Entwicklungen seht ihr bis hierher?

Walter Kuhn: Es gibt, glaube ich, schon eine kontinuierliche Entwicklung. Das allererste Album haben wir in zwei Tagen im Rosenhügel-Studio eingespielt. Da haben wir durch irgendeine Connection zwei Tage geschenkt gekriegt. Ich weiß nicht mehr, wie das zustande gekommen ist. Wir haben am ersten Tag das Album eingespielt und am zweiten Tag gemischt. Das war’s. Im Nachhinein gesehen ist es nicht schlecht geworden.

Und wie war es bei den Alben danach?

Walter Kuhn: Das zweite Album war ziemlich reduziert, das war sehr erdig, es gab kaum Overdubs. Und bei den nächsten Alben ist dann immer ein bisschen mehr dazugekommen, finde ich.

Walter Kuhn: Wir haben dann richtig Freude an der Studioarbeit gehabt. Bei jedem Album haben wir uns mehr getraut, es ist beim Arrangement immer ein bisschen mehr geworden. Bei einer CD haben wir dann sogar ein Streichquartett gehabt. Wir haben einen Mittelteil gehabt und den hat ein Streichquartett für uns eingespielt. Da haben wir das Studio als Instrument genutzt.

Weil ihr auch bei Festivals dabei wart, auf denen eure Heroesgespielt haben: was war ein Highlight für euch? Was lernt man backstagevon Bands wie The Chieftains? Was nimmt man mit?

Walter Kuhn: Also, ich habe die Leute backstage immer so erlebt, dass sie quasi völlig normal sind. In Mistelbach haben wir mal gespielt, da hat nach uns der Roland Neuwirth gespielt. Da waren wir backstage mit ihm und das war ganz normal, so wie wir jetzt zusammensitzen.

Walter Glößl: Auch bei den anderen Begegnungen: man hat nie Allüren gemerkt. Wir haben da aber selten Kontakte für weitere Gigs geknüpft. Das ist bei uns ein Minus, ich weiß nicht, ob man das machen sollte, aber wir sind keine Netzwerker. Wir haben die beste Zeit international gehabt, als Milica Theesink uns gemanagt hat. Da war ein Bandwettbewerb, den wir im Metropol gleich gewonnen haben, ganz am Anfang. Und dann diese Folk-Festivals und so weiter. Dann hat sich das aber folkmäßig zerschlagen, und es gab eher Balkan-Festivals. Es gibt in Österreich fast keine Folk-Festivals mehr. Ich weiß nicht, ob es heute ein Publikum dafür gäbe. Heute grundeln die Folk-Bands alle eher im Keller herum. Wir waren eigentlich keine traditionelle Band, bei uns war es mehr Folkrock. Dafür gab es dann keinen Markt. Die Illusion, dass wir reich und berühmt werden, haben wir ohnehin nicht gehabt.

Walter Glößl: Wir zwei kennen uns seit 1973 und spielen seitdem zusammen. Auf unserer Homepage kann man unsere Geschichte nachlesen. Das ist vielleicht ganz interessant, wie unsere Wege verlaufen sind. Ich habe in den 1980er Jahren bei Crazy Daisy gespielt, mit Ulli Bäer an der Gitarre und so Geschichten. Wir haben da ein paar so Nebenzweige gehabt. Wir haben zum Beispiel in einer Krautrockband gespielt, ganz am Anfang. Und in einer Theaterband, die hat Spion und Spion geheißen. Zu dieser Zeit hat die EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung) auch angefangen. Und STS waren damals eine Vorgruppe von uns. Und dann sitzt man so zusammen bei einem Bier und dann sagt einer der drei: ja, in Graz gibt es jetzt auch so eine Band, die machen das gleiche wie ihr, die Erste Allgemeine Verunsicherung. Die haben den längeren Atem gehabt. Wir wollten uns dann irgendwann nicht mehr nach jeder zweiten Nummer umziehen.

Walter Kuhn: Die Band, wie sie jetzt ist, gibt es seit dem Jahr 1980. Wenn wir in England gewesen wären, wäre aus unserer Band etwas geworden. Dort hätte es Publikum für uns gegeben und es wäre zu dem entscheidenden Moment gekommen, dass uns ein Label unter Vertrag nimmt, uns produziert und betreut.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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