Aufgewachsen in Flachau, zog es Heinz Riegler in den späten Achtzigern mit einem langen Zwischenstopp in London nach Australien. Dort ist er kein unbeschriebenes Blatt. Über die Umwege, die ihn dorthin führten, was es bedeutet 80 Tage allein auf der Alm zu sein und seine Bekanntschaft mit dem Go-Betweens Mitglied Grant McLennan hat Heinz Riegler mit Johannes Luxner gesprochen.
„Sich öffnen” ist großteils auf Deutsch gesungen und wurde 1998 in Australien dennoch zum Hit. Wie gelang das Kunststück?
Keine Ahnung warum das nun genau funktioniert hat. Von der Plattenfirma bis zum Management hatten vorab alle große Bedenken, auch wenn sie den Song prinzipiell alle gut fanden. Mir ging es um die Authentizität, weil der Song innerhalb weniger Minuten im Proberaum entstand. Es wäre für mich nie in Frage gekommen ihn umzuschreiben. Wir haben den A & R-Menschen überredet und der Song hat dann eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Sechs Monate später standen beim Konzert 6000 Australier vor mir, die alle mitsingen konnten.
Irgendetwas müssen die Australier ja daraus bezogen haben …
Sie haben in erster Linie total falsch dazugesungen (lacht). Die Australier sprachen „sich” so wie „sick” aus. Es gab Parodien in der australischen Presse, die daraus „Sick often” machten. Wahrscheinlich hatte der Erfolg mit einer gewissen Offenheit und Aufgeschlossenheit der Australier zu tun. Die haben den Song total gut aufgenommen und dementsprechend lief dann auch die Platte. Ein Plan steckt hinter so etwas nie, eher eine gewisse Leckts-uns-Einstellung.
Du hast Österreich früh verlassen. Was zog dich in die Ferne?
Ich bin geborener Wiener und kam im Alter von Vier aufs Land nach Flachau, in die Heimatortschaft meiner Mutter. Vom jüngsten Alter an habe ich die Stadt vermisst. In Flachau war ich der Outkast, ich war dort der Mundl. Da entwickelte ich Fernweh. Meine Mutter hat gesagt am Fenster war immer ein großer Fettfleck, weil ich immer mit der Stirn am Glas aus dem Fenster geschaut habe. Schlussendlich fuhr ich als Teenager mit einem Kumpel nach London, weil wir uns Doc Martens kaufen wollten. Die kosteten bei uns damals in den späten Achtzigern ein Vermögen. In London habe ich in einer Jugendherberge einen Job angenommen und blieb fünf Jahre ohne viel Englisch zu können. Das war alles noch vor der EU, also ein wenig komplexer als heute. London war damals in meinem Vorstellungsbild die Stadt schlechthin, hatte eine unglaubliche Anziehung. Das coolste Ding 1987 in Flachau war ja Bruce Springsteen (lacht). Zu der Zeit war der einzige Ansatzpunkt die Ö3-Musicbox. Das muss man sich heute einmal vorstellen: Um 15 Uhr wurde der Schalter umgelegt und es spielte als Minderheitenprogramm die tollsten Sachen. Für mich ist das eigentlich österreichisches Kulturgut, das sollte endlich wer digitalisieren. Das ist mir damals extrem gut eingefahren.
Wie kam in London die Musik ins Spiel?
Ich war dort zunächst mit Kloputzen beschäftigt. Die Utopie war, ich lerne Engländer kennen und wir machen was. In den Jugendherbergen jobbte ich vier Jahre lang und stieg vom Kloputzer zum Rezeptionisten auf. Commonwealthbedingt waren dort fast nur Australier. Eines Tages waren dann diese zwei Typen aus Brisbane dort, die mit mir dann auch in der Herberge gejobbt haben. Wir haben begonnen Konzerte zu spielen. Damals gab es die Pay-To-Play-Struktur. Als neue Band musstest du 50 Pfund ablegen um spielen zu dürfen. Wir haben die erste Zeit mit der Musik nur Geld verloren. Als durch die Regelung für Menschen aus Commonwealth-Ländern nach zwei Jahren das Visum der Australier ablief, wars das zunächst schon wieder. Das mit der Musik war zunächst äußerst zäh.
Was lehrte London einem jungen Musiker Ende der Achtziger?
Dass der Spaß nur sehr schwer kommt, wenn du den Erfolg anpeilst. Wenn du 17, 18, 19 bist, hast du gewisse Vorstellungen, dass da unbedingt was daraus wird. Du startest idiotische Anläufe. Wir waren extrem naiv. Ich erinnere mich noch als wir mit dem Ghettoblaster und einem Demo zu 4AD Records gingen. Die haben uns ausgelacht – vollkommen zu Recht. Wir sind mit dem Kopf gegen die Wand gerannt. Die erste Erfahrung was, dass das nichts bringt. Die Erkenntnis war: Man muss sein Ding machen und was dann passiert, das hast du nicht in deinen Händen.
Mit der Rückkehr meiner Bandkollegen nach Australien war dann zuerst Sense. Ich habe mir eine Wohnung in Bratislava, in Petrschalka genommen. Nach einem trostlosen Winter in Bratislava fragte der Schlagzeuger, wie es denn wäre wenn ich nach Australien komme. Ich konnte es mir aber so gar nicht vorstellen, dort etwas cooles zu machen. Ich flog dennoch nach Brisbane, konnte dort bei seinen Eltern einziehen und er teilte seine Arbeitslose mit mir. Das war schon so etwas wie eine Bruderschaft, ich wurde mit offenen Armen empfangen. Dann ging alles schneller als gedacht, weil die zwei Burschen dort ein Netzwerk hatten. Bis sie mich aus Australien rausgeschmissen haben, weil ich bei einer Verkehrskontrolle einen falschen Namen angab. Ganz schlecht für wen mit einem Touristenvisum (lacht). Innerhalb von drei Tagen saß ich im Flieger und war wieder in Österreich. Allerdings nach einem Penalty-Jahr wieder zurück in Australien. Das war anscheinend die perfekte Geschichte für die Presse: Wir waren die Band mit dem Typ den sie rausgeschmissen haben. Wir hießen ja noch dazu Not From There. Als unsere Platte rauskam kam diese Geschichte in jedem Artikel, in jeder Radiomoderation. Das war damals auch noch die große Boom-Zeit für die Plattenfirmen. Das war die Ära kurz vor dem Internet, das war der Höhepunkt der CD-Verkäufe. Und dann kam der Hit.
Und damit bald die Zäsur …
Wir haben den Aria Award, (den australischen Grammy, Anm.) gewonnen, die Platte lief ausgezeichnet. Und innerhalb von zwei Jahren als der Erfolg da war, ist die Sache ganz klassisch auseinandergebrochen. Nach der zweiten Platte hat sich nach ein Virus eingeschlichen. Kohle verschwand, es gab schwindlige Manager. Es kam zu Lagerbildungen. Das muss man sich einmal vorstellen: Du investierst zehn Jahre in diese Band und dann ist alles weg. Ich war in einem Land in dem ich nicht mehr wirklich sein wollte. Es ging dennoch irgendwie weiter. Von 2004 bis 2007 hatte ich ein Punkprojekt, begann mich aber schon vorher der Experimentalszene zuzuwenden. Ich begann mit Lawrence English zu arbeiten, das waren zu Beginn vorwiegend improvisierte Konzerte. Es hat aber lange gedauert bis ich wieder Boden unter den Füssen fand. Es gab kein Management, keine Plattenfirma mehr. Das fühlte sich zunächst arg an, speziell wenn du die boomenden 90er Jahre in der Australischen Musikindustrie gerade noch miterlebt hast. Doch mit der Zeit kommst du drauf, dass es so eigentlich viel besser ist. Mit dem Strukturwandel konnte ich mich auf andere Plattformen begeben und es fühlte sich nach großer Freiheit an.
Vom Alternative-Rock hin zum Experimentellen ist eine breite inhaltliche Ebene. Welches Selbstverständnis eines Musikers schlummert in dir. Was ist der gemeinsame Nenner in deiner Arbeit?
Es ist immer Narrative-Based, ich versuche immer eine Geschichte zu erzählen. Egal ob als Songwriter oder in der experimentellen Musik. Das war immer wichtig. Ohne geht es fast nicht. Ich brauche aber immer neue Schübe. Vor allem das letzte Projekt als ich 80 Tage allein auf einer Almhütte verbrachte war extrem wichtig.
Wie kam es dazu, dass du wieder mehr Zeit in Österreich verbringst?
Ich habe nun mehr Jahre meines Lebens in Australien und England verbracht als hier bei meiner Familie. Und ich hab meine Familie vermisst. Und ich musste einfach mal raus aus Australien. Dazu kommt das mein Onkel und meine Tante eine Almhütte auf so 2000 Meter Höhe bewirtschaften – und seit ein paar Jahren gibt’s dort auch einen Stromanschluss, da kam mir der Gedanke, dass ich das was ich derzeit in Australien mache, genauso im Ennspongau machen kann und bin im Winter für 80 Tage mit dem ganzen Studio auf die Alm gegangen. Auch aus dem Grund heraus, weil die unfassbare Informationsflut mit der Zeit ein komisches Gefühl generierte. Ich wollte Abstand davon gewinnen. Das andauernde Suchen und Surfen im Netz, das kann dich fertig machen. Außerdem arbeitete ich zu dem Zeitpunkt seit mehreren Jahren an einem Album, das auf der Flamenco-Gitarre entstand. Ich bin daran verzweifelt und dachte mir, ich muss vielleicht in die Wildnis gehen, um es fertig zu stellen. Europa fehlte mir auch. Von Flachau sind es drei Stunden nach Venedig. Oder mit dem Zug bist du in acht, neun Stunden in Paris. Wenn du so lange in einem Land wie Australien lebst, in dem du dich immer in ein Flugzeug setzen musst, um rauszukommen ist das eine unfassbare Vielfalt. Europa bietet eine Vielfalt, das kann Australien nicht in dieser Art und Weise bieten. Ich hab es sehr genossen in der letzten Zeit halb Europa mit dem Auto abgefahren.
Die eigene Herkunft holt einen zwangsläufig ein?
Genau so ist es.
Und das Internet ist nicht nur ein Segen?
Ich glaube es gibt mittlerweile extrem viele Menschen die ein Problem mit der Überinformation haben. Das Internet ist genial. Doch wir müssen vielleicht noch ein wenig lernen damit umzugehen. Das große Angebot ist schon cool, aber ich hab mich die letzte Jahre über oft dabei erwischt wie ungeduldig ich durch das Internet geworden bin. Beim Musik hören zum Beispiel, wenn der Song nicht innerhalb von 20 Sekunden funktioniert, gleich zum nächsten Lied skippen … Und da versuch ich mittlerweile doch bewusst ein wenig dagegensteuern. Vor 20 Jahren war das noch ein ganz anderer Ablauf, du kaufst die Platte, schaust Dir das Cover an, legst sie auf den Plattenspieler und setzt dich auf das Sofa und beginnst zu hören. Im Zuge dessen zelebrierst du das Ding schon viel mehr. Und das möchte ich mir nicht ganz abgewöhnen. Das darf man auch nicht falsch verstehen: Ich gehöre auch nicht zu jenen, die sagen, es müsse alles auf Vinyl erscheinen. Man muss aber trotzdem aufmerksam sein was Format und Form betrifft. Wenn ich mir einen Film aus den Siebzigern anschaue, ist es verblüffend wie lange einzelne Szenen sind. Da passiert oft zehn Sekunden gar nichts. Vermeintlich. Was tatsächlich passiert: Du konzentrierst dich auf das vorher Geschehene. Dir wird Raum gegeben, es wird dir Zeit gelassen, weil es durch dich durchfließen muss. Das ist auch der augenblickliche Anspruch in meiner Arbeit. Es geht mir zur Zeit darum langsame Dinge zu machen auf die man sich als Hörer einlassen muss. Ganz ohne den Anspruch, dass es unmittelbar gefallen muss.
Entschleunigung als eine Frage des Alters?
Ja vielleicht. Es verlagern sich die Interessen. Es ist eine andere Art der Erfüllung, wenn man das 3-Minuten-Pop-Format bei Seite lässt. Früher wollte ich die Leute drei Minuten beim Krawattl packen und in die Gosch’n schreien. Und heute am liebsten einen 10-Minuten-Film zeigen, in dem vielleicht vordergründig wenig passiert …
Für deine Singer/Songwriter Arbeiten bist du zwei Mal auf der Shortlist des Grant McLennan Memorial Fellowship gelandet? Eine Erfahrung welcher Art?
Ich kannte Grant McLennan ja ganz gut, weil wir in Brisbane oft in der gleichen Bar getrunken haben, dann hat er auch einmal an meinem DJ-Abend einen Guestspot gemacht. Grant war ein sehr offener Typ der mit vielen jungen Musikern in Brisbane den Kontakt pflegte. Nach Grants ableben wurde dann diese Fellowship ins Leben gerufen und ich war mir am Anfang eigentlich gar nicht sicher ob ich wegen meiner Bekanntschaft mit Grant da überhaupt mit tun sollte. Hab’s aber dann doch getan. Wenn du dann auf der Shortlist landest, sitzt du für eine Stunde mit Robert Forster sowie Glenn Thompson und Adele Pickvance zusammen, die ja beider in der letzten Besetzung der Go-Betweens vor Grant McLennans Tod 2006 gespielt haben. Grants Schwerster Sally McLennan ist auch mit in der Runde. Du diskutierst mit ihnen über die Musik, die du eingereicht hast. Die Texte sind ihnen sehr wichtig. Und wenn Robert Forster mit dir über Lyrics redet, dann sind das schon herausragende Momente. Sie haben ja alle sehr sehr coole Arbeit geleistet und Robert kann seine Ideen und Gedanken unfassbar gut in Wort verpacken. Er schreibt in Australien auch für ein bekanntes Nachrichtenmagazin (The Monthly, Anm.) ziemlich detaillierte und spannende Music-Reviews.
Der Grant McLennan Memorial Fellowship ist eine sehr interessante Sache. Robert, Grants Schwester Sally und Grants letzte Freundin Emma haben ihn initiiert. Die Gewinner verbringen in Form eines Stipendiums entweder in New York, London oder Berlin Zeit – jene drei Städte die Grant am meisten liebte. Man muss dort nichts Bestimmtes machen. Du wirst lediglich hingeschickt um die Stadt zu genießen und im besten Fall Songwriting oder was auch immer zu machen.
Stichwort Lyrics: Wie lange dauerte es bis du für dich den richtigen Ausdruck im Englischen gefunden hast?
Das war am Anfang extrem schwer. Wenn ich mir meine Texte von 1987 ansehe, dann kommt mir das Lachen. Wenn du aber viel Zeit mit den Menschen verbracht hast und wenn du gezwungen bist jeden Tag Englisch zu sprechen, dann geht es schön langsam. Dann kommst du ins Lyrisch rein. Ab Mitte der Neunziger war das Selbstbewusstsein groß genug, dass man sich nicht mehr schämen musste (lacht).
Wie nimmst du Österreich heute war. Was ist anders?
Es ist vom Grundgefühl her auf alle Fälle ganz anders. Ich habe Kruder & Dorfmeister vor Jahren im Forum Theater in Melbourne vor 3000 Leuten erlebt. Das war eine extrem gute Party. Allein das ließ mich erahnen, dass sich in der Heimat etwas getan haben muss. Wien kenne ich zu wenig. Aber wenn ich in Flachau in die Disco gehe und dort laufen die Chicks On Speed, dann weiß ich, dass da irgendetwas passiert sein muss. Wie gesagt, Bruce Springsteen und U2 waren 1987 das höchste der Gefühle.
http://www.heinzriegler.com/