
In Stuttgart geboren und aufgewachsen, begann Drechsler mit neun Jahren in der hiesigen Blaskapelle Klarinette zu spielen. Nach intensiver Beschäftigung mit klassischer Musik fasste er den Entschluss, ein klassisches Klarinettenstudium zu inskribieren. Vorbereitungen dazu unternahm er mit einem Klarinettisten der Staatsoper Stuttgart. Mit 16 Jahren wechselte der Fokus mehr in Richtung improvisierter Musik und Jazz, wobei naheliegend war, dazu auch eines der wohl prägendsten Blasinstrumente des Genres, das Saxophon, zu erlernen – wohlgemerkt jedoch vorerst auf autodidaktischem Wege. Die ursprüngliche Idee des Klassikstudiums wurde schließlich zugunsten einer Jazzausbildung verworfen, was für Ihn den Umzug nach Graz an die Kunstuniversität bedeutete, wo er von 1992 bis 1998 Jazzsaxophon studierte. Ulrich Drechsler meinte dazu: „Ich habe es dann gelassen [das Klassikstudium], weil ich mir dachte, dass mir die klassische Musik zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten gegeben hätte, und ich auch den Eindruck hatte, dass klassische Musiker zu wenig Spaß haben im Leben“. Nach Beendigung seines Studiums verlagerte Drechsler sein Lebensmittelpunkt nach Wien wo er seit 1999 der österreichischen Jazzszene einen unverkennbaren Stempel aufdrückt.
Bereits das erste Projekt sorgte für Furore im In- und Ausland. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Lehrer, dem Schlagzeuger Alex Deutsch sowie dem Bassisten Oliver Steger wurde die Band „Café Drechsler“ – in Anlehnung an Ulrich Drechsler und das Wiener Kaffeehaus Café Drechsler – gegründet. Innerhalb von nur knapp drei Tagen nahm das Trio 40 improvisierte Stücke auf und veröffentlichte die besten davon auf dem Debutalbum „Café Drechsler“ im Jahr 2002. Stilistisch lassen sich die Stücke grob in den Bereich Nu Jazz einordnen, wo Jazzimprovisation auf Breakbeats, Soul, Funk und Dancefloor prallt. Wichtiges Element sowohl bei Liveauftritten als auch im Studio war vor allem die Improvisation. Die CD wurde 2003 für den Amadeus Music Award nominiert, belegte jedoch nur knapp den zweiten Platz hinter Joe Zawinuls „Faces & Places“. Ein Jahr darauf präsentierte „Café Drechsler“ das zweite Album „Radio Snacks“, welches 2005 mit dem Amadeus Austrian Music Award in der Kategorie „Bestes Album Jazz/Blues/World Music“ prämiert wurde. Zu dieser Zeit gab es jedoch bereits große Spannungen innerhalb der Band, die im darauffolgenden Jahr nach einem Konzert in Frankfurt schlussendlich zur Auflösung führten. Mit dem Nachfolgeprojekt „Drechsler“ wurden bisher in zwei unterschiedlichen Besetzungen die CDs „Fortune Cookie“ (2006) mit Oliver Steger am Bass, Jörg Mikula am Schlagzeug und dem DJ Zuzee, sowie „The Big Easy“ (2009) mit Patrick Zambonin am Bass, Benny Omerzell am Keyboard und dem bereits erwähnten Schlagzeuger Jörg Mikula veröffentlicht. Leider konnte aber „Drechsler“ bisher nicht an die Erfolge von „Café Drechsler“ anschließen.
Bei den ersten beiden Projekten nach bzw. parallel zu „Café Drechsler“ beschäftige sich Drechsler einerseits mit klassischer Musik, wo 2001 Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“ für sein Jazzquartett „Poesis“ neu adaptiert und auf dem Album „Nebensonnen“ veröffentlicht wurde, sowie andererseits mit der Musik des Ausnahmejazzmusikers Thelonious Monk. Die Formation „The Monk In All Of Us“ in der Besetzung Bassklarinette, Trompete, Kontrabass und Schlagzeug wurde 2004 gegründet und ein Jahr darauf für die gleichnamige CD zum Hans Koller Preis nominiert. Bereits bei diesen beiden Projekten spielte Drechsler die Bassklarinette, die von nun an zu seinem Hauptinstrument wurde.

Ulrich Drechslers Debüt als Bandleader startete mit dem Projekt „Ulrich Drechsler Quartett“ im Jahr 2005 in der Besetzung Tord Gustavsen am Piano, Oliver Steger am Bass und Jörg Mikula am Schlagzeug. Das Album „Human & Places“ demonstriert eindrucksvoll Drechslers neues musikalisches Bewusstsein. Im Vordergrund stehen einprägsame Melodien und deren sanfte Verarbeitung. Dieses Konzept wird seither immer weiter perfektioniert und in unterschiedlichen Projekten vertieft. So zum Beispiel mit seinem „Daily Mysteries Trio“ mit dem Gitarristen Heimo Trixner und Schlagzeuger Jörg Mikula oder seinen beiden aktuellen Projekten wie dem viel beachteten „Ulrich Drechsler Cello Quartett“ mit der eigenwilligen Besetzung Bassklarinette, zwei Celli und Schlagzeug – die CD „Conncinity“ wurde 2010 veröffentlicht – und dem Trio mit Benny Omerzell am Piano und Wolfgang Rainer am Schlagzeug – die CD „Beyond Words“ erschien kürzlich (2012) auf Enja Records. Das Projekt wird außerdem von der in Berlin lebenden israelischen Sängerin Efrat Alony unterstützt. In Planung steht bereits ein neues Trio in der Besetzung Bassklarinette, Ud und Cello. Daneben arbeitet Drechsler im Bereich Filmmusik, so wurde zum Beispiel der 2009 präsentierte österreichische Spielfilm „Todespolka“ nahezu vollständig von seiner Band live vertont.
Wie es scheint ist Ulrich Drechsler trotz einiger Umwege mittlerweile auf dem richtigen Weg zu seinem wahren musikalischen Ich angelangt und wir dürfen mit Sicherheit gespannt sein, wie die Reise weitergeht.
“Musik hat die Macht, all das auszudrücken, was Worte nicht zu sagen vermögen. Sie kann das ganze Wesen, das Herz, die Seele und den Geist eines Menschen widerspiegeln. Umso ehrlicher sollte sie sein.” (Ulrich Drechsler)
Georg Demcisin
Ulrich Drechsler © Wolf-Dieter Grabner
http://www.ulrichdrechsler.com