Das Wiener CHELSEA feiert sein 30-jähriges Bestehen. Anlässlich dieses Jubiläums sprach Julia Philomena mit OTHMAR BAJLICZ, dem Gründer und Besitzer des Kultlokals am Lerchenfelder Gürtel, ÜBER VIVIAN WESTWOOD und die SEX PISTOLS, die reizüberflutete Jugend und seine einstigen Beweggründe, eine Wiener Institution für Alternative-Rock-LiebhaberInnen zu gründen.
Wie kamen Sie als ehemaliger Fußballprofi auf die Idee, ein Musiklokal zu gründen?
Othmar Bajlicz: Weil man ja nicht ewig Fußball spielen kann, habe ich mit 30 Jahren aufgehört. Meine andere große Leidenschaft war schon immer die Musik und ich habe damals kurzer Hand beschlossen, mein anderes „Fantum“ beruflich auszuleben.
Verglichen mit heute, wie haben Sie vor dreißig Jahren die Stimmung in Wien empfunden?
Othmar Bajlicz: Heute ist alles viel bunter und vielfältiger. Es gibt mehr Möglichkeiten, Musik zu machen und live zu spielen. Das war damals überhaupt nicht der Fall. Wien war eine graue Großstadt mit wenig kulturellen Angeboten, vor allem für junge Menschen. Die Livemusik-Szene war quasi nicht vorhanden. Es gab die Diskothek U4, in der einmal wöchentlich gute Konzerte stattfanden, allerdings in einem Club-Kontext. Die Arena gab es dann noch und die Szene Wien, die aber als reiner Veranstaltungsort immer schon Eintritt verlangt hat. Ein lockeres Zusammentreffen von Musikliebhaberinnen und -liebhabern war dort nicht möglich.
Wir haben in der Hinsicht sicher Pionierarbeit geleistet, indem wir ein Lokal mit einer Livebühne und DJs eröffnet haben. Das Chelsea ist schnell ein Treffpunkt für alle musikinteressierten Leute geworden, also für die Musikerinnen und Musiker selbst, für Redakteurinnen und Redakteure und für Freaks.
Hat die Wahl des Lokalnamens Chelsea mit Ihrer früheren Fußballerkarriere zu tun?
Othmar Bajlicz: Nein, nein, der Name hat mit Fußball nichts zu tun, sondern ebenfalls mit Musik. In den 70er-Jahren sind für mich sehr prägende Szenen in London entstanden, unter anderem die Punk-Szene im Stadtteil Chelsea. Die Sex Pistols haben sich dort immer vor der Boutique der Vivian Westwood getroffen. Ihre Band-Shirts hatten sie ja auch von ihr.
Wie hat sich das Publikum in den vergangenen drei Jahrzehnten Ihrer Meinung nach verändert?
Othmar Bajlicz: Durch diverse gesellschaftspolitische Neuerungen hat sich das Publikum sogar sehr verändert! 1986 gab es keine Handys, kein Internet, kein Facebook. Früher war vieles kompakter, während heute alles im Überfluss vorhanden ist und die Menschen alle reizüberflutet sind. Vor 30 Jahren sind die Leute deutlich bewusster wegen der Musik ins Chelsea gekommen. Das war alles intensiver.
Eine Leidenschaft ist früher besser zur Geltung gekommen, auch optisch. Es hat ja die verschiedensten Gruppierungen gegeben, Punks, Gruftis, Mods, was weiß der Teufel! Wenn du jetzt in einen Schulhof gehst, schauen dort alle gleich aus. Man sieht die Haltung der 18-Jährigen nicht oder das, worum es Ihnen geht. Es wird so viel konsumiert, wahrscheinlich zu viel.
„Wir versuchen, sowohl unbekannte Bands als auch international angesehene Artists zu buchen.“
Was ist für Sie bei der Gestaltung des musikalischen Angebots ausschlaggebend?
Othmar Bajlicz: Wir versuchen, sowohl unbekannte Bands als auch international angesehene Artists zu buchen, wie beispielsweise die Veteranen The Godfathers. Ich möchte ein durchwachsenes Publikum ansprechen, diverse Zielgruppen erreichen und kein Durchschnittsalter festlegen können.
Das war immer schon ein Vor- und gleichzeitig ein Nachteil des Chelsea, dass wir uns nicht auf eine Richtung beschränken. Aber da das Lokal immer gut gelaufen ist, gehe ich davon aus, dass es uns nach wie vor gelingt, ein interessantes Programm auf die Beine zu stellen.
Hat sich im Laufe der 30 Jahre am Konzept des Lokals Entscheidendes verändert?

Othmar Bajlicz: Nein, überhaupt nicht. Einen gravierenden Wendepunkt hat es in der Hinsicht nie gegeben und auch auf Krisensitzungen durften wir verzichten. Das ist eine große Stärke des Lokals. Konstante Verbesserungen haben beispielsweise nur die Ton- und Lichtanlagen benötigt.
Eine Veränderung ergab sich natürlich durch den Ortswechsel. Früher war das Chelsea in der Piaristengasse in einem Wohnhaus einquartiert und da hatten wir verständlicherweise große Probleme mit den Anrainerinnen und Anrainern. Aber wir hatten schon unser Publikum, das sozusagen in die ehemalige Ski-Werkstätte am Gürtel mitübersiedelt ist. Somit galt das gleiche Konzept unter besseren Umständen.
Was Musikstile betrifft, sind wir Indie, Alternative, Rock und allen ähnlichen Ausfransungen immer treu geblieben. Auch in den 90er-Jahren sind wir nicht, wie viele andere, auf den Zug der elektronischen Musik aufgesprungen. Und das, obwohl Kruder & Dorfmeister ja quasi nicht zu umgehen waren.
Auf welche Schwierigkeiten stößt man als Geschäftsbetreiber?
Othmar Bajlicz: Na ja, die besagten Lärmbeschwerden, mit denen man sich auseinandersetzen muss, sind sehr lästig. Livemusik ist nun mal laut. Es wundert mich eh, dass ich noch nicht derrisch bin [lacht].
Aber sonst gibt es für mich eigentlich keine Schwierigkeiten. Wichtig ist nur die Leidenschaft für die eigene Tätigkeit. Eine Leidenschaft muss und sollte man ja sowieso ausleben. Es gab nie einen Businessplan oder ein konkretes Konzept fürs Chelsea, aber das Lokal war mir von Anfang an so wichtig, dass ich alles getan habe dafür, dass es auch funktioniert. Das war selbstverständlich ein Sprung ins kalte Wasser. Aber infolgedessen kommt Learning by Doing: Man lernt dazu und wird gescheiter. Nach über 30 Jahren in diesem Geschäft kann ich mit fester Überzeugung behaupten, dass es nichts gibt, was es nicht gibt.
Wie stehen Sie zur Konkurrenz und Nachbarschaft wie beispielsweise dem rhiz?
Othmar Bajlicz: Vielfalt ist nichts Schlechtes! Es ist sehr positiv, dass es mittlerweile so viele Lokale gibt, die einen ähnlichen Hintergedanken verfolgen wie wir. Das rhiz hat seinen Fokus ursprünglich ausschließlich auf elektronische Musik gerichtet, während es mittlerweile ein mit uns recht verwandtes Programm anbietet. Aber warum nicht, wir sind mit den Betreibern sehr freundschaftlich verbunden.
„Wir hatten im Chelsea ja auch schon einige dieser ganz Großen.“
Welche Musikerinnen, Musiker und Bands sind neben den Sex Pistols Ihre großen Helden?
Othmar Bajlicz: Ich habe ja schon als Teenager angefangen, Platten zu sammeln. Prägend waren die ganzen Beat-Bands und da hauptsächlich die englischen. Also Beatles, Stones, Who, Kinks und Small Faces. Mit denen hat alles begonnen. Dann ging das weiter mit David Bowie, Pink Floyd, der Punk-Szene und später dann mit den Britpop-Bands. Da sind meine Highlights bis heute: Oasis, Blur und Supergrass.
Wir hatten im Chelsea ja auch schon einige dieser ganz Großen. Und da bin ich jedes Mal sehr glücklich, denn je bekannter eine Band ist, desto leichter ist sie auch zu handeln. Die Pseudo-Stars haben leider immer anstrengende Allüren und spielen sich auf.
Ich bin mit den Ärzten hier auf der Bank gesessen und habe mit ihnen ein Bier getrunken, so entspannt wie mit meinen Freunden. Am nächsten Tag haben sie in einem ausverkauften Stadion gespielt. Das sind schon besonders schöne Erlebnisse, wenn solche Größen hier gastieren und sich so wohlfühlen.
Was sagen Sie zum derzeitigen Musikgeschehen in Österreich?
Othmar Bajlicz: Es gibt sehr gute Bands in Österreich. Für unsere 30-Jahr-Feier haben wir auch nur österreichische Acts gebucht. Das waren acht an der Zahl. Und die sind, wie ich finde, alle sehr gut.
Ein paar Bands aus Österreich haben es ja überhaupt über jede Erwartung hinaus geschafft. Wanda zum Beispiel. Die haben hier vor eineinhalb Jahren gespielt, vor 240 Leuten im Chelsea und jetzt vor 14.000 Leuten in der Stadthalle. Bilderbuch haben hier früher auch gespielt, jetzt bekommen wir die nicht mehr [lacht]. Die spielen auch vor 1.000 Leuten in der Arena.
Es gibt momentan eigentlich wirklich viele herzeigbare Bands in Österreich. Ja, Panik ist noch ein Beispiel, Clara Luzia oder Christoph & Lollo, die auch ihren eigenen Charme haben.
Ist Ihnen als Plattensammler und Musikliebhaber das Internet ein Dorn im Auge?
Othmar Bajlicz: Dass Platten als gesamtes Album nicht mehr so konsumiert werden wie früher ist natürlich dem Internet geschuldet, nur kann man das leider nicht mehr ändern. Die Leute saugen sich alles aus dem Netz, sei es legal oder illegal. Das ist eine ganz andere, nicht mehr zu widerrufene Form des Musikkonsums, die sich da etabliert hat. Das Gerücht, der Schallplattenverkauf steige wieder in die Höhe, stimmt ja so auch nicht ganz. Wahrscheinlich sind das statistisch zwei Prozent mehr als vor fünf Jahren, die wir den DJs zuschreiben und verdanken können. Der CD-Verkauf geht ja auch konstant zurück.
Wie wird es mit dem Chelsea weitergehen?
Othmar Bajlicz: Wie bisher [lacht]! Also gut!
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Julia Philomena
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