Viele Paare Schuhe – Heinz Riegler im Porträt

Der Name Heinz Riegler ist hierzulande kein geläufiger. Dabei kann der Flachauer auf eine höchst erfolgreiche Alternative-Music-Karriere verweisen – allerdings in Australien. Mittlerweile wieder mit einem Fuß in Österreich, bewegt er sich nun zwischen Kunst und elegischen Soundlandschaften, wie auf seinem neuen Album Survey #2 zu hören ist.

Begonnen hat alles mit einem Paar Doc Martens. Es war Ende der Achtziger Jahre als Teenager Heinz Riegler der Fadesse Flachaus zumindest für ein paar Tage entkommen wollte. Der Ankauf des dort wesentlich preiswerteren Schuhwerks brachte ihn damals ins überlebensgroße London. Mit einer immensen popkulturellen Strahlkraft ausgestattet, war die Wirkung Londons auf heranwachsende Vor-EU-Österreicher gigantisch. So gigantisch, dass es Riegler als die wesentlich bessere Option empfand Londoner Jugendherbergs-Toiletten zu putzen als in Flachau zu versauern. Er blieb fünf Jahre lang.

Heinz Riegler lernte die Mühen der dortigen Musikstrukturen so lange kennen bis seine Bandkollegen – zwei Australier, die er beim Jobben in der Jugendherberge kennen lernte – das befristete UK-Visum für Menschen aus Commonwealthländern verloren. Riegler folgte ihnen. „Not From There“ hieß die Band bezeichnenderweise und übte sich in einem für die Neunziger Jahre typischen Pop-Rock-Crossover mit scharf angeschlagenen Gitarren und den damit verbundenen Posen. Das gefiel den Australiern. Besonders dann als Riegler wegen einer blöd gelaufenen Bekanntschaft mit der Exekutive sein Touristenvisum verlor und ein Penalty-Jahr in Österreich verbrachte, ehe er nach Australien zurückkehrte. Ein gefundenes Fressen für die australische Musikpresse, die ihre Outlaws seit jeher liebt. Das endete letztlich in einem gewissen musikalischen Kunststück. Die zum Großteil auf Deutsch gesungene Nummer Sich Öffnen geriet 1998 zum Hit in Australien. Drei Nominierungen für den australischen Grammy, den Aria Award, folgten ein Jahr später. Schließlich durfte Riegler mit dem Aria Award für den Best Alternative Release des Jahres 1999 nachhause gehen.

Nach einigen Jahren des klassischen Platte-Tournee-Platte-Rhythmus zerkrachte sich das Trio in einer Art und Weise wie es alle Musikklischees vorschreiben. Die Post-Punk-Band Nightstick und Platten mit dem Projekt I/O3 folgten. Damit kam auch die Bekanntschaft mit dem vermehrt in der Experimentalszene verhafteten Lawrence English mit dem er heute noch im Bereich der bildenden Kunst kooperiert. Es war jener Zeitpunkt an dem sich Heinz Rieglers Zugang zur Musik zu wandeln begann. Weg vom Pop, hin zu wesentlich offeneren Strukturen und hin zur Interdisziplinarität. Trefflicher als Riegler selbst, lässt es sich kaum beschreiben: „Früher wollte ich die Leute drei Minuten beim Krawattl packen und in die Gosch’n schreien. Und heute am liebsten einen 10-Minuten-Film zeigen, in dem vielleicht nur vordergründig wenig passiert …”

Mit seinem Kurzfilm Motion Portrait #1 gewann er Ende 2011 den mica-TonBild-Wettbewerb. Ein Film dessen Entschleunigung eine große Wirkung entfaltet. Sein nun erschienenes Instrumentalalbum Survey #2 (One Thousand Dreams I Never Had) knüpft mit seinen elegischen Soundlandschaften akustisch genau dort an. Ein Soundtrack ohne Film, der während eines 80-tägigen Aufenthalts mutterseelenallein und teilweise für Tage durch Schnee von der Außenwelt abgeschnitten, auf einer Alm in 2000 Meter Seehöhe entstand. Seit vergangenem Jahr ist er nach 20 Jahren erstmals wieder regelmäßig in Europa zugegen. Der Kreativstandort Australien bleibt, schließlich ist er dort alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Zwei Mal landete er in den letzten Jahren auf der Shortlist des Grant McLennan Memorial Fellowship. Der dem im Jahr 2006 völlig überraschend verstorbenen Gitarristen und Songwriter der Go-Betweens gewidmet ist und von Go-Betweens-Kopf Robert Forster initiiert wurde. Der Preis richtet sich anhand strenger Auswahl-Kriterien an Musiker des Singer/Songwriter-Faches, das Heinz Riegler hinsichtlich seines späten Hanges zur musikalischen Unaufgeregtheit und des Tragens vieler musikalischer Schuhe ebenso zunehmend bearbeitet. Die Doc Martens werden vorerst im Schuhregal bleiben.
Johannes Luxner

Heinz Riegler neues Album Survey #2 (One Thousand Dreams I Never Had) ist erhältlich unter:
www.aguidetosaints.com & www.room40.org

http://www.heinzriegler.com