"Vertrauensvorschuss verpflichtet" – das Pierrot Lunaire Ensemble Wien im mica Porträt

Bereits an der Namensgebung lässt sich einiges über ein Ensemble ablesen – so auch im Fall des Pierrot Lunaire Ensemble Wien, das seinen Namen sogar beim Patentamt als Marke registrieren ließ. Einen Namen, der zunächst die Verwurzelung der Ensemblemitglieder in der Musik der Wiener Schule zum Ausdruck bringt. Gustavo Balanesco, neben Flötistin Silvia Gelos Gründer und künstlerischer Leiter des Ensembles, besitzt seit seiner Kindheit einen starken Bezug zur Musik des frühen 20. Jahrhunderts: In der Familie des Pianisten österreichisch-argentinischer Abstammung war die Musik häufiges Gesprächsthema, vor allem die Wiener Tradition, verkörpert von Musikerpersönlichkeiten wie Gustav Mahler oder Bruno Walter. Die klassische Moderne spielt denn auch in den Programmen der Formation, die in variabler Besetzung Werke vom Solo- bis zum Ensemblestück realisiert, eine wesentliche Rolle.

Von Bedeutung ist aber auch der Umstand, dass die nunmehrige Heimatstadt von Gelos und Balanesco Eingang in den Ensemblenamen gefunden hat. So sehen sich die Mitglieder durchaus als BotschafterInnen österreichischer Kultur, die auf ihren Tourneen heimisches Musikschaffen abseits der bekannten Exportschlager zwischen Wiener Klassik und Strauss-Dynastie erfahrbar machen wollen. Und das mit beachtlichem Erfolg, kann das Ensemble bei seinen internationalen Auftritten doch nicht über Publikumsmangel klagen. Woran das Wörtchen „Wien“ im Ensemblenamen wiederum nicht ganz unbeteiligt sein dürfte, hat doch Österreich mit seinem Ruf als Musiknation international noch immer einen herausragenden Stand. Formationen aus dem Land Haydns und Schuberts wird allenthalben eine Achtung entgegengebracht, die sich MusikerInnen anderer Provenienz erst mühsam erarbeiten müssen. Freilich geht dieser Vertrauensvorschuss auch mit der Verpflichtung zu qualitativ hochwertigen Interpretationen einher.

Dass das Ensemble nicht nur auf Musik der klassischen Moderne, sondern auch auf solche lebender KomponistInnen einen besonderen Schwerpunkt legt, macht die Notwendigkeit deutlich, sich als Neue-Musik-Ensemble mehr als nur ein Standbein zuzulegen. Die Wiener Formation besitzt deren gleich mehrere: So zählt neben der interpretatorischen Arbeit auch das Vermitteln von Kenntnissen im Bereich der Neuen Musik zu ihren Betätigungsfeldern. Im Rahmen von Workshops und Meisterkursen, die sich von Kindern über Jugendliche bis hin zu Studierenden an die unterschiedlichsten Zielgruppen wenden, werden – dem jeweiligen Kenntnisstand entsprechend – von den Ensemblemitgliedern Fertigkeiten im Bereich der Komposition und der Interpretation zeitgenössischer Musik vermittelt. Ein besonderer Stellenwert kommt auch hier wiederum der namensgebenden Komposition zu: SchülerInnen der AHS-Oberstufe erhalten im Rahmen eines fächerübergreifenden Projektunterrichts die Möglichkeit, gemeinsam mit MusikerInnen des Pierrot Lunaire Ensemble Wien anhand von Schönbergs op. 21 die Kultur des Wiener Fin de Siècle zu erarbeiten und ihre Spuren in der Gegenwart ausfindig zu machen.

Doch nicht nur in der Verbindung der interpretatorischen Tätigkeit mit maßgeschneiderten Vermittlungsangeboten kommt die Vielseitigkeit des Ensembles zum Ausdruck, sondern auch in der bewussten Offenheit gegenüber einer Vielzahl ästhetischer Positionen. Gustavo Balanesco vertritt die Ansicht, dass angesichts der enormen stilistischen Bandbreite der Gegenwart das Fällen ästhetischer Urteile aufgrund eines unverrückbaren Wertekanons nicht mehr möglich sei. Dieser Einsicht trägt das Ensemble Rechnung, indem es bewusst Stücke unterschiedlichster stilistischer Provenienz in seine Programme aufnimmt. Das Publikum ist solcherart dazu aufgerufen, sich frei von Vorgaben eine eigene Meinung zu bilden.

Unabhängig von ästhetischen Scheuklappen ist das Ensemble um die Förderung junger, noch unbekannter KomponistInnen bemüht – ein Anliegen, das zur Einrichtung eines eigenen Kompositionswettbewerbes geführt hat. Zugelassen sind dabei Werke von KomponistInnen aus der ganzen Welt, Altersbegrenzung gibt es keine. Wichtig ist den Ensemblemitgliedern auch die länderübergreifende Vernetzung von Musikschaffenden und InterpretInnen. Zu diesem Zweck entstand die „Labyrinthmaker Platform“, ein Projekt, das KomponistInnen aus aller Welt in einer Konzertreihe vereinigt, in deren Verlauf die Beteiligten Auftritte in ihren jeweiligen Heimatländern organisieren und ihre Musik somit auf „Weltreise“ schicken. Ziel ist – neben dem Knüpfen persönlicher und beruflicher Kontakte – auch die Begegnung unterschiedlicher Kulturen. Neben der Verbundenheit mit seiner (musikalischen) Heimat ist also auch Weltoffenheit aus dem Selbstverständnis des Pierrot Lunaire Ensemble Wien nicht wegzudenken. Lena Dražić

http://www.pierrotlunaire.at/