Uraufführung von Sofia Gubaidulinas Orchesterwerk Der Zorn Gottes bei Wien Modern im Musikverein

Im kostenlosen Online-Stream aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins wird am Freitag 06.11.2020 um 19:30 Uhr Der Zorn Gottes von Sofia Gubaidulina mit dem RSO Wien unter der Leitung von Oksana Lyniv uraufgeführt. Dass das Claudio Abbado Konzert 2020 fast wie geplant stattfinden kann, verdankt sich dem gemeinsamen Einsatz von Wien Modern, RSO Wien, ORF Ö1, Musikverein, dem Wiener Konzerthaus, MUK, mdw und weiteren Festivalpartnern für die öffentliche Zugänglichkeit von Kultur in Österreich trotz Lockdown und Veranstaltungsverbot.

Nach vier vorausgegangenen Versuchen durch die Osterfestspiele Salzburg und die Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann fällt die mit Spannung erwartete Uraufführung nun in eine Woche dramatischer Ereignisse in Wien. Sofia Gubaidulina versteht die Aufführung als Zeichen des Friedens in einer Zeit des zunehmenden Hasses und «einer allgemeinen Überanspannung der Zivilisation“.

«Ich höre die Welt in mir klingen und möchte dies in eine musikalische Form bringen und in Tönen fixieren — wie ein Mensch des Altertums, der das, was er erlebt und gesehen hat, an der Wand seiner Höhle festhalten möchte.» (Sofia Gubaidulina) «Der Zorn Gottes habe ich eigentlich als Finale für ein anderes Werk geschrieben», verriet die Komponisten erst vor Kurzem über ihr neues Werk. Doch da das Jahr 2020 der vielbeschäftigten Künstlerin einige Zeit mehr als geplant zum Komponieren ließ, konnte sie mit dem Prolog zum Zorn Gottes noch ein weiteres Orchesterwerk abschließen.

Sofia Gubaidulina, geboren 1931 in Tschistopol (Tatarstan, Russland) und seit 1992 in der Nähe von Hamburg wohnhaft, gilt als eine der wichtigsten Komponist*innen der Gegenwart. Vor zwei Wochen feierte sie ihren 89. Geburtstag. 1989 war sie als allererste Komponistin bei Wien Modern zu Gast. Sie ist Ehrenprofessorin des Konservatoriums von Kasan und der Konservatorien von Beijing und Tianjin. Sie ist u. a. Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg, des Ordens Pour le mérite, der Akademie der Künste Berlin sowie der Königlich Schwedischen Musikakademie Stockholm und Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters.

Uraufführung im fünften Anlauf

Der Zorn Gottes war ursprünglich ein Auftrag der Staatskapelle Dresden im Rahmen von Sofia Gubaidulinas Dresdner Residency 2016/17 gewesen. Nachdem die Komponistin das Werk nicht rechtzeitig zu der für ein Gastspiel in Düsseldorf im Februar 2017 geplanten Uraufführung fertigstellen konnte, wurde diese auf Mai 2017 in Dresden verschoben. Auch dieses Datum ließ sich krankheitshalber nicht einhalten. 2018 wurde der Auftrag dank Peter Ruzicka von den Osterfestspielen Salzburg übernommen, wo die Staatskapelle Dresden im April 2019 mit diesem Werk gastieren sollte. Da die Arbeiten an der Partitur erst Ende Februar 2019 abgeschlossen waren, wurde im Einklang mit Christian Thielemanns Wunsch nach mehr Vorbereitungs- und Probenzeit die Uraufführung auf April 2020 verschoben. Nachdem die Osterfestspiele 2020 aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt wurden, konnte die Uraufführung dort wieder nicht realisiert werden. Wien Modern dankt den Auftraggebern des Werks und dem Verlag Sikorski für das großzügige Entgegenkommen in Bezug auf die seit 2019 geplante Aufführung bei Wien Modern.

Neben der Uraufführung wird beim Claudio Abbado Konzert 2020 auch Sofia Gubaidulinas Konzert für Viola und Orchester (1996) mit Antoine Tamestit als Solist aufgeführt. Das ursprünglich ebenfalls angekündigte Werk Stimmen … verstummen … ist leider mit den geltenden Abstandsregeln nicht realisierbar.

Der Stream ist anhörbar auf www.wienmodern.at  sowie den Seiten von Musikverein (www.musikverein.at) und ORF RSO (https://oe1.orf.at/buehne). Geplanter Sendetermin auf ORF Ö1 ist der 26.11. um 19:30 Uhr.

Wien Modern 2020 läuft nach dem Lockdown online weiter

An voraussichtlich mindestens 24 Abenden während der Ausgangsbeschränkungen und des Veranstaltungsverbots macht das Festival über seine Website sowie teilweise über ORF Ö1 mehr als die Hälfte des angekündigten Programms kostenlos öffentlich zugänglich. Neben dem Claudio-Abbado-Konzert am 06.11. im Musikverein gehören zu den weiteren Festivalhighlights das Konzert am 18.11. zur Verleihung des Erste Bank Kompositionspreises im Wiener Konzerthaus mit Uraufführungen von Friedrich Cerha, Johannes Kalitze und dem Preisträger Matthias Kranebitter durch das Klangforum Wien sowie live aus dem Wiener Stephansdom am 19.11. die Uraufführung tönendes licht. von Klaus Lang mit den Wiener Symphonikern unter Leitung von Peter Rundel. Diese Konzerte werden zum angekündigten Zeitpunkt auf www.wienmodern.at gestreamt. Zahlreiche weitere Produktionen werden teilweise live, teilweise zeitversetzt als Aufzeichung im Lauf der kommenden Wochen angeboten. Weitere Updates zum Festivalprogramm aktuell auf www.wienmodern.at.

Freitag 06.11.2020
19:30
Musikverein, Goldener Saal
Claudio Abbado Konzert: Portrait Sofia Gubaidulina

RSO Wien | Antoine Tamestit Viola | Oksana Lyniv Leitung

Sofia Gubaidulina: Konzert für Viola und Orchester (1996) – 34′
Der Zorn Gottes für Orchester (2019 UA, Auftrag Osterfestspiele Salzburg) – 18′

Produktion Wien Modern | Koproduktion RSO Wien

Im Anhang finden Sie ein aktuelles Interview mit Sofia Gubaidulina, geführt von Anastassia Boutsko am 29.10.2020, sowie das Einfache Gebet für Sopran, Bass, Chor und Orchester Satz XIV. aus Sofia Gubaidulinas Oratorium Über Liebe und Hass (folgt nach dem orchestralen Satz Der Zorn Gottes). Dieses Gebet wird Franz von Assisi zugeschrieben.

Link:
Wien Modern