Zum 23. Mal hat heuer im Rabenhof der Protestsongcontest stattgefunden: Das Finale war bis zum abschließenden Publikumsvoting spannend, erst mit der letzten Wertung war klar, dass BLACK SUNZET mit „My body, my choice“ gewinnen. Jürgen Plank hat mit der Band – die aus Johanna Wimazal, Selma Rainer und Jael Wernert besteht – über das zentrale Thema des Liedes gesprochen: über Femizide, weibliche Selbstbestimmung und das Ziehen von Grenzen. Die Band erzählt auch, wie sie den Protestsongcontest an sich erlebt hat und spricht über den Zweitplatzierten LIBÖÖN, der mit seinem Lied „Oma, dazö ma vom Kriag“ zu berühren wusste. Am 14. März 2026 treten BLACK SUNZET gemeinsam mit BLITZPØP im Chelsea auf.
Wie kam das Siegerlied „My body, my choice“ zustande und warum habt ihr beschlossen, den Song beim Protestsongcontest einzureichen?
Jael Wernert: Aufgrund von persönlicher Erfahrung und wegen des Willens, ein starkes Zeichen für die Themen zu setzen, die uns wichtig sind: ein Zeichen gegen Gewalt und für mehr Respekt. Die Initiative zum Song wurde durch einen Vorfall ausgelöst, den Johanna in der U-Bahn erlebt hat.
Johanna Wimazal: Ich bin mit der U-Bahn gefahren, zirka um sieben Uhr morgens und ich habe miterlebt, wie eine Frau in der U-Bahn von einem Mann verfolgt wurde. Da waren sehr viele Leute in der U-Bahn und es hat leider niemand etwas gemacht. Alle haben weggeschaut, peinlich berührt oder aufs Handy gestarrt. Und ich bin hingegangen und habe die Frau gefragt, ob sie Hilfe braucht und sie hat genickt und ich habe mir gesagt: okay, ich stelle mich jetzt da dazwischen. Und ich habe dann aber gemerkt: niemand anderer hätte mir geholfen, wenn der Mann mich attackiert hätte. Ich habe mich gefragt: wie kann es sein, dass so viele Menschen in der U-Bahn sind und einfach alle wegschauen, nicht aufstehen und etwas sagen? Genau deswegen machen wir Musik und deswegen haben wir auch diesen Song geschrieben. Unsere Songs sind laut und sie sind Musik gegen das Wegschauen. Dann bin ich in die Bandprobe gekommen und habe gesagt: Okay, mir reicht es jetzt. Ich bin wütend und wir haben das Thema jetzt schon so lange im Hinterkopf und jetzt schreiben wir einen Song über „My body, my choice“, weil es so nicht mehr weiter geht.
Wie ist diese Situation in der U-Bahn ausgegangen?
Johanna Wimazal: Zum Glück bin ich mit der Frau ausgestiegen und der Mann ist nicht mit ausgestiegen. Das heißt, es ist gerade noch gut ausgegangen. Trotzdem war es eine Form von Übergriff und es war überhaupt nicht okay, was da passiert ist.
Jael Wernert: Unser Song ist eine starke Hymne gegen Gewalt und für Respekt. Ein Hintergrund Songs zu schreiben, wie wir es tun, ist, dass ich auch miterlebt habe, dass Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig ist und schon im Kindesalter beginnt. Ich habe erlebt, dass in meiner Schule in der Unterstufe die Burschen, die Mädchen fast jeden Tag angegrapscht haben. Ich wurde nicht angegriffen. Es hieß: „Die macht Judo, die greifen wir besser nicht an“. Es war absurd zu erleben, dass ich als Frau Kampfsport als Leistungssport machen muss, und körperlich stark sein muss, nur um den mindesten Respekt zu bekommen, nicht angefasst zu werden und sexuelle Übergriffe zu erleben. Da sehe ich einen Mangel an Respekt und ich sehe Gewalt, die schon in der Schule beginnt. Ich möchte mit unserer Musik auch aussagen, dass es wichtig ist, schon den kleinen Buben und jugendlichen Burschen zu vermitteln, Respekt vor allen Menschen zu haben, insbesondere gegenüber Mädchen. Und das sollten auch die Väter ihren Söhnen vermitteln. Judo macht mir Spaß, aber ich habe festgestellt: ich mache auch Judo, weil ich damit Respekt sicherstellen kann und weil ich dadurch weiß, dass ich mich wehren kann.
Wie kam es zur Entscheidung „My body, my choice“ beim Protestsongcontest einzureichen?
Selma Rainer: Wir finden es sehr cool, dass es den Protestsongcontest gibt und dass Bands, Künstlern und Künstlerinnen die Möglichkeit gegeben wird, über Themen zu schreiben und für Themen laut zu sein, die ihnen wichtig sind. Und weil uns speziell dieses Thema so am Herzen liegt, war das der Grund für uns, den Song einzureichen und ihn dort laut rauszuschreien: ins Publikum, in die Welt hinaus.
Johanna Wimazal: Wir haben eine Stelle im Song, wo wir „We’ll Scream Till We Die“ singen. Als ich gehört habe, wie das Publikum das mitschreit: das war einfach extrem berührend. Also ein sehr schöner Moment.
Aus der Jury kam das folgende Feedback für euch, Zitat: „Ich bin wahnsinnig dankbar für das Empowerment, das ihr auf die Bühne gesetzt habt“. Die Idee andere zu empowern, anderen Kraft zu geben: ist das auch ein Hintergrund für den Song?
Jael Wernert: Auf jeden Fall ist es für uns unbeschreiblich wichtig, mit unseren Songs und unserer starken Musik, Frauen zu ermutigen, sich ihren Raum zu nehmen und sich nichts gefallen zu lassen, weil ich auch von mir sagen kann, dass ich schon in Situationen war, in denen ich nicht genug Mut hatte, mich zu wehren oder mich lauthals zu beschweren. Deswegen möchten wir mit unserer Musik Frauen ermutigen, darüber zu sprechen, laut zu sein und sich zu beschweren.
„WIR WOLLEN FRAUEN ERMUTIGEN, IHRE GRENZEN ZU ZIEHEN UND DIESE ZU WAHREN UND IHRE GEFÜHLE UND GRENZEN ERNST ZU NEHMEN“
Was ist noch ein Ziel?
Jael Wernert: Wir wollen Frauen ermutigen, ihre Grenzen zu ziehen und diese zu wahren und ihre Gefühle und Grenzen ernst zu nehmen. Und das können wir gar nicht oft genug sagen, deswegen sind wir laut, weil, nur „Ja“ heißt „Ja“.
Die gesellschaftliche Norm möchte von Frauen, dass sie leise sind, sich klein halten und nicht beschweren. Deswegen wollen wir mit unserer Musik jede Person – unabhängig vom Geschlecht – ermutigen, sich zu wehren, wenn die eigene Grenze überschritten wird. Es ist oft schwerer als gedacht, sich gegen eine soziale Norm zu stellen, aber dagegen wollen wir protestieren und wir wollen ermutigen, sich nichts gefallen zu lassen.
Johanna Wimazal: Was wir ganz oft mitbekommen, ist, dass Flinta-Personen hören: „ja, es war nicht so schlimm“. Ein Übergriff wird heruntergespielt. „Es ist ja nichts passiert, er hat dich ja nur kurz angegriffen“ oder: „hat dich ja nur kurz berührt, es war vielleicht nicht absichtlich“ und so. Sobald man sich unwohl fühlt in einer Situation, ist es nicht okay, egal, was passiert ist und das muss sofort gestoppt werden und auch respektiert und gehört werden. Das ist uns auch ganz wichtig.
Wie war der Moment für euch, in dem ihr im Rabenhof auf die Bühne gegangen seid? Habt ihr euch gedacht: okay, und jetzt bekommt ihr unsere Botschaft. Jetzt sind wir laut. Jetzt kriegt ihr das um die Ohren.
Selma Rainer: Das war unser Ziel, deshalb haben wir da mitgemacht, um das hinaus zu schreien und die Wut zu zeigen und unsere message weiterzuleiten.
Johanna Wimazal: Und damit wir unsere Wut in eine Energie umwandeln können, die etwas verändern kann.
Jael Wernert: Bevor wir auf die Bühne gegangen sind, haben wir uns umarmt, haben uns in die Emotion gebracht, haben daran gedacht, was wir vermitteln wollen und uns unbeschreiblich gefreut, ein starkes Zeichen setzen zu dürfen. Mit dieser in positive Energie umgewandelten Wut sind wir auf die Bühne gegangen und konnten überzeugen.

Was waren Feedbacks, von Fans oder auf sozialen Plattformen? Gab es da Rückmeldungen zu eurem Song?
Jael Wernert: Eine Nachricht, die mir als erstes einfällt war: „danke, dass ihr so geile, starke Musik macht“.
Johanna Wimazal: Ich erinnere mich auch an eine Nachricht, die gesagt hat, dass es schön ist, dass wir uns trauen und dass wir so mutig sind, Themen anzusprechen, die vielleicht nicht so angenehm sind oder über die man oft nicht spricht, die man ein bisschen unter den Teppich kehrt. Und dass wir wichtige Themen in Songs verpacken und mit Kunst übermitteln.
Jael Wernert: Meine Großtante hat mir direkt nach dem Protestsongcontest geschrieben, dass sie es im Livestream angeschaut hat und dass sie das Lied sehr berührt hat. Auch die Emotionen in Johannas Augen, als sie den Text gesungen hat, weil sie es ihr zu 100% geglaubt hat.
Johanna Wimazal: Ich habe viele Kinder in meinem Umfeld und ich habe Rückmeldungen bekommen, dass „My body, my choice“ rauf und runterläuft und dass sie mitschreien und die Eltern fragen, was „My body, my choice“ bedeutet. Was bedeutet Feminismus? Dass auch Jungs sich die Frage stellen, auch in jungem Alter: um was geht es eigentlich in dem Song? Und ich finde das so schön, dass wir das mit unserem Song geschafft haben, selbst wenn es nur eine Person ist oder zwei oder drei, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.
Selma Rainer: Dieses Feedback hat eigentlich gezeigt, dass sich wirklich Leute mit unserem Song angesprochen gefühlt haben und dass ihnen das auch gut getan hat, dass wir so eine starke message haben.
Vor acht Jahren hat die Band Lupin den Protestsongcontest gewonnen. Deren Song hat geheißen: „1 Lied gegen Sexismus“, das war 2018. Das heißt: das Thema ist sozusagen nach wie vor da und acht Jahre später gewinnt ihr – leider wieder – mit demselben Thema. Somit stellt sich die Frage: glaubt ihr an die Möglichkeit zur Veränderung durch Kunst im Großen?
Selma Rainer: Ich finde, Kunst trifft einen ganz anders als Worte. Ich glaube, mit Kunst kann man Leute mehr zum Nachdenken bringen. Ich finde, es beginnt auch immer im Kleinen. Ich habe durch die Feedbacks gemerkt, dass das Thema schon sehr wichtig ist und dass sich Leute dadurch vielleicht besser fühlen, wenn sie das hören. Und so kann man dann immer mehr Leute erreichen.
Jael Wernert: Mein Gedanke dazu ist, dass es tragisch ist, dass dieser Song immer noch aktuell ist und gebraucht wird, weil 2025 alle 10 Minuten eine Frau gestorben ist und wir dieses Jahr auch schon wieder viel zu viele Femizide haben. Ich kann aus meiner Erfahrung aus dem Leistungssport erzählen, der Leistungssport spiegelt die heutige Gesellschaft wider. Das bedeutet, dass auch im Leistungssport Missbrauch und Machtmissbrauch vorkommt. Aber auch im Leistungssport, so wie in der Gesellschaft, bewegt es sich langsam in die richtige Richtung. Es wird besser, weil mehr Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wird. Durch Dinge wie Musik und natürlich durch Fortbildung von Trainer:innen. Trotzdem ist es auch mir schon passiert, dass mir ein Trainer aus einer älteren Generation auf den Hintern geklatscht hat, im Vorbeigehen. Und dass ich gesehen habe, wie das einer Freundin passiert ist und dass ich sexistische Kommentare mitbekomme. Da ist mir wichtig zu sagen, dass man da auch als Mann nicht wegschaut, sondern klar zeigt, dass so ein Verhalten nicht okay ist.
Selma Rainer: Ich kenne keine einzige Frau, die nicht von einer Situation erzählen könnte, in der sie schon einmal belästigt, angegrapscht, verfolgt oder gecatcalled wurde. Jede dritte Frau hat sogar Schlimmeres erlebt, wie Missbrauch oder Gewalt. Deshalb sollte man achtsam durch die Welt gehen, die Augen offenhalten, weil, Missbrauch passiert viel häufiger, als man denkt. Nicht immer offensichtlich, sondern oft heimlich, versteckt. Deshalb: geht achtsam durch die Welt und glaubt den Menschen, wenn sie euch so etwas erzählen. Seht sie, hört sie. Das wollen wir mit unserer Musik aussagen.
„DIE HAUPT-AUSSAGE WAR: MEHR LIEBE, WENIGER GEWALT, WENIGER HASS IN DER WELT“
Eine andere wichtige Aussage beim heurigen Protestsongcontest kam vom Zweitplatzierten, Liböön: „Oma, dazö ma vom Kriag“, heißt sein Lied. Es gab einen Punktegleichstand bis zur Publikumswertung, es war ziemlich knapp, dass ihr gewonnen habt.
Johanna Wimazal: Wir fanden seinen Song sehr berührend. Wir fanden sehr toll, was Liböön auf die Bühne gebracht hat. Aber auch die anderen Bands waren alle sehr, sehr gut. Ich fand es auch richtig schön, dass wir uns alle Backstage unterstützt haben und dass es eine schöne Atmosphäre zwischen den Bands gab. Deswegen: ein großes Lob an alle, die mitgemacht haben. Es ist nicht so easy cheesy, sich auf der Bühne bewerten zu lassen. Alle Bands haben einen tollen Beitrag geleistet für diesen schönen Abend. Man hat gesehen, dass alle für etwas Gutes protestiert haben. Die Haupt-Aussage war: mehr Liebe, weniger Gewalt, weniger Hass in der Welt. Das fand ich wirklich sehr schön.
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Kommen wir zu eurer allerersten Single „If Words Could Kill“. Was ist denn die Idee hinter diesem Song? Bei Kommunikation weiß man ja inzwischen, dass nicht nur Wörter verletzen können, sondern dass Kommunikation sehr stark ohne Worte passiert, also nonverbal. Da schwingen oft andere Dinge mit als die Worte sagen.
Johanna Wimazal: Wie der Titel schon sagt, beschreibt der Song die Macht von Worten, also wie stark Worte verletzen können. Das war der zweite Song, den wir jemals geschrieben haben und der erste, der dann veröffentlicht wurde.
Jael Wernert: Wir haben den Song vor ungefähr drei Jahren geschrieben. Wenn ich heute auf den Song blicke, kann ich sagen, dass im Kontext zu „If Words Could Kill“, Worte das kleinere Übel sind als körperliche Gewalt.
Ist das ein Lied für achtsame Kommunikation? Oder geht es um den Gegensatz zwischen nonverbaler und verbaler Kommunikation?
Selma Rainer: Ich finde, wie man mit Menschen umgeht, ist ein sehr wichtiger Punkt. Wie man mit Menschen spricht drückt aus, welchen Respekt man der anderen Person entgegenbringt.
Jael Wernert: Es ist auch eine Wut- und Rage-Hymne gegen verletzende Worte, verletzende Interaktionen, verletzende Beziehungen. Es soll ermutigen, wütende Emotionen rauszulassen, am besten in Form von Musik.
Ihr habt euch als Schulband gegründet?
Selma Rainer: Ja, wir haben uns in der Schule im Musikzweig kennengelernt und angefangen, eigene Songs zu schreiben. Wir sind draufgekommen, dass wir es supercool finden, Themen eine Stimme zu geben, die wichtig finden und als Frauen laut und stark zu sein. So ist unsere Band entstanden.
Johanna Wimazal: Bei uns war diese Passion für Rockmusik da, in Richtung Metal und Punk. Wir haben schnell gemerkt, dass viel zu wenige Frauen in diesem Genre aktiv sind und wir haben uns gedacht: okay, wir machen jetzt female Rock- und Punkmusik und wollen dazu beitragen, dass mehr Sichtbarkeit für Frauen in diesem Genre vorhanden ist.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Black Sunzet live:
14.3.2026, Chelsea, Stadtbahnbogen 29-31, 1080 Wien, 20:30
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Links:
Black SunZet (Instagram)
Artikel Black Sunzet (FM4)
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